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Aktueller Online-Flyer vom 24. November 2014  

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Inland
Vor 65 Jahren wurde der "Kundschafter“ Richard Sorge in Japan hingerichtet
"Stalins Meisterspion“
Von Manfred Demmer

Am 27. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, am 7.November 1944, wurde in Tokio ein Mann hingerichtet, der versucht hatte, die Sowjetunion über den bevorstehenden Angriff Nazi-Deutschlands – und damit dessen Bruch des Nichtangriffspaktes - zu informieren. Es war der Versuch, das von den deutschen Faschisten begonnene Völkermorden - eindämmen zu helfen. „Stalins Meisterspion“, „Spion aus Leidenschaft“, „Legendärer Idealist“ oder „Verräter an Deutschland“ waren und sind Titel, die diesem Mann angehangen wurden und teilweise bis heute gelten.

Verräter an Deutschland? - Richard Sorge
Quelle: www.friedrichshainer-chronik.de
Wer war dieser Mann? Richard Sorge wurde am 4.Oktober 1895 als Sohn eines Deutschen, der als Ingenieur in einer Erdölraffinerie in Baku am Kaspischen Meer arbeitete, und einer russischen Mutter in Adshikend geboren. Als er zweieinhalb Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin, wo Richard dann auch zur Schule ging. „Ika“, wie er in der Familie und später auch von seinen Freunden genannt wurde, entwickelte ein großes Interesse an Geschichte und Literatur und verstieß, wie er selber schrieb, „ gegen die Schulordnung und hatte ein unvergleichlich loses Mundwerk“. Als Mitglied in einem sozialdemokratischen Arbeiterturnverein kam er mit Arbeitern in Verbindung, ohne dass er schon eine „entschiedene Position einnehmen wollte noch konnte.“ 
 

 „Kundschafter“ Richard Sorge in Japan
Quelle: Bundesarchiv
 
Während einer Ferienreise in Schweden, erreichte den Achtzehneinhalbjährigen die Nachricht vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sofort fuhr er nach Berlin zurück und meldete sich „zur Fahne“. An vielen Fronten in West und Ost lernte er den Krieg kennen und immer mehr stürtzte ihn „dieser wilde und blutige Konflikt...in die tiefste Verwirrung, die wir jemals empfunden hatten“. Im Sommer 1915 wurde er bei den Kämpfen bei Ypern in Westflandern verwundet. Wegen einer weiteren Verwundung im April 1917 mußte ihm das rechte Bein um zweieinhalb Zentimeter verkürzt werden. Im Königsberger Lazarett wurde er durch eine Krankenschwester und ihren Vater, einen Arzt, mit sozialistischen Ideen bekannt gemacht

Als Konsequenz aus dem eigenen Erleben stellte Sorge später fest: „Ich habe am ersten Weltkrieg teilgenommen, habe den Krieg an beiden Fronten - im Osten und Westen - mitgemacht, bin mehrmals verwundet worden, habe das Unglück des Krieges am eigenen Leibe erfahren. Kriege werden letztlich nur von einer kapitalistischen Gesellschaft inspiriert. Um die Menschheit von diesem Unglück zu befreien, muß man den Kapitalismus ablehnen!“ Das wurde seine Lebensdevise.


Richard Sorge 1915 im ersten Weltkrieg – mit Erich Correns (rechts)
Quelle: Bundesarchiv
 
An der Berliner Universität belegte er Vorlesungen über Politik und Ökonomie und vertiefte seine Kenntnisse über die deutsche und internationale Arbeiterbewegung, las Engels und Marx „und auch die Gegner von Marx und Engels“. Sein Großonkel war übrigens jener Friedrich Albert Sorge (1828-1906), der als deutscher Sozialist, an der Revolution von 1848 teilnahm, führender Funktionär der 1. Internationale und der Arbeiterbewegung in Amerika und ein Freund von Marx und Engels war.
 
Novemberrevolution
 
Ab Januar 1918 studierte er in Kiel Staatswissenschaft, nahm dort Kontakt zu den Unabhängigen Sozialdemokraten auf, arbeitete in der Partei mit und gründete eine Gruppe sozialistischer Studenten. Kieler Matrosen, die sich dem Kampf für die Beendigung des Krieges verbunden fühlten, holten ihn zu einem Vortrag „in größter Heimlichkeit bei geschlossener Türen“ in die Kasematten eines Forts der Außenbefestigungswerke Friedrichsort bei Kiel. Matrosen und Arbeiter setzten sich in den folgenden Monaten vehement für die Beendigung des Krieges und den Sturz des deutschen Imperialismus ein. Am 3.Novemer 1918 forderte Sorge mit vielen Demonstranten die Entlassung von Arbeitern und Matrosen, die wegen dieses Kampfes verhaftet worden waren. Vor dem Gefängnis wurde auf die Demonstranten geschossen; acht Tote und neunundvierzig Verwundete waren die ersten Opfer der Novemberrevolution, die von Kiel aus dann ihre Ausbreitung im gesamten Reich nahm. Als Mitglied des Arbeiter- und Matrosenrates fuhr er nach Berlin, um in den Januartagen 1919 um dort das Proletariat in seinem revolutionären Kampf zu unterstützen.
 
Daneben führte er sein Studium fort, bereitete seine Dissertation mit dem Thema „Die Reichstarife des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ vor. Ab April 1919 setzte er Studium und Parteiarbeit fort und begann als Journalist bei der „Hamburger Volkszeitung“. Am 8.August 1919 wurde er Dokter der Staatswissenschaft, zog nach Aachen, arbeitete dort an der Technischen Hochschule und weiter in der USPD, obwohl er am 15.Oktober 1919 Mitglied der KPD geworden war, die aber im Linksrheinischen Gebiet noch keine Parteiorganisation hatte.
 
Von der Aachener Uni-Leitung rausgeschmissen
 
Weil Richard Sorge zur Leitung von Arbeiterorganisationen gehörte, die im Aachener Revier eine Streikleitung bildeten, erregte er natürlich das Mißfallen der konservativen Hochschulleitung, die am 31.März 1920 seine akademische Laufbahn stoppte. Nun arbeitete er als Bergmann, gründete kommunistische Bergarbeitergruppen, sollte deshalb vor ein Besatzungsgericht gestellt werden, weshalb ihn seine Partei als politischen Redakteur zur „Bergischen Arbeiterstimme“ (BAS), Organ der KPD im Bergischen Land, holte. An seinem neuen Wohnort Remscheid nahm er gleichzeitig eine Lehrtätigkeit für den Aktionsausschuss der Betriebsräte in der Stadt auf und führte mit den Volkshochschulen in Remscheid und Ohligs (Solingen) Kurse für Betriebsräte durch. Dass die bergischen Arbeiter diese Kurse annahmen, belegen auch die Terminankündigungen in der „Bergischen Arbeiterstimme“.
 
Nachdem Sorge am 28. Februar 1921 von Remscheid nach Solingen umgezogen war, gab er auch an der Volkkshochschule im Solinger Stadtteil Wald Betriebsrätekurse. Aus seinem letzten Kurs über „Die Akkumulation des Kapitals“ wurde später ein vielbeachtetes Buch, in  das Sorge die gleichnamige Arbeit von Rosa Luxemburg aufnahm. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Mitteilung der „Bergischen Arbeiterstimme“ vom 3.April 1922: „Um die trockene, streng wissenschaftliche Materie etwas lebendiger zu gestalten, wird er zwischendurch über moderne Dichtung lesen.“ Im Feuilleton der Zeitung hatte er vorher schon eigene Prosaarbeiten veröffentlicht. Paul Sethe, ein bekannter bürgerlicher Journalist, mit dem Sorge später bei der „Frankfurter Zeitung“ zusammenarbeitete: „Ich schätzte Sorge als einen Mann von Kenntnissen, Sachlichkeit, Unbefangenheit, Genauigkeit.“ An ihrem neuen Wohnsitz in Frankfurt am Main richteten Sorge und seine Frau Christiane – sie hatten 1922 in Solingen geheiratet, und sie war vorher die Frau eines seiner Professoren gewesen  – sich auf Grund der Wohnungsnot in einem Stall ein, was der Gastlichkeit von ihrem Heim, die von vielen Freunden und Bekannten (darunter u.a der Komponist Paul Hindemith, der Lyriker Stefan George, der Maler und Karikaturist George Grosz) geschätzt wurde, keinen Abbruch tat.
 
„Kundschafter“ für die Sowjetunion
 
Im April 1924 erfuhr Richard Sorges Biografie eine entscheidende Wende. Während des 9. (illegalen) Parteitages der KPD im Rhein-Main-Gebiet betreute er sowjetische Genossen (darunter das Mitglied des Exekutivkommitees der Komintern, Dimitrij Manuilski), die ihm vorschlugen, im Moskauer Büro der Kommunistischen Internationalen zu arbeiten. Die Leitung der KPD stimmte zu, Sorge wurde Staatsbürger der UdSSR und im März 1925 Mitglied der KPdSU(B).
 
Als Instrukteur reiste er nun in viele Länder, um den dort aktiven kommunistischen Parteien z.B. beim Aufbau von Betriebszellen zu helfen. Bei dieser Arbeit für die Komintern begegnete er auch General J-K. Bersin, Chef der Verwaltung Aufklärung der Roten Armee. Im Ergebnis vieler Gespräche wurde Sorge schließlich „Kundschafter“. Sein erster Auftrag führte ihn 1929 nach China, wo er – als Journalist arbeitend – u.a. Bekanntschaft mit Tschiang Kai-Shek und deutschen Reichswehroffizieren, die als dessen „Berater“ auftraten, machte und wertvolle Imformationen sammeln konnte.
 
Am 6. September 1933 landete Richard Sorge in der japanischen Hafenstadt Yokohama –ausgestattet mit Aufträgen der „Frankfurter Zeitung“, des „Berliner Börsenblattes“, sowie weiterer deutschen Pressergane und Empfehlungen an den faschistischen Botschafter in Tokio. Bald galt er unter den Ausländern in der japanischen Hauptstadt als einer der besten Japan-Kenner. Es gelang ihm, enge persönliche Kontakte zu den faschistischen Repräsentanten in Fernost und gute Beziehungen zu wichtigen japanischen Dienststellen herzustellen. Auf diese Weise konnte er die japanische Geheimpolizei, die Kempedai – deren Spitzelnetz und Methoden dem der Gestapo kaum nachstand – lange über seine Kundschaftertätigkeit täuschen.
 
Warnung vor dem Überfall auf die UdSSR
 
Zu der von ihm in kurzer Zeit aufgebauten Kundschaftergruppe „Ramsey“ gehörten 32 Japaner, vier Deutsche, zwei Jugoslawen und ein Engländer, die aus allen Schichten der Bevölkerung kamen. Dadurch verfügten diese Männer und Frauen über ein dichtes Informationsnetz. Zielstrebig trug „Ramsey“ zahlreiche Nachrichten über den Gegner, die z.T. aus dem inneren Kreis der Nazidiplomaten in Japan stammten, zusammen und funkte sie an die Zentrale nach Moskau. Der wichtigste und später weltweit bekanntgewordene vom 15.Juni 1941: „Der Krieg wird am 22. Juni beginnen.“. Diese Meldung wurde Josef W. Stalin vorgelegt, der ihren Wert nicht erkannte, was schlimme Folgen für die Sowjetunion hatte. 
 

Grab auf dem Tama Reien-Friedhof in Tokio
Quelle: Kulturvereinigung Leverkusen e.V.  
Im Oktober 1941 kam ihnen die japanische Militärpolizei Kempeitai auf die Spur und verhaftete die Gruppe. Am 13. Mai 1943 wurde der Spionage-Prozess eröffnet und am 29. September das Todesürteil über Richard Sorge und seinen wichtigsten japanischen Mitstreiter Hozumi Ozaki (er war Berater der japanischen Ministerpäsidenten gewesen) ausgesprochen. Am 7.11. 1944 – als in Moskau die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Oktoberrevolution durchgeführt wurden, die mit der Gewißheit stattfanden, dass man dem Hitlerfaschismus das Genick brechen werde – fand die Hinrichtung statt. Für vierzehn „Ramsey“-Mitglieder sprachen die Gerichte Kerkerstrafen zwischen zwei Jahren und lebenslänglich aus. Zwei von ihnen wurden von Polizei und Wächtern ermordet, vier starben an den Folgen der Haft.
 
Auf Initiative von Freunden wurde auf dem Tokioter Tama-Friedhof ein Grabstein für Richard Sorge gesetzt. Am Grab gedenken und gedachten Menschen, die sich dem Frieden verpflichtet fühlen, dieses Kundschafters. 1964 wurde er posthum durch den Obersten Sowjet der UdSSR zum Helden der Sowjetunion ernannt. An vielen Orten in der DDR und der Sowjetunion wurden Denkmäler errichtet, Strassen und Schulen nach ihm benannt – viele wurden im antikommunistischen Bildersturm nach der „Wende“ entfernt. 


Straße in Berlin-Fichtenhain
Quelle: http://de.wikipedia.org
 
In der alten Bundesrepublik wurde – ausgehend von einer 1951 erschienenen Publikation eines amerikanischen Geheimdienstoffiziers – auch über Richard Sorge „berichtet“ – meist ein Gemisch von Erfindungen und Halbwahrheiten des „verordneten Antikommunismus“. Ein Beispiel: Hans Otto Meisner, der in seinem Buch „Der Fall Sorge“ Sorge runterzumachen und alle damals in Japan tätigen Nazis zu rehabilitieren versuchte. Der ehemalige Protokollchef der deutschen Nazibotschaft in Tokio (bis 1939) wurde als „unabhängiger“ Schriftsteller gehandelt und sein Propagandaschinken in der damals zweitgrößten Illustrierten „Revue“ vermarktet. Am 12.Januar 1955 wurde der Film „Verrat an Deutschland“ aufgeführt. Regisseur war Veit Harlan, der sich 1933 in einem Interview mit dem „Völkischen Beobachter“ zur Politik der Nazis bekannte, 1940 den antisemitischen Film „Jud Süß“ gemacht und kur vor Ende des Krieges 1945 mit dem Propagandagroßfilm „Kolberg“ den Durchhaltewillen der Deutschen „dokumentiert“ hatte. In dem 1960 entstandenen Film „Wer sind Sie, Dr. Sorge?“ versuchte der französische Regisseur Yves Ciampi zwar, ein differenziertes Bild von Sorge zu zeichnen, doch gelang es dem oben erwähnten „Fachberater“ Meissner ihm nur teilweise die Tendenz seines Buches aufzuschwatzen – nein, er spielte sich in dem Film auch selbst, obwohl er Sorge nie persönlich kennen gelernt hatte.   und nur einen „Roman nach Tatsachen“ über ihn geschrieben haben.
 
Und zwei Jahre später beteiligte sich die Illustrierte „Quick“ an der antikommunistischen Legendenbildung über Richard Sorge. Dort wurde am 21.Februar 1965 der Abdruck einer Serie unter dem Titel „ Mein Mann war der Spion Dr. Sorge“ begonnen. Sorges Frau Christine – die sich in den dreißiger Jahren von ihrem Mann getrennt hatte und dann in den USA lebte – hatte in der Schweizer „Weltwoche“ eine Serie mit dem Titel „Mein Mann – Dr. R. Sorge“ veröffentlicht, die nun „Quick“ übernommen und auf bundesdeutsche Verhältnisse zurecht gestutzt und teilweise verfälscht hatte. Als Christine Sorge von den unsauberen, Methoden der Quick-Leute erfuhr, distanzierte sie sich davon.
 
Trotz solcher Versuche von Medien, die Arbeit der Sorge-Gruppe zu diffamieren, bleiben die Namen von Richard Sorge und seinen MitstreiterInnen ein wichtiges Pfund für alle, die auch heute noch aktiv gegen Kriegsvorbereitungen sind oder werden wollen. Anläßlich des bevorstehenden 65. Jahrestages der Befreiung von Faschismus und Krieg im nächsten Jahr, wäre es doch überlegenswert, überall da, wo Sorge gewirkt hat, z.B. durch Benennen von Straßen ihn und sein Wirken in Erinnerung zu halten. (PK)

Manfred Demmer ist stellvertretender Vorsitzender der Kulturvereinigung Leverkusen e.V. 

Online-Flyer Nr. 222  vom 04.11.2009

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