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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Glossen
Glosse – Kölns einstürzende Neubauten:
Untergrund-Anschlag aufs Gedächtnis
Von Christian Heinrici

Erinnern Sie sich noch? Vor knapp drei Jahren versuchten angeblich zwei libanesische Kofferbomber, die halbe Stadt in die Luft zu jagen... Das ging damals allerdings ziemlich in die Hose, es passierte: nichts! Aber schaffte immerhin eine Menge Medienrummel. Nun, die jüngsten Ereignisse haben es bewiesen: Köln braucht eigentlich keine „fremden Terroristen“... wir haben längst eine eigene schlagkräftige Untergrundorganisation, und die heißt KVB.

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in diesem Fall Christian Heinricis Glosse... file.mp3

Gut, das nehme ich zurück – Organisation und die Kölner Verkehrsbetriebe sind eigentlich zwei nicht zu vereinbarende Gegensätze... das weiß doch normalerweise schon jedes Schulkind! Und die alltagsterror-geplagten Mitfahrer ohnehin. 

Oder wie es eine ältere Dame aus Köln ausdrückte: Was zwei Weltkriege nicht geschafft haben, schafften nun drei dicke Mädsche, namens „Tosca, Rosa und Carmen“, so heißen die Bohrmaschinen nämlich, die die ganze Stadt untergraben, um sie dann auch noch ihres gesamten Gedächtnisses zu berauben. Das Kölner Stadtarchiv: ausgelöscht! „Äver, et hät jo no immer jut jejange...“, denn mittlerweile hat man ja schon den „überaus wichtigen“ Nachlass von Konrad Adenauer wiedergefunden – und wahrscheinlich noch drei Notizzettel von Milly Willowitsch dazu.

Kölner Feurwehr räumt eingestürztes Stadtarchiv auf stadtarchiv Foto: Alexander Bentzien
Die Kölner Feurwehr beim Aufräumen: „Albertus Magnus? Kenn ich nicht...!"
Foto: Alexander Bentzien

Gut, Scherz beiseite, es sind ja auch wirklich Menschen zu Schaden gekommen, zwei sogar um ihr Leben. Und ich nehme auch zurück, dass wir eine eigene Untergrundorganisation haben – wegen des Worts „eigene“. Nun gut, strenggenommen gehören die KVB natürlich uns, denn wir als Bürger sind ja im Besitz der Stadtwerke. Doch, welchen Einfluss haben wir denn überhaupt auf das Unternehmen? Haben wir etwa die Fahrtpreiserhöhungen zu verantworten, die uns immer wieder im Quartalsrhythmus heimsuchen, obwohl „unsere“ Firma regelmäßig Gewinne einfährt?!
Nord-Süd Stadtbahn Graphik: Qualle/Heinrici
„Krach, bumm, zack...“: die Kölner Nord-Süd   
Stadtbahn | Graphik: Qualle/Heinrici
Über die „lebenswichtige“ Nord-Süd Stadtbahn, die niemand will und niemand braucht, haben wir auch nicht entschieden. Verständlich, denn sie kostet uns Kölner (und uns Nordrhein-Westfalen anteilig) über eine Milliarde Euro. Ja, und deswegen mussten die KVB wohl dann auch an Beton sparen und stattdessen nur das Grundwasser abpumpen, so dass es kein Wunder ist, dass die halbe Severinstraße anfing zu schunkeln.

Aber die paar hundert Millionen [1] für die ausgehöhlte Nord-Süd-Stadt werden wir auch noch aufbringen, und sonst fragen wir halt wieder mal wie üblich den Oppenheim-Esch Fonds. Denn wenigstens die Kosten werden noch explodieren: Mehrere Jahre Verzögerungen beim Bau, Umbauten, Umleitungen, Unfälle, schiefe Kölner Kirchtürme, abgeholzte Grünflächen, Stromausfälle in der gesamten Kölner Südstadt und nun der Verlust von Menschenleben und Stadtgedächtnis waren eben gar nicht mit eingerechnet...

Fritz Schramma Foto: Superbass
Ob Karneval feiern so gut fürs
Gedächtnis ist?! Foto: Superbass
Um noch mal auf Blackouts und Gedächtnisverluste zurückzukommen: OB Schramma, (vielleicht sollte man ihn mal in „o-weh“ umtaufen...), ehemals glühender Befürworter des Projekts, konnte sich im Nachhinein an seine anfängliche Begeisterung gar nicht mehr erinnern. (Hoffentlich finden nicht auch in seinem Bewusstsein längst Bohrvorgänge statt...) Und auch Jürgen Roters, der als Regierungspräsident mitverantwortlich war für das Projekt, findet im Nachhinein nun ganz politically correct: „Der bisherige Bau der Nord-Süd Bahn hat viele Wunden geschlagen...“ Ja, das haben wir gesehen!

Genauso die KVB: Auch sie konnten sich an nichts erinnern, nicht, dass das Gebäude des Stadtarchivs seit gut einem Jahr Risse aufwies, und auch nicht, dass schon im August letzten Jahres eine Fassade nur wenige Meter südlich davon massiv abgestützt werden musste, und auch nicht an den schiefen Turm von Kölle. Was sollte das alles denn auch mit dem U-Bahnbau zu tun haben?!

Gedächtnisverluste aller Orten! Na, da bleibt uns doch nur, uns selbst unserer Bürgerpflicht zu erinnern und den Damen und Herren in Rat und Verwaltung demnächst mal ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. In diesem Sinne, wir sehen uns vor der Wahlkabine. (PK)

[1] Bei Redaktionsschluss wird allein der finanzielle Schaden, der durch das eingestürzte Stadtarchiv entstanden ist, auf etwa 500 Millionen berechnet.

Online-Flyer Nr. 189  vom 18.03.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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