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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Lokales
Der Klimagipfel darf nicht scheitern
Eindringlicher Appell
Von Hans-Dieter Hey

Mit einem eindringlichen Appell an die Klimakonferenz in Kopenhagen, den Sprüchen endlich Taten folgen zu lassen, wurde das Aktionswochende der Klimakarawane vom 5. und 6. Dezember 2009 im Kölner Allerweltshaus mit einer Demonstration am Hans-Böckler-Platz beendet. Der Appell richtete sich vor allem an den US-Präsidenten Barrack Obama und an Bundeskanzerlin Angela Merkel, ihre Blockadehaltung gegenüber den ärmsten Ländern endlich aufzugeben, und sie bei ihren Klimaproblemen zu unterstützen. Wir drucken die Abschlussrede von Thomas Schmidt, Mitglied der Klimakarawane, ab. Und die ist nun in Kopenhagen, um Druck zu machen. Die Redaktion.

Wachstum ist keine Lösung

Sehr geehrte Damen und Herren,

Klimagerechtigkeit – unter diesem abstrakten Begriff stand dieses Aktionswochenende der Klimakarawane hier in Köln. Viele Berichte von und Diskussionen mit unseren internationalen Gästen haben uns geholfen, diesen Begriff besser zu fassen und zu verstehen, wie die Weltpolitik und der Klimawandel die Menschen des globalen Südens bedrohen. Morgen beginnt der Klimagipfel in Kopenhagen, und für die Staatschefs dieser Welt ist es an der  Zeit, endlich ein wirksames und gerechtes Klimaabkommen auszuhandeln. Doch  wie gehen vor allem die Verursacher der Klimakrise in die Verhandlungen?


Thomas Schmidt: Schluss mit
Konsumwahn...
Der EU-Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen warnte kürzlich explizit davor, „die Karten zu früh auf den Tisch zu legen“. Meine Damen und Herren, die Klimakonferenz ist kein Pokerspiel. Wir benötigen jetzt verbindliche Zusagen an Emissionsreduktionen und finanzieller Unterstützung der Entwicklungs- und Schwellenländer. Doch die Herren Verantwortlichen sehen nur eins: Wachstum, Wachstum und noch mehr Wachstum. Das ist auch die Marschrichtung der neuen deutschen Regierung und die Antwort der größten Klimasünder der Welt und der Verursacher der globalen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Krisen dieser Zeit auf die bevorstehenden Herausforderungen.

Unendliches Wachstum und steigender Hunger nach Energie, nach den Schätzen der Erde, für noch mehr Wohlstand für nur einen kleinen privilegierten Teil der Menschheit ist allerdings nicht vereinbar mit der einfachen Erkenntnis, dass wir nur einen, endlichen Planeten haben. Diese Rechnung haben die Staatschefs der Welt offenbar noch nicht verstanden. Die globale Erwärmung mit ihren Folgen vor allem für die, die am wenigsten dazu beigetragen haben, und ist genauso, wie der jahrzehntelang weltweit gemachte Hunger und die Ausbeutung der Menschen und der Natur. Es ist die Folge dieses Systems der
unersättlichen Profitgier. Ein Symptom, an dem multinationale Konzerne Milliarden verdienen.


...und mehr fairen Handel

Milliarden werden von Pharmakonzernen mit Krankheiten und Seuchen gemacht –  nicht mit Gesundheit.  Lebensmittelabhängigkeiten werden geschaffen, nicht um den Hunger zu bekämpfen, sondern um billig die Rohstoffe der betroffenen Länder zu plündern. Ein Symptom, für dessen Bekämpfung es großer Anstrengungen bedarf. Anstrengungen, mit denen jetzt und sofort begonnen werden muss. Kennen Sie den Unterschied zwischen Banken und Millionen hungernder und unter den Folgen der Erwärmung leidender Menschen? Für Banken wurden in kürzester Zeit Milliarden Dollar bereitgestellt. Wieso? Weil sie als systemrelevant gelten! Liebe Freunde, ein System, in dem Geld mehr zählt als Menschen und der Erhalt dieser Erde, gehört abgeschafft.

100 Mrd. Euro für eine Bank – 0 Euro für das Klima

Deshalb stehen wir heute hier und fordern eine neue globale Klimagerechtigkeit. Die Industrieländer müssen sich jetzt und zu hundert Prozent als Hauptverursacher für diese Krisen bekennen. Unsere Forderungen umfassen unter anderem die Begleichung der ökologischen Schuld der Länder des Nordens zugunsten der Länder des Südens. Hierfür sind massive finanzielle Aufwendungen von mindestens 110 Milliarden Euro jährlich an die  Entwicklungsländer nötig, um Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen zu bewältigen. Zum Vergleich: Die Hypo Real Estate Bank erhielt von der Bundesregierung Garantien in Höhe von 102 Milliarden Euro. Mit der Bekenntnis der Verursacher der Krise müssen Migrationsschranken abgebaut werden und Millionen Klimaflüchtlinge das Recht haben, ihr Land zu verlassen und in weniger betroffenen Ländern aufgenommen werden.


Fotos: H.-D. Hey - gesichter zei(ch/g)en

Energierevolution erforderlich

Zur Senkung der Treibhausgasemissionen bedarf es einer noch nie dagewesenen Energierevolution. Ein Stopp des Baus von Kohlekraftwerken und die Abschaltung aller AKWs sind dafür notwendig. Denn nur so werden Investitionen in erneuerbare Energien möglich und Generationen vor tausenden Tonnen Atommüll bewahrt. Zum Schutz der Ressourcen unserer Erde muss sich unsere Gesellschaft von der
Wegwerfgesellschaft zu einer konsumkritischen, nachhaltigen Recyclinggesellschaft verändern. Das heißt: Schluss mit dem Konsumwahn, das Auto stehen lassen und sich biologisch, saisonal, vegetarisch und regional ernähren. Das Menschenrecht auf Nahrung kann nur mit der Ernährungssouveränität jedes Volkes
eingehalten werden. Der Freihandel mit Lebensmitteln zerstört die einheimische Landwirtschaft vor allem in den unterentwickelten Staaten. Die Abholzung der Regenwälder verursacht 20 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen und zerstört den Lebensraum vieler Ethnien.

Der Schutz der Regenwälder muss sichergestellt werden, ein Finanzierungsmechanismus muss dafür geschaffen werden. Der weitere Anbau von Palm- und Sojapflanzen auf abgeholzten Urwaldflächen muss ein sofortiges Ende haben. Deshalb: Stopp des Agrospritbooms und Senkung des wahnsinnigen Fleischkonsums. Der globale Handel mit Emissionszertifikaten führt nicht zu einer Senkung der Treibhausgasemissionen, sondern spült wieder nur Milliarden in die Kassen der größten Konzerne. Marktbasierte Mechanismen sind grundsätzlich abzulehnen. Deshalb ist eine grundlegende Reform dieser Mechanismen unumgänglich. In Kopenhagen werden deshalb tausenden Menschen für diese Ziele kämpfen. Wir werden viele sein, damit wir gehört werden und sich die Staatschefs dieser Welt dem Druck der Bevölkerung nicht entziehen können. Denn: Eine gerechtere Welt ist möglich. (HDH)
 

 

Online-Flyer Nr. 227  vom 09.12.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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