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Aktueller Online-Flyer vom 13. August 2020  

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Inland
“Rat der Religionen – Frankfurt“ hat sich konstituiert
Verzicht auf Missionierung
Von Bernd J.R. Henke

Sage einer, dass Frankfurt am Main nur die Stadt des Mammons sei. Die Stadt der Europäischen Zentralbank (EZB) entwickelt sich aus religiöser Sicht zu einer Metropole des praktischen Dialogs zwischen den Weltreligionen.  Mit den Worten: „Es ist Zeit, dass der interreligiöse Dialog die engen Räume der akademischen Säle verlässt und sich der breiten Gesellschaft widmet“, begrüßte der Vorsitzende des Rates der Religionen, Pfarrer Athenagoras Ziliaskopoulos, die Stadträtin für Integration, Dr. Nargess Eskandari-Grünberg,  im Literaturhaus in der Alten Stadtbibliothek am Mainufer.

Stadträtin für Integration Dr. Nargess 
Eskandari-Grünberg
Foto: PIA Stadt Frankfurt
Es musste viel Wasser den Main herunter laufen, bis sich aus einem Initiativkreis (2004-2009) ein unabhängiger “Rat der Religionen – Frankfurt“ konstituierte. Bekannterweise bedeutet
 das Wasser in allen Weltreligionen symbolisch das Sinnbild für Leben. Und in das praktische Leben der Stadt hineinzuwirken hat sich der Rat vorgenommen. „Die Gründung dieses Rates befördert nicht nur den konkreten interreligiösen Dialog, der zum Zusammenleben in unserer Stadt beiträgt. Wir alle leben und handeln auch im öffentlichen Raum. Die soziale Rolle von Religionsgemeinschaften ist aus unserem Alltag nicht hinweg zu denken. Das Leben vieler Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt ist durch Religion bestimmt oder beeinflusst – und zwar auch der Alltag derjenigen, die sich selbst keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Diese sind inzwischen, wie manchmal angemerkt wird, die größte Einzelgruppe. Stadtpolitik und Öffentlichkeit brauchen eine solche Stimme zu einer Zeit, da viele Menschen Werte und Maßstäbe suchen und manche meinen, mit oder gegen Religion, Politik machen zu können“, stellte die Stadträtin für Integration in ihrer Rede fest.

Außergewöhnliche religiöse Vielfalt

In Frankfurt hat sich in den letzten Jahren eine außergewöhnliche religiöse Vielfalt entwickelt.  Nicht nur die großen Weltreligionen sind hier vertreten. Bekannt sind – neben den etablierten christlichen Kirchen – mindestens 140 unterschiedliche religiöse Gemeinden mit vielen, auf das Stadtgebiet verteilten Andachtsräumen. Frau Dr. Eskandari-Grünberg stellte fest, dass sie – anders als ihr Amtsvorgänger noch erwog – sich entschieden habe, keine Geschäftsstelle des Rates bei der Stadt Frankfurt anzubieten und auch keine Mitgliedschaft der Stadt im Rat der Religionen anzustreben. Politisches Leben sei säkular und „der Rat soll keine Institution der Stadtverwaltung sein. Dieser Rat soll keinem Amt unter- oder übergeordnet sein.“  Das Statement der Stadträtin zeigt, dass sie gewillt ist, nur mit einem starken und autonomen Partner in Dialog zu treten, der auch in der Lage ist, sich selbst zu organisieren. 
 

Rat der Religionen - Frankfurt in der 
Gründungspressekonferenz
Foto: Rüffer
Vorsitzender des Rates ist der griechisch-orthodoxe Pfarrer Athenagoras Ziliaskopoulos (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Frankfurt), sein Stellvertreter ist Rechtsanwalt Ünal Kaymakci (Islamische Religionsgemeinschaft Hessen). Dem Vorstand gehören außerdem an: Brij Mohan Aurora (Vizepräsident Vishwa Hindu Parishad e.V.), Mohammad
Ilyas (Ahmadiyya Muslim Jamaat Frankfurt), Prof. Dr. Klaus Jork (Tibethaus Frankfurt) sowie der Rabbiner Israel Menachem Halevi Klein (Jüdische Gemeinde Frankfurt). Die Mitglieder und Organe des Rates sind auf zwei Jahre gewählt. Eine provisorische Geschäftsstelle ist bei den evangelischen Dekanaten eingerichtet und wird von Pfarrerin Ilona Klemens geleitet. Der katholische Stadtdekan Dr. Raban Tillmann (Bistum Limburg) ist einfaches Mitglied des Rates der Religionen. Unter den insgesamt 23 Mitgliedern des Rates sind auch Vertreter der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen)  und der Baha´i Gemeinde.
 
Jeder dritte Frankfurter ist Muslim

Die beiden großen traditionellen christlichen Konfessionen treten bewusst nicht in den Vordergrund, um nicht bevormundend auf die religiösen Minderheiten zu wirken. Natürlich ist real schon jeder dritte Frankfurter muslimischen Glaubens, und nicht wenige deutschstämmige, meist christliche Bürger und Bürgerinnen fürchten Überfremdung und Missachtung des Gebotes der Toleranz. Deshalb richten sich die Ziele des Rates auf die
Beschäftigung mit gesellschaftlichen und politischen Themen der Stadt und auf Stellungnahmen zu Fragen des Zusammenlebens. Die Zusammenarbeit mit der Kommune soll sich positiv und Konflikte reduzierend auf das Zusammenleben auswirken und wichtige Signale an die örtlichen Gemeinden und die Stadtöffentlichkeit senden.
 
Gemeinsamkeiten suchen und Unterschiede achten sowie Gewaltfreiheit im Umgang mit Konflikten werden zunehmend wichtiger in der globalen Weltgesellschaft. Diskriminierung von Zuwanderern wegen familiärer Herkunft und sozialem Status durch christliche oder islamische Religionsgemeinschaften schadet der Lebenswirklichkeit und gemeinsamen Zukunftschancen, insbesondere der deutschen Jugend mit muslimischem Glaubensbekenntnis.

Ein Signal über die Stadt hinaus

Einen Rat der Religionen gibt es bereits auf europäischer Ebene, in der Schweiz, in Großbritannien und in einzelnen bundesdeutschen Kommunen, beispielsweise in Köln. Die Frankfurter Konzeption des Rates bedeutet ein Signal, dass sich so weit reichend in Deutschland religiöse Repräsentanten einer Stadt darauf einigen, sich auf dem Boden des Grundgesetzes zu respektvoller Kooperation mit jeweiliger Akzeptanz der Eigenständigkeit und Existenz der anderen Religionen zu verpflichten. Denn der Verzicht auf Missionierung im Sinne des Drängens zum Religionswechsel ist auch ein Bestandteil der Satzung. Während noch vor hundert Jahren eine Eheschließung in Deutschland zwischen Katholiken und Protestanten nicht gerade gern gesehen war, sollen heute Muslime nicht davor zurückscheuen einen Andersgläubigen zu heiraten. In Frankfurt am Main können sie sich dafür ab sofort auf die Satzung des Rates der Religionen berufen. Menschenliebe und Barmherzigkeit bilden gemeinsame Werte, sind verbindlich und gehören zum harmonischen Miteinanderleben, Familiengründungen zwischen Menschen unterschiedlicher Weltreligionen natürlich auch. 
 
Wenig erfreut über diese Entwicklung zeigte sich natürlich das "Bürgerbündnis für Frankfurt", eine Schwester der rechten “pro Köln/pro NRW“-Populisten. In einer Pressemitteilung gab BFF-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Hübner u.a. folgenden Kommentar von sich: „Guter Rat schadet nie, zuviel Rat macht aber manchmal ratlos… Und es wäre auch eine große Illusion, ein solcher "Rat" könnte eine kontroverse Diskussion in der Bürgerschaft verhindern, wenn die im "Rat" vorerst einmal außen vor bleibende türkisch-islamische DITIB demnächst den Bau einer Großmoschee im Stadtgebiet ankündigen würde. Schon allein die Tatsache, dass sehr viele Frankfurter aus guten Gründen Widerstand gegen eine im Stadtbild schon deutlich sichtbare Islamisierung leisten sowie überhaupt keiner Glaubensgemeinschaft angehören oder sogar bewusste Atheisten sind, schließt künftige Konflikte um die Darstellung und Aktivitäten einer religiösen Gemeinde keineswegs aus…" (PK).

Online-Flyer Nr. 194  vom 22.04.2009

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