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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Keine Rettung auf Kosten der Steuerzahler
Stürzende Giganten
Von Hans Georg

US-Experten warnen vor einer Übernahme der amerikanischen Automobilindustrie durch deutsche und japanische Konzerne. Sollte es nicht gelingen, General Motors (GM) vor dem Bankrott zu retten, dann drohten Kettenreaktionen, die den gesamten Kraftfahrzeugsektor in den Ruin treiben könnten, erklären Branchenbeobachter in den Vereinigten Staaten. US-Traditionsunternehmen wie GM oder Chrysler würden danach durch Firmen wie Volkswagen, BMW oder Toyota ersetzt, die erheblichen Einfluss auf die amerikanische Wirtschaft gewännen.

Die Herauslösung der GM-Tochtergesellschaft Opel aus dem Mutterkonzern und ihre Unterstellung unter deutsche Kontrolle ist zur Zeit Gegenstand von Gesprächen zwischen Konzernrepräsentanten und der Bundesregierung. Sie wäre ein weiterer Schlag für GM, da sich das US-Unternehmen zuletzt beträchtlich über Opel finanziert hat. Zudem stärkte sie die deutsche Position in der globalen Wirtschaftskonkurrenz mit den Vereinigten Staaten. Die Bundeskanzlerin will in einem ersten Schritt eine Milliardenbürgschaft für den Autoproduzenten prüfen - auf Kosten der Steuerzahler.

Big Three

US-Experten warnen vor unabsehbaren Folgen eines Zusammenbruchs von General Motors. Der Konzern, der bis zu Jahresbeginn nach Verkaufszahlen weltweit Branchenführer war, schwächelt seit geraumer Zeit und ist inzwischen hinter Toyota auf Platz zwei zurückgefallen. Mittlerweile droht sogar der Bankrott. Ursache ist vor allem der dramatische Absatzrückgang in den Vereinigten Staaten. Erreichte die Zahl in den USA hergestellter Autos (Pkws und leichte Lkws zusammengenommen) einst rund 15 Millionen Stück pro Jahr, so waren es 2007 gerade noch 10,75 Millionen [1] - mit weiterhin fallender Tendenz. Verschärfend kommen nun die Auswirkungen der beginnenden Weltwirtschaftskrise hinzu. „Keiner der Big Three (die drei US-Automobilriesen GM, Ford, Chrysler, d. Red.) kann bei 10 Millionen verkaufter Autos Geld verdienen", urteilt ein Branchenkenner.[2]


GM-Building Detroit – stürtzt der Gigant?
Quelle:
Public Domain/Wikipedia

Die neuen Könige

Dabei weisen Beobachter darauf hin, dass ein GM-Zusammenbruch weitreichende Folgen hätte. So stünden im Falle eines GM-Bankrotts auch zahlreiche Automobilzulieferer vor dem Aus. Dies wiederum hätte sofortige Konsequenzen für die verbliebenen Konzerne, die auf die Zulieferer angewiesen sind. US-Experten rechnen für den Fall eines GM-Zusammenbruchs mit einer kompletten Neuorganisation des Zuliefersystems, aber auch der Automobilproduktion. „Angesichts der Schwäche von Chrysler wären die neuen Könige der Autoindustrie vermutlich Toyota, Honda, Nissan, Volkswagen, Ford, Mercedes-Benz, BMW und Hyundai-Kia", urteilt die New York Times [3]; sie würden sich die Konkursmasse der „Big Three" unter den Nagel reißen. Dieses Szenario ähnelt der Entwicklung nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers; deren Trümmer wurden, soweit sie Profit verhießen, von einer britischen und einer japanischen Großbank gekauft.

Krisengewinner

Das Szenario entspricht darüber hinaus Vorhersagen eines Analysten einer bekannten deutschen Privatbank aus Frankfurt am Main. Der Mann hatte bereits im Oktober erklärt: „Deutsche und Japaner werden gestärkt aus der (Automobil-, d. Red.) Krise hervorgehen".[4] Seine Analyse trägt dem Umstand Rechnung, dass die Krise zwar die deutsche und die japanische Autoindustrie ebenfalls trifft, aber nicht so stark wie die stürzenden Giganten in den USA – weshalb die deutschen Konzerne ihre Stellung gegenüber der Konkurrenz aus Amerika verbessern können.

Wie in Mexiko

Die Bedeutung der Autobranche für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten zeigt, was bei den aktuellen Bemühungen um die Rettung von GM auf dem Spiel steht. Trotz des dramatischen Rückgangs in diesem Jahr sorgen die Automobil- und die Zulieferfirmen für rund 20 Prozent der US-Industrieproduktion. Die „Big Three" beschäftigen 240.000 Personen, die Zulieferbetriebe zusätzlich 2,3 Millionen, das sind beinahe zwei Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Sollten tatsächlich japanische und deutsche Konzerne die US-Automobil-Konkursmasse in weiten Teilen übernehmen, dann könnten sie Branchenexperten zufolge als „Großkunden für Stahl, Aluminium, Kunststoffe, Glas, Werkzeugmaschinen, Computerchips und Gummi" die „Industrie in den Vereinigten Staaten dominieren".[5] Zudem gingen Schlüsselkapazitäten verloren. „Zur Zeit geben wir 18,5 Milliarden US-Dollar jährlich für Automobilforschung und -entwicklung aus", sagt ein Branchenexperte; die neuen Firmenzentralen dürften den strategisch wichtigen technologischen Fortschritt überwiegend an ihren Heimatstandorten entwickeln. „Man hätte eine Autoindustrie in den USA ungefähr wie in Mexiko", heißt es beim „Center for Automotive Research" in Ann Arbor.


Geschichte?
Quelle: General Motors

Ohne Opel


Der Kampf um General Motors wird mittlerweile auch in Deutschland geführt. Hintergrund ist, dass Berlin im Falle eines GM-Bankrotts über die Zukunft der GM-Tochter Opel entscheiden will. Opel hat zuletzt mit bis zu zwei Milliarden Euro die Verluste des amerikanischen Mutterhauses finanziert und verlangt nun, staatliche Stellen sollten die vorgesehenen Investitionen ermöglichen – anstelle von GM und mit einer Bürgschaft aus Steuermitteln. Bundeskanzlerin Merkel hat am 17. November erste Gespräche mit GM und Opel geführt. Mehrere Varianten werden diskutiert. Sollte Washington die amerikanische Konzernzentrale mit zweistelligen Milliardensummen stützen, kann im Grundsatz alles beim Alten bleiben; die staatliche Bürgschaft erhielte Opel allerdings ausschließlich für Aktivitäten in Deutschland. Lässt Washington GM fallen wie kürzlich Lehman Brothers, hat Berlin mehrere Optionen zur Verfügung. „Ohne Opel" breche „in Deutschland nicht die Versorgung mit Autos zusammen", erklärt ein Experte und rät, die GM-Tochter nicht zu stützen. Die nach dem Kollaps frei werdenden Marktanteile könnten dann von konkurrierenden deutschen Autokonzernen, etwa Volkswagen, übernommen werden.[6]

Ohne GM

Andere befürworten stattdessen den Kauf von Opel durch den deutschen Staat, mit anschließendem Verkauf an deutsche Investoren.[7] Auf diese Weise geriete das deutsche Traditionsunternehmen, das während der letzten Weltwirtschaftskrise 1929 unter US-Kontrolle gekommen war, wieder in deutschen Besitz.[8] „Wir müssen endlich General Motors loswerden", heißt es bei der Unternehmenszentrale in Rüsselsheim.[9] Der Verkauf von Opel würde GM, sollte der Konzern fortbestehen, deutlich schwächen, die deutsche Industrie jedoch stärken und ihr weitere Vorteile in der globalen Konkurrenz verschaffen.
Weihnachtsgeschenk Die Kosten trägt in jedem Fall die Bevölkerung. Wird Opel fallengelassen, werden Zehntausende arbeitslos - Einbrüche in der Zulieferindustrie nicht eingerechnet. Wird Opel gestützt, stehen die Steuerzahler für die Milliardenbürgschaft ein. Eine Entscheidung darüber soll, wie es gestern nach einem Krisentreffen im Kanzleramt hieß, in wenigen Wochen gefällt werden - noch vor Weihnachten. Mehr hier...! (HDH)

[1] Branche kompakt. USA. Kfz-Industrie und Kfz-Teile; Bundesagentur für Außenwirtschaft, Februar 2008
[2], [3] If Detroit Falls, Foreign Makers Could Be Buffer; The New York Times 16.11.2008
[4] Autoindustrie: Warum deutsche Hersteller von der Krise profitieren werden; Spiegel online 25.10.2008
[5] If Detroit Falls, Foreign Makers Could Be Buffer; The New York Times 16.11.2008
[6], [7] Merkel knüpft Opel-Bürgschaft an Bedingung; Rheinische Post 17.11.2008
[8] In einer Selbstdarstellung des Unternehmens heißt es: "Die kreditfinanzierte Konjunktur brach Ende der 1920er Jahre mit der Weltwirtschaftskrise zusammen - und auch die Automobilindustrie litt darunter. Durch einen klugen Schachzug der Opel Brüder entkam Opel dem Krisenszenario: Nach vielen Verhandlungen übernahm die General Motors Corporation, die wegen hoher Einfuhrzölle seit längerem ein Produktionswerk in Deutschland suchte, die Aktienmehrheit der Adam Opel GmbH."
[9] "Wir müssen endlich General Motors loswerden"; Spiegel Online 17.11.2008

Online-Flyer Nr. 174  vom 26.11.2008

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