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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Enthüllung des Deserteursdenkmals in Köln
„Für mich ist das ein Traum“
Von Anneliese Fikentscher

Am 1. September 2009, dem Antikriegstag und 70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurde in Köln ein Denkmal zu Ehren der Deserteure und der Opfer der NS-Militärjustiz eingeweiht – von Elfi Scho-Antwerpes, Bürgermeisterin der Stadt Köln, Dr. Werner Jung, dem Leiter des NS-Dokumentationszentrums und dem Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann. Es ist deutschlandweit das einzige Mahnmal dieser Art, das an vergleichbar zentraler Stelle und auf städtischem Grund errichtet wurden.


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln Foto: Arbeiterfotografie
Das Denkmal – noch vor der Enthüllung | Alle Fotos: Arbeiterfotografie

Der 70. Jahrestag der Kriegserklärung zum Zweiten Weltkrieg durch die NS-Herrschaft – in Köln ein regnerischer Tag. Bekanntlich begann der Krieg damals – wie so oft – mit einer Lüge: Es gebe zwingende Gründe „zurückzuschießen“. Und die Lüge hatte lange und in vielerlei Hinsicht Bestand: Erst im November 1995 erklärte der Bundesgerichtshof in einem Urteil die Wehrmachtsjustiz zur Blutjustiz, und dass sich die Richter von damals der Rechtsbeugung in Tateinheit mit Kapitalverbrechen schuldig gemacht haben. Jedoch nicht einer der Blutrichter wurde bestraft. Vielmehr haben sie – wie der spätere Ministerpräsident Baden-Württembergs, Hans Filbinger – nach dem Krieg Karriere gemacht.

Anders erging es den Deserteuren. Der heute 87jährige Ludwig Baumann, Vorsitzender der „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ ist einer der letzten Überlebenden und galt noch bis 2002 als vorbestraft. Am 1. September 2009 war er Ehrengast der Stadt Köln und enthüllte gemeinsam mit Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes ein Denkmal, das in mehrfacher Hinsicht einzigartig ist und das zu Ehren der Deserteure und der Opfer der NS-Militärjustiz errichtet wurde.

Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Elfi Scho-Antwerpes bei ihrer Ansprache kurz vor der Enthüllung, im Hintergrund der Künstler Ruedi Baur und Ludwig Baumann

„Die Zivilcourage beginnt ganz klein und kann zu heroischen Akten führen. Das eine greift in das andere, verwebt sich zu einem neuen Horizont, einem realistischen Möglichkeitsraum. Wenn der Soldat sich weigert, den Soldaten zu erschiessen, der sich weigerte zu erschiessen und wenn der Bürger sich weigert, den Bürger zu denunzieren, der sich weigert, den Bürger zu denunzieren, bekommt auch die autoritärste Regierung Probleme.“ Mit diesen Worten und einem Entwurf hatte sich der 1956 in Paris geborene Schweizer Künstler Ruedi Baur um die Realisierung des Kölner Denkmals beworben. Die Fachjury war von der klaren und souveränen Formensprache beeindruckt.

Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Leiter des NS-Dokumentationszen-     
trums Jung
Der Umstand, dass für ein derartiges Denkmal eine offizielle Ausschreibung stattgefunden hat, sei bundesweit einzigartig, so Dr. Werner Jung, Leiter des NS-Dokumentationszentrums. Zudem stehe das Denkmal in Köln auf öffentlichem Grund, an einem zentralen Ort mit Blick zum Dom, in der Nähe des ehemaligen Appellationsgerichtshofes und in Sichtweite zu Stadtmuseum und NS-Dokumentationszentrum der Stadt. Besonders hervorzuheben sei die Formensprache, es sei keine Betroffenheitsästhetik, die „das Erinnern herbeihämmert“, so Jung.

Unter der Mitwirkung der Kölner Künstlerin Friederike van Duiven und dem beratendem Beisitz des Grafikdesigners Willi Hölzel aus der Projektgruppe des ELDE-Haus-Vereins, hatte die Jury einstimmig beschlossen, „dass mit diesem Entwurf ein dem schwierigen Thema angemessenes Denkmal realisiert werden kann. Sie formuliert zugleich die Hoffnung, dass möglichst bald auch die letzten Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz rehabilitiert werden.“

Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Späte Rehabilitierung: Ludwig Baumann
Nur weniger als ein Prozent der Opfergruppe der Wehrmachtsdeserteure kann diese späte Rehabilitierung noch erleben, fast alle starben – zumindest rechtlich gesehen – in Unwürden. Auf der Feier in Köln schilderte Ludwig Baumann, wie er nach dem Krieg glaubte, Anerkennung zu finden, jedoch feststellen musste, wie in der Bundesrepublik Deserteure beschimpft und kriminalisiert wurden. Selbst die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN-BdA erkannte noch Jahrzehnte nach dem Krieg die Deserteure nicht als Widerstandskämpfer an.

Trotz nieselnden Dauerregens hatten sich etwa 800 Gäste und Besucher vor dem Kölner NS-Dokumentationszentrum eingefunden, um das Ereignis des Gedenkens mit einem durchaus vorwärts- und gegenwartsgewandten Blick zu begehen. Auf die offizielle Eröffnung folgte ein Bürgerfest mit kritischen Reflexionen und Kulturbeiträgen – tiefsinnig und natürlich humorvoll moderiert von Heinrich Pachl. „Mama, wenn ein Krieg kommt, werd ich dann Soldat? Nein, mein Sohn, werd lieber Edelweißpirat!“ sang die Kölner Reggae-Musikerin und Poetin Lilli B. treffend wie rührend.


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie

Mit „Davon geht die Welt nicht unter“ trug Pe Werner einen „Durchhalteschlager“ aus Goebbels’ „Ideenschmiede“ vor: Das Volk musste schließlich vor 70 Jahren „in Stimmung bleiben“. Und so gab die Sängerin einen lebhaften Eindruck, wie es medial – ähnlich wie heute – möglich war, sich ablenken zu lassen. Und von Marika Rökks „Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur gerade aus. Und was da auch kommt, mach dir nichts daraus...“ könnte sich auch so mancher Zeitgenosse noch angesprochen fühlen.

Im Publikum lauschten viele Prominente und weniger Prominente, aber vor allem viele gesellschaftlich Engagierte, wie der DGB-Vorsitzende Andreas Kossiski, Kulturdezernent Georg Quander, BBK-Vorsitzender Dieter Horky, Friederike van Duiven, die Historikerin und stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, Karola Fings, die das Denkmalprojekt betreute, die Schriftstellerin Ulla Lessmann, Aktive der Kölner Arbeitsloseninitiativen, der Friedensbewegung, des Zwangsarbeiterprojekts, der Jawne-Initiative und viele mehr.

  Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
„Krieg: damals nicht, jetzt nicht, niemals“ – Transparent von „Bundeswehr wegtreten“

Stadtbekannter „Attrappengeneral“ Udo de Cologne erschien nach langer Abwesenheit im „Davidskostüm“ unter der Uniform (siehe Bild unten). Auf der Bühne wirkten Schauspieler des Theaters im Bauturm und des Theaters der Keller, Oberstleutnant Jürgen Rose –
Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Jürgen Rose vom Darmstädter Signal
Elvira Högemann und andere trugen eigene Kriegserfahrungen, Erfahrungen der im ELDE-Haus Inhaftierten um Jakob Zorn vor. Im Chor der Liederlinge sang mit kräftiger Stimme der Kölner Polit-Theologe Klaus Schmidt das Lied vom Graben. Ältere und Ehrengäste verfolgten das Geschehen aus den Fenstern des ELDE-Hauses wie von den Rängen.

„Im Zentrum steht das Leben, die kleine Geschichte der Bürger als Zivilperson oder Soldat, der eigentlich selbstverständliche Respekt des Einzelnen für den Mitmenschen, das eigene als ein gemeinsames Interesse zu sehen und die persönlichen solidarischen Gesten, die leider selten zum Heldentum führen. Es geht darum, auch unter widrigen wie bedrohlichen Umständen wieder ein Mensch zu werden und niemals das Denken und Fühlen auszuschalten, um im wahrsten Sinne blind, geist- und herzlos zu folgen und mitzulaufen,“ hatte der Künstler Ruedi Baur formuliert.

Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Ruedi Baur vor dem Logo der Projektgruppe

„Für mich ist das ein Traum, der heute in Erfüllung geht“ gestand Ludwig Baumann. Vielleicht geht bald noch ein weiterer Traum in Erfüllung, denn der Bundestag berät in der kommenden Woche über die längst fällige Anerkennung der „Kriegsverräter“. (CH)


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Ludwig Baumann in bewegender Ansprache...


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Blick unter dem Deserteur-Denkmal auf die ehemalige Waffenkammer der Stadt


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Das Kunstwerk als ganzes...


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
... erschließt sich durch den Blick in den Himmel


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
...und will vorerst bewacht werden – nicht zuletzt wegen eines angedrohten Naziaufmarsches (verboten)


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie welt ohne kriege
Und es gibt eine Menge aktueller Anlässe zur Desertion: „Abzug aus Afghanistan – Welt ohne Kriege


Einweihung des Deserteur-Denkmals Köln | Foto: Arbeiterfotografie
Udo de Cologne: „Streitkräfte zu wenig beachtet...“
Alle Fotos: Arbeiterfotografie

Online-Flyer Nr. 213  vom 02.09.2009

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