NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

zurück  
Druckversion

Literatur
Kay Löfflers Roman „Aus einem deutschen Getto“
Die Abgründe des Sozialen
Von Gerrit Wustmann

Kay Löfflers Roman „Aus einem deutschen Getto“ ist eine präzise und wertungsfreie Betrachtung der Abgründe sowohl sozialer Missstände als auch der amtsdeutschen Regelungswut. Vorurteilsfrei begibt er sich mit seinem Protagonisten Wolfgang Hoy auf Spurensuche in den Problembezirken Kölns und schafft dabei einen zeitgenössischen Roman: schlicht und real. Die Redaktion.

Kay Löffler Pressefoto: Dirk Hoy
Kay Löffler | Pressefoto: Dirk Hoy                        
Das Buch ist nicht neu. Der Autor Kay Löffler, der seine eigenen Erfahrungen beim Ordnungsamt Köln-Chorweiler verarbeitet, hat es vor fast zwanzig Jahren geschrieben. 1999 erschien es erstmals unter dem Titel „Ermittlungsdienst Chorweiler“ – nun unter neuem Titel die Neuauflage. Der Antrieb, dieses Buch nach all den Jahren erneut zu rezensieren sind nicht die in erster Linie stilistischen Änderungen am Text, sondern dessen Aktualität. Eingangs erwähnt der Autor zwar, dass die dargestellten Missstände „nicht den derzeitigen Amtsinhabern zuzuordnen“ sind, wer aber auch nur am Rande in Kontakt zu Menschen aus dem beschriebenen Milieu steht, der weiß, dass sich recht wenig wirklich zum Besseren gewendet hat. Und dabei stehen hier zwei Milieus im Fokus: Die prekären Lebensverhältnisse derer, die von der Gesellschaft abgeschnitten sind, und genauso das verknöcherte bürgerlich-konservative Beamtenmilieu.

Der Protagonist Wolfgang Hoy ist ledig, um die sechzig, kurz vor dem Ruhestand, leidet an beginnendem Hautkrebs und verdrängt seine gescheiterte Privatbiographie mit dem Engagement in seiner täglichen Arbeit beim Ordnungsamt Chorweiler. Und Chorweiler ist ein trostloses Pflaster.

Hochhaus in Chorweiler Foto: bardewyk.com
Hochhaus in Köln-Chorweiler
Foto: bardewyk.com
„Bukowski würde es so beschreiben: Wenn Gott auf Deutschland scheißt, dann fällt der Mist auf diese Stadt.“ Eine Trabantenstadt, „künstlich erschaffen“, bestehend aus Hochhäusern, Wohnblocks und grauer Tristesse. Ein Abstellgleis für die, die aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, für Arbeiterfamilien ohne höhere Bildung, für Migranten, die anderswo unerwünscht sind, für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Schon die ersten Streifzüge lassen erkennen, dass dies ein Milieu ist, aus dem es kaum möglich ist, sich herauszukämpfen. Es handelt sich um Menschen, die niemand haben will, denen man – vermutlich aufgrund von Ressentiments und falsch verstandenen Wertvorstellungen – per se keine Chance gibt, und für die der Name ihres Wohnorts allein ein Stempel, eine Bürde ist, die ihnen viele Türen verschließt und mit der sie leben müssen. Der Titel des Buches ist also keineswegs eine Dramatisierung um die Auflage zu pushen. Chorweiler ist ein Getto. Also, sprechen wir’s aus.

Mit der Lektüre dieses Romans begibt man sich in ein unangenehmes Milieu, ein Milieu, das man nicht schönreden kann, und das aus guten Gründen geographisch begrenzt wird: Die Friede-Freude-Eierkuchen-Schicht will all das nicht sehen, denn die ist schon mit Obdachlosen auf der Domplatte überfordert und flüchtet sich in ihre Ressentiments, um sich nicht schlecht fühlen zu müssen. Getreu dem Motto: Wer in prekären Verhältnissen lebt, ist selbst daran schuld. Schön, wenn’s denn so einfach wäre.

Zusammenhalt und Kälte Foto: 110stefan, pixelio.de
Zusammenhalt und Kälte | Foto: 110stefan, pixelio.de

Löfflers Buch versucht sich nicht im Schönreden, es bezieht auch nicht Stellung. Es verschweigt auch nicht Menschen, denen man tatsächlich nicht gerne begegnen möchte, weil sie offenbar völlig irre geworden sind. Menschen, die ein ganzes Schwein in ihrer Wohnung lagern und die die Fäulnis und die Maden gar nicht mehr registrieren. Menschen, die sich nur über Gewalt mitteilen können, die rauben und morden. Menschen, die im Dreck leben, Menschen die einsam im Dreck sterben. All das zeigt er uns, aber es zeigt es uns ohne den herabwürdigend-voyeuristischen Blick eines Trash-TVs, in dem das Elend anderer zur perversen Unterhaltung gemacht wird.

Und er zeigt uns Wolfgang Hoy und seine Kollegen vom Amt. Das sind auf den ersten Blick sympathische Figuren, die dem Durchschnittsleser sicherlich näher sind als „die anderen“. Gescheiterte Existenzen sind es zum Teil, aber das ist nur der nötige zusätzliche Schuss Realität, der dem Buch seine Würze gibt. Es gibt da auch den Auszubildenden, der noch relativ unbefleckt eintaucht in eine Welt, in der Menschen kaum mehr sind als Nummern. Es wird aber von Amts wegen auch mal in den Biographien der Nummern und Namen gestöbert, wodurch der ein oder andere der Ausgestoßenen ein Gesicht, eine Geschichte, einen Lebensweg bekommt. Lebenswege, die generell ungerade sind wie alle ehrlich betrachteten Lebenswege – die aber in diesem Fall in der bezeichneten Sackgasse ein teils klägliches Ende finden.

Poetisches Graffitti in Köln-Chorweiler
Wege aus der Sackgasse – ein anderes Bild von Chorweiler
Foto: Bardewyk

Löffler – man muss es wiederholen – zeigt. Er erzählt nicht, er zeigt, das ist eine seiner Stärken, vielleicht seine größte. Er zeigt dem Leser Beamte, die mitunter aufgeschlossen und engagiert sind, die heftig kämpfen, um über die Resignation zu triumphieren. Sie kämpfen dabei nicht nur gegen die widrigen Umstände an sich, sondern auch gegen Kollegen, die sich der Resignation längst ergeben haben oder – am schlimmsten – gegen diejenigen, die sich sogar in dem Dickicht aus Anordnungen, Gesetzen, Regelungen wohlfühlen.

Man wird dabei den Eindruck nicht los, dass die bürgerlich-konservative Schicht zumindest zu einem großen Teil aus Menschen besteht, die an einem beschämenden Mangel an Selbstbewusstsein und einer quälenden Angst vor Welt und Leben leiden – anders ist der Drang kaum zu erklären, Regeln und Gesetze erlassen zu müssen, die allen Eventualitäten vorbeugen. Man könnte das fast bemitleiden, müsste nicht die Gesamtbevölkerung unter diesen lebensverneinenden Neurosen der Regelungswut leiden. Aber offenbar gibt es ja noch immer eine Lobby derer, die Sicherheit für wichtiger als die Freiheit erachten.

„Aus einem deutschen Getto“ ist ein lesenswertes Buch. Insbesondere für Kölner, die die düsteren Seiten ihrer Stadt lieber ignorieren. Unter dem unglücklich gewählten reißerischen Cover verbirgt sich eine minutiöse, detailgenaue Milieustudie, die nur beobachtet, und deren immense Stärke darin liegt,
"Aus einem deutschen Getto" Kay Löffler Engelsdorfer Verlag Cover
                                                              
dass sie sich von jeglicher Wertung, von jeglicher Stellungnahme fernhält. Kay Löffler ist kein Literat. Aber er ist ein engagierter Autor, der mit einer wunderbar klaren Sprache die brennenden Themen unserer Zeit behandelt, die manch einer gerne unter den Teppich des eigenen Wohlbefindens kehren würde. (CH)



Kay Löffler
„Aus einem deutschen Getto“
Pernobilis Edition im Engelsdorfer Verlag
ISBN 978-3-86703-924-6
205 Seiten
11,95 Euro




       

Online-Flyer Nr. 178  vom 24.12.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Aufstehn für den Frieden in Bremen
Von Arbeiterfotografie
FOTOGALERIE


Kalender-Zeit: Wegbereiterinnen XVII
Von Arbeiterfotografie