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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Glossen
Frei nach Kishons „Der Blaumilchkanal“ – eine von der Realität eingeholte Satire
Die Windradrose – Teil 2
Von Monika Blankenberg und Christian Heinrici

„Als wir die Satire im Jahre 2004 schrieben, dämmerte uns ja nicht, wie katastrophal sich der Bau der Nord-Süd-Bahn in Köln entwickeln würde...“ erklärten die beiden Autoren. Damals ahnte man natürlich noch nichts von Stromausfällen in der Kölner Südstadt, abgeknickten Kirchtürmen, gestürzten Stadtarchiven und -oberen. Doch hatten wohl einige schon dunkle Vorahnungen, wie man in der von Ephraim Kishon inspirierten Satire lesen kann. „Nichts ist absurder als die Realität!“ resümierte Heinrici.
– Die Redaktion.


Fortsetzung aus der vorhergehenden Ausgabe der NRhZ

Als Fritz Schneider um 18:00 Uhr noch immer nicht erschienen war, sorgte sich seine Ehefrau. In dreiundzwanzigeinhalb Ehejahren hatte es bei Fritz nie eine nennenswerte Verspätung gegeben. Nach einer schlaflosen Nacht erschien sie am Mittwochmorgen in der zuständigen Polizeidienststelle, wo Frau Schiffer-Herkenrath, die Putzfrau, sich bemühte ihre Vermisstenanzeige aufzunehmen, da alle Beamten im Einsatz waren. Frau Schiffer-Herkenrath empfahl ihr unbedingt zu Hause zu bleiben, sollte ihr Ehemann doch wieder auftauchen. Dieses Vorgehen würde auch immer wieder in Fernsehkrimis empfohlen.

unermüdlicher Fritz Schneider Presslufthammer
Der unermüdliche Stadtangestellte                   
Fritz Schneider (hier noch oberirdisch)
Nachmittags l
andete ein Hubschrauber mit de m Regierungspräsidenten auf dem Neumarkt. Herr Rothers nahm die Geräusche des Presslufthammers wahr und suchte zuerst die Baustelle auf. In einer kurzen Lärmpause brüllte er in den Tunnel und verlangte den Verantwortlichen. Fritz Schneider kam einige Minuten später schmutzverkrustet und schlecht gelaunt über die Unterbrechung zum Vorschein. Auf die Frage, was und warum denn hier gebaut werde, antwortete Fritz nur, er habe einen amtlichen Plan vom Baudezernat. Der Regierungspräsident wollte wissen, warum er denn ganz alleine arbeite.

Daraufhin grunzte Fritz Schneider nur „Sparmaßnahmen“ und zog sich wieder in seinen Tunnel zurück.

Am Nachmittag erschien der Regierungspräsident beim Baudezernenten und nannte es unverantwortlich, nur einen einzigen Arbeiter auf einer derart großen Baustelle zu beschäftigen. Er verlange Rechenschaft über die Finanzierung des Projektes, da die Stadt Köln doch nahezu bankrott sei. Der Baudezernent sagte, er wisse nichts von einer Baustelle, werde sich aber nach der außerordentlichen Krisensitzung der schwarz-grünen Ratsmehrheit darum kümmern. Der Regierungspräsident verhängte den sofortigen Ausnahmezustand über die Stadt. Der Baudezernent wurde zum Rücktritt aufgefordert.

Der clevere frühere Kölner CDU-Vorsitzende Prof. Dr . Ralf Nietnagel witte rte seine große Chance auf Machtzuwachs und erklärte, die ganze Aufregung sei paradox, denn es habe in Köln noch nie Terroristen gegeben. Außerdem könne es sich bei der ominösen Baumaßnahme nur um den Ausbau der wichtigsten Verkehrsader Kölns handeln, für die er persönlich verantwortlich sei. Dem widersprach der Oberbürgermeister entschieden. Es sei vollkommen klar, dass dieses Projekt ausschließlich seiner Initiative zu verdanken sei, worauf die Grünen sich über die ständigen Kompetenzquerelen der CDU ereiferten und die Koalition mangels Information in Frage stellten.

Das Baudezernat wurde aufgefordert den entsprechenden Bauplan vorzulegen. Tagelang suchte man vergeblich nach den Unterlagen und verkündete schließlich, diese lägen sicher bei der SPD. Die SPD-Ratsmitglieder wandten sich unverzüglich an den WDR und empörten sich öffentlich über die ständigen Diffamierungen.

Victoria Colonia! ein göttliches Zeichen Foto: Thomas Wolf, Montage: Christian Heinrici
„Victoria Colonia!“ – ein göttliches Zeichen
Foto: Thomas Wolf, Montage: C. Heinrici
Am folgenden Sonntag, während des Hochamtes im Dom, schossen riesige Wasserfontänen aus den Kanälen der Kölner Altstadt, nachdem Fritz Schneider das Rheinbett angebohrt hatte. Innerhalb weniger Minuten war die gesamte Kölner Altstadt überflutet. Durch die extreme Unterspülung s
ackte der Dom leicht ab, die beiden Hauptt ürme neigten sich nach links beziehungsweise rechts und wirkten so, als gehe vom Dom das Victory-Zeichen aus. Kardinal Meissner sprach von einem göttlichen Zeichen und informierte sofort den Papst.

Der Kölner Regierungspräsident verständigte umgehend seinen Parteigenossen Gerhard Schröder über das Hochwasser. Der Kanzler dachte augenblicklich an seinen letzten Wahlkampf, bei dem ihm das Hochwasser im Osten sehr hilfreich gewesen war. Er erreichte Köln noch in derselben Nacht und startete über alle verfügbaren Medien einen Spendenaufruf. In den nächsten zwei Tagen verdoppelten sich die Umfragewerte der SPD. Auf der Domplatte wurde ein Sandstrand angelegt. Umweltschützer demonstrierten und forderten Naturschutz für die Kölner Altstadt.


Fritz Schneider trieb auf dem Rücken liegend in den Strudeln des Hochwassers. Nur mit großem Aufwand und unter dem Applaus der Hochwassertouristen konnte er vom DLRG vor dem Ertrinken gerettet werden.

Den sorgfältig gefalteten Bauplan hielt er in eine Plastiktüte gewickelt krampfhaft fest. Man brachte ihn sofort ins Krankenhaus. Fritz Schneider war zwar unverletzt, aber tief deprimiert. Kurz vor dem entscheidenden Moment hatte er bei einem Blick auf seinen Plan festgestellt, dass der seinerzeit wütend angebrachte Windrosenstempel nicht wie vorgesehen die Richtung Nord-Süd, sondern vielmehr Ost-West angab.

Da man nun aber glücklicherweise den Plan wiedergefunden hatte, blieb nur noch die Frage der Finanzierung der neuen unterirdischen Ost-West-Fahrt. Glücklicherweise konnte Prof. Dr. Ralf Nietnagel bei ein paar Glas Kölsch seine Beziehungen spielen lassen. Das Projekt wurde privatisiert. Sein Freund, Freiherr von Oppelsbronn übernahm durch den Oppelsbronn-Frech-Fond, die Investition. Selbstverständlich würde man der Stadt die Ost-West-Fahrt mittels Leasingvertrag zur Verfügung stellen. Wie gut, dass durch diese Nachbarschaftshilfe auf hohem Niveau wieder ein Projekt sichergestellt werden konnte: Der Bau der ersten U-Boot-Bahn der Welt!

Prof. Dr. Nietnagel erschien persönlich an Fritz Schneiders Krankenbett, überreichte einen Blumenstrauß und gratulierte ihm ausdrücklich zu seiner Weitsicht. Ost-West ergebe ja auch viel mehr Sinn, als Nord-Süd, da nun der „Kalte Krieg“ ein für alle mal vorbei sei und auf geniale Art und Weise die beiden Rheinseiten miteinander verbunden werden könnten. Frau Schneider sah ihren Mann im Fernsehen, als Prof. Dr. Nietnagel ihn vor laufenden Kameras auf direktem Weg vom Krankenbett zum Baudezernenten beförderte.

Windrad in Köln Foto: Elke Wetzig

Ein Windrad im Rhein – natürlich in Kreuzform
Foto: Elke Wetzig, Montage: Christian Heinrici

In den folgenden Monaten wurde emsig am Ost-West Rheintunnel gearbeitet. Zur Stromversorgung und um der einzigartigen Anlage auch oberirdische Bedeutung beizumessen, ragte von da an ein 180 Meter h ohes Windrad a us dem Rhein, das mit den eingegangenen Spendengeldern finanziert wurde. Da alles Hohe in dieser Stadt auch dem Höchsten geweiht sein muss, wurden die Flügel des Windrades als Sonderanfertigung in Form eines christlichen Kreuzes gestaltet und natürlich von Kardinal Meissner persönlich geweiht.

Köln erhielt schließlich seinen offiziellen Titel: Welthauptstadt der ersten U-Boot-Bahn. Übrigens genießt Frau Schneider es mittlerweile sehr, die Gattin eines bedeutenden Kölners zu sein.

Lesen Sie auch in der vorherigen Ausgabe den ersten Teil der schon 2004 geschriebenen Satire „Die Windradrose“ von Monika Blankenberg und Christian Heinrici. (CH)


Online-Flyer Nr. 192  vom 08.04.2009

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