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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Medien
Mediale Einflüsse auf die Wahrnehmung von Kindern
Prima vernetzt – oder im Netz verfangen?
Von Dr. Sabine Schiffer

„Kinderwünsche zu Weihnachten - Panfu-Umfrage zeigt: Multimedia und Internet lösen klassische Geschenke ab. Begeisterung für technische Geräte und das Internet groß wie noch nie. Spielkonsolen und Multimediageräte stehen auch auf Kinderwunschlisten oben.“ - So wirbt die Young Internet GmbH, „ein junges Team aus Kreativen und Entwicklern, das im Herzen Berlins eine virtuelle Welt für Kinder ab 6 Jahren erschafft“ im Internet und per e-Mail für „passende Spiele“ für „Laptops, tragbare DVD-Player, Handys, Musikplayer“ und „Spielekonsolen“. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung weiß, was von derlei Werbung zu halten ist. – Die Redaktion

Panfu – Der große 
Pandabär im Internet
Quelle: www.panfu.de/
Die Verkehrserziehung orientiert sich am wissenschaftlichen Kenntnisstand: Es hat keinen Sinn, einem Dreijährigen das alleinige Überqueren der Straße beibringen zu wollen, weil das Kind erst das Abschätzen von Geschwindigkeit lernen muss – also vermittelt man das wahrnehmungsgerecht ungefähr mit dem Schuleintritt. Auch den Führerschein macht man erst im reiferen Alter und niemand ist nervös oder hätte gar Angst, dass der Sprössling es nicht erlernen würde, wenn die Kleine nicht schon mit vier am Steuer sitzt.
 
Ausgeklügelte PR…
 
Ganz anders bei der Medienerziehung. Auf die Wahrnehmungsentwicklung der Kinder kann hier offensichtlich keine Rücksicht genommen werden, wenn es um die Ausrüstung von Bildungseinrichtungen und Kinderzimmern mit PCs geht. Denn es ist einer interessierten Industrie mit viel Geld für ausgeklügelte PR gelungen, einen Wissenschaftsstreit zu inszenieren und eine Verunsicherung bei Eltern, Pädagogen und Kultusministerien zu erzeugen. Hier richten sich die Konzepte nicht nach der Entwicklung der Kinder, sondern danach, dass möglichst früh Zugänge geschaffen werden, die nicht zu mehr Bildung – auch nicht Medienbildung – führen, aber Kunden und Konsum sichern.
 
…mit großen Risiken für Kinder

Dabei bestätigen die neurologischen Forschungsmethoden etwa eines Gerald Hüther oder Manfred Spitzer die Erkenntnisse Jean Piagets, dass die Entwicklung in bestimmten Phasen abläuft, die durch jeweils angemessene Anregungen zwar verkürzt werden können, aber deren Reihenfolge nicht verändert werden kann. Demnach kann man nicht Forschungsergebnisse aus der Gerontologie einfach auf Kinder übertragen, deren Hirn sich in einer rasanten Entwicklung befindet und das in seiner Leistungsfähigkeit erst durch möglichst vielfältige Eindrücke aufgebaut werden muss. Das bedeutet, dass etwa Fernsehangebote im Vorschulalter, wo bestimmte Schnittfolgen noch kaum gedeutet werden können, die Kinder zwar nervöser machen, ihnen aber nicht die gewünschten Inhalte zuteil werden lassen – dies trifft auf viele sog. Kinderprogramme zu. Heute droht die aufgeregte Diskussion um Computer(-spiele) die notwendige kritische Distanz zum Fernsehen zu verdrängen – mit großen Risiken für die Entwicklung unserer Kinder. Die vielfach belächelten Zweifel eines Neil Postman, die er in seinem Buch Das Verschwinden der Kindheit formuliert hatte, haben sich durchwegs als realistisch erwiesen. 
  
Die Kindsentwicklung ist nun einmal durch die Phasen der Hirnentwicklung vorstrukturiert. Nach der frühen sensomotorischen folgt eine präoperative Phase. Auch wenn hier bereits erstes symbolisches und vorbegriffliches Denken erlernt wird, so sind beide Phasen stark auf die Erfahrung mit allen Sinnen angewiesen. Sogar in der Stufe der ersten konkreten Operationen ist das Denken immer noch stark anschaulich. In dieser Phase macht es frühestens Sinn, Bildschirmmedien sehr dosiert einzuführen. Wobei allgemein gilt, je später umso besser – denn Kinder verpassen mit TV, PC, Handy und mp3 mehr als ohne. Bildschirmmedien sind insgesamt ineffektiv, kosten viel Zeit für wenig Effekt. Aber auch Bilderbücher müssen kritisch betrachtet werden.
 
Phantasieentwicklung wird gefährdet
 
Bereits mit der Wahl des ersten Bilderbuchs bietet man piktografische Gewohnheiten an und die weitere Auswahl wird mitentscheiden, ob das Kind später mehr Tiere oder mehr Pokemons kennt. Man kann sich für fotorealistische Darstellungen oder Disneyworld-Figuren entscheiden – mit dem entsprechenden ikonografischen Impetus für die Auswahlvorlieben späterer bildelektronischer Medienangebote. Bücher, die Bildfolgen enthalten, stellen im Kleinkindalter bereits ein reduzierendes Angebot für die Phantasieentwicklung dar. Jeder kennt das: Liest man eine Geschichte erst, nachdem man die Figuren im Film gesehen hat, so sind die Charaktere festgelegt. Einmal gesehene Bilder wird man nicht mehr los. Gerade die wertvollen Effekte des Vorlesens werden durch die heutige Bilderflut gefährdet, Vorstellungskraft und eigene Anstrengung abgebaut.
 

Quelle: www.ekd.de
 
Irgendwie scheint heute keine Zeit mehr zu sein, sinnvoll die Lehrangebote auf die Entwicklungsschritte der Kinder abzustimmen. Dabei weiß man, dass im Vorschulalter die Aufmerksamkeit selektiv schwankend ist und Bildfolgen sogar bis zum Alter von 9 Jahren noch Schwierigkeiten bereiten können. Ein nebensächliches Standbild kann die Hauptaufmerksamkeit eines Kindes auf sich ziehen – insofern ist auch das „Reden über die Medieneindrücke“ schwierig, weil Erwachsene gänzlich anders fernsehen als Kinder. Bis zum Schuleintritt gibt es Probleme, Bilder richtig in Beziehung zu setzen, so dass ein Ursache-Wirkungsverhältnis erkannt werden könnte. Diese Fähigkeit nimmt inzwischen auch bei Studierenden ab. Ein Professor aus den USA berichtet, dass ein Großteil seiner Studierenden nur noch in der Lage sei, lineare Abläufe eines Films nachzuerzählen, es hingegen immer weniger vermögen, kausale Zusammenhänge zu erkennen und zu erklären – ein Zusammenhang mit den jeweiligen frühen kindlichen Einflüssen ist naheliegend und müsste empirisch genauer untersucht werden. Bis ins späte Vorschulalter hinein werden von der Mehrzahl der Kinder Zeitsprünge in Filmen nicht verstanden - Rückblenden und ähnliches sind für sie unverständlich. Mit dem Schuleintritt sollte die Fähigkeit, Fiktion von Realität zu unterscheiden, erworben werden, was durch das Fernsehprogramm eher verhindert, denn gefördert wird. Auf der anderen Seite entwickeln sich die Sinne in dem Alter sprunghaft und bedürften Anregungen auf allen Ebenen, nicht nur reduzierte visuelle Angebote. Ca. zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr verdoppelt sich die Gedächtnisleistung eines Kindes. Jeder kann sich an dieser Stelle fragen, mit was das Gedächtnis vieler Kinder in diesem Lebensabschnitt gefüllt wird.
 
Auf die Inhalte kommt es an

Wenn Kinder auf Grund eines überbordenden Überangebots ständig „Antworten auf nicht gestellte Fragen“ erhalten, wie Postman das kritisiert, dann wird Neugier, Ausdauer und Interesse am Hinterfragen von Zusammenhängen abgebaut. Wichtige reflektierende Kompetenzen werden nicht oder nur schwer erworben. In einer Gesellschaftsform, die mehr Reflexion über Meinungsbildungsprozesse bräuchte und deren demokratische Strukturen bereits nachhaltig ausgehöhlt wurden, ist dies eine beunruhigende Entwicklung. Wir wissen inzwischen sicher, dass das, was man übt, erlernt wird und entsprechende Spuren im Gehirn bahnt - je früher, umso nachhaltiger. Reduzieren wir dabei die Erfahrungswelt der Kinder auf flache Bildschirme, dann sind die Entwicklungschancen ebenso reduziert. Eine andere Reizreduktion ist hingegen sehr sinnvoll: schnittarme, thematisch einheitliche Sendungen für Fernsehanfänger (also auch die Sendung mit der Maus frühestens ab 6), eine Sendung pro Woche für Grundschulkinder und viele Wiederholungen z.B. durch Mitschnitte oder dvds. Aus statistischen Durchschnittswerten sollten keine Täglichkeitsmythen werden, wie etwa eine halbe Stunde Fernsehen pro Tag wäre o.k. – hingegen sollte es auf die Inhalte ankommen, weil das Medium ja eigentlich zum Transport dieser gedacht war.
 
Der Computer als Heilsbotschaft
 
Aber nicht die Bildschirmmedien an sich sind ein Problem, nur deren Missbrauch. Die Wahrnehmungsforschung gibt uns ganz klare Hinweise, um die wir auch bei der Frage der Medienerziehung nicht umhin können, wenn wir eine gebildete, reflektierende und zur demokratischen Entscheidung befähigte Gesellschaft sein wollen. Die Mängel, die das frühe Fernsehen verursacht, können nicht durch vermeintlich aktivere PC-Softwareangebote ausgeglichen werden. Wenn Hersteller wie Microsoft behaupten, Lernangebote für Kindergartenkinder würden deren Sprech- und Lernfähigkeiten erhöhen, dann ist das eine verkaufstechnische Behauptung – wissenschaftlich betrachtet eine nicht belegte These. Bedenklich ist aber, dass durch das Interesse der Politik an jeglicher Wirtschaftsförderung Behauptungen, dass Computer die Bildungsschere zwischen Arm und Reich schließen helfen, ihren Weg in die Medien finden. Langzeitstudien beweisen das Gegenteil. Die Beratungsangebote im Netz lassen hilfesuchende Eltern und Pädagogen jedoch vor allem im Stich, weil bestimmte Prämissen anscheinend nicht in Frage gestellt werden dürfen, wie etwa der Werbetrick, dass der Zugang zu Bildschirmmedien „so früh wie möglich„ geschehen solle. Der Computer als Heilsbotschaft und das Internet als Ersatz für soziale Kontakte taugen nicht – sie reduzieren Erfahrungen, führen zu schlechteren Bildungsabschlüssen und weiteren Problemen wie Aggressivität und Nervosität. Und mit steigendem Bildschirmmedienkonsum ist auch immer ein steigender Gewaltkonsum verbunden. Alles untaugliche Modelle fürs Real Life.
 
Es mag enttäuschend sein für die Beschwörer des technischen Fortschritts, dem sui generis bildende Implikationen nachgesagt werden. Das Erlernen von Lesen und Schreiben – am besten mit 10 Fingern auf der Tastatur – bleibt einem nicht erspart. Neugierde und Interesse trainiert man den Kindern durch die falsche Erziehung erst ab und Ausdauer und Kritikfähigkeit müsste man gezielt fördern und dies geschieht nicht durch das Zuschütten mit Spielzeug und medialen Produkten verschiedenster Art. Die Mühe lohnt sich, weil Menschen, die Medien für sich und ihre Lebensziele zu nutzen lernen und sich nicht benutzen lassen, glücklicher sind und schließlich einen befriedigenden Platz in der Gesellschaft finden und von dieser gesicherten Position aus auch Wesentliches für die Fortentwicklung und zum Wohle aller beitragen können. (PK)
 
Einen ausführlicheren Vortrag von Dr. Sabine Schiffer, Gründerin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, zum Thema finden Sie hier:   

http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=432&Itemid=55

Online-Flyer Nr. 228  vom 16.12.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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