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Aktueller Online-Flyer vom 04. September 2010  

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Lokales
Wenn Kipa-Brüder die Woche der Brüderlichkeit feiern
Ein Besuch in der Kölner Synagoge
Von Werner Rügemer

Die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hatte eingeladen zur Hauptveranstaltung der diesjährigen „Woche der Brüderlichkeit“. Sie steht unter dem Motto „1949 bis 2009. So viel Aufbruch war noch nie“. Als Referentin der Matinee war angekündigt eine Frau Professor h.c. Sigrid Löffler zum Thema „Fremde. Der Migrant als Leitfigur der mobilen Moderne und der Literatur“. Die mir unbekannte Referentin und auch die Thematik beflügelten mich nicht, aber ich wollte schon länger endlich einmal die Synagoge kennen lernen. Jemand muß das geahnt haben, die Einladung fand sich in meinem Postkasten und so ging ich hin.

Quelle: www.sgk.de/
An dem tempelartigen Gebäude in der Roonstraße war ich schon viele Male vorbeigekommen. Auch heute standen wie immer Polizeiautos auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter den Bäumen des Rathenau-Platzes. „Fahrrad nicht hier abstellen!“ rüffelte mich ein junger glatzköpfiger Aufpasser an. Ich schob das Fahrrad über die Straße und machte es neben einem der Polizeiautos an einem Laternenpfahl fest. Die Polizisten schienen sich zu langweilen, hatten Plastikbecher in den Händen, plauderten. Während ich über die Straße zurückging, blickte ich zur wilhelminisch monumentösen Fassade hinauf. Die Eintrittskarte genügte nicht, der Bruder Aufpasser prüfte meinen Personalausweis mißtrauisch, bevor er mich zur Eingangstreppe passieren ließ.
 
Sicherheitsschleuse
 
In Grüppchen mußten sich die Besucher hinter der Eingangstür in die Sicherheitsschleuse quetschen. Wenn der kleine Glaskäfig voll war, wurde durch Knopfdruck des Pförtners, der hinter einem anderen Glaskasten stand, die Innentür geöffnet, die Brüder und Schwestern konnten in das Foyer treten. Dann wurde die Innentür geschlossen, die Außentür geöffnet, und mit dem nächsten Besuchergrüppchen begann die Prozedur von neuem.


Synagoge in der Roonstraße
Quelle: www.zentralratdjuden.de
Fotograf: Ulrich Knufinke
 
Dann mußte man die Eintrittskarte erneut herzeigen, zwei freundliche Damen fragten nach dem Namen und sahen in der ausgedruckten Namensliste nach, ob man angemeldet war. Man bekam ein schwarzes Mützchen, Kipa genannt: Nur mit einer solchen dürfe man den eigentlichen Synagogenraum betreten, schärfte mir eine der Schwestern bedeutsam ein. Das schien sehr, sehr wichtig zu sein. Andere Besucher nahmen andächtig ein Mützchen und setzten es sich auf. Ich tat tat es ihnen nach. Wie ich allerdings feststellen mußte, war das „man“ hier wörtlich im alten Sinne zu verstehen: Menschen weiblichen Geschlechts bekamen kein solches Mützchen. Sie sind hier offensichtlich eine andere Art Menschenwesen, vielleicht nicht so wichtig. Das schien aber keine der Schwestern zu stören. Außerdem ging es ja um die Woche der Brüderlichkeit.
 
Bund mit Gott
 
Der Synagogenraum, wie sich zeigte, ist weit, hoch und hell, überwölbt von einer breiten Kuppel. Viele in die Decke eingelassene Strahler beleuchten den Raum, was wahrscheinlich gar nicht nötig wäre. Denn an den beiden Seiten der hohen Wand strömt durch zwei große runde Fenster viel Licht herein. Rechts und links vorne vor dem Altar stehen zwei übermannsgroße siebenarmige Leuchter mit einem David-Stern in der Mitte, sodaß nur sechs Kerzen auf dem Leuchter angebracht sind. Auf einem Wandteppich hinter dem Altar ist ein Buch-Symbol angebracht, das soll sicher das religiöse Hauptbuch der Juden darstellen, die Thora. Die beiden aufgeschlagenen Seiten werden von zwei aufrecht stehenden Löwen gestützt, darüber thront eine Königskrone. Das hat wohl mit dem Alten Testament zu tun: König David gründet das Königreich Israel damals vor vielleicht 3.000 Jahren, geht einen Bund mit Gott ein, alle Andersgläubigen sollen vernichtet werden, so etwa lautet bekanntlich die Legende.
 
OB a.D. und OB in spe
 
Der breite Synagogenraum ist mit drei Bankreihen bestuhlt. Ich schätzte, daß es hier etwa 500 Sitzplätze gibt. Die vorderen Bankreihen trugen auf jedem Platz ein Schild „Reserviert“. Auf den Hinterköpfen der dort sitzenden Männer bemerkte ich verschiedenfarbige Kipas. Während offensichtlich die „normalen“ Besucher wie ich eine schwarze Kipa hatten, hatten einige dort vorne eine blaue, einige eine weiße Kipa, einige Kipas waren zusätzlich bunt bestickt. Ein mit diversen Kameras schwer behängter Mann, der offensichtlich zum Hause gehörte, ging umher und machte Fotos von denen, die irgendwie wichtig waren und sich mit anderen unterhielten, die auch wichtig waren. Dazu zählten die Gemeindevorstände und der ehemalige Kölner Oberbürgermeister, der auf einem reservierten Platz saß und eine blaue Kipa trug. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen; als er noch im Amt war, hatte er eine Verleumdungsklage gegen mich angestrengt, weil ich in der Kölner StadtRevue seine fünf verschiedenen Einkommen aufgedeckt hatte; der verdienstvolle Sozialdemokrat verlangte damals 40.000 DM Schmerzensgeld, die einer grünen Hilfsorganisation für verfolgte Kinder aus dem islamischen Orient zugute kommen sollten; in zweiter Instanz war das Verfahren eingestellt worden, das Gericht hatte an meiner Darstellung nichts auszusetzen. Zu den Fotografierten zählte auch der ehemalige Kölner Regierungspräsident, auch ein Sozialdemokrat, der jetzt Oberbürgermeister werden will, er trug eine schwarze Kipa und unterhielt sich leutselig mit möglichst vielen Menschen und lächelte, wenn er endlich fotografiert wurde.
 
Es waren schließlich gut hundert Menschen in den Bänken, schätzte ich. Die Veranstaltung begann mit einem Quartett aus zwei Geigen, einem Violoncello und einer Oboe. Gespielt wurde etwas üblich deutsch-Klassisches, Mozart, Haydn oder ähnliches. Danach begrüßte uns ein junger Mann, der sich als Gemeinderabbiner Jaron Engelmayer vorstellte. Er war mit einem schwarzen Anzug bekleidet und erinnerte daran, dass „Wir, das jüdische Volk“, wie auch das Motto der Woche der Brüderlichkeit besage, in der Fremde geformt worden sei und dort auch die Thora „empfangen“ habe. „Empfangen“, sagte er. Heute seien die Juden allerdings keine Fremden mehr, sondern Partner. Er entschuldigte sich sehr gewinnend, dass er gleich einen anderen Termin habe und bei dieser wichtigen Veranstaltung leider nicht bleiben könne.
 
Sich verstärkenden Nationalismus beklagt
 
Der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit übernahm die nächste und ausführlichere Begrüßung. Dr. Jürgen Wilhelm dankte zunächst dem Gemeindevorstand, dass er die Synagoge als Veranstaltungsort zur Verfügung gestellt habe, auch dass eine solche Musik hier gespielt werden könne. Er beklagte dann, dass spätestens „seit dem Elften September“ - damit meinte er offensichtlich den ungeklärten Anschlag auf die Gebäude des World Trade Center in New York - „Multikulti“ infrage gestellt werde, ja sogar gescheitert sei, möglicherweise. Er beklagte sehr den sich verstärkenden Nationalismus, der sich zuletzt bei den Europawahlen wieder gezeigt habe, in den Niederlanden und vielen anderen Ländern. Zustimmung heischend blickte er auf das Publikum, das wiederum ihn wegen dieser Anklage dankbar und Zustimmung nickend anblickte, so schien es mir.
 
Ich wollte schon dazwischenrufen, dass der Nationalismus eine besonders verstärkte Ausprägung nach jenem geheimnisvollen elften September gerade in den USA gefunden habe und von Anfang an in Israel sogar Staatsdoktrin sei. Und mit der neuen Regierung Netanjahu/Liberman einen besonders aggressiven Ausdruck finde. Ich verkniff mir das aber, wobei ich nicht weiß, ob ich wieder mal zu furchtsam war. Warum sollte man eine solche banale und weltbekannte Tatsache nicht sagen dürfen? Lag es an König David und den Kipas? Mir fiel noch ein, daß von den Regierungen der meisten EU-Staaten damals in Ex-Jugoslawien die nationalistischen Organisationen in Kroatien, Serbien, im Kosovo undsoweiter heftig und mit Waffen und Geheimdiensten unterstützt wurden. Und daß dabei der liberale deutsche Außenminister Genscher besonders eifrig gewesen war. Ach ja, und dass im Irak der “Westen“ die Gründung nationalistischer und religiöser Parteien gefördert habe.
 
Wahrscheinlich wäre mir noch viel mehr dergleichen eingefallen. Ich konnte aber über all das gar nicht weiter nachdenken, denn Dr. Wilhelm referierte freundlich und eindringlich weiter, daß die „Verabsolutierung der Nation und der eigenen Kultur“ zur „Selbstaffirmation“ und zur „Projektion des Eigenen auf das Fremde“ diene undsoweiter. Allerdings schaffte er es auch hier, diese beliebte psychologische Erkenntnisfigur gerade nicht auf die beiden von ihm vermutlich besonders geschätzten Staaten Israel und USA anzuwenden. Er behauptete dann in seiner ausgesuchten Brüderlichkeit, daß es heute so viel grenzüberschreitenden Verkehr und soviel Aufbruch gebe wie noch nie. Ich verbot mir sofort, etwas von der Mauer dazwischen zu werfen, die der israelische Staat immer weiter ausbaut. Dr. Wilhelm endete mit der nachdrücklichen Aufforderung „Laßt uns ohne Angst verschieden sein!“ und begrüßte besonders herzlich „unsere Referentin“ Frau Professor Löffler, die eigens aus Berlin nach Köln gekommen sei.
 

Referentin Sigrid Löffler
Quelle: www.2008.ruhrtriennale.de
  
Das Quartett spielte wieder etwas deutsch-Klassisches, bevor die etwas dickliche Professorin, die ihren Mantel anbehielt und keine Kipa trug, ohne jegliche Begrüßung ihr Honorar abarbeitete und ohne Umschweife auf den „Migranten als Leitfigur der Moderne“ zu sprechen kam. Die Referentin soll eine sehr bekannte Person sein. Ich blickte fragend meinen Nachbarn zur Linken an. Er raunte mir zu: „Literarisches Quartett!“ Als ich immer noch ratlos blickte, raunte er mir heftiger etwas zu, das wie „Reicher Ranitzki“ klang. Das schien er für eine definitive Erklärung zu halten.
 
Vielgelesene Erfolgs-Literatur
 
Die Kipa-freie Schwester las ziemlich bewegungslos aus einem Manuskript vor. Das Fremde sei zum Zentralbegriff des Politischen geworden, behauptete sie, ohne aufzusehen. „Welt im Transit“, „postnationale Literatur“, „entterritorialisierte Literatur“ waren ihre Schlagworte. Die bisherige „Nationalliteratur“ sei heute ebenso abgelöst wie die „Weltliteratur“. Heute gehe es um „global literature“: Schriftsteller aus verschiedensten und eher peripheren Kulturen wie Bosnien, Kurdistan, China, Türkei, Indien, Pakistan, Irak, Israel undsoweiter stellen das widersprüchliche Leben von Menschen dar, die weder in ihrem Herkunfts- noch in ihrem Ankunftsland zuhause sind, behauptete die Viellesende. Diese Schriftsteller, die sehr häufig in einem anderen Staat leben oder mehrere Wohnsitze haben, bedienen sich meist der Sprache der ehemaligen Kolonialmacht England. Das schien mir eine zutreffende Feststellung. Sie schreiben gegen die „Militarisierung der Seelen“ an und sind, so behauptete die sehr belesene Frau weiter, die „professionellen Blickveränderer“ auf dem Wege zu postnationalen Identitäten, auf der Suche nach dem „neuen Anderen“.
 
Ich fand diesen Sprech etwas langweilig, aber diese heute vielgelesene Erfolgs-Literatur hatte ich bisher nicht beachtet, vielleicht zu Unrecht. Vielleicht machte ich es mir zu einfach, als ich mich dieser einstürmenden, allerdings diffusen Erkenntnis zunächst durch folgende Einschätzung entziehen wollte: Die Quartett-Professorin entschärft möglicherweise mit ihrer Darstellung die sozialen Konflikte und verschiebt sie zu Konflikten zwischen Kulturen, und das gefällt hier diesem Publikum. „Clash of Identities“, wie es in der New York Times immer zu den Konflikten im Iran, im Irak, im Libanon und in Palästina heißt.
 
Ich konnte allerdings nicht beurteilen, welche Konflikte in den von der Literaturwissenschaftlerin kurz erwähnten Romanen genau dargestellt werden. Daß zehntausende Flüchtlinge an Europas Grenzen ertrinken und nicht in einem anderen Staat leben können, daß zwischen Palästinensern und Juden keine Migration stattfindet, das schien diese Art brüderlicher Literatur auszublenden. Die Professorin schilderte bewegungslos ihr großes Vorbild Salman Rushdie, der vom Paradies der früheren Integration zwischen Okzident und Orient träumt. Dieser aalglatte Aufsteiger ist mir persönlich ein Gräuel. Vermutlich werde ich keine Zeit haben, dieses Urteil oder Vorurteil zu überprüfen. Die Professorin bedankte sich schließlich unvermittelt, „daß Sie mir zugehört haben“, blickte kurz auf, schichtete die Blätter ihres Manuskripts zusammen und verließ das Rednerpult. Das Publikum applaudierte artig.
 
Der “Aufbruch“
 
Man hatte eine freundliche Pflicht erfüllt, so schien es, auch war man ohne Bemühung in frommer säkularer Denkungsart bestätigt worden. Den großen bunten Blumenstrauß, den ihr Dr. Wilhelm nach dem Referat schnell überreichte, nachdem er ihn von einem jungen Rabbi übernommen hatte, der ihn wiederum von einer Frau gereicht bekommen hatte, reichte die Referentin gleich zurück an den jungen Rabbi, der den Strauß mürrisch neben sich auf dem Fußboden ablegte.
 
Statt einer Diskussion bot das Quartett nun ein besonders langes Stück in der bekannten Manier dar. Dann brachen die Besucher artig auf und drängten aus dem Synagogenraum. Das war wohl der “Aufbruch“, der im Motto der Woche der Brüderlichkeit angekündigt war, sonst konnte ich keinen erkennen. Hatten sie ihren Blick verändert?
 
Am Ausgang drängelten sich die Besucher vor dem Glaskasten, nachdem die Brüder, zu denen ich gehörte, ihre Kipas abgegeben hatten. Die Tür wurde geöffnet, ein Grüppchen ging hinein, die Tür wurde geschlossen, der Bruder Pförtner hinter seinem Glaskasten drückte auf einen Knopf, die Außentür öffnete sich, Brüder & Schwestern gingen einzeln hinaus. Wenn die Außentür geschlossen war, öffnete sich die Innentür, das nächste Grüppchen drängte sich in den Glaskasten... Bruder Aufpasser stand immer noch oder wieder wichtig da. Obwohl er nichts Erkennbares zu tun hatte. Das mag aber an meinem unveränderten Blick gelegen haben.
 
Ich sollte doch einige Romane dieser Schriftsteller lesen, zum Beispiel aus Israel, die gegen die „Militarisierung der Seelen“ und für eine „postnationale Identität“ anschreiben, dachte ich. Vielleicht steht da auch etwas anderes drin als die Schwester Referentin sp erzählt hat. Es könnte ja sein.
 
Die Polizisten, die auf der gegenüberliegenden Seite der Straße in ihren Polizeiautos saßen, machten den Eindruck, dass sie endlos Zeit haben. Sie hielten immer noch oder wieder Pappbecher in der Hand, plauderten locker miteinander und beachteten die Brüder und Andersgeschlechtlichen nicht, scheinbar, die sich nun ohne Kipas ohne Aufsehen in die Stadt verstreuten. (PK)

Online-Flyer Nr. 205  vom 08.07.2009
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