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Aktueller Online-Flyer vom 07. Oktober 2022  

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Inland
Neue Staatslegende über den Tod von Benno Ohnesorg
Geschichtsumdeutung mit Kopfschuß
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

Daß wir das noch erleben dürfen... Darauf hat der Autor 42 Jahre lang gewartet – nachdem die Zeitungsmeldung über die Ermordung Benno Ohnesorgs selbst ins provinzielle Kassel, wenn auch eben nur provinzielle, Unruhe hineintrug, zu heftigstem Krach am Familientisch und in der Schule führte – und jedenfalls zu erster eigener „Politisierung" Anstoß gab. Und nun ist wirklich passiert, was der Autor schon vor Jahren „vorausgesagt" hat, wenn auch meist in Bier- und Spottlaune:

Daß endlich irgendeine der staatlichen und halbstaatlichen Fälschungsagenturen und Kampagnenfabriken, von BILD über Bertelsmann bis hin zur Birthler-Behörde, daherkommt und uns, dreist spekulierend auf die Vergeßlichkeit und durch von oben geförderte Ahnungslosigkeit medienmanipulierter Mehrheiten, einzutrichtern versucht:
Es war alles ganz anders.


Benno Ohnesorg – inzwischen sogar bei         
BILD ein Polizei-Opfer
Quelle: NRhZ-Archiv
Und siehe da, pünktlich zum Bundestags-Wahljahr 2009 präsentiert die Birthler-Behörde – für ihre Unparteilichkeit, Präzision und politische Unabhängigkeit so überaus rühmenswert –  eine neue, mythenträchtige Version über den Tod Benno Ohnesorgs. Oder doch zumindest über den Polizisten Kurras, der Benno Ohnesorg erschoß und damit die „apokalyptischen Sturmvögel der Kulturrevolution" (F. J. Strauß) erst richtig zu ihrer Revolutionsrandale anheizte. Er war, behauptet die quasi geheimdienstlich operierende Zentralstelle für 
gezielte politische Kampfenthüllungen, SED-Mitglied und Stasi-Agent. Ja, da weiß man doch alles, jede Diskussion über den 2. Juni und seine Folgen ist ab sofort überflüssig.

Umerziehung durch Umerzählung

Vergeblich wird nunmehr jede aufklärerische Hintergrundanalyse über die Ursachen und Zusammenhänge jener verhängnisvollen Ereignisse sein. Verhallen wird jeder Hinweis auf die systematische Anheizung gewalttätiger Eskalation durch die rechtsgestrickte Westberliner Polizeiführung an diesem geschichtsträchtigen Tag. Im durchdringenden Wind der
Mainstream-Kampagne wird verhallen, was Zeitzeugen wie Bahman Nirumand, dessen Rede gegen den Shah am 1. Juni 1967 an der Freien Universität Berlin die Proteste gegen den iranischen Gewaltherrscher erst richtig auf die Straße brachte, aus eigenem Erleben wissen oder Rechercheure wie der Journalist Uwe Soukup, der ein grundlegendes Buch über den Tod von Benno Ohnesorg veröffentlicht hat (1), über die Diktatur-Strategie der Westberliner Staats- und Polizeiführung zutage gefördert haben. 
 

Karl-Heinz Kurras – nach dem Prozess beim 
Berliner Landgericht | Quelle: NRhZ-Archiv
Nein, die neue Staatslegende wird ab jetzt wohl im Medienmainstream und vielleicht sogar vor Gericht als verbindliche Geschichtsversion durchgesetzt. Ein Linker also, so das neue von oben verordnete Glaubensdogma, setzte, womöglich in Vollzug einer linken (Zonen-)Verschwörung, die linke Straßenrevolte in Gang. Für die Zukunft seien wir also gewarnt und bleiben bei Protesten gegen Sozialdumping und Kriegseinsätze lieber zuhause. Derlei Geschichtsrevisionismus kommt den herrschenden Kreisen dieser Nach-68er- Republik gerade gelegen. Bietet er doch ein warnendes Exempel, daß aus öffentlicher Zusammenrottung protestierender Haufen nichts Gutes entstehen kann, ja daß stets fintere Mächte am Werke sind, wo unverständige, verführte Massenaufläufe gegen die bestehende Ordnung anrennen.

Ein Bauernopfer muß schon sein

Für die insofern wünschenswerte Umdeutung der Ereignisse vom 2. Juni 1967 läßt man auch bedenkenlos einen der eigenen treuen Schergen und Handlanger fallen, den heute ohnehin schon 81jährigen Todesschützen Heinz Kurras. Schließlich geht es um höhere Notwendigkeiten: Angesichts absehbar drastisch verschärfter sozialer Konflikte und des Unmuts eines zunehmenden Teils der Bevölkerung gegenüber einer Sozial- und Wirtschaftsordnung, aus der Massenarbeitslosigkeit, Verarmung und repressiver Grundrechtsabbau resultieren, müssen mit allen Mitteln und Tricks mögliche Widerstandsbewegungen unterlaufen, muß alles "Linke" aus Vergangenheit und Gegenwart zur Not mit Erfindungen diffamiert und diskreditiert werden. Daß sich die "Stasi", also die böse DDR, kurz vor den Bundestagswahlen überdies auch als aktuell brauchbarer Prügelsack 
eignet, unterstreicht, angesichts zweistelliger Prognosen für "Die Linke", zudem den tagesorientierten Nutzwert solcher Grundsatzstrategien.

Der rechte Held – ein linker Verräter?

Da würden sie heute allerdings ein bißchen baff aus der Wäsche gucken - die schnarrenden Lehrer und blaffenden Onkel, die in den erwähnten Familien- und Schul-"Diskursen" über den 2. Juni, wie auch viele sich austobende Leserbriefschreiber, damals lebhaft bedauerten, daß nur Benno Ohnesorg "abgeknallt" worden sei, daß man mit dem "langhaarigen Pack" und dem "verlausten Gesindel" nicht "endgültig aufgeräumt" habe. Als "Anstifter" des "Berliner Aufruhrs" machte derlei juste milieu übrigens auch - wen wohl - die "Zonenmachthaber" und insbesondere die Stasi aus. Doch auch ihr Saisonheld Kurras - ein von "drüben gesteuerter" Agent? Herr Polizeiobermeister Kurras, der Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in den Kopf schoß, worauf dieser auf dem Pflaster Berlins verblutete, während die Polizei aktiv  Rettungsmaßnahmen behinderte, Herr Kurras also war nicht etwa ein kongenialer Angehöriger einer Westberliner Polizei, die noch von aktiven Nazis, von SS-und Gestapo-Verbrechern durchsetzt war (2), sondern ein Sendbote der "Zone", ein Stasi-Agent. Gleiches dürfte dann auch - diese Zusatzenthüllung möchte ich unseren besoldeten  Staatsgeschichtsumschreibern hiermit offiziell vorschlagen - für jene Kurras-Kollegen gelten, die ihrem Erfolgsschützen zunächst fürsorglich empfahlen, sich vom Tatort zu "verdünnisieren".

Westberliner Polizei: Außenstelle Stasi-West?

Ganz nach typischer Ostzonenmanier erteilte eine höhere Polizeicharge den Befehl: „Schnell weg! Kurras gleich nach hinten! Los!" Diese bolschewistische Order war jedenfalls auf einem Tonbandmitschnitt zu hören, der später vor dem Berliner Landgericht abgespielt wurde. Kurras verzog sich folgsam zu seinem höchsten Vorgesetzten – und, wie wir heute wohl erschüttert mutmaßen müssen, seinem obersten Stasi-Führungsoffizier: dem Berliner Polizeipräsidenten höchstpersönlich. Mit neuen Zonen-Anweisungen ausgestattet, ging der siegreiche Mauer – pardon – Demoschütze des Proletariats nach Hause. Dort ließ er, so SPIEGEL-Autor Reinhard Mohr, "das Magazin seiner Pistole verschwinden und brachte am Morgen seine Kleider zur Reinigung". Auch hier: typische Stasi-Verdeckungsmethode. Wahrscheinlich rasierte er sich noch propyhlaktisch, damit ihm kein Pankower Spitzbart wuchs. Eine saubere Weste mußte man ja damals haben in der BRD und der Selbstständigen Politischen Einheit Berlin (West), insbesondere bei den in diesen demokratischen Musterkolonien tätigen Polizeikräften. Unter denen hatte das DDR-Braunbuch zwar Nazis und Gestapo-Folterer die Masse ausgemacht, aber das waren natürlich alles, wie die BRD-offizielle Verrufung des "Braunbuchs" bis heute unverändert lautet, lediglich "Propagandalügen". Wohingegen die Birthler-Behörde nur die Wahrheit und nichts als sie im Sinne hat, schon, als sie noch Gauck hieß.

Stasi-Opfer Benno Ohnesorg?

Auch jene Westberliner Polizeibeamten waren mithin höchstwahrscheinlich "Provokateure Pankows" und Zuarbeiter des "Zonenregimes", über die das Berliner Landgericht feststellen mußte - Zitat: „Es besteht leider der dringende Verdacht, dass auf Benno Ohnesorg auch dann noch eingeschlagen wurde, als er schon tödlich getroffen am Boden lag." Diesen Verdacht unterstreicht selbst der durchaus staatsfromme Spiegel, dem immerhin die Unlogik der ersten Offizielle Diagnose der Todesursache im Moabiter Krankenhaus auffällt: "Schädelbasisbruch". 

Mehr noch: „Keine Rede von einer Kugel. Erst einen Tag später, bei der Obduktion, wird ein "Gehirnsteckschuss" festgestellt. Merkwürdig genug, dass ein Teil des Schädelknochens fehlt, der offenbar herausoperiert wurde", schreibt SPIEGEL-Autor Reinhard Mohr in einem Rückblickartikel auf "40 Jahre 68er" vom 02.02.2008 ("40 JAHRE 68er - 'Heute gibt's Dresche' 2. Teil: Benno Ohnesorg wird erschossen. Der Todesschütze erhält den Befehl, sich zu "verdünnisieren".)

Kurras – doch noch als „DDR-Spion“ strafbar?

Der Todesschütze Kurras ist heute 55 Jahre älter als sein Opfer Ohnesorg werden durfte, der im Alter von 26 Jahren mit Kurras' Kugel im Kopf und ein paar zusätzlichen Schädelfrakturen dank der Knüppel der Kurras-Kollegen auf dem Berliner Straßenpflaster verreckte. Nun ist der Mann, der Ohnesorg, nach neuer Lesart womöglich im Stasi-Auftrag, liquidierte, wohl zu alt und hinfällig, als daß ihm aus den weltumstürzenden "Enthüllungen" noch irgendein persönliches, juristisches Ungemach erwachsen könnte. Wie ja überhaupt die demokratische Westjustiz dem leider übers Ziel hinaus geschossen habenden, aber pflichtgetreuen Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras seit dem 3. Juni 1967 stets, wenn schon nicht die Knarre, so doch die Stange gehalten hat.
 
Herrn Kurras braucht die neue Debatte, in der er ohnehin nur als auswechselbare Schachfigur fungiert, nicht wirklich mehr zu kümmern. Da kann BILD, anno 67 das führende Organ blutlechzender Pogromhetze gegen alles, was in Berlin und anderswo protestierte, demonstrierte oder auch nur studierte, heute bedenkenlos und hocherfreut trommeln: „Der Fall Benno Ohnesorg - er wurde von einem Stasi-Spitzel getötet." Wäre er noch jünger - 
Kurras würde, wenn überhaupt, nicht wegen Totschlags oder Mord an Ohnesorg, sondern wegen Spionage für die DDR angeklagt.

Lasset uns abschwören

Wie ich meine Götz Alys und Co. kenne, dürften die Bußprozessionen der Konvertiten und Proselyten nicht mehr lange auf sich warten lassen, die da nun endgültig lustvoll reumütig bekennen werden: Ja, wir haben uns vom roten Satan - damals "Spitzbart" geheißen - auf den Irrweg des Protestes und der Demonstration verleiten lassen, wir waren die willenlosen Marionetten der roten Diktatur. Ja, kam nicht Rudi Dutschke auch aus der Zone?! - Angesichts dieser "neuen Wende", so wiederum der Spiegel, sollte unser Erinnerungsmuseum aber auch konsequent ummöbliert werden. Etwa so: Die Berliner Polizei war, soweit sie nicht selbst vom Ulbrichtregime gesteuert wurde, grunddemokratisch; die Bildzeitung, für die heute H.M. Broder gute Worte einlegt und Alice Schwarzer wirbt, war - und  ist - ein Kulturblatt von zutiefst humanistischer Gesinnung; der Shah von Persien war ein zu Unrecht von Bahman Nirumand beschimpfter gütiger Wohltäter des Volkes, und die von der Berliner Polizei tatkräftig unterstützten Jubel- und Prügelperser waren keine Schläger, sondern eine Volkstanzgruppe im Rahmen des deutsch-iranischen Kulturaustausches.
 
Für die Zukunft wollen wir geloben, unsere weisen Obrigkeiten in jeder Hinsicht, von Sozialdemontage bis zu weltweiter Kriegsführung, vorbehaltlos zu unterstützen und jedem Anflug einer neuen Protestbewegung schärfstens entgegenzutreten. Der Bildzeitung haben wir's geschworen, der Marianne Birthler reichen wir die Hand. (PK)


(1) Uwe Soukup: Wie starb Benno Ohnesorg-  Der 2. Juni 1967 -  "Verlag 
1900 Berlin", Berlin 2007, Gebunden, 272 Seiten, 19,90 EUR
(2) Siehe Kapitel "Angehörige der Gestapo, des SD und der SS in der
Westberliner Polizei" in: BRAUNBUCH KRIEGS- UND NAZIVERBRECHER IN DER BUNDESREPUBLIK UND IN WESTBERLIN, 1968, ins Netz verdienstvollerweise  eingestellt unter: http://www.braunbuch.de


Online-Flyer Nr. 199  vom 27.05.2009

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