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Aktueller Online-Flyer vom 10. Dezember 2016  

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Globales
Interview mit André Sheperd über seine Motive die US-Armee zu verlassen
Ein US-Deserteur erzählt
Von Christian Heinrici

Er ist wohl zur Zeit der „berühmteste“ Asylbewerber hierzulande: André Sheperd hatte 2008 in Deutschland um Asyl ersucht, nachdem er nach seinen „Einsätzen“ im Irak das US-Militär „unerlaubt verlassen“ und fast zwei Jahre lang im Untergrund in Bayern gelebt hatte – denn der Krieg im Irak ist ohne Zweifel illegal. Mittlerweile kämpft er gewaltfrei gegen den Krieg und reist, wenn die Restriktionen für Asylbewerber es zulassen, durch die ganze Republik, wie am 23.9. nach Köln, wo Christian Heinrici ihn zu einem Interview traf – die Redaktion.

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Hören Sie hier das Interview 
mit André Sheperd im Englischen Original – Teil I
zum Start geduldig auf den Pfeil drücken... file.mp3

Herr Sheperd, welches waren Ihre Motive zu desertieren?
 
Zunächst einmal danke für das Interview. Die Entscheidung zu desertieren traf ich nach langer und intensiver Recherche und Erfahrung im Irak. Ich habe die Ereignisse im Internet und den Zeitungen beobachtet und Gespräche mit anderen Soldaten im Irak darüber geführt, was dort geschieht. Ich kam zu dem Schluss, dass dieser Krieg illegal und unmoralisch ist und dass ich ihn nicht länger in irgendeiner Weise unterstützen kann.

US-Deserteur Andre Sheperd in Köln Foto: Christian Heinrici
André Sheperd mit Blick auf die Kölner Philharmonie
Foto: Christian Heinrici

Warum ist dieser Krieg illegal?

Weil er jedes Gesetz verletzt – nicht nur amerikanisches Recht, auch deutsches und internationales. Es ist ein reiner Angriffskrieg, es gab keinerlei Bedrohung durch den Irak. Deutsches Recht untersagt, einen Angriffskrieg von deutschem Boden aus zu führen oder vorzubereiten. Das ist aber wiederum genau das, was die Amerikaner tun. In diesem Fall kümmern sich die Amerikaner nicht einmal um eine Verfassung, bei der sie mitgeholfen hatten, sie zu schreiben.

Wo waren sie im Irak stationiert, und was haben sie dort getan?

Ich war im „Camp Speicher“[1], in Tikrit, Saddam Husseins Heimatstadt. Meine Aufgabe war es, die „Apache Hubschrauber“ zu reparieren und zu warten. Andere Pflichten waren Patrouillengänge, die Umgebung des Lagers zu sichern und Nachtwachen am Camp zur Feind-Früherkennung.

AH-64 Apache
„Apache-Hubschrauber“ im Irak und „Deadly Dust“

Und wie waren Ihre persönlichen Erfahrungen im Irak?

Es war schrecklich, um das Mindeste zu sagen, denn wir wurden mindestens zwanzig Mal am Tag beschossen. Unsere Erfahrungen waren allerdings nicht die der Infanterie, die jeden Tag ohne Schutz da draußen war, die Türen eingetreten haben
Nachtsicht in Falludscha
Nachtsicht in Falludscha: „Kicking down
doors“ ...and sometimes people
und alles unmittelbar erlebt haben. Als Apache-Monteur war es meine Hauptaufgabe, dafür zu sorgen, dass die Hubschrauber immer flugbereit waren, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche.

Wenn die Hubschrauber losflogen, waren sie stets voller Waffen; wenn sie zurückkehrten, hatten sie entweder weniger oder gar keine Waffen mehr an Bord. Wir mussten dann Schäden am reparieren, hatten aber auch Kontakt zu einigen Irakern, die zu uns ins Lager kamen, um Hilfsarbeiten auszuführen, beispielsweise um Sandsäcke aufzutürmen oder für Malerarbeiten. Die wirtschaftliche Lage dort ist so schlecht, dass die Menschen auf alle möglichen Jobs angewiesen sind, um den nächsten Winter zu überleben.

Nach der Schlacht um Falludscha im November 2004, als die Stadt nach längerer Belagerung vollkommen zerstört worden war und als es offenkundig wurde, dass es dort überhaupt keine Massenvernichtungswaffen gab, begannen wir uns Fragen zu stellen. Uns wurde gesagt, dass wir trotzdem auf jeden Fall im Irak stationiert bleiben würden, auch wenn die offizielle Begründung, das Vorhandensein der Massenvernichtungswaffen, nicht mehr gegeben war. Damals sagte man uns, wir würden bleiben... um die Wahlen im folgenden Jahr zu schützen. Inzwischen wissen wir, wie oft die Begründungen geändert wurden, bis zu dem Moment, da „Verteidigungsminister“ Gates sagte, dass die Amerikaner dort auch die nächsten 20 Jahre blieben, wenn es nötig sei!

Apache Foto: James Gordon
„Apache“ wird mit Munition bestückt | Foto: James Gordon

Unter den Irakern, die in unser Lager kamen, gab es einige, die sehr wütend auf uns waren, da ihre Städte zerstört waren, auch wenn wir persönlich nicht dafür verantwortlich waren. Sie erzählten uns, was passierte: über Entführungen, das Aufbrechen von Türen mitten in der Nacht. Es gab Geschichten von Soldaten, die Leichen missbrauchten und ähnliches. Das alles schockierte mich zu tiefst, ich hatte nicht angenommen, dass amerikanische Soldaten so etwas tun... Ich fühlte mich wirklich schlecht, und so begann ich Nachforschungen anzustellen, auch um den wahren Grund für den Krieg herauszufinden, da es ja ganz offensichtlich nicht die Massenvernichtungswaffen waren.

Dann stellte ich fest, dass der Krieg auf nichts als auf einem Berg Lügen beruhte, und dass diese Lügen bekannt waren, sogar vor der eigentlichen Invasion. Die Schlussfolgerung daraus war, dass die gesamte US-Armee in einen Entscheidungskampf mit den Irakern verstrickt wurde, ohne dass die Gründe dafür bekannt waren, zumindest nicht uns, aber denen, die davon profitieren. Die US-Regierung hat massive Verbrechen gegen die Menschheit begangen, und bis jetzt sind sie damit auch durchgekommen. Trotzdem stecken sie die Leute, die gegen diesen Krieg protestieren, ins Gefängnis... In einigen Bundesstaaten muss man als Deserteur mit einer Verurteilung wegen „Unehrenhaftigkeit“ rechnen, man bekommt keinen guten Job mehr, keine Kredite, wird von den Nachbarn geschnitten... Man muss also ziemlich viel durchmachen, auch wenn man das Richtige getan hat.

Robert Gates Petraeus Fallludscha 2007 Foto: Cherie A. Thurlby
Falludscha 2007: der alte und der neue US-„Verteidigungsminister“ Gates –
im Bild mit General Petraeus Fallludscha 2007 | Foto: Cherie A. Thurlby

Ich finde das ziemlich unfair, und deshalb kämpfe ich auch um Asyl hier, zumal das ein deutliches Zeichen an die US-Regierung ist, dass das nicht weiter toleriert werden kann. Außerdem möchte ich Leuten wie mir helfen, die den Mut hatten, Widerstand zu leisten. Und solange die Bush-Regierung noch frei herumläuft, denke ich, dass keiner von uns auch nur einen einzigen Tag im Gefängnis verbringen sollte!

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Hören Sie hier das Interview 
mit André Sheperd im Englischen Original – Teil II
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Herr Sheperd, als Sie zu Ihrer „Homebase“ nach Deutschland zurückkehrten, entschieden Sie sich, die Armee zu verlassen. Aus welchen Gründen waren Sie denn zuvor überhaupt eingetreten?

Ich habe tatsächlich erst zwei Jahre später beschlossen zu desertieren. Das ist keine Entscheidung, die man innerhalb von zwei-drei Tagen trifft. Man muss sich ernsthaft Gedanken über die Konsequenzen machen... und die sind in den USA auf jeden Fall Gefängnis, gegebenenfalls sogar die Todesstrafe. So hat es eine Weile gedauert, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte.

Der Grund zum Militär zu gehen, war rein wirtschaftlicher Natur. Schon im Jahre 2001 ging die Wirtschaft in den USA den Bach runter, da die Computerindustrie durch das Platzen der „Dotcom-Blase“ vollkommen am Boden lag. Ich ging damals auf eine Informatik-Schule, und kein Absolventen konnte eine Arbeit finden, da man mindestens fünf Jahre Berufserfahrung brauchte. Also versuchte ich, mich mit Jobs über Wasser zu halten, Staubsauger zu verkaufen, in Fastfood-Restaurants zu arbeiten... Aber, da ich nicht genügend Geld für eine Wohnung verdiente, musste ich ein Jahr lang in meinem Auto leben. Als mich die Armee dann 2003 ansprach, sah das für mich nach einer guten Möglichkeit aus, mein Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken, wieder etwas zu tun, auf dass ich und meine Eltern stolz sein könnten... sich niederzulassen, Kinder zu haben und so weiter.

Wie sehen Sie den Irakkrieg heute?

Ich glaube, dass dieser Krieg sofort beendet werden muss, denn je länger „wir“ dort bleiben, desto schlimmer wird es werden. Alles, was man seit 2003 gemacht hat, hat den Irakern überhaupt nicht geholfen: reine Gesten, man sagt, dass man hilft, zum Beispiel eine Schule baut und ähnliches, aber der größte Teil des Landes ist nach wie vor zerstört. In Falludschah gibt es Stadtteile, die man nicht einmal betreten kann, wegen der Verseuchungen durch die Uranmunition, die man dort eingesetzt hat und die kleinen Atomwaffen gleichkommen. Die sollten in der konventionellen Kriegsführung natürlich verboten werden, aber das US-amerikanische Militär benutzt sie trotzdem.

Marines zerstören Falludscha Foto: Samantha L. Jones
Uranmüll als Munition: US-Marines zerstören Falludscha, 2004
Foto: Samantha L. Jones

Wie würden Sie die Folgen der Uranmunition beschreiben?

Die häufigste Folge ist natürlich Krebs. Viele Säuglinge werden mit den unterschiedlichsten Defekten geboren, andere Menschen bekommen die sogenannte „Strahlenkrankheit“... Abgereichertes Uran hat nach wie vor eine sehr hohe Halbwertszeit, ganz so, als ob man eine reguläre Atombombe „einsetzen“ würde. Meiner Meinung nach ist Uranmunition wegen der Langzeitwirkung sogar noch gefährlicher als eine Atom- oder Wasserstoffbombe, sie bringt nicht sofort den Tod, aber man siecht über zwanzig, dreißig Jahre einfach dahin. Studien zeigen zudem, dass US-Soldaten, die diese Waffen im Irak eingesetzt haben, ebenfalls diese Symptome entwickeln.

Herr Sheperd, wenn Sie auf die Zeit, als Ihnen die ersten Zweifel als Soldat kamen, bis heute zurückblicken, was würden Sie selbst festhalten?

US-Deserteur Andre Sheperd Foto: Christian Heinrici
Will gerne in Deutschland bleiben,
André Sheperd vor dem Römisch-
Germanischen Museum
Foto: Christian Heinrici
Ich bin sehr dankbar dafür, nun zu wissen, wie die Welt wirklich funktioniert. Bevor ich zum Militär kam, lebte ich schon in einer ziemlichen Fantasiewelt. Besonders in den Vereinigten Staaten wird jungen Leuten immer noch erzählt, dass man nur hart arbeiten, studieren und sich an die Regeln halten muss, und dann laufen die Dinge schon ganz von alleine: der Mythos des American Dream eben, den es natürlich gar nicht gibt – oder nur für diejenigen, die in einer reichen Familie geboren werden oder unverhältnismäßig viel Glück haben.

Und in Bezug auf Kriegsituationen...
das ist etwas, das total inakzeptabel und unvorstellbar ist, allerhöchsten als letzter Ausweg, wenn man selbst oder die Familie unmittelbar bedroht ist – jeder andere Grund ist total indiskutabel!

Herr Sheperd, vielen Dank für das Interview!


Übersetzung: Christine Schmidt, Christian Heinrici
Die Hörversion ist ein Zusammenschnitt des Gesamtinterviews und wird am 5.10. in der Sendung „Vox Populi“ des Freien Lokalrundfunks Köln (flok.de über 107,1 in Köln empfangbar) ausgestrahlt.
Anmerkung:
[1] Das Camp wurde bezeichnender Weise nach Scott Speicher benannt, dem „ersten Opfer“ der US-Armee im Golfkrieg 1991. Der Marineflieger wurde im Nachhinein zum Helden stilisiert. (CH)


Online-Flyer Nr. 217  vom 30.09.2009

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