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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Medien
Interview mit der Leiterin des Instituts für Medienverantwortung Erlangen
Demokratie auf dem absteigenden Ast
Von Sandra Ziegler

Medien bestimmen mit, wie wir die Welt sehen. Doch wer prüft die Bilder und Nachrichten die uns jeden Tag erreichen? Sind es Tatsachen oder verzerrte Informationen, enthalten sie alles was wir wissen müssten, um uns eine Meinung zu bilden? Hierzu das folgende Interview mit der Medienwissenschaftlerin Dr. Sabine Schiffer. Beiträge von ihr finden unsere LeserInnen seit einem Jahr in der NRhZ. – Die Redaktion

Sabine Schiffer: Besonders schlimm die 
„mediale Kritiklosigkeit“ bei Kriegspropaganda
NRhZ-Archiv

Sandra Ziegler: Seit 2005 leiten sie das Institut für Medienverantwortung in Erlangen. Ihr Institut arbeitet für eine neutrale Information durch Medien, welche möglichst nicht manipulativ oder missverständlich sein und Stereotypen vermeiden sollte. So können Medien eine Meinung ermöglichen, anstatt sie zu machen. Frage: Könnte man so einen Leitsatz des Instituts formulieren?

 
Dr. Schiffer: Ja, aber nicht ganz, denn eine „neutrale Information“ kann es gar nicht geben, weil Zeichen (Sprache und Bilder) immer subjektiv sind und ihnen Auswahlentscheidungen zugrunde liegen. Aber mehr in Richtung „Weniger Manipulation“ könnte es schon gehen und da scheint es mir vonnöten, dass Journalisten und Redakteure sich noch mehr bewusst darüber werden, dass und wie sie als Vehikel von politischen und anderen Lobbies anvisiert sind.
Darüber hinaus muss sich Medienverantwortung aber immer auch an die Nutzer von Medien richten. Wir leisten uns ja den Luxus, keine systematische Medienbildung an Schulen anzubieten und überlassen es damit dem Zufall, wie kompetent Bürger im Laufe ihres Lebens in Sachen Reflexion über die Konstruktion(en) von Wirklichkeitsvorstellungen werden. Darum setzen wir uns etwa für einen systematischen Lehrplan ein, der an den Wahrnehmungsprozessen und Inhalten nicht an den Interessen bestimmter Industriezweige, wie vor allem der Computerindustrie, ausgerichtet ist.
 
Was haben sie zuvor getan?
 
Viel Verschiedenes und alles fließt in meine Arbeit mit ein! Während meiner Promotionszeit zum Thema „Islamdarstellung in den Medien“, wo die Themenfelder Semiotik, Linguistik, Medienwissenschaften, Psychologie und Islamwissenschaften mit einflossen, habe ich Kinder erzogen, in Kultur- und Wirtschaftsbetrieben gearbeitet, eine Kulturzeitschrift herausgegeben, ein familienfreundliches Wohnprojekt realisiert und verschiedene Initiativen gegründet (Sport im Hort, Frieden für Israel und Palästina und diverses mehr), Französisch- und Deutschunterricht gegeben und unter anderem Werbung für verschiedene Auftraggeber gemacht – auch die Kenntnisse, wie geschickte PR funktioniert, fließen in die Arbeit des IMV mit ein, weil man so einen anderen Blick auf vermeintlich neutrale Nachrichten erhält (z.B. Preisverleihungen als PR-Event entlarvt oder Vogelgrippe-Kampagnen mit den Fakten abgleicht). So stellen wir uns oft auch ganz einfach die Frage, wovon soll evtl. gerade abgelenkt werden (wie z.B. durch die Obamania: eine nie dagewesene Fokussierung im Vorwahlkampf mit der Übertünchung von Kandidaten wie Ron Paul und Dennis Kuchinic etwa).
 
Bei welchem Anlass ist ihnen das Thema „Berichterstattung“ zum ersten Mal als beachtenswert aufgefallen?
 
Als Medienpädagogin arbeite ich seit 1993 (zunächst für Erwachsene) – es muss also vorher gewesen sein. Ehrlich gesagt, war eine nicht unwichtige Initiale mein Geschichtslehrer, der darauf hinwies, dass Geschichtsforschung Sprachforschung sei, weil es um die Interpretation von Texten gehe. Das trifft auf politische Diskussionen, Medienberichterstattung usw. auch zu. Dieses Bewusstsein muss ich in mein Linguistikstudium mitgenommen haben, weil ich dort immer nach diesem Themenschwerpunkt Ausschau hielt, während man uns auf den Strukturalismus von de Saussure einzuschränken suchte. Ein Schlüsselerlebnis war noch die Berichterstattung nach dem Mauerfall und die verallgemeinernde Dämonisierung der DDR als „menschenverachtend“. Während man uns Bitterfeld als Stellvertreter für „die DDR“ präsentierte, wunderte ich mich, dass man nicht Ludwigshafen oder den Braunkohletagebau in NRW damit assoziierte und als repräsentativ für die BRD hinterfragte. Die schönen Landschaften im Norden der DDR, die ich zufällig kannte, wurden jedoch mit sprachlichen Mitteln etwa in einer Radiosendung ins stereotype Bild eingeordnet. Da hieß es etwa „In Rühstätt gibt es trotz der LPG-Landwirtschaft über 40 Storchennester.“ Warum nicht „wegen der LPG-Landwirtschaft“? Also, ich will die DDR auch nicht idealisieren, aber so geht es nicht – und das scheint mir ein allgemeines Prinzip zu sein. Viel vermeintliche „Berichterstattung“ dient dazu, sich selber besser zu fühlen und das oft auf Kosten des jeweils definierten Anderen.
 
Bekamen sie zuvor in der Universität irgendwelche Schwierigkeiten als sie ihre Meinung offen aussprachen? Welcher Art waren die konkret?
 
Ich habe nie schlechte Erfahrungen damit gemacht, meine Meinung offen zu äußern – wenn auch manchmal nicht populär, so wurde doch in den allermeisten Fällen erkannt, dass es konstruktiv gemeint war und immer darauf abzielte, die Gemeinschaftsinteressen zu ermitteln oder zu verfolgen. Allerdings habe ich damals für meine Doktorarbeit keine Förderung gefunden – das Thema interessierte schlicht nicht. („Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder, Suggestionen. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen“ im Ergon Verlag) Und als ich darauf bestand, den Vergleichsteil zum antisemitischen Diskurs in der Dissertation zu belassen, ließ mich ein Professor, dem das nicht passte, lange auf meine Beurteilung warten, die dann auch recht schlecht war. Ich habe das nicht persönlich genommen, sondern ausgesessen und sehe heute, dass es sich gelohnt hat. Das Zentrum für Antisemitismusforschung hat sich inzwischen des Themas angenommen – auch nicht ohne aufgeregte Debatten – aber kontroverse Debatten bringen den Erkenntnisprozess stets voran. Auch wenn es manchen gelingt, dies tunlichst zu vermeiden und an Meinungen festzuhalten, die längst widerlegt sind, genau dafür ist der Antisemitismus ja das traurige Musterbeispiel.
 
Wie entstand die Idee sich selbstständig zu machen, das Institut zu gründen?
 
Ob ich da noch alle einzelnen Faktoren zusammen bringe: Ich wollte wissenschaftlich fundiert öffentlich wirken und das konnte ich an der hiesigen Uni, wo ich einen Lehrauftrag hatte, so nicht. Örtlich fühlte ich mich wegen meiner Kinder gebunden und mein soziales Netz hilft mir auch heute noch bei der Ausführung des 7-Tage-Jobs. Ich beschloss also dieses Institut zu gründen, um mehr Leuten wie mir die Möglichkeit eines Forums zu bieten und professionell Forschungsergebnisse anzubieten und in der Öffentlichkeit zu diskutieren – eigentlich über die normalen Medienkanäle, aber da sind wir inzwischen auf anderen Wegen unterwegs. Ich war 2005 bereits zu alt, um eine wissenschaftliche Karriere an der Uni anzustreben und hatte auch keine Lust, die Elfenbeinturmriten zu vollziehen, um irgendwann einmal abgeschliffen oder mit Magengeschwüren zu enden – leider spielt die sog. Hochschulreform (s. z.B. CHP der Bertelsmann-Stiftung) den Universitätsangehörigen übel mit. Ich dachte eine Zeit lang, ich wäre viel mit organisatorischen Dingen beschäftigt, bevor ich zu meiner eigentlichen Arbeit komme – aber inzwischen sehe ich, dass ich fast im Luxus arbeite : zumindest in dem Sinne, vergleichsweise viel Zeit für die Aufarbeitung und Betreuung verschiedenster Themen zu haben. Darauf beschränkt sich der Luxus aber auch (lächelt).
 
Wie finanzieren sie sich?
 
Bisher rein durch Honorare für Vorträge, Seminare und auch Publikationen. Wir nehmen da einen Status vergleichbar mit freien Journalisten ein. Es ist schon ein kleines Wunder, dass wir auf diese Weise unsere Ergebnisse refinanzieren und schuldenfrei arbeiten konnten. Nur das reicht nicht aus, um alle angemessen zu bezahlen und zum Beispiel ein Ganztagssekretariat einzurichten. Wir brauchen ein nachhaltigeres Fundament, um mehr Volumen und mehr Kontinuität bewältigen zu können – dazu hat sich ein Förderkreis gebildet, der wohl bald seine Gemeinnützigkeit erhält und dann um Mitglieder werben wird. Wenn Sie weitere Ideen haben, gerne jederzeit – nur unabhängig müssen wir bleiben.
 
Welche Wege schlagen sie ein, um auf „unsaubere“ Tatsachendarstellung hinzuweisen?
 
Dr. Schiffer: Zunächst einmal nimmt die Recherche viel Raum ein – dazu haben wir eigene Methoden entwickelt. Allerdings gehört auch immer zum Repertoire, die Gegenthese zu prüfen. Das empfehlen wir auch allen Journalisten, die allerdings durch immer engere Verträge zunehmend an eigener Recherche gehindert werden. Die Ergebnisse bieten wir – ganz so, wie freie Journalisten – zur Veröffentlichung an. Dann geht der Eiertanz los, den die Teilnehmenden des Metiers kennen. Ist der Beitrag veröffentlicht – was uns zunehmend besser gelingt – kommen meist Nachfragen für Vorträge und Seminare zum Thema. Es kommen auch immer wieder Anfragen von entsprechenden Universitäten, sich an bestimmten Recherchen und Schwerpunktbänden zu beteiligen. Inzwischen sind wir recht bekannt und müssen schon abwägen, zwischen dem, was wir – als wenige engagierte Leute – leisten können und dem Anspruch, möglichst mit allen ins Gespräch zu kommen.
Unser Newsletter hat inzwischen auch eine gute Resonanz: darin stellen wir immer einen monatlichen Schwerpunkt zusammen und stellen unsere Rezensionen, Terminankündigungen etc. mit ein. Den kann man bisher nur über die Info-Adresse (info@medienverantwortung.de) bestellen – eine automatische Buchung über unsere Website wird bald eingerichtet sein.
 
Was sind die Gründe für das Angebot verzerrter Informationen meistens?
 
Dr. Schiffer: Ich will es mal in drei Schritten versuchen:
1. Gewohnheit: Wir alle erkennen leichter die Dinge, von denen wir schon wissen, als Unbekanntes und Ungewohntes. Dies befördert Wiederholungen von wenigen Themen und Aspekten und eine Stereotypisierung bis hin zur Unkenntlichkeit für die so beschriebenen.
2. Gutgläubigkeit: Wer glaubt, eine Pressemitteilung aus dem Bundeskanzleramt, dem Innenministerium oder dem BKA, wäre eine neutrale, nicht interessengeleitete Veröffentlichung zur Information der Mitbürger, untergräbt aktiv die Aufgabe der Medien als 4. Gewalt, als Kontrollinstanz.
3. Gezielte Manipulationsversuche durch Interessengruppen – nimmt zu. Hier gäbe es viel aufzuzählen: vom Kaffeeklatsch zwischen Liz Mohn, Friede Springer und Angela Merkel, über das Ködern bzw. Abstrafen von Journalisten, dem Druck durch die Anzeigenkundenabhängigkeit, dem Embedding bis hin zur finanzstarken Lobby- und PR-Arbeit, wie etwa der Bertelsmann-Stiftung auch im politischen Bereich oder auch der public diplomacy von Regierungen.
 
Können auch rechtliche Schritte angeregt werden, z.B. eine Zeitung verklagen, wo ist in Deutschland die Grenze des Legalen?
 
Nun, es gibt den Presserat, der wie alle Selbstkontrollgremien zwar eine gewisse Feigenblattfunktion hat, aber auch durchaus gute Arbeit durch engagierte Kollegen leistet – er hat aber keine juristischen Implikationen und reagiert nur auf Anfragen bzw. Beschwerden. Tja, mit der Legalität ist das so eine Sache – es gibt juristisch definierte Grenzen und das ist gut so (Persönlichkeitsrechte etc.). Wir schätzen die Meinungsfreiheit, die freilich nicht bedeutet, andere diskriminieren zu dürfen – in dem Zusammenhang setzen wir eher auf Bewusstseinsprozesse und Bewusstseinsschulung zur kritischen Selbstreflexion. Das kann uns bei allen gesellschaftlichen Belangen helfen. Man sollte die Einzelnen in ihren spezifischen Kompetenzen ernster nehmen und nicht immer auf den großen Reparateur setzen. Deshalb sind unsere Mottos auch die „Stärkung vorhandener Fähigkeiten“ und die „Ermutigung zur Beteiligung“.
 
Wie reagieren Zeitungen, Sender… auf ihre Anschreiben meist?
 
Sehr unterschiedlich – sagen wir es mal vereinfacht so: in den Redaktionen und von einzelnen Redakteuren wird unsere Expertise gerne abgegriffen und sehr offen diskutiert. Wir machen Fortbildungen etwa auch in der ARD-ZDF-Medienakademie. Das ungeschriebene Gesetz, dass Medienkritik in Medien Tabu ist, wird jedoch ungern angegriffen. Deshalb durfte ich einmal etwas im ARD-Nachtmagazin um 1 Uhr morgens sagen und wurde nach mehreren Castings schließlich doch nicht in die jeweilige Talkrunde eingeladen. Auch im Print finden wir uns eher in engagierten Randmedien, als im Mainstream wieder. Wir haben da noch einige Pläne, andere Wege zu gehen – aber darüber kann ich im Moment nichts Genaueres sagen.
 
Löst ihre Arbeit häufig negative Gefühle wie Ärger, Wut und Enttäuschung in ihnen aus?
 
Nein, sie kanalisiert diese, darum habe ich diese schon lange nicht mehr in dem Ausmaß wie früher. Manchmal erschrecke ich aber noch innerlich, wenn ich etwas höre oder lese, das ich für verarbeitet hielt – der Antisemitismus ist ein gutes Beispiel dafür, aber auch der, wie mir scheint, wieder stärker werdende Ethnozentrismus bzw. ein auszumachender „Zivilisations“Zentrismus. Natürlich würde ich mir wünschen, manches Geklärte würde alle geleichermaßen erreichen. Aber das war nie so und wird nie so sein, und gut ist, wenn Menschen gelernt haben, auch bei Rückfällen dran zu bleiben, für Ideale einzutreten. Bestes Beispiel dafür sind für mich Menschen- und Völkerrecht. Wir sind weit von deren Verwirklichung entfernt, und gerade die Länder der Nordhalbkugel spielen in dem Zusammenhang keine glückliche Rolle und behindern die Entwicklung durch Selbstidealisierung. Aber, dass die Texte formuliert wurden, ist eine enorme Errungenschaft und hat viele Mitstreiter dafür gehabt. Und diese muss es weiterhin geben, damit die Umsetzung (ohne „Zivilisations“Zentrismus) weiter vorangetrieben wird.
 
Was hat sie in letzter Zeit, bezogen auf ihre Tätigkeit, am meisten geärgert?
 
Die „mediale Kritiklosigkeit“ der Kriegspropaganda gegenüber – immer wieder höre und lese ich praktisch die Texte der Pressemitteilungen unserer Bundesregierung. Das ging in Bezug auf Gaza soweit, dass man aus vermeintlicher Solidarität mit Israel (nämlich mit der israelischen Regierung) Mord und Totschlag als Verteidigung legitimierte – das Völkerrecht nicht nur ignorierend, sondern gar umdeutend. Da war eine humane Grenze überschritten, und das können wir auch in Bezug auf die anti-iranische Rhetorik wie auch auf die Geringschätzung gegenüber den Afghanen oder Pakistanis sehen. Wie auch gegenüber den Tamilen und Somaliern, wie auch anderen afrikanischen und lateinamerikanischen Völkern gegenüber, die über Bodenschätze oder einen strategisch wichtigen Ort verfügen. Das ärgert mich aber nicht so sehr, wie es mir Angst macht. Angst im Sinne des Verlustes des letzten Rests von Menschlichkeit, die ja nur für alle gelten kann – sonst ist sie eben nicht menschlich.
 
Wie einfach ist es für sie nach der Arbeit „abzuschalten“?
 
Ich bin immer im Dienst. Amüsiere mich inzwischen selber über mich, weil ich keinen Film anschauen kann, ohne dass mir nicht wieder etwas auffällt und ich am Ende mit ein paar Notizen dastehe – mein treuester Begleiter ist schon seit Jahren mein Notizbuch.
 
Was bereitet ihnen am meisten Freude an ihrer Tätigkeit?
 
Dass ich mich den Dingen widmen kann, die mir am Herzen liegen und dass ich mit vielen Menschen darüber ins Gespräch komme. Das ist spannend, stets befruchtend und sehr bereichernd – sozusagen der Luxus meines Lebens. Das empfinde ich tatsächlich so, jeden Tag und anders könnte man diese (durchaus etwas selbstausbeuterische) Arbeit auch nicht machen.
 
Was würden sie als ihren größten Erfolg verbuchen?
 
Zufriedenheit mit meinem Leben!
 
Auf welche Bandbreite von Themen machen sie die Menschen aufmerksam? Können sie einige Beispiele nennen, damit man sich ihre Tätigkeit besser vorstellen kann?
 
Beim Thema Vogelgrippe waren wohl der Pharmakonzern Novartis und die Hühnerprodukteure von Kentucky-Fried Chicken, die in Mittelamerika riesige Pollo-Farmen betreiben „beteiligt“. [Sind wir mal vorsichtig in den Formulierungen wg. der US-Klagefreude .] (Lacht) Da die Vogelgrippe im Vergleich zur normalen Influenza aber so schrecklich harmlos ist, erklärte sich die Kampagne quasi von selbst – als mal endlich einer die Opferzahlen der beiden miteinander verglich.
In der letzten Zeit fällt besonders stark auf, dass Gesetzespläne unserer Bundesregierung mit Angstkampagnen korrelieren, die eine Terrorgefahr beschwören. Einige Indizien haben sich inzwischen als gesteuert erwiesen – übrigens ein gutes Beispiel, wo Medien ihrer Funktion als Vierter Gewalt nachkamen, bildet ein Stern-Bericht zu den sog. „Sauerlandattentätern“. „Verschwörungstheoretiker“ wie Jürgen Elsässer (Autor von „Wie der Djihad nach Europa kam“) hatten eine Geheimdienstverbindung schon vorher vermutet.
Interessant ist auch die gesteuerte „Renaissance der Kernenergie“, die ja auch auf endlichen Ressourcen basiert und deshalb keine nachhaltige Lösung sein kann, deren Propagandisten es aber geschafft haben, das Endlichkeitsthema auf Öl zu reduzieren. Hierfür wurde auch nicht gescheut, Studienergebnisse wie die über die Kinderkrebsstudie verfälscht wiederzugeben und dazu ein renommiertes Medium, wie die Süddeutsche Zeitung zu benutzen. Wissenschaftsjournalisten scheinen mir besonders anfällig für derlei „Kurierdienste“ – allein durch das verführerische Zuspielen von „Vorabinformationen. In diesem Fall eine Woche vor der offiziellen Veröffentlichung der Studie.
Es gibt noch etliche Beispiele, aber ich denke, sowohl Prinzip als auch Facetten werden anhand dieser schon deutlich.
 
Ist die Gefahr nicht groß, in eine „Schublade“ mit den „Verschwörungstheoretikern“ gepackt zu werden?
 
Es ist immer wieder amüsant, wie es vermeintlich rationalen Menschen gelingt, eine Theorie als Verschwörungstheorie abzutun – etwa die 9/11-Unstimmigkeiten – die andere aber nicht mal als solche zu erkennen – etwa die von der Islamisierung, hinter der ja das Wirtschaftswunder als Instrument der „Moslemschwemme über Europa“ stehen müsste. Wenn also einer „Verschwörungstheorie“ schreit, schaue ich mir zuerst mal an, welche Interessen der daran haben könnte, dass man den Indizien oder Fakten nicht nachgeht. Denn diskreditierende Labels zu verleihen, sind ganz gängige Mittel der PR und diejenigen, die viele US-amerikanische Spielfilme gesehen haben, sollten wissen, wie derlei Konstruktionen funktionieren. Wir halten uns an sowas grundsätzlich nicht auf und forschen einfach weiter, weil wir eh die Gegenthese immer prinzipiell prüfen – oh, ich glaube, das sagte ich bereits.
 
Was empfinden sie didaktisch als am wirkungsvollsten um den Menschen die Tatsachen nahe zu bringen?
 
Wir zeigen die Konstruktionsprinzipien (Auswahl, Kombinationen, Emotionalisierungselemente, Entwertungselemente etc.) und das anhand vieler verschiedener Beispielthemen – ich denke, das macht es überzeugend, weil man das selber nachprüfen kann und sieht, dass es uns nicht um die „Richtigstellung“ eines Themas geht – das geht überhaupt nicht, da man dann ja auch wiederum nur bestimmte Aspekte auswählt und sie in einer bestimmten Anordnung präsentieren würde. Es geht uns darum, das Nichtgezeigte bzw. durch Kombination Suggerierte auch sichtbar zu machen und zu Skepsis und Neugierde anzuregen.
 
Würden sie sagen, dass die Bürger heute kritischer sind als noch vor zwanzig Jahren?
 
 „Die Bürger“ gibt es natürlich nicht. Da wir von vielen Bürgerforen – also kritischen Bürgern – eingeladen werden, könnte man das meinen. Wenn ich aber die Klassenkameraden meiner Kinder betrachte, werde ich kulturpessimistisch. Außerdem meine ich, dass bei ehemaligen DDR-Bürgern tendenziell immer noch mehr Skepsis den Medien gegenüber vorhanden ist, weil man es gelernt hatte, zwischen den Zeilen zu lesen. Eine Fähigkeit, die wir im Westen meinten nicht haben zu müssen, weil ja alles so frei, objektiv und demokratisch zuginge. Diese Erwartungshaltung hat sich eher als Behinderung herausgestellt und ich kann da von mir selber sagen, wie stark die Desillusionierung bei mir war, als ich erkannte, dass ich in einem völlig anderen Staat lebe, als dem, von dem mir in meiner Schulzeit vorgeschwärmt wurde.
 
Welcher Art sind ihre Quellen? Wer teilt ihnen die Wahrheit mit, wie finden sie die Tatschen?
 
Wer beansprucht, die Wahrheit erkannt zu haben, sollte sich um die Nachfolge Gottes bewerben. Sorry, jetzt geht mein Humor mit mir durch. Nein, das ist immer wieder eines der wesentlichen Missverständnisse, und ich verwende dieses große Wort ungern. Es gibt Sachverhalte, die wesentlich akkurater beschrieben werden könnten, als bisher, die aber auch immer noch einen Moment einer subjektiven Beschreibung behalten werden – allein darum, weil man nicht alles 1:1 abbilden kann. Und dann unterhalten Sie sich mal mit ihren Eltern über Ihre Kindheit und Sie werden sehen, dass es ohne böse Absicht und allein auf Grund persönlicher Gefühlszustände beim Erleben bestimmter Dinge zu unterschiedlichen Einordnungen, Sichtweisen und Geschichten kommt, obwohl man die gleichen Situationen erlebt hat. Was wir darum vermitteln ist nicht, „Wie finde ich die Wahrheit?“, sondern „Wie ermittle ich die fehlenden, verzerrten Aspekte bei der jeweiligen Darstellung?“ „Wie merke ich derlei Dinge überhaupt?“ Von da aus gibt es unendlich viele Möglichkeiten, seinen Wissensschatz aufzufüllen. Wenn es uns gelingt, Distanz zu den Darstellungen zu erhalten und sie als eine mögliche Sichtweise zu betrachten und immer einen gewissen Vorbehalt – also Neugierde – behalten, dann ist viel gewonnen. Wenn es uns dann noch gelingt, unsere eigenen Vorstellungen als Konstruktion zu entlarven, die neue Fakten nach eigenem Gusto in die Mitte oder an den Rand dessen ordnet, was man für normal, für prototypisch, hält, dann ist das der richtige Vorbehalt und ein wichtiger Schritt in Richtung „Gleichwertigkeit“. Allein schon, wenn es gelänge, alle Fakten, die uns – zufällig – über den Weg laufen, gleichwertig zu betrachten, statt sie zu entwerten oder aufzuwerten, dann wären wir dem Idealtypus der Objektivität ein Stückchen näher gerückt.
 
Wo kann man ihre Quellen nachvollziehen?
 
Wir geben also mehr Methoden als Quellen an, weil wir die Tendenz beobachten, dass man uns gerne fragt: „Wem kann ich glauben?“ Niemandem, auch uns nicht! Bei einzelnen Themen verweisen wir freilich in den Veröffentlichungen oder bei Vorträgen auf den Rechercheweg. Nicht, damit dieser nun immer wieder gleich abgeschritten wird, sondern zur Ermutigung, vergleichbare Wege zu gehen und sich nicht mit den zunehmenden Fertiggerichten abspeisen zu lassen.
 
Was kann der Einzelne tun, um keinen Trugbildern aufzulaufen? Worauf kann ich achten?
 
Damit könnten wir ein Buch füllen und wir sollten darauf gefasst sein, dem ein oder anderen Trugbild aufzusitzen. Gut, wenn man es sich eingestehen und dann korrigieren kann. Als Einstieg würde ich da ein Buch empfehlen, das wir gerne übersetzen würden und das durchaus noch um viele Facetten ergänzt werden könnte: Cabu/Gervereau – Le Monde des Images. Wir beantragen derzeit eine Förderung einer interaktiven Website, um möglichst viele Mechanismen, die man als kritischer Nutzer beobachten kann, vorzustellen. Dazu sammeln wir schon Material und wir hoffen, dass uns die sehr aufwändige Realisierung ermöglicht wird.
 
Gibt es eine Empfehlung für eine Nachrichtensendung oder Zeitung in Deutschland deren Arbeit sie schätzen?
 
Da will ich mich hier ungern festlegen. Stelle immer wieder fest, wie stark das von Beitrag zu Beitrag variiert. Wir kommen nicht umhin, jedes Mal neu unseren Verstand zu gebrauchen und uns gleichzeitig unsere Menschlichkeit als Grenzwächter nicht abschwatzen zu lassen.
 
Haben sie einen aktuellen Buchtipp und/oder Links mit denen sich Interessierte beschäftigen können?
 
Ich empfehle gerne Walter van Rossums „Tagesshow“, weil das Büchlein so schön aufzeigt, wie man durch falsche Erwartungen an die Berichterstattung deren eigenen Mythen aufsitzt. Es ist tatsächlich realistischer, die diversen Nachrichtensendungen unter dem Aspekt der „offiziellen Sprachregelung“ zu betrachten – deren Funktion also allein im Konformismus besteht. Das schafft Distanz. Wer sich dann mit der Konstruktion von Wirklichkeitsvorstellungen durch Sprache befassen möchte, dem empfehle ich Peter von Polenz „Satzsemantik“ und Harald Burgers „Sprache der Massenmedien“ – so als Einstieg.
Neben den Konstruktionsmechanismen kann man auch alternative Sichtweisen – also eine andere Konstruktion suchen.
Im Internet gibt es Vieles auf unterschiedlichem Niveau: sicher interessant die nachdenkseiten.de wie auch hintergrund.de und dann Democracy Now von Amy Godman aus den USA – und natürlich auch unsere Website, die derzeit noch etwas statisch ist, aber unter Publikationen und unter Themen einiges bietet. (http://www.medienverantwortung.de/)
Insgesamt suchen wir gerne konterkarierende Meinungen und vor allem Fragestellungen. Deshalb erscheint mir gerade auch eine Website wie CASMII interessant, die auf Grund zunehmender antiiranischer Propaganda versucht, alternative Infos zur Verfügung zu stellen und Manipulationen aufzudecken. Das Internet bietet viele Möglichkeiten des Aufspürens von Nichtmainstream-Infos, allerdings auch die, sich immer nur im eigenen Saft zu suhlen und sein eigenes, vielleicht verzerrtes Weltbild zu bestätigen.
 
Was ist das momentan aktuellste Thema an dem sie intensiv arbeiten, oder das ihnen besonders am Herzen liegt?
 
Wir durchlaufen gerade den Verlagsprozess mit unserem Buch zum Thema „Antisemitismus und Islamophobie“. Außerdem bereiten wir für eine Tagung an der Uni in Haifa etwas zum Iranbild in deutschen Medien vor. Dann werden wir in diesem Jahr die Mythenbildung um den Grundgesetzgeburtstag, den Mauerfall bzw. die Anbindung der DDR und die NATO als „Friedens“-bündnis kritisch begleiten. Die Themen Mediengewalt und Medienerziehung bzw. schulische Medienbildung begleiten uns ständig.
 
Ist in der Objektivität von Berichterstattung im Allgemeinen ein Auf- oder Abwärtstrend auszumachen?
 
Um das zu untersuchen müsste Objektivität erst einmal neu definiert werden, sonst brauchen wir gar nicht anfangen. Und dann müssten alle Medienbeiträge von wann bis wann(?) erfasst und ausgewertet werden. Hier will ich mich nicht einmal zu einer subjektiven Stellungnahme hinreißen lassen. Wenn früher alles besser gewesen wäre, würden uns die Namen Tucholsky und Ossietzky nicht so viel sagen – und ein Walter Lippman hat sein Buch zur „Öffentliche Meinung“ 1922 prägnant geschrieben und es ist immer noch erstaunlich aktuell. Inzwischen glaube ich, dass viele Menschen früher alles besser fanden, weil sie früher – also mit weniger Lebenserfahrung – auch immer naiver waren als zum Vergleichszeitpunkt.
 
Halten sie die weltweite Verfügbarkeit von Informationen im Internet für eine Gefahr oder eine Chance? Warum?
 
Dr. Schiffer: Beides – wie schon gesagt: es gibt Mittel und Wege, Dinge zu finden, über die sonst jemand für mich entschieden hat, ob ich sie zu Gesicht bekomme oder nicht. Es gibt aber auch viel Schrott und wir erlauben uns den Luxus, Kindern zwar schnellen Zugang zur Technik zu ermöglichen, sie aber nicht ausreichend in Fragen der Quellenbewertung zu schulen.
Darüber hinaus verstärken Mailinglisten, RSS-Feeds und Blogs die Tendenz zur Selbstbestätigung, die wir schon als limitierenden Faktor ausgemacht hatten. Wenn ich mir dieser Gefahr nicht bewusst bin, oder es nicht anders will, ist politische Bildung und Demokratie in Gefahr. Das konterkarierende zufällige Sehen einer Sendung etwa im Abendprogramm des Fernsehens – was durch die zunehmende Ausdifferenzierung verschiedenster Sendeangebote auch gefährdet ist – nimmt damit ab und die Möglichkeit zu Bewusstseinsprozessen damit auch.
Wie sich der neue Analphabetismus der zu früh vor den Bildschirm gesetzten Kinder auf unser Gemeinwesen auswirken wird, werden wir bald vorgeführt bekommen – die jetzt warnenden Wissenschaftler werden eben gerne als „Verschwörungstheoretiker“ oder „hinterwäldlerische Spinner“ abgetan – gefördert durch eine geschickte PR-Strategie der entsprechenden Industrie, die „Innovation“ und „Fortschritt“ suggeriert.
Eine wirkliche Gefahr sehe ich darin, unser kollektives Gedächtnis zu elektronisieren. Was bleibt, wenn einer den Strom abschaltet? Hingegen sind die Manipulationsmöglichkeiten nicht wesentlich anders, als mit anderen Medien auch.
 
Wenn sie drei Dinge in der internationalen Medienlandschaft einfach verändern könnten, welche wären das?
 
Die Medienlandschaft alleine zu verändern, bringt wenig – sie ist eingebettet in verschiedene Kommunikationsprozesse und die müssten wir eigentlich alle mit ins Blickfeld nehmen. Wir haben es ja z.B. auch weltweit stark mit einer selbsterhaltenden politischen Klasse bei gleichzeitigem Machtverlust gegenüber der Wirtschaft zu tun. Hier bedient ein Element das andere und wir können ohne Wirtschaftsreform, in Richtung einer Ausrichtung an die Bedürfnisse der Menschen und nicht des Profits, hier wie dort wenig ausrichten. Grundsätzlich ist die Frage zu beantworten: „Welches System ist zu schaffen, damit die Lücke zwischen dem öffentlichen Auftrag von Medien im Sinne der bürgerschaftlichen politischen Diskussion und dem Zwang zum wirtschaftlichen Erfolg geschlossen werden kann?“ Und „Was geben wir den Bürgern an die Hand, sich an diesen Prozessen zu beteiligen?“ Haben Sie gemerkt, wie mir hier eine hierarchisierende Formulierung reingerutscht ist. Wer soll was wem geben? Meinen gleichwertigen Gedanken des Gemeinwesens kann ich nicht einmal mit dieser Sprache ausdrücken.
 
Wie würden sie ganz subjektiv, bei allem was sie wissen, die Qualität der Demokratie in Deutschland beschreiben? (im Bezug auf deren Grundvoraussetzungen, die ihr Fachgebiet darstellen)
 
Auf dem absteigenden Ast – Pseudokommunikation ersetzt echte Auseinandersetzung und die ehrliche Verhandlung konstruktiver Möglichkeiten für alle. Solange wir uns das eben gefallen lassen…

 
Vielen Dank Frau Dr. Schiffer, ich wünsche Ihnen auch weiterhin viel Kraft, Mut und Erfolg für ihre wichtige Arbeit. (PK) 

Online-Flyer Nr. 188  vom 11.03.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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