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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Globales
Die Festung Europa, ihre neue Mauer und die Kunst
100 Kreuzwege
Von Eberhard Rondholz

Drei Wochen lang stand sie auf dem Berliner Platz des 18. März, vom 12. bis zum 30. Oktober, direkt vor dem Brandenburger Tor, die Installation „At Crossroads“, geschaffen von der Griechin Kalliopi Lemos. Die meisten Passanten konnten nicht all zu viel mit der monumentalen Skulptur anfangen, weil ihnen die Botschaft verborgen blieb, die die Künstlerin vermitteln wollte. Und auch die Mainstream-Medien hatten weder das Objekt noch den Konflikt im Fokus.

Kalliopi Lemos "At Crossroads" Skulptur am Brandenburger Tor | Foto: Eberhard Rondholz
„Vor den Mauerfeierlichkeiten“ müssen sie aber   
wieder weg: „At Crossroads“ | Foto: E. Rondholz
Neun Holzboote, arrangiert auf einem 13 Meter hohen Gestell, nicht zufällig kieloben platziert. Es sind türkische Fischerboote, objets trouvés, die Kalliopi Lemos an Stränden der Insel Chios gefunden hat, Flüchtlinge haben sie zur illegalen Überfahrt von der nahen kleinasiatischen Küste benutzt, viele, allzu viele Boote sind gekentert.


Hunderte Flüchtlinge ertrinken Jahr für Jahr auf einer Überfahrt, für die sie an kriminelle Schleuserbanden zuvor horrende Summen bezahlt haben. Einige Namen Ertrunkener hat die griechische Künstlerin auf die Boote geschrieben, ein modernes memento mori. At Crossroads ist ihr drittes Objektkunstwerk zum Thema. Die ersten zwei, ebenso jeweils aus gestrandeten Barken montierte Installationen, hat sie in Eleusis und in Istanbul aufgestellt, Crossing und Round Voyage hießen sie ganz harmlos, und galten doch immer demselben brisanten Thema, der unfreiwilligen Migration.

Die Skulptur verstehe sich aber nicht als eine Stellungnahme zur europäischen Einwanderungspolitik, heißt es im offiziellen Prospekt der Akademie der Künste, des Mitveranstalters der Kunstaktion von Kalliopi Lemos. Wirklich nicht? Sie hat sich ja wohl nicht zufällig das Brandenburger Tor und die Tage vor dem großen Rummel zum 20. Jahrestag des Mauerfalls für ihre Kunstaktion ausgesucht – es geht ihr um jene unsichtbare neue Mauer, die Europa eingerichtet hat, um sich gegen ungebetene Gäste abzuschirmen.

Kalliopi Lemos "At Crossroads" Skulptur am Brandenburger Tor | Foto: Eberhard Rondholz
Die Künstlerin vor ihrer Skulptur
Foto: Eberhard Rondholz
Die griechische Künstlerin Kalliopi Lemos ist selbst ein Mensch mit Migrationshintergrund, so das hässliche Wort zur Verschleierung eines meist ebenso unschönen Phänomens – ihre Großeltern nahmen einst denselben Weg wie jetzt die vielen tausend Flüchtlinge aus dem nahen und mittleren Osten, übers Meer von Kleinasien nach Chios, Samos, Lesbos. Damals, 1922, flüchteten sie aus Smyrna und Umgebung, um dem sicheren Tod zu entkommen, nach dem unglücklichen Ausgang des kleinasiatischen Abenteuers einer griechischen Invasionsarmee. Jetzt flüchten andere, Afghanen, Iraker, Afrikaner vor allem, vor Krieg, Elend und Terror in ihren Heimatländern, in der Hoffnung auf ein besseres Leben im vermeintlichen Paradies Europa.


Die, die ankommen, vegetieren jetzt zu tausenden in Lagern, unter Umständen, die der neue stellvertretende griechische Sicherheitsminister Spiros Vougias nach einem Besuch im Lager Pagani auf der Insel Lesbos am 22. Oktober mit Dantes Hölle verglich. Und er bat die Menschen im Lager, sichtlich erschüttert, um Verzeihung. Dieses Lager hat er inzwischen schließen lassen, der größere Teil der internierten Flüchtlinge bekam ein Fährticket nach Piräus, nach Alternativen wird in dem zuständigen Ministerium gesucht, das seit dem Amtsantritt der neuen Regierung Papandreou „Ministerium für Bürgerschutz“ heißt. Wer da vor wem geschützt werden soll, sei dahingestellt, doch die Erschütterung des stellvertretenden Ressortchefs Vougias bei seinem Besuch im Flüchtlingslager Pagani auf Lesbos war nicht gespielt.


Wer sich selbst ein Bild von dem „Lagerleben“ in Pagani machen möchte, dem sei dieser Youtube-Link empfohlen...

Dabei waren die Zustände in diesem Lager wie in vielen anderen seit langem bekannt, auch über Misshandlungen von Migranten war immer wieder berichtet worden. Neu war, dass sich ein hoher Regierungsvertreter selbst ein Bild vom Leben der Flüchtlinge machte. Die vorangegangenen Regierungen hatten den Dingen ihren Lauf gelassen. Und sich auf ein Abkommen eingelassen, dass so nie hätte unterschrieben werden dürfen: Es heißt „Dublin 2“, und dort ist festgeschrieben, dass für illegale Flüchtlinge das EU-Land die Verantwortung zu tragen hat, in dem der illegale Migrant und potenzielle Asylbewerber die EU-Außengrenzen überschritten und erstmals Schutz gesucht hat. Und das sind in der Regel die Mittelmeeranrainer der Union.

Klaus Staeck | Foto: Hans Weingartz
Klaus Staeck
Foto: Hans Weingartz
Deutschland, ein Land ohne EU-Außengrenzen, ist da fein raus. Die Boat-People landen schließlich nicht auf Helgoland, wie der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, beim 30. Berliner Akademiegespräch betonte, das zum Begleitprogramm der Kunstaktion At Crossroads gehörte. Was die maritime „Grenzschutztruppe“ Frontex im einzelnen so alles anstellt, um uns die Migranten vom Hals zuhalten, wollen wir lieber nicht so genau wissen, fügte Staeck hinzu. Und wie viele an der Außenfront der Festung Europa von Frontex erfolgreich abgedrängte Boote mit ihrer Elendsfracht untergehen, darüber gibt es nur Schätzungen und Dunkelziffern.


Wie es denen geht, die die unsichtbare Mauer der Festung Europa trotz Frontex überwinden, ob auf Lampedusa oder auf Lesbos landen, allein in Griechenland sind es längst mehr als 100.000, darüber gibt es genügend Fernsehberichte. Oder über die Gestrandeten, die beispielsweise an der griechischen Westküste, in den Fährhäfen von Patras und Igoumenitsa auf eine illegale Weiterreise hoffen.

Auch über jene „Hausbesetzer“, die sich mitten in Athen im sechsstöckigen Gebäude des ehemaligen Appellhofs in den Büros der Richter und Staatsanwälte – ausgerechnet dort – ein illegales Quartier gesucht hatten, bis rechtsradikale Brandstifter Feuer legten und der Polizei willkommenen Anlass zur Räumung boten. Was aus den Plänen der damaligen Regierung geworden ist, die 500 obdachlosen Migranten in einem ehemaligen Hundeasyl außerhalb der Hauptstadt einzuquartieren, gab keine Nachricht wieder. Wohl über die ausländerfeindlichen Zusammenrottungen nicht nur rechtsradikaler Athener Bürger, die demonstrierende Menschenrechtsgruppen attackieren.

Flüchtlingslager Pagani | Quelle: www.desertion.blogsport.de
Flüchtlingslager Pagani: Zustände wie in der Hölle...
Quelle: www.desertion.blogsport.de

Organisationen wie Pro Asyl haben auf diese unhaltbaren Zustände seit langem hingewiesen. Karl Kopp, Europareferent der Organisationen, richtete beim 30. Berliner Akademie-Gespräch am 20. Oktober harte Vorwürfe an die Adresse des anwesenden Präsidenten des „Hellenic Migration Policy Institutes“, Alexandros Zavos. Doch der war der falsche Adressat. Akademie-Präsident Klaus Staeck wies ihn zurecht: Wir sind mitschuldig, wir haben kein Recht mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, solange wir selber nicht bereit sind, die Last der Länder mit den offenen EU-Außengrenzen mitzutragen.

Kalliopi Lemos' Installation At Crossroads ist längst wieder abgebaut, musste den Platz frei machen für das Groß-Event „20 Jahre Mauerfall“. Ob die Botschaft ihrer Kunstaktion, wie beabsichtigt, bei den deutschen Politikern angekommen ist, wird man sehen. Sehen, ob in einem Land, das dreistellige Milliardenbeträge locker gemacht hat, um verzocktes Bankenkapital zu ersetzen, wenigstens ein paar Millionen zur Linderung eines menschlichen Elends abfallen, das europäische Politik mit verursacht hat. Durch Angriffskriege, durch Ausbeutung von Ressourcen, die eigentlich anderen gehören; und das Problem wird wachsen. Zentrales Thema, natürlich auch auf dem Globalen Forum über Migration und Entwicklung letzte Woche in Athen.

Logo von Frontex
Frontex: Beschönigendes Logo             
mit zynischem Wahlspruch
Griechenland ist mit seinen 17.000 Küstenkilometern offen für die Flüchtlingsströme, die zum großen Teil eine Folge der Kriege sind, die die USA und die NATO an der Peripherie führen, so kommentierte letzte Woche in der Athener Tageszeitung Kathimerini Nikos Xydakis, und die EU verdamme Griechenland zur Müllhalde für Menschen zweiter Klasse. Die Kosten für die Flüchtlingskrise aber seien ungleich verteilt. Das „Dublin 2-Abkommen“ bedürfe der Revision, und die EU könne sich nicht länger auf die Finanzierung der „Schutztruppe Frontex“ beschränken. Aber solche Hilferufe werden, so ist zu fürchten, in Mitteleuropa auf taube Ohren stoßen. (CH)


Online-Flyer Nr. 225  vom 25.11.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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