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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?
Zum Wüsten-Projekt der Energiekonzerne
Von Stefan Gänzle, Matthias Ruchser und Hermann Scheer

Am Montag, 13. Juli, konstituierte sich in München das "Desertec-Konsortium“. Ziel der zwölf deutschen Großkonzerne darunter Siemens, die Deutsche Bank, die Energieversorger RWE und Eon ist der Bau eines Profit bringenden Solarstromprojekts in der Sahara, um so bis zum Jahr 2050 ca. 15 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken. Medien und Grüne spendeten kräftig Beifall. Doch macht es Sinn, in Afrika erzeugten Strom über Tausende Kilometer nach Europa zu transportieren? Nein, meinen Dr. Stefan Gänzle und Matthias Ruchser vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Ihrer Ansicht nach sollten die Solarkraftwerke für die Stromversorgung der Entwicklungsländer gebaut werden. SPD-MdB Hermann Scheer, Präsident von EUROSOLAR lehnt das Projekt jedoch prinzipiell ab. – Die Redaktion


Hermann Scheer – wundert sich auch über 
Greenpeace
Quelle: http://cdu-politik.de/
Hier zunächst der Kommentar der Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, dessen Gesellschafter die Bundesrepublik Deutschland (75 %) und das Bundesland Nordrhein-Westfalen (25 %)sind: 

„Am 13. Juli vergangenen Jahres wurde mit großem diplomatischem Aufgebot die „Union für das Mittelmeer“ („Union for the Mediterranean“) aus der Taufe gehoben. Insgesamt 43 Staatsoberhäupter und Regierungschefs aus der Europäischen Union (EU) und den Anrainerstaaten waren der Einladung des französischen Staatschefs Nikolas Sarkozy nach Paris gefolgt, um der Mittelmeerzusammenarbeit neue Impulse zu geben. Die Mittelmeerunion knüpft an den seit 1995 bestehenden Barcelona-Prozess an, der auch eine ausgeprägte sicherheitspolitische Dimension beinhaltete. Ursprünglich hatte Sarkozy geplant, nur die südeuropäischen EU- und Nicht-EU-Mitglieder einzuladen. Um eine politische Fragmentierung der EU zu verhindern, wurde dieses Ansinnen jedoch auf Betreiben anderer Mitgliedstaaten, insbesondere Deutschlands, zurückgenommen. Letztendlich hat sich die Mittelmeerunion sechs Schwerpunktthemen gesetzt, darunter auch einen „Mediterranean solar energy plan“. Der Gaza-Krieg machte vor einigen Monaten einen Strich durch die Rechnung. Seit Dezember 2008 haben keine hochrangigen ministeriellen Treffen der Teilnehmerstaaten mehr stattgefunden und wichtige Fragen der weiteren institutionellen Ausgestaltung der Union wurden auf Eis gelegt.
 
Ähnlich wie bereits die Ostseekooperation der 1970er Jahre sollte die Mittelmeerunion sich zum jetzigen Zeitpunkt vor allem um die klima- und umweltpolitischen sowie wirtschaftlichen Themen bemühen und sicherheitspolitische Themen ausklammern. War es vor diesem Hintergrund Zufall, dass die „Münchner Rück“ (die weltweit größte Rückversicherungsgesellschaft) ausgerechnet für den 13. Juli zu einem Gründungstreffen für die Initiative „Desertect“ nach München eingeladen hat?
 
Energiesicherheit durch solarthermische Kraftwerke?
 
Die Projektidee von Desertec ist nicht neu, aber trotzdem faszinierend: solarthermische Kraftwerke in Nordafrika tragen zur sauberen Energieversorgung Europas bei. Investitionen von 400 Mrd. Euro bis zum Jahr 2050 wären notwendig, um 15 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken. Kommt also das privatwirtschaftliche Desertec-Konsortium dem europäischen „Mediterranean solar energy plan“ zuvor oder ersetzt diesen gar?
 
Zunächst einmal die positive Nachricht, die Techniken für die solarthermische Stromerzeugung, Concentrated Solar Power (CSP) genannt, sowie den Stromtransport per Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsnetze stehen schon heute zur Verfügung. Die ersten Parabolrinnen-Kraftwerke sind seit Mitte der 1980er im kalifornischen Kramer Junction am Netz. Weiterentwickelte CSP-Kraftwerke werden seit einigen Jahren in den USA und Spanien gebaut. Im ägyptischen Kuraymat entsteht derzeit ein kombiniertes CSP- und Gas- und Dampfkraftwerk. In weiteren Ländern haben die Planungen für Parabolrinnen-Kraftwerke bereits begonnen. Eine weitere gute Nachricht – zumindest aus deutscher Sicht – ist, dass hiesige Unternehmen CSP-Technologieführer sind. Die Parabolspiegel kommen von Flabeg, die Receiver von Schott Solar, die Turbinen, Generatoren und die Leittechnik von Siemens und als Generalunternehmer sind Solar Millennium und MAN Ferrostaal tätig.
 
Bliebe also nur noch die Aufgabe, die Finanzierung der Desertec-Initiative zu sichern und politisch in die Mittelmeerunion einzubinden? Doch so einfach ist es nicht, die Mittelmeeranrainer-Staaten als potenzielle Kraftwerksstandorte zu gewinnen. In vielen Ländern herrschen – in unterschiedlicher Ausprägung – autoritäre Regime und besteht die Gefahr terroristischer Anschläge. Das Bevölkerungswachstum sowie die Arbeitslosenzahlen sind sehr hoch. Verstärkt werden die sozialen Probleme durch den Migrationsdruck aus Afrika südlich der Sahara. Ein insgesamt explosives Gemisch mit Auswirkungen auch auf unsere Sicherheit.
 
Die meisten nicht-EU-Mittelmeeranrainer haben einen hohen Entwicklungsbedarf. Eine Voraussetzung für Entwicklung ist Energie. Jedoch decken derzeit vor allem konventionelle Kraftwerke die Energieversorgung ab. In Zeiten eines beschleunigenden Klimawandels, von dem vor allem die Schwellen- und Entwicklungsländer betroffen sind, müssen auch diese ihre Energieversorgung frühzeitig auf einen nicht-konventionellen, also erneuerbaren Energiepfad lenken. Große solarthermische Kraftwerke können eine Lösung des Problems sein. Derzeit liegen die Stromgestehungskosten zwar mit 15 bis 23 Cent pro Kilowattstunde noch über den meisten konventionellen Kraftwerken. Doch hier kann – nach Vorbild des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes – entweder ein erhöhter Stromeinspeisetarif für erneuerbaren Strom (vom Endkunden bezahlt) die Lücke zum wirtschaftlichen Betrieb schließen; oder aber vom Staat festgelegte ambitionierte Quoten für den Anteil von erneuerbar-erzeugtem Strom bewirken Investitionen in CSP-Kraftwerke – ähnlich wie in den USA. Worauf es ankommt sind klare Rahmenbedingungen für den Stromabsatz in den potenziellen Betreiberländern, so dass sich die Milliarden-Investitionen für private Investoren langfristig lohnen.
 
Netzausbau als europäische Aufgabe
 
Im Kontext der euro-mediterranen Partnerschaft sind bereits Erfolge bei der wirtschaftlichen Transformation, z. B. in Tunesien, jedoch weniger im Hinblick auf einen politischen Wandel zu verzeichnen. Nichtsdestotrotz bietet die Union für das Mittelmeer einen dynamischen normativen Bezugsrahmen für die südlichen Anrainer.
 
Es sollte jedoch nicht Aufgabe der EU im Rahmen der Mittelmeerunion sein, das finanzielle Risiko für privatwirtschaftliche Projekte wie die Desertec-Initiative aufzufangen. Anders sieht es bei der Förderung des Netzausbaus im gesamten Mittelmeerraum aus. Der Netzausbau ist unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Daseinsvorsorge zu sehen und deshalb könnte die EU einen wichtigen Beitrag zur kollektiven Energieversorgungssicherheit im Mittelmeerraum leisten und damit langfristig für eine Sicherheitsdividende sorgen. Um es auf den Punkt zu bringen: Erneuerbare Energien fördern Entwicklung und Entwicklung fördert Sicherheit. Insofern sollte das sich konstituierende Desertec-Konsortium der Mittelmeerunion einen neuen Schub geben.“
 
Sauberer Strom aus Deutschland ist billiger
 
Hermann Scheer, Präsident von EUROSOLAR, SPD-MdB und Träger des Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award) 1999, des Weltsolarpreises 1998, des Weltpreises für Bioenergie 2000 und des Weltpreises für Windenergie 2004, kritisiert den 400-Milliarden-Plan der deutschen Energiekonzerne für Solarstrom aus Nordafrika erheblich schärfer als die DIE-Mitarbeiter. EUROSOLAR ist die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien und vertritt seit 1988 das Ziel, atomare und fossile Energien vollständig durch Erneuerbare Energien zu ersetzen. Scheer begründet seine Kritik wie folgt: 
 

Strom aus Sonnenenergie – direkt vor Ort 
und billiger als aus Afrika
Quelle: jan-volkmann.de
„Auch wenn das 400-Milliarden Projekt deutscher Konzerne für Solarstromerzeugung aus Nordafrika - das sogenannte Desertec-Konzept - allenthalben (von der Bundesregierung bis zu Greenpeace) begrüßt wird, rate ich von voreiligen übertriebenen Erwartungen an dieses Projekt und diesbezügliche Subventionsentscheidungen ab. Unterschätzt werden dabei die voraussichtlichen tatsächlichen Kosten dieses Projektes ebenso wie die Zeiträume zu dessen Realisierung.
 
Ein zentraler Einwand ist: Bevor dieses Projekt zum Tragen gebracht werden kann, wird der weitere Ausbau der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien in Deutschland zu niedrigeren Kosten und Preisen möglich sein als der Solarstromimport aus Nordafrika. In weniger als drei Jahren wird die Solarstromerzeugung in Deutschland die sogenannte "grid parity" Schwelle erreicht haben – also zu Kosten, die dem gegenwärtigen Strompreis entsprechen. Bei Windkraft haben wir im Verhältnis zu den Erzeugungskosten aus neuen fossilen Kraftwerken bereits jetzt eine ungefähre Kostengleichheit in der Stromerzeugung erreicht. Mit den neuen Stromspeichertechniken, die für die Informationstechnologie und für die Elektroantriebe entwickelt und produziert werden, wird sich das Speicherproblem von Solar- und Windstrom effizient und kostengünstig von selbst klären. Mit anderen Worten: Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Solarstrom aus Nordafrika zu den von Desertec versprochenen Preisen geliefert werden kann (also frühestens 2020), wird die Solar- und Windstromerzeugung hierzulande deutlich preisgünstiger sein.
 
Außerdem muss stark bezweifelt werden, dass die von Desertec angegebenen Investitionskosten und Zeiträume tatsächlich eingelöst werden können. Die Kostenfaktoren unter den Randbedingungen von Wüstenkraftwerken (u.a. Schutz der Solarspiegel vor Sandstürmen und Sandwehen) werden grob unterschätzt, ebenso wie die Kosten und die Umsetzungsschwierigkeiten des Baus von mehreren Übertragungsnetzen durch mehrere Länder. Das Desertec -Projekt kann zu einer großen Subventionsruine werden und sich als „Fata Morgana“ erweisen – es sei denn, es wird dazu benutzt, den dynamischen Ausbau Erneuerbarer Energien hierzulande willkürlich zu stoppen.
 
Es gäbe nur einen einzigen Grund für dieses Projekt; wenn das Potential erneuerbarer Energien hierzulande nicht ausreichen würde. Mit diesem Argument werden auch die Laufzeitverlängerung der Atomenergie und neue Kohle-Großkraftwerke empfohlen. Doch diese Argumentation ist eine Potentiallüge, die gerade heute auf der Kasseler Konferenz „100%-Erneuerbare-Energie-Regionen“ überzeugend widerlegt wird. Dort haben bereits 99 deutsche Kommunen und Landkreise ihre konkreten Konzepte vorgestellt, wie sie innerhalb von 20 Jahren zu einer Vollversorgung mit Strom aus Erneuerbaren Energien kommen können.
 
Lieber Denzentralisierung als ein neues Strommonopol
 
Die Desertec -Befürworter übersehen, dass die Investitionsdynamik für Erneuerbare Energien gerade darin liegt, dass es bei dezentraler Anwendung viele Millionen Investoren und nicht nur wenige Stromkonzerne gibt. Übersehen wird auch, dass mit der Dezentralisierung der Stromerzeugung überall regionale Wertschöpfung stattfindet statt nur in der Hand weniger Stromkonzerne, die unbedingt ihr Anbietermonopol erhalten wollen.
 
Solarstromerzeugung in Nordafrika ist eine wichtige Option – und zwar für die nordafrikanischen Länder selbst. Aber auch für diese ist die verbrauchsnahe Erzeugung – also die dezentrale – das sehr viel Näherliegende und schneller Realisierbare. Wer etwas von Solarenergie versteht, der weiß, dass es massive – und nicht zuletzt wirtschaftliche – Gründe gibt, nicht die Struktur von atomaren und fossilen Großkraftwerken zu kopieren. Diese Struktur war und ist das größte Hindernis gegenüber der Einführung Erneuerbarer Energien. Es ist merkwürdig, dass selbst Greenpeace das noch nicht verstanden hat."

Nach Ansicht von Greenpeace nämlich kann die Desertec Industrie Initiative (DII) „ein Meilenstein für die weltweite Nutzung von Solarkraftwerken in Wüstenregionen werden“. Greenpeace fordert deshalb die beteiligten Unternehmen auf, „das Desertec Projekt mit Entschlossenheit voran zu bringen“. Ähnlich positiv bewertete die Grüne Renate Künast das Projekt am Abend im Fernsehen. (PK)

Mehr zum Thema unter http://www.die-gdi.de/ und http://www.eurosolar.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=1108&Itemid=273

Online-Flyer Nr. 206  vom 15.07.2009

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