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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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War da nicht noch was anderes?
Hauptsache Arbeit
Von Hans-Dieter Hey

Oft wird gesagt: „Die Welt ändert sich“. Doch sie ändert sich nicht „per se“, sondern sie wird verändert. Vor allem deshalb, weil die, die verändern, sich von dieser Veränderung etwas versprechen. Beispiel Hörbuch: Die Vermarktung digitaler „Lesungen“ zu Hause hat Auswirkungen auf die Bücherindustrie. Jede Wirkung hat also auch eine negative Gegenwirkung und kaum ein Bereich ist davon so betroffen, wie die Arbeitswelt. Eine Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn liefert hiervon Eindrücke über die letzten 45 Jahre.


Den Wandel der Arbeit erfahren unter den Begriffen „Globalisierung“ und „Neoliberalismus“ als fortgeschrittene Ausbeutung oder Arbeitslosigkeit. Auch Strukturveränderungen von der Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft hatte große Umwälzungsfolgen. Dies greift auch dramatisch in unsere Sozialversicherungsnetze ein. Mit diesen Veränderungen geht seit Jahren ein totalitärer Zugriff der Wirtschaft auf das Individuum und die Subjektivität der Menschen einher, der weit über das hinausgeht, was man in früheren Jahren unter „Taylorisierung“ verstand. Das war die Träumerei von F. W. Taylor, sämtliche sozialen Probleme einer Gesellschaft durch Arbeitsoptimierung mittels wissenschaftlicher Herangehensweise zu bewältigen. Das hat sich nicht bewahrheitet. Daraus gelernt hat man aber nichts.



Bereits 1955 feiert VW den einmillionsten Käfer, in 110 Länder werden Volkswagen ausgeführt. So ist der Absatz der Massenproduktion gesichert | Foto: Hans Looser, Volkswagen AG, Konzernkommunikation, Historische Kommunikation, Wolfsburg

Wir haben es heute in der Arbeitswelt mit einer Verschärfung der Situation zu tun, die im höchsten Maße durch Arbeitsverdichtung, Arbeitszeitverlängerung, weitere Arbeitsteilung, Flexibilität, Mobilität und ständige Abrufbarkeit der Menschen gekennzeichnet ist. Es ist bedenklich, dass vor allem junge Menschen keine Scheu mehr empfinden, weltweit über die Datennetze und andere Veröffentlichungen ihre ganze soziale Lebendigkeit komplett und völlig unkritisch vermarkten. Hierzu verhelfen sogar die Arbeitsagenturen, wie die Datenskandale der jüngsten Zeit dies deutlich machen. Die zugespitzte Situation der Objektivierung und Optimierung des Menschen haben Detlev Hartmann und Gerald Geppert in ihrem Buch „Cluster – Die neue Etappe des Kapitalismus“ glasklar beschrieben.    



Die Textilfirma NINO reagiert 1974 mit dieser Werbeanzeige noch humorvoll auf die Nachahmung ihrer Stoffe aus Fernost, bald darauf erweist sich diese Praxis als Problem für das Unternehmen.
Bild: NINO Vertriebs GmbH, Nordhorn



Beim 60jährigen Jubiläum des Kölner DGB am 22. November sah der DGB-Chef von NRW, Guntram Schneider dies als Herausforderung für die Gewerkschaften an. „Wir wollen in der Tat aus Objekten in der Wirtschaft lebendige Subjekte machen, die teilnehmen können an politischen und wirtschaftlichen Prozessen.“ Ob das gelingt und ob dies ausreicht, sei dahin gestellt. Die Veränderung der Arbeitswelt ist eine neue Etappe in der Entwicklung des Kapitalismus, die angewandten Instrumente dienen seiner Machterhaltung. „Die Arbeiterklasse hat, indem sie sich den Bauch zusammenschnürt, den Bauch der Bourgeoisie über alles Maß entwickelt, sie zu Überkonsum verdammt“, meinte einst der Ehemann der Tochter von Karl Marx, Paul Lafargue.



Das Berufsbild Krankenpflege ändert sich seit den späten 1950er Jahren fundamental: Aus dem Leitbild des "Liebesdienstes am Nächsten" wird ein professioneller Beruf | Plakat: Sonn (Entwurf), Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz


Auf dem SPD-Parteitag im Jahre 1890 äußerte Karl Liebknecht: „Die Arbeit ist folglich eine Nothwendigkeit. Aber mehr arbeiten als für den Zweck, Mensch zu sein, nothwendig ist, das heißt den Zweck dem Mittel opfern. Nicht um zu arbeiten leben wir, sondern wir arbeiten, um zu leben.“ Das schließt die Faulheit mit ein und bei all der Arbeit geht unter, dass es ein Grundrecht des Menschen auf Freizeit und Faulheit gibt, das über die „Soziale Reproduktion“ –  Erhaltung der Arbeitskraft – hinausgeht. Zum Beispiel also seine Freizeit durch Joggen oder Wellness verbringt, weil dies ausschließlich der Aufrechterhaltung und Weiterführung bestehender Machtverhältnisse dient. Deshalb sollte man sich auf das Grundrecht der Faulheit besinnen, die eben dies Paul Lafargue schon 1880 in seinem Aufsatz „Le droit à la paresse“, also das Recht auf Faulheit beschrieben hatte. Über das Verhältniss von Arbeit und Faulheit gibt das Buch „Recht auf Arbeit – Recht auf Faulheit“ von Udo Achten, Petra Gerstenkorn und Holger Menze Aufschluss.



Meisterbrief: Drucker und Setzer gehören zum grafischen Gewerbe und pflegen selbstbewußt handwerkliche und gewerkschaftliche Traditionen. Der Computer beendet diese Arbeitskultur | Bild: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz

Und Gotthold Ephraim Lessing meinte zur Faulheit:

                     Fleiß und Arbeit lob ich nicht.
                     Fleiß und Arbeit lob ein Bauer.
                     Ja, der Bauer selber spricht,
                     Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
                     Faul zu sein, sei meine Pflicht;
                     Diese Pflicht ermüdet nicht.
                     Bruder, lass das Buch voll Staub.
                     Willst du länger mit ihm wachen?
                     Morgen bist du selber Staub!
                     Lass uns faul in allen Sachen,
                     Nur nicht faul zu Lieb und Wein,
                     Nur nicht faul zur Faulheit sein.

Die Ausstellung „Hauptsache Arbeit – Wandel der Arbeitswelt nach 1945“ findet vom 1.12.2009 bis zum 5. April 2010 im Haus der Geschichte in Bonn statt und ist von Anfang Oktober 2010 bis April 2011 im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen. Sie liefert einen Einblick in die Bereiche Industrie und Dienstleistung. (HDH)



Arbeitsinstrumente im grafischen Gewerbe: Utensilien für den Handsatz: Winkelhaken mit Bleilettern, Ahle und Pinzette | Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz



Die Deutsche Postgewerkschaft protestiert mit dem Plakat von 1988 gegen die Pläne des Bundespostministers, das Unternehmen zu privatisieren | Plakat: Deutsche Postgewerkschaft, Frankfurt, Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz




Die Werbeanzeige der Deutschen Post World Net macht aufmerksam auf den Börsengang des Unternehmens am 20. November 2000
Bild: Deutsche Post AG, Bonn




Wo "einst nur Sand und Kiefern waren" entsteht 1950 das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) als "Muster und Beispiel für unseren sozialistischen Aufbau" | Repro: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz



Als jährlichen kulturellen Höhepunkt veranstaltete das Eisenhüttenkombinat Ost seit September 1952 das Hüttenfest in Stalinstadt, wie Eisenhüttenstadt bis 1961 hieß | Repro: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz



Im Oktober 1951 erfolgt der erste Anstich des Hochofens I im Eisenhüttenkombinat Ost | Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz


Nach der Uraufführung aus dem Programm genommen: Gitta Nickels Dokumentarfilm über das Fritz-Heckert-Kombinat aus dem Jahr 1986 wird auf Betreiben des Kombinatsdirektors nicht in den DDR-Kinos gezeigt | Bild: Peter Frenkel, DEFA-Studios für Dokumentarfilme, Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz



Innovativ: Die Sparkasse schult ihre Mitarbeiter bereits Anfang der 1970er Jahre per Video | Bild: Deutscher Sparkassen- und Giroverband, Bonn, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz


Gediegen, seriös und niemals hektisch ist das Geldgeschäft in den 1950er Jahren. Kunden werden an Schalter und Kasse bedient, nur wenige verlangen schwierige Finanzberatungen | Bild: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Fotoarchiv Landesgirokasse, Ludwig Windstosser/ Bernhard Holtmann



Die IG Metall kämpft als Antwort auf die wirtschaftliche Rezession in Deutschland seit Ende der 1970er Jahre für die 35-Stunden-Woche, 1995 wird sie in der Metallindustrie eingeführt | Button: IG Metall, Frankfurt, Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz



1956 fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund die 5-Tage-Woche. Diese wird in den meisten Wirtschaftsbereichen in den 1960er Jahren eingeführt | Plakat: Deutscher Gewerkschaftsbund, Berlin, Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Axel Thünker / Patrick Marc Schwarz









Online-Flyer Nr. 225  vom 26.11.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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