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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Sport
Auf meine Seele wirkte die Fernsehsprecherin wie Balsam
Das Mittelmaß aller Dinge
Von Hermann

Vor gar nicht allzu langer Zeit, es wird so um den zehnten Spieltag gewesen sein, saß ich im heimischen Wohnzimmer und blätterte in einer Zeitschrift. Auch die Dame meines Herzens war zugegen und schenkte ihre Aufmerksamkeit den Nachrichten im Fernseher. Als sich gegen Ende dieser Sendung dem Sport gewidmet wurde, genauer gesagt dem Fußballsport, musste ich bei einem Satz von meinem Druckerzeugnis ablassen und ihn mir in aller Ruhe auf der Zunge zergehen lassen.
lukas podolski
Bald wieder im Kölner Trikot – Lukas Podolski | Quelle: NRhZ-Archiv

Während der Präsentation der Bundesligatabelle durch eine sympathische Sprecherin fielen nämlich die Worte: „Bremen und Köln bilden das Mittelfeld.“ In der erfolgsverwöhnten Stadt an der Weser wird der Satz wohl weniger Begeisterung ausgelöst haben, doch auf meine Seele wirkte er wie Balsam, zumal er gänzlich unaufgeregt vorgetragen wurde. Hier wurde keine Sensation präsentiert, man packte lediglich die nackten Tatsachen wertfrei in eingängige Sätze. Wir bilden das Mittelfeld. In der ersten Bundesliga.
 
Lieber den Spatz in der Hand
 
Grenzt andernorts das Mittelmaß an eine Katastrophe, erzeugt es hier in Köln eine wohltuende Entspannung, die der geschundene Fan letztmals vor acht Jahren genießen durfte. In allen darauf folgenden Intermezzi im Oberhaus fühlte man sich nach kurzer Zeit wie ein Engländer beim Elfmeterschießen. Man sieht sich mit einer Situation konfrontiert, die andere, so scheint es, behände meistern, ist sich selbst aber im Prinzip bereits der Ausweglosigkeit völlig bewusst. Keine angenehme Lage, doch aus dieser traurigen Tradition heraus resultiert das Vermögen, die aktuelle Situation in vollem Umfang zu genießen. Natürlich birgt der momentane Erfolg das Risiko, bei dem Einen oder Anderen Begehrlichkeiten in Richtung Europapokal zu wecken, aber ich habe mich noch gar nicht genug über den Spatz in der Hand gefreut, so dass ich das Geschehen auf dem Dach keines Blickes würdige.
 
„Nur der Mittelmäßige ist ständig in Bestform“ schrieb einst der englische Dramatiker und Geheimagent William Somerset Maugham - und es ist an uns, diese Bestform zu genießen. Die Ausgangslage kann schöner gar nicht sein. Während der eine Aufsteiger seit Saisonbeginn mit einem Bein im Abstiegssumpf steckt, und ein anderer beim Kampf um die Tabellenspitze die Schönspielfetischisten in die feingliedrigen Hände klatschen lässt, suhlen wir uns wenig beachtet im ehrlich erarbeiteten Mittelfeld.
 
Behagliche Position
 
Dadurch kam es zu weiteren ungewohnten Situationen. Das Spiel gegen Cottbus etwa, als man sich plötzlich in einer Erstligabegegnung in der Favoritenrolle wiederfand. In der Vergangenheit standen Spiele gegen potentielle Abstiegskandidaten im Oberhaus häufig unter dem Motto: Wenn-wir-die-schon-nicht-schlagen-wen-dann? Aus diesem Fatalismus, der seinerzeit sicherlich nicht unbegründet war, hat sich inzwischen ein berechtigter Optimismus entwickelt, der die Möglichkeit schafft, auch als vermeintlicher Underdog in Begegnungen zu gehen, ohne die traurige Hoffnung formulieren zu müssen, dass die drohende Niederlage doch bitte nicht allzu bitter ausfallen möchte. Nein, wir durften schon glückliche Siege in dieser Spielzeit feiern, ebenso wie wir andernorts unnötig Punkte gelassen haben, aber dennoch befinden wir uns in einer behaglichen Position in einer Klasse, in der – und das ist ein großer Unterschied zur zweiten Liga – das Mittelmaß auch am Saisonende keinen Stillstand bedeutet.
 
Wenn sich der weitere Saisonverlauf ähnlich angenehm gestaltet, können wir aus sicherer Distanz gänzlich entspannt mitverfolgen, wer am Ende den Sprung auf das rettende Ufer schafft und wer, vielleicht auch durch eine nervenaufreibende Relegation, das Oberhaus verlassen muss, und ob doch noch die ein oder andere Konzernmannschaft oder ein anderes Kunstprodukt an der Tabellenspitze dem 'heißen Atem der Bayern' (Zitat Uli Hoeneß) erliegt. In der Sommerpause werden die Karten dann wieder neu gemischt, und die darauf folgende Saison könnte auch für uns wieder spannender werden. Vielleicht mit Blick nach oben, vielleicht geht es auch mal wieder gegen den Abstieg. Lassen wir uns überraschen, was die Zukunft bringt.
 
Apropos Sommerpause und Wurst-Uli, durch den namhaften Neuzugang, der sich zur kommenden Saison von Bayern her auf den Weg nach Köln machen wird, könnten hier wieder einige ihre Bescheidenheit über Bord werfen und sich künftig zu Höherem berufen fühlen. Meinetwegen muss das alles nicht sein, ich empfinde auch weiterhin das Mittelmaß als sehr lohnenswertes Ziel. Für den Fall, dass doch alles anders kommt und ich mich eines Besseren belehren lassen muss, sollte sich Real Madrid aber vorsorglich schon mal warm anziehen. (PK)

Online-Flyer Nr. 182  vom 28.01.2009

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