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Aktueller Online-Flyer vom 02. August 2014  

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Lokales
Wie man mit Statistik täuschen kann
Die verschaukelte Bevölkerung
Von Hans-Dieter Hey

„Nicht nur die Zahlen sind wichtig, sondern die beabsichtigte Wirkung und der Mechanismus“ meinte Prof. Dr. Gerd Bosbach, Spezialist für Statistikmissbrauch. Am 25. November machte er in der VHS Köln an Beispielen deutlich, wie die Bürgerinnen und Bürger durch Statistik oft bewusst verschaukelt werden. Kein Wunder: Dahinter stehen konkrete Interessen.

Im Vatikan lebt sich’s gefährlich

„Was ist die gefährlichste Stadt?“, beginnt Bosbach seinen Vortrag. Es sei nicht New York oder Rio, sondern der Vatikanstaat. Und warum? Weil es dort viele Besucher gibt und entsprechend viel geklaut wird. Der Vatikan-Staat hat bei vergleichsweise geringer Bevölkerung deshalb die meisten Zivil- und Strafverfahren pro Einwohner. Das Beispiel mit dem Vatikanstaat ist lustig, dieses Prinzip auf Deutschland bezogen wiederum nicht. Die in und durch Deutschland reisenden Ausländer, die Straftaten begehen, würden auch bei uns in die Ausländerkriminalität eingerechnet, um sie dann aber auf die Wohnbevölkerung umzurechnen. Dadurch entstünde das falsche Bild von hoher Ausländerkriminalität. Und jeder weiß, dass sich manche Politiker dies zu Nutze machen und damit vor allem der rechten Gesinnung eine Steilvorlage für Hetzkampagnen bieten.

Meist sind Bosbachs Beispiele lustig. Eine Meldung in einer Ausgabe der taz über die Frauenquote eines FDP-Verbandes lautete: „Wir haben den Anteil unserer weiblichen Abgeordneten um 50 Prozent erhöht“. Der Hintergrund: Zuerst waren es vier Frauen, dann sechs. So leicht können absolute und relative Zahlen eben verwirren.

Die Lüge von der Geburtenrate


Statistisches Schindluder wurde auch vom Berlin-Institut für Demografische Forschung betrieben. Das hatte nämlich vor einigen Jahren verkündet, dass jede deutsche Frau 1,36 Kinder bekäme und Deutschland damit seit 30 Jahren weltweit den niedrigsten Wert hätte. Diese Statistiklüge wurde von der Journaille selbst noch verkündet, als sie längst aufgeflogen war. Sogar ein Staatssekretär des Arbeitsministeriums wäre danach noch damit hausieren gegangen, erklärt Bosbach. Doch tatsächlich lag in dieser Zeit Deutschland im Europa der 25 auf Platz 15, selbst in Europa gab es also noch 10 Länder, in denen die Geburtenrate niedriger lag. Die Zahl war also frei erfunden. „Man wollte wohl wieder ein bisschen Panik machen“, so Bosbach, „vielleicht um demnächst die Rente mit 70 einzuführen.“ Auch der Kölner Stadt-Anzeiger übernahm diese Meldung am 18.3.2006, die dort ungefähr ein Drittel der ersten Seite einnahm.


Kommt drauf an, was man sieht: Steigen oder sinken sie?
Foto: Hofschläger - pixelio


Prof. Dr. Bosbach hatte damals das Statistische Bundespresseamt aufgefordert, Stellung zu dieser Falschmeldung zu beziehen, und sie wurde danach auch zurück genommen. Doch in den Medien kam die Korrektur nicht an, mit Ausnahme einer Sendung des NDR-Kulturradios um 23.17 Uhr. Trotzdem verkündete der Arbeitgeber-Think-Tank „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ sogar noch am 25. September 2008: „Wir zeichnen uns bekanntlich durch eine der niedrigsten Geburtenraten auf der Welt aus und erfreuen uns zugleich permanent steigender Lebenserwartung.“ Da wollte auch der Kölner Stadt-Anzeiger am 7. Oktober 2008 nicht hintenanstehen und ließ seinen Artikelhelden von Seite 1 prahlen, er kämpfe gegen die „weltweit niedrigste Geburtenrate“. Was Bosbach erbost, ist, dass diese Falschinformationen offenbar unauslöschbar in den Köpfen vieler Menschen hängen bleiben und er zitiert deshalb einen Spruch des Philosophen Voltaire: „Je häufiger eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein von Klugheit.“

Die Lüge von der drittstärksten Nation

Lange hatte es bei uns geheißen, wir seien beim Bruttoinlandsprodukt die drittstärkste Nation der Welt. Bosbach: „Wenn wir uns natürlich mit Liechtenstein vergleichen, liegen wir hoch. Gemessen an der Bevölkerungszahl sind wir aber tatsächlich auf Platz 16. Und vor uns liegen Länder wie Quatar, Österreich, Schweden oder Finnland.“ Damit seien wir den Nymbus „Wir sind die Drittstärksten der Welt“ schon wieder los, wir seien nämlich nur Mittelmaß. Doch das, sagt Bosbach, wollten die Politiker wohl nie hören.


Prof. Dr. Gerd Bosbach : Die beabsichtigte Wirkung ist wichtig
Fotos: gesichter zei(ch/g)en


Zurzeit befinden wir uns in einer tiefen Rezession. Hierzu, so Bosbach, „verkündet die Bundesregierung zu deren Bekämpfung ein 50-Milliarden-Konjunkturprogramm, ohne aber darüber aufzuklären, dass davon nur 12 Milliarden ausgegeben werden. Die restlichen 38 Milliarden beruhen auf der Hoffnung, dass sie durch die 12 Milliarden erst noch erzeugt werden.“ Und die neueste Statistiklüge: Durch die Wirtschaftskrise sind inzwischen besonders auch die Leiharbeitsunternehmen betroffen. Sie können demnächst ebenfalls Kurzarbeitergeld erhalten, die das Arbeitsamt zahlt. Doch die Kurzarbeiter erscheinen nicht in der Arbeitslosenstatistik.

Einst erzählten alle Medien und Vertreter des neoliberalen Lagers, dass die Aktien abgesackt seien, als die Zwillingstürme in New York zusammenbrachen. Doch die Aktien waren schon ein halbes Jahr vor dem 11.9.2001 auf dem Sinkflug und sanken nach dem Überfall weiter. So werde aber eine falsche zeitliche Ähnlichkeit hergestellt, um eine bestimmte Meinung zu erzeugen. Heute passiere das Gleiche wieder. Der Wirtschaftsabschwung werde mit der Finanzkrise begründet. Rezession ist dann, wenn ein Land zwei Quartale in der Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes hintereinander im Minus ist, das wäre also am 1. April 2008 gewesen und dies war eindeutig vor dem Börsencrash. Die Krise zeichnete sich zudem bereits im Jahr 2007 ab. Und deshalb werde im Wahljahr die Regierung schon klar machen, dass sie für die Krise nichts könne.

Die Lüge vom vollen Boot

Deutschland sei nach der Weltbevölkerungsstatistik 2006 hinter USA und Russland mit rund 10 Millionen MigrantInnen das drittgrößte Aufnehmerland für Flüchtlinge, wird in den Medien berichtet. Es heißt: „Das Boot ist voll“. Natürlich hat Deutschland mehr Asylbewerber als die Schweiz oder Liechtenstein. Doch der Gedanke über die Belastung der deutschen Bevölkerung durch Asylbewerber bekommt eine völlige Drehung, wenn man die relative Anzahl gemessen pro Kopf der Bevölkerung betrachtet. Danach gäbe es bei uns einen Asylbewerber auf 830 Einwohner, und wir lägen an neunter Stelle in Europa. Selbst die kleine Schweiz habe einen Asylbewerber auf 170 Einwohner und nähme damit fast fünfmal so viele Asylbewerber auf als Deutschland. Doch für die meisten Medien gelten wir als Land mit den meisten Asylbewerbern, was gerade von der rechten Szene dankbar aufgegriffen wurde.

Die Lüge von den hohen Gesundheitsausgaben


Menschen in der Statistikfalle
Foto: Hofschläger - pixelio
In vielen Zeitungen erschienen Grafiken, die so aussahen, als hätten sich unsere Gesundheitsausgaben verdoppelt. Tatsächlich stiegen sie von 1976 bis 2004 aber nur um ca. 40 Prozent. Und in diesem Zeitraum seien auch alle anderen Preise gestiegen. Die Frage sei aber, wie viel wir für die Gesundheit gemessen am Bruttosozialprodukt ausgeben, und dann sieht das weitaus weniger dramatisch aus. Wichtig wären aber die Gesundheitsausgaben je Kassenmitglied. Und die hätten sich keineswegs dramatisch entwickelt, sondern im Rahmen des Bruttosozialproduktes. Ungern diskutiere die Bundesregierung überdies auch die Einnahmeseite. Und die sei wegen der Erosion am Arbeitsmarkt dramatisch gesunken. Doch damit könne die Bundesregierung keine „Gesundheitsreform“ begründen. Bosbach: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt kenne die richtigen Zahlen. Leider veröffentliche sie diese nicht.

Der Schwindel mit den Arbeitslosenzahlen

Die meisten Grafiken machen uns vor, die Arbeitslosigkeit sei rapide gesunken. Man beginnt bei der grafischen Darstellung aber dort, wo die höchste Arbeitslosenzahl ist, so dass jegliches Sinken durchaus erfreulich wirkt. Das kommt dadurch, dass man ein grafisches Bild nur flüchtig anschaut, aber dieser erste Eindruck bleibe haften. Sähe man allerdings eine Grafik der Arbeitslosigkeit, die die Wiedervereinigung seit 1989 einschließt, ist sie zwar leicht gesunken, aber immer noch schlechter als 1989. Von den prekären Arbeitsverhältnissen, in denen die meisten Arbeitslosen gelandet sind, ganz zu schweigen. Tatsächlich haben wir über 7 Millionen Hartz-IV-Bezieher. Gerade beim Problem der Arbeitslosigkeit täte die Politik aber so, als wäre das Problem schon beseitigt. Es sei übrigens relativ neu, dass auch der Kölner Stadt-Anzeiger diese Zahl nenne. Bis dahin wurde immer so getan, als hätten wir so 2 oder 3 Millionen Hartz-IV-Empfänger und 500.000 mit Arbeitslosengeld I. (Anmerkung des Autors: Vielleicht musste der Kölner Stadt-Anzeiger die korrekten Zahlen nennen, weil die Neue Rheinische Zeitung die richtigen schon immer genannt hat.) Derzeit werde auch verkündet, Erwerbslose würden im nächsten Jahr sechs Euro monatlich mehr erhalten. Berücksichtige man aber die Preissteigerungsrate, haben Erwerbslose ungefähr sieben bis acht Prozent weniger als vorher. Das zeige deutlich, wer hier belogen wird.

Die Lüge von der steigenden Pflegebedürftigkeit

Immer wieder wird Panik damit betrieben, dass Menschen älter werden und damit angeblich auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Auch dies widerlegt Bosbach und zitiert den Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen aus Freiburg, der gleichzeitig für die arbeitgeberfinanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) tätig ist. Der hatte aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes ausgerechnet, dass sich „die Zahl der Hochbetagten bis 2050 gegenüber heute vervierfache. Dann wären also über 7 Prozent der Menschen hochbetagt, und dies wird einfach mit Pflegebedürftigkeit gleichgesetzt. Und das würde doch unser System ruinieren.“

Völlig außer Acht gelassen wird, dass die Menschen bisher älter, aber nicht kränker geworden seien. Jedenfalls beweise die Statistik des Demografischen Instituts Rostock, dass wir bisher gesund altern. Doch die korrekten Zahlen veröffentlicht keiner. Bosbach: „Ich habe manchmal persönlich das Problem, wie solche Dinge ausgeblendet werden können. An vielen Stellen beten Politiker leider nach, was so Institutionen wie die INSM oder Bertelsmann in ihren Hochglanzbroschüren ständig wiederholen und sind dann manchmal erstaunt, wenn sie die Fakten sehen“.

Der Schwindel vom Ende der Gesetzlichen Rentenversicherung

Vorgeführt hat Prof. Bosbach auch den Rechtsanwalt Prof. Dr. Meinhard Miegel, den die Nachdenkseiten als „Running Gag“ bezeichnen und der seit Jahren als Experte für die Privatisierung der Rente im Fernsehen auftritt. Miegel hatte den Vorsitz für den privaten Think-Tank Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn, das in diesem Jahr aufgelöst wurde. Er beriet auch das Deutsche Institut für Altersvorsorge, das von der Deutschen Bank finanziert wird. Und Miegel hatte berechnet, was jemand, der 2040 geboren wird und bis zum Jahr 2130 lebt, in die gesetzliche Rente einzahlt und wie viel er später rausbekommt. Im BILD-Jargon hieß es: „Alte kassieren! Junge zahlen nur drauf!“ Danach bekämen Männer pro 100 eingezahlte Euro 89 Euro an Rente, Frauen 111 Euro. Und dieser Unsinn werde in der Wissenschaft tatsächlich als Fakten dargestellt. Bosbach: „Das wäre ungefähr so, als hätte der alte Bismarck 1878 gesagt, wie viel Rente wir heute bekommen. Das ist schon Schwachsinn an sich. Miegel hat auch noch nicht einmal den Produktivitätsfortschritt in seine Berechnung einbezogen, was er schließlich auch zugeben musste. Bei Juristen sollte man sich eben fragen, ob man ihren Zahlen glaubt, aber nicht unbedingt voraussetzen, dass sie damit auch umgehen können“.

Abschließend erklärte Professor Bosbach, der viele Jahre für das Statistische Bundesamt, das Wirtschaftsministerium und die wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages tätig war, er habe noch mehr zum Thema Statistische Lügen in der Tasche. Wichtig sei aber vor allem, zu wissen, dass Statistiken immer interessengeleitet seien und deshalb genau und mit Vorsicht betrachtet werden sollten. (PK)

Unser Anreißfoto stammt ebenfalls von Hofschläger - pixelio

Online-Flyer Nr. 174  vom 26.11.2008

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