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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Sport
Fußball ist kein Unterhaltungsprogramm
Sometimes antisocial
Von Hermann

Die Tatsache, dass ich aus meinem Herzen, was den Fußballsport im Allgemeinen und meine damit verbundenen Sym- und Antipathien im Speziellen angeht, keine Mördergrube mache, hat mir im Laufe der Zeit schon so manchen Ärger eingehandelt. Kürzlich wurde ich aber auch belohnt, als mir ein Schal mit der Aufschrift „Der Mob hasst Hopp“ für meine vorbildliche Aufklärungsarbeit über das Projekt „Hoffenheim“ überreicht wurde.


Konnten – trotz oder wegen des Unentschieden – auch in Schalke jubeln
Quelle: www.bundesliga.de
 
Bei diesem musste ich aber seit Beginn mehr Rückschritte hinnehmen, als ich vorankam. Zwar ist der Bekanntheitsgrad besagten Projektes seit dem Erreichen des Oberhauses sprunghaft angestiegen, der der erfolgreichen Verschleierung der Begleitumstände aber leider auch, wovon ich mich überzeugen durfte, als ich beim Spitzenspiel des Projekts gegen Bayern München eher zufällig eine Gaststätte mit meinem Besuch bereicherte, die grade Fußball zeigte. Das Publikum hier, welches größtenteils studentischen Ursprungs war, hielt doch tatsächlich verbissen am Märchen des sympathischen Underdogs vom Dorfe fest, der es 'denen da oben' mal so richtig zeigt und wollte sich auf gar keinen Fall durch besser informierte Kreise – also durch mich – von der Wahrheit überzeugen lassen. Dank Luca Tonis Tor in der Nachspielzeit konnte ich den armen Opfern der „Hoffenheim“-glorifizierenden Medienkampagne gönnerhaft auf die Schultern klopfen - schließlich sind es gerade die ahnungslosen Fähnchen im Winde, die wenig Erfahrung im Umgang mit Niederlagen mitbringen.
 
Ab und zu den Mund halten
 
Das Interesse am Fußball zieht seit einigen Jahren immer größere Kreise, aber der Sport mit all seinen Erscheinungsformen unterliegt auch immer neuen Veränderungen, wodurch die Wahrheit von heute morgen schon ein Irrglaube sein kann. Wenn früher gesagt wurde „Hauptsache Bayern verliert“ hatte das in der Regel Hand und Fuß, aber bereits vor einigen Jahren musste ich irritiert dreinblickenden Feierabenfußballguckern erklären, warum doch lieber Bayern als Bayer Meister werden sollte. Wenn dann die – heutzutage wieder in Verbindung mit „Hoffenheim“ in Mode gekommende – Floskel „aber die spielen doch so schönen Fußball“ zur Antwort kam, war dies der Moment der Erkenntnis, dass mein Gegenüber gar nicht in der Lage ist, die allumfassenden Zusammenhänge des Sports zu überblicken. Fußball ist kein Unterhaltungsprogramm, viele Tausend Menschen leben mit, durch und für ihren Verein, und all jene, die wegen etwas Glück in der WM-Kartenlotterie nun glauben, durch einen Stadionbesuch einen Platz am Tisch der Fußballveteranen ergattert zu haben, sollten besser ab und zu den Mund halten und zuhören, wenn die alten Recken das Wort ergreifen.
 
Modell BWL-Student
 
Häufig wird aber eben dieses durch ein nicht nachvollziehbares übersteigertes Selbstbewusstsein verhindert. Die Dame meines Herzens musste ich kürzlich in der Bahn von einem Akt körperlicher Gewalt abhalten, als ein junger Schnösel – Modell BWL-Student – seinen versammelten Freunden in einer Lautstärke, die es uns unmöglich machte, nicht zuzuhören, von seinen Eindrücken bei einem Besuch im Müngersdorfer Stadion berichtete. Über Atmosphäre oder sportlicher Leistung wusste er nicht viel zu sagen, vermutlich mangels Vergleichsmöglichkeiten, aber eindrücklich ließ er sich über die Stadionbesucher aus. So viel asoziale Unterschicht auf einem Haufen wäre ihm noch nie begegnet, beim Blick nach rechts und links hätte er sich geschämt, in die Arbeitslosenversicherung einzuzahlen, weil er diese Untermenschen so auch noch unterstützen würde. Rückblickend war meine friedenstiftende Haltung eigentlich falsch, ein paar gepflegte Backpfeifen wären ausnahmsweise einmal angebracht gewesen. Da der Kerl aber gar nicht wusste, wie knapp er der körperlichen Züchtigung entging, wird er sein Verhalten wohl vorläufig nicht ändern, wodurch die Chance besteht, dass er sich eines Tages in Anwesenheit weniger zurückhaltender Mitbürger mit Unterschichthintergrund ähnlich weit aus dem Fenster lehnen wird.
 
Unser Nachwuchsyuppie wird vielleicht noch lernen, dass er ein Fußballstadion besser meiden sollte, wenn er dem Mob vulgaris nicht begegnen möchte. Denn dieser war schon lange vor ihm da und wird immer noch da sein, wenn eines Tages der Fußball aus der Mode kommen sollte. Für die Zwischenzeit könnte ich ihm den sympathischen Dorfverein, der so schönen Fußball spielt, ans Herz legen, in „Hoffenheim“ wird jeder Ahnungslose mit offenen Armen empfangen und einen Mob gibt es da ganz sicher nicht. Denn der Mob hasst Hopp. (PK)

Online-Flyer Nr. 177  vom 17.12.2008

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Von Kostas Koufogiorgos
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