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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Protest der "Ordensleute für den Frieden"
"Brot für die Bank"
Von Hans-Dieter Hey

„Der Herr wird's schon richten" – auf dieses Warten auf den Sanktnimmerleinstag beschränken sich die streitbaren „Ordensleute für den Frieden" in ihrer Kapitalismuskritik nicht. Sie beziehen sich eher auf die Realität und die Internationale: „Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun  – Uns aus dem Elend zu erlösen  – können wir nur selber tun!" Mit der Aktion Brot für die Bank" haben sie am Donnerstag, 6. November, vor der Deutschen Bank Frankfurt gegen die selbstproduzierte Ungerechtigkeit unseres Finanzkapitalismus gezeigt, dass Protest notwendig ist.

Seit 1990 versuchen die „Ordensleute für den Frieden" Mahnwachen rund um die Uhr zu organisieren, um auf die schreiende Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, die Großkapital sowie Finanz- und Wirtschaftssystem nicht nur hierzulande produzieren. Dass sie für ihren zivilen Ungehorsam mehrfach zu Geldstrafen verurteilt wurden, lässt sie indessen unbeeindruckt. Die Aufmüpfigen halten es für wichtiger, gegen die Ursachen vorzugehen. Für sie sind Globalisierung und Kapitalismus des Teufels, denn der weltweite „Kapitalismus geht über Leichen", steht auf ihren Plakaten. Sie sehen vor allem im Finanzkapitalismus, dass er durch die „Verselbständigung und Globalisierung der Finanzströme der letzten Jahre noch übermächtiger geworden ist. Die Bedürfnisse der Armen und der kommenden Generationen haben keinen Platz in diesen Unrechtsstrukturen."

Sammeln für die Bank

Die aktuelle Finanzkrise war daher für sie wieder der richtige Anlass. Ungefähr 20 Aktive trafen sich in der Finanzmetropole Frankfurt vor der Deutschen Bank zum Protest, und sammelten „Brot für die Bank". Prominente Unterstützung kam auch vom Dr. Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linken und Willi van Ooyen, Fraktionsführer der Linkspartei im Hessischen Landtag. Die Initiatoren ironisch „Heute sammeln wir für die Deutsche Bank. Es ist Weltfinanzkrise – und da hilft jeder Cent". Doch als Mitspieler im Finanzkasino mochte die Deutsche Bank das Geld nicht annehmen, das der wackere Ordensmann Dr. Gregor Böckermann dem als Viktory-Ackermann bekannten Josef Ackermann symbolisch überreichen wollte. Ein Herr, dessen Anzug im fröhlichen Mausgrau sicher nicht aus dem Sozialkaufhaus stammen dürfte, lehnte ab:  „Wir dürfen kein Bargeld annehmen".


Foto: Dietmar Treber – arbeiterfotografie.com

Die Ordensleute für den Frieden – die 2003 den Aachener Friedenspreis erhielten - verlangen seit langem ein Wirtschaftssystem, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und nicht den Profit. Denn vom jetzigen Geldsystem „profitieren 20% der Bevölkerung auf Kosten von 80%, auch in unserem Lande. Die Regulierung der internationalen Finanzströme durch Tobin-Steuer, Neutralisierung von off-shore-Zentren und Steuerparadiesen, Regulierung und Beschränkung des Derivatehandels wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung", begründen sie sachkundig auf ihrer Internetseite.

Nicht allen scheinen die unchristlichen Folgen unseres wirtschaftlichen Handelns klar zu sein. Es regt sich Widerstand zum Beispiel gegen die allzu freundliche Einstellung der Evangelischen Kirche zum Kapitalismus, die sich in Bischof Wolfgang Hubers froher Botschaft „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" vom Juli 2008 ausdrückt. Der „Bischof der Bosse" (junge Welt) vertraut offenbar immer noch auf die göttliche Fügung, dieser weltweite Kapitalismus ließe sich noch irgendwie einhegen. Bei Huber dürfte die harsche Kritik an seinem Papier durch Pfarrerin Silke Niemeyer und den Befreiungstheologen Prof. Ulrich Durchrow von der Menschenrechtsorganisation KAIROS EUROPA deshalb auch für Aufregung gesorgt haben. Sie setzen diesem neuerlichen kirchlichen Frieden mit dem Kapital ein deutliches Fragezeichen: „Frieden mit dem Kapital?", kürzlich erschienen als Buch.


Foto: Dietmar Treber – arbeiterfotografie.com

Silke Niemeyer äußerte in einem Interview mit dem Sender Deutschlandradio Kultur am 8. November: „Sie (Anm. „Die Kirche") hat ja nicht ihren Frieden mit dem Kapital gemacht, denn wir zählen uns durchaus zu dieser Evangelischen Kirche. Wir haben in dieser Schrift einen Titel gewählt, der sich an eine Schlagzeile der Wirtschaftswoche anlehnt. Die Wirtschaftswoche hat die Unternehmerdenkschrift begrüßt mit diesem Titel „Frieden mit dem Kapital - Wende in der Evangelischen Kirche in Deutschland". Und dem meinten wir widersprechen zu müssen." Auch am 10. November wollte sie "Die Kirche aus der neoliberalen Falle locken".
 
Ein Gott namens Mammon

Im Radio-Interview wird Ulrich Duchrow konkret: „Dieses System belohnt Gier. Das heißt, wir haben es nicht einfach nur mit einem individuellen Problem zu tun, das ist, was wir der Denkschrift gerade vorwerfen, sondern wir haben es mit einem Systemproblem zu tun. Und wenn Sie schon gerade nach der theologischen Grundlage fragen – wir sehen in der Bibel einen klaren Gegensatz zwischen zwei Wirtschaftsweisen. Das eine ist Wirtschaftsweise für das Genug für alle. Die Manna-Geschichte, unser täglich Brot gib uns heute, unser Bankkonto lass wachsen. Und im Gegensatz dazu eine auf Eigentum begründete und geldwirtschaftlich vermittelte Akkumulation von Reichtümern. Das nennt die Bibel Schätze sammeln und sagt, das wird von einem Gott, nämlich Mammon regiert."


Foto: Orden für den Frieden

Offenbar unbeeinflussbar durch Wahlen und Proteste der Menschen in Europa ist dies ein europäisch durchgesetztes System der Entrechtung und Verarmung. Ulrich Duchow: „Und dass das so ist, kann man nachweisen in der Verfassung der EU und in dem Vertrag von Lissabon. Da wird nur noch von freier Marktwirtschaft mit offenem Wettbewerb gesprochen. Und das wird nun mit einem falschen Namen von der Denkschrift benannt und damit wird indirekt gestützt, was ist, zumal dann keine Systemkritik gemacht wird, sondern nur Einzelne ermahnt werden."
 
Das Wort der Ordensleute für den Frieden, von Silke Niemeyer, Ulrich Duchrow und anderen sozusagen in Gottes Ohr. Oder besser noch: In viele Ohren. Und zusätzlich vielleicht dazu aus der Internationalen noch: „Die Herrscher machten uns betrunken. Der Zauber muss zu Ende sein". (HDH)


Online-Flyer Nr. 172  vom 12.11.2008

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