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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Fotogalerien
Was sagen uns alte Bilder über die Zukunft?
"Streifzüge"
Von Hans-Dieter Hey

Rudi Denner hat wieder ein Projekt. Der umtriebige Fotograf aus Berlin hat das verschlafene Thüringer Dorf  Dietzhausen bei Suhl aufgeweckt, die Dorfgeschichte zu entdecken. Fündig wurden die Bewohner in Kisten, Dachstühlen und Kellern und haben ihre alten Fotos und Texte herausgekramt. Denner möchte über das digitale Zeitalter hinaus Bildergeschichten erzählen, um Geschichte am Leben zu erhalten. Und um zu warnen.



Das beschauliche Dietzhausen mit dem Ausstellungsort heute

Im  Vordergrund standen Fotos und Texte aus zwei Weltkriegen, an denen die Vorfahren der Dorfbewohner teilgenommen hatten. Noch lebende Betroffene, oft ehemalige Soldaten, konnten sich erinnern, wie es damals war. Da gilt es nicht in alten Träumen verklärt zu schwelgen. Da geht es um die brutale Erinnerung an den Brandherd, den Deutschland nur kurz hintereinander in der Welt entzündet hatte. Mit den entsprechenden bekannten Folgen verheerender Zerstörung und der Folge der Teilung Deutschlands, deren Ende jetzt am 9. November wieder gefeiert wurde. Alles Kriegsfolgen, für die wir verantwortlich sind. Die Bilder aus Dietzhausen zeigen uns das. Leider sind wir seit der Wiedervereinigung 1989 - besser Vereinnahmung der DDR - in eine Art nationalen Taumel gefallen, der uns wieder den Geist zu vernebeln scheint.



1939 war die Euphorie der missbrauchten und getäuschten Massen.

Noch nach dem letzten Krieg hatte Deutschland geschworen - und so steht es im Grundgesetz - dass von seinem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte. Kehrt die Geschichte in anderem Kleid, an die uns die Bilder erinnern sollen, wieder? Denn schon wieder sind Deutsche weltweit mit imperialen kriegerischen Absichten unterwegs. Von vielen verdrängt, haben wir uns seit Jahren in grundrechts- und völkerrechtswidrige Kriege verwickelt. Erst vor kurzem haben Bundestag und Bundesrat alle Parteien mit Ausnahme der Linken den Grundlagenvertrag von Lissabon unterschrieben, der noch mehr als bisher die Fortsetzung der Außenpolitik mit kriegerischen Mitteln ermöglicht. Und weil dies alles keine guten Zeichen sind, ist dieses Fotoprojekt besonders aktuell zu der Frage, was unsere Soldaten am Hindukusch und anderswo in der Welt verloren haben und ihr Leben und ihre körperliche und psychische Unversehrtheit aufs Spiel setzen und vor allem, wer davon letztlich wirklich profitiert.



Die anfänglichen  „Erfolgsmeldungen" damals täuschten über...



...die Realität der todbringenden faschistischen Kriegsmaschinerie,...









...an deren Ende...









...Vertreibung und Elend...


.
..und der Tod standen.



Die Aufforderung zu Widerstand oder Kapitulation...



...verhallte ungehört oder kam für viele zu spät.

Unterstützt wird Rudi Denners Projekt durch gegenwärtig über 130 Fotospender. Das Ganze hat inzwischen beachtliche Ausmaße. In den nächsten zehn Jahren soll es fortgeschrieben werden, um möglichst lückenlos die Zeitgeschichte zu dokumentieren. Eine Fleißarbeit, die ohne das persönliche Engagement einiger Ortsbewohner das Material an Fotos, Negativen, Filmglasplatten, Archiven, Recherchen, Gegenständen oder Arbeitsgeräte kaum sichern könnte. In diesem Jahr stehen bereits mehr als 2.000 Fotos für digitale Bilderschauen und über 6.100 Fotos auf 490 Tafeln zu 25 Themen zur Verfügung. Jenseits des örtlichen Off-Road-Clubs hat man offenbar erkannt, dass es noch etwas anderes gibt und die Ausstellung wichtig ist. Die "Streifzüge" wurden bisher von  etwa 5.700 bis 6.300 Besuchern aus Dietzhausen und den Nachbarorten wahrgenommen. Schon aus Düsseldorf oder Leipzig kam man angereist. Auch eine Dokumentation gibt es bereits, die käuflich erworben werden kann.


Über 6.000 Besucher

Das Ganze ist für  Rudi Denner fast ein Lebenswerk! Er muss sich beeilen, damit Geschichte nicht irgendwann entsorgt wird. Denn Zeitzeugen gibt es immer weniger und die, die den Jüngeren die Geschichte unabhängig von idelogischer Verfärbung erzählen können, wie dies zum Teil mit der Vergangenheit der DDR passiert, auch. Denn nur wer die Vergangenheit versteht, kann die Zukunft gewinnen. Und deshalb braucht Rudi Denner nicht nur die Dorfbewohner, sondern vielleicht auch ein paar Kulturverantwortliche für sein Projekt, die noch ein bisschen Geld übrig haben. (HDH)

Online-Flyer Nr. 223  vom 11.11.2009

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