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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Glossen
Dr. Watson gegen Trittbrettfahrer
oder: Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Hundewelpen
Von Hermann

Zur Zeit glaubt offenbar jede Firma irgendwelche Artikel für die Heerscharen an Deutschland-Fußball-Fans auf den Markt schleudern zu müssen. Dazu die folgende Glosse.

-         "Das macht zehn Euro vierzig."

Ich bezahlte brav, hob mein Glas zum Anprosten und fragte meinen Freund Fortuna-Jörg:

-         "Kann es sein, dass wir grade zwanzig Mark für vier Getränke bezahlt haben?"

Ja, hatten wir. Und zwar in `Watson´s Bar´ schräg gegenüber vom Westfalenstadion vor Beginn des Spiels Deutschland gegen USA. Es war kein schlechter Einfall, zum Vorglühen eine Hotelbar aufzusuchen. Gut, der Preis für zwei Pils und zwei Korn wirkte etwas übertrieben, aber alles in allem gab sich Watson´s Bar ehrlich. Keine Fußballgirlanden, -lampions oder -luftschlangen hingen von der Decke, die Hotelbar hatte offensichtlich keinerlei Anbiederungen nötig. Ein angenehmes Kontrastprogramm zu dem, was sich auf den Straßen rund ums Stadion abspielte.

Alle versuchten, ihre wunderbaren schwarz-rot-goldenen Artikel an den Zuschauer zu bringen und so ein paar Euro aus der Vorfreude auf die WM zu schlagen. Gesichtsflaggenmaler waren vor Ort, junge Männer versuchten T-Shirts zu veräußern, die über die geringe Anzahl an Turniersiegen der Englischen Nationalmannschaft informieren, und junge Frauen boten etwas feil, das wie deutschlandfarbene Bärte zum Ankleben aussah. Vielleicht habe ich mich auch verguckt; im Stadion konnte ich jedenfalls niemanden mit schwarz-rot-goldenem Oberlippenbart ausmachen. Dafür aber Schlaumeier mit Plastik-Pickelhauben.

Immerhin erblickte ich niemanden mit dem gruseligen Reichskriegsschal mit "Deutschland meine Heimat"-Aufschrift, der mir bereits in mehreren Bundesligastadien begegnet war. Und da soll mir keiner erklären, das abgebildete Symbol sei das der kaiserlichen Kriegsmarine und als solches nicht verboten - die Träger eines solchen Schals wollen bestimmt nicht ihre romantische Sehnsucht nach der Monarchie nach außen tragen, sondern laufen nur aus Ermangelung eines Hakenkreuzschals, der ihre Gesinnung besser unterstreichen würde, mit schwarz-weiß-rotem Jacquard um den Hals durch die Gegend.


Foto: Hermann


Im Augenblick glaubt offenbar jede Firma irgendwelche Artikel für die Heerscharen an Deutschland-Fans auf den Markt schleudern zu müssen. Und da sich durch die WM-Hysterie ein jeder berufen fühlt, seiner plötzlichen Liebe zum Fußball Ausdruck zu verleihen, kommt die Werbung, im Jahr des großen Sportereignisses, nicht ohne das runde Leder aus. Findige Reklame-Fachleute schaffen es, für jedes Produkt eine mehr oder weniger einleuchtende Verbindung zum Fußball zu schaffen. Ganz egal, ob es sich dabei um eine Bausparkasse, ein Familienauto oder Wein im Pappkarton handelt. Kein Bogen ist zu weit, um ihn nicht unter allen Umständen bis zum Bolzplatz zu spannen.

Glauben die denn tatsächlich, dass der Schönwetter-Fan und der Länderspiel-Gucker sofort zum Kaufladen eilen, weil sie jetzt, da sie vorübergehend den Ballsport für sich entdeckt haben, auf diesen Schwachsinn reinfallen? Vermutlich ja, und vermutlich haben sie auch recht damit, sonst würde nicht diese Masse an Trittbrettfahrern auf der Fußballwelle mitrollen. Aber sie sollten sich beeilen, ihre Profitgier zu stillen, denn wenn am 9. Juli das Finale abgepfiffen wird, ist der ganze Boom vorbei. Die Werbestrategen werden wieder auf Kinder und Hundewelpen zurückgreifen und die Stadionränge von den üblichen Verdächtigen bevölkert, die schon vor Jahren da waren. Es sei denn, Deutschland wird Weltmeister, dann könnte das alles noch eine ganze Weile so weitergehen. So gesehen ließen sich einem Ausscheiden im Achtelfinale gewisse Vorteile nicht absprechen.

Bis es soweit ist und die Normalität wieder einkehrt, kann ich jedem nur einen Besuch in Watson´s Bar empfehlen. Sofern man es sich dort leisten kann. Ich konnte es eigentlich nicht, aber das wusste ich bei der Bestellung noch nicht.



Online-Flyer Nr. 38  vom 04.04.2006

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Von Kostas Koufogiorgos
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