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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Inland
Stiftung des NS-Sympathisanten Alfred Toepfer bemüht erneut Historiker
Weiß gewaschen
Von Hans Georg

In einem neuen Anlauf sucht die Hamburger Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. französische Kritik wegen der NS-Aktivitäten ihres Gründers abzuschütteln. Toepfer hatte enge Kontakte zu höchsten SS-Kreisen unterhalten und als Abwehroffizier in Frankreich Kollaborateure betreut. Erst kürzlich hat eine französische Institution deswegen eine Finanzierung durch die Stiftung abgelehnt, die als einzige private Kulturstiftung im NS-Reich zugelassen blieb und bis heute den Namen ihres Gründers trägt. Jetzt kündigt die Stiftung an, ein Stipendium an einen französischen Historiker vergeben zu wollen, der "den aktuellen Forschungsstand" zu den Auseinandersetzungen um Alfred Toepfer aufarbeiten soll.

alfred töpfer
Alfred Toepfer - gründete
Stiftung zur Förderung des
deutschen Volkstums in
Europa | Quelle:
www.stiftungen.org
Die bislang von der Stiftung in Auftrag gegebenen Studien über Toepfers NS-Aktivitäten werden von Historikern scharf kritisiert. Schwer nachvollziehbare Bewertungen ließen ihn vor allem vermuten, dass "ein führender Mann der braunen Privatwirtschaft aus der Wehrmachtsabwehr, also aus der zweiten Reihe der NS-Funktionselite, weiß gewaschen" werden soll, urteilt der Baseler Historiker Dr. Michael Fahlbusch im Gespräch mit german- foreign-policy. Wie Fahlbusch berichtet, erhebt sich auch in der Schweiz scharfe Kritik an der Stiftung sowie an mit ihr verquickten Organisationen.
 
"Agitation"
 
Auslöser für den jüngsten Streit um die Stiftung war die Zurückweisung eines 1.000-Euro-Zuschusses durch das Conservatoire national supérieur musique et danse in Lyon. Die Institution ist Mitveranstalterin einer deutsch-französischen Akademie für zeitgenössische Kammermusik, in deren Sponsorenkreis auch die Toepfer-Stiftung eintreten wollte. Das Conservatoire wies das deutsche Ansinnen zurück, nachdem es über die NS-Aktivitäten des Stiftungsgründers informiert worden war. Wie die Hamburger Stiftung erklärt, sei sie Opfer von "Agitation" geworden. Die französischen Toepfer-Kritiker, die das Conservatoire auf die historischen Hintergründe aufmerksam gemacht hatten, hätten "antideutsche Ressentiments" geschürt, behauptet der Historiker Hans Mommsen, der einst einer Historikerkommission der Stiftung angehört hatte.[1] Man sei "rufschädigend, beleidigend und komplett realitätsfern" dargestellt worden, heißt es in der Hamburger Stiftungszentrale, die ankündigt, "fortan vor Gerichten in Frankreich und Deutschland" gegen "rufschädigende" Kritik vorgehen zu wollen.[2]
 
Deutsches Volkstum
 
Hintergrund der Auseinandersetzungen sind die NS-Aktivitäten des Hamburger Kaufmanns Alfred Toepfer und seiner Stiftung F.V.S. Toepfer entstammt der völkischen Jugendbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts und orientierte sich schon als Heranwachsender an nationalistischen Kreisen, die ein "Niederdeutschland" von Holland bis Riga errichten wollten - aus Gebieten, in denen Deutsch oder ein vermeintlicher Dialekt des Deutschen (Niederländisch) gesprochen wurde. In den 1920er Jahren, als er zu Geld zu kommen begann, gründete Toepfer gemäß dieser Ideologie Jugendherbergen in denjenigen Gebieten deutscher Grenznachbarn, auf die völkische Kräfte in Deutschland Territorialansprüche erhoben - für die völkische Jugendbewegung. 1931 erweiterte er seine Einflussarbeit durch die Gründung der Stiftung F.V.S., die "der Förderung des deutschen Volkstums in Europa" gewidmet war.[3] Seine bald folgende Kooperation mit den NS-Machthabern beruhte auf seiner völkischen Orientierung, die für die damalige Tätigkeit der Stiftung F.V.S. prägend war.
 
Höchste SS-Kontakte
 
Toepfer hat im NS-Reich entsprechend Karriere gemacht. Während des Zweiten Weltkrieges verfügte er "über ein Netzwerk bis hin zu höchsten SS-Kreisen", berichtet der Historiker Dr. Michael Fahlbusch im Gespräch mit der gfp-Redaktion. Zu Toepfers Netzwerk gehörten unter anderem SS-Obergruppenführer Werner Best, der in Frankreich und Dänemark die Deportation der jüdischen Bevölkerung betrieb, oder SS-Obergruppenführer Werner Lorenz. Lorenz war als Chef der Volksdeutschen Mittelstelle verantwortlich für die "Heimführung" deutschstämmiger Ausländer, um deren "Deutschtum" sich Toepfer schon in den 1920er Jahren bemüht hatte, aber auch für Maßnahmen zur "Eindeutschung" polnischer und slowenischer Kinder. Als Lorenz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wegen seiner NS-Verbrechen angeklagt wurde, habe Toepfer den Verteidiger bezahlt, berichtet Fahlbusch. Wie der Historiker in Erinnerung ruft, war Toepfer während des Krieges außerdem als Abwehroffizier in Frankreich im Einsatz und "kontrollierte (...) den französischen Widerstand und die Kollaborateure".[4] "In den neutralen Ländern beschaffte er kriegswichtige Rohstoffe und oder Devisen", sagt Fahlbusch: Er war "eine der zentralen Personen der deutschen Kriegswirtschaftsplanung und Abwehr."
 
"Locker arrangiert"
 
Bereits Mitte der 1990er Jahre hat die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. wegen der stets wiederkehrenden Vorwürfe gegen ihren Gründer eine Historikerkommission eingesetzt, um die Vergangenheit von Stifter und Stiftung aufzuklären. Die Ergebnisse der Kommission, der unter anderem Hans Mommsen angehörte, sind bis heute scharfer Kritik ausgesetzt. "Ich sehe die Rolle des Stifters anders als die Mitglieder der Historikerkommission", sagt Fahlbusch im Gespräch mit german-foreign-policy.com: "Diese verharmlosen die zwölf Jahre der NS-Zeit des Stifters mit dem Hinweis auf den Lebenszyklus des Stifters von 40 Jahren erfolgreicher Nachkriegszeit."[5] Fahlbuschs These bestätigt ein aktueller Pressebericht, in dem es mit Bezug auf Stiftungsquellen über Toepfer heißt: "Mit seiner 1931 gegründeten Kulturstiftung verfolgte er locker ein völkisch-nationales Programm. Mit den Nazis hat er sich arrangiert, ohne jedoch mit ihnen zu paktieren".[6] "Wird diese Arbeitsweise künftig auf andere Eliten übertragen", warnt Fahlbusch, dann "wird die deutsche Geschichtswissenschaft partiell ihr Ansehen im Ausland verlieren, große Namen wie Hans Mommsen hin oder her".
 
Übersetzung
 
Anlässlich der jüngsten Auseinandersetzungen um ihre Aktivitäten in Frankreich hat die Toepfer-Stiftung angekündigt, die Ergebnisse ihrer heftig kritisierten Historikerkommission "und einzelne Folgeaufsätze" ins Französische übersetzen zu lassen.[7] Außerdem stellt sie ein Stipendium zur Verfügung, mit dem ein französischer Historiker "den aktuellen Forschungsstand" über die Vergangenheit von Stifter und Stiftung aufarbeiten soll. Analysen französischer Historiker über die Toepfer-Stiftung liegen zwar schon vor, darunter ein kürzlich in deutscher Sprache publizierter Aufsatz [8]; allerdings bestätigen sie die stiftungskritischen Positionen. Um nicht der Bestellung eines Gefälligkeitsgutachtens bezichtigt zu werden, hat die Stiftung für ihr aktuelles Vorhaben nun die französische Diplomatie eingeschaltet. "Das Stipendium wird über das Französische Generalkonsulat in Hamburg vergeben", teilt die Toepfer Stiftung mit.[9]
 
Regio Basiliensis
 
Die Proteste gegen die Stiftungs-Aktivitäten in Frankreich sind nicht die einzigen. Auch in Basel wird Unmut laut. Dort ist seit genau 40 Jahren eine Johann Wolfgang von Goethe-Stiftung aktiv, die mit der Hamburger Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. eng verquickt und ebenfalls von Alfred Toepfer gegründet worden ist. "Diese Baseler Stiftung vergab, obwohl der Regio Basiliensis verpflichtet, Kulturpreise an ehemalige Nationalsozialisten aus Österreich und Rumänien bis in die 1980er Jahre", berichtet Michael Fahlbusch.[10] Besonders umstritten war eine Preisverleihung an die Schriftstellerin Gertrud Fussenegger, eine Österreicherin, die bereits Jahre vor der Annexion Österreichs der NSDAP beitrat und ihre Karriere dem NS-Reich verdankt. Die mit Toepfer-Geldern gegründete Johann Wolfgang von Goethe-Stiftung "verlieh nach dem Krieg von der Schweiz aus Kulturpreise an ehemalige Nazis und Rechtsextremisten in Österreich und Deutschland", resümiert Fahlbusch: "Das ist alles andere als philanthropisch." (PK)
 
Das Interview mit Dr. Michael Fahlbusch sowie eine Rezension des Bandes Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften finden Sie unter http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57425

[1] Der lange Atem der Geschichte; taz Nord 04.12.2008
[2] Aktuelle Debatten und Publikationen; www.toepfer-fvs.de
[3] Jan Zimmermann: Alfred Toepfer, Hamburg 2008
[4], [5] s. dazu Nicht philanthropisch
[6] Der lange Atem der Geschichte; taz Nord 04.12.2008
[7] Aktuelle Debatten und Publikationen; www.toepfer-fvs.de
[8] s. dazu Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften
[9] Aktuelle Debatten und Publikationen; www.toepfer-fvs.de
[10] s. dazu Nicht philanthropisch

Online-Flyer Nr. 178  vom 24.12.2008

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