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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Medien
Ein wissenschaftliches Buch – aufklärend auch und gerade für Mediennutzer
Massenmedien als politische Akteure
Von Franziska Schneider

Der auf seinen Höhepunkt steigende Wahlkampf in den USA, aber auch der inzwischen längst begonnene für die 2009 anstehenden Wahlen in Deutschland, macht wieder einmal deutlich wie Politik mediatisiert wird. Welche Rolle spielen dabei Medien? Inwieweit sind sie richtungweisend und beeinflussen die öffentliche Meinung? Auf diese Fragen antwortet das Buch „Massenmedien als politische Akteure – Konzepte und Analysen“, das 2008 in der Themenreihe „Allgemeine Kommunikation“ des VS Verlag für Sozialwissenschaften veröffentlicht wurde.


Karrikatur: www.koufogiorgos.de
 
Schon der Titel kündigt die duale Rolle der Massenmedien an, um die es in den elf vorgestellten Studien geht. In sich abgeschlossen, kurz und überzeugend sind die hier von den Herausgeberinnen Dr. Barbara Pfetsch und Dr. Silke Adam zusammengestellten Studien. Nach ihnen werden Medien dann zu politischen Akteuren, wenn Politiker sie für ihre Zwecke nutzen, in bestimmte Prozesse mit einbeziehen und dadurch zu ihren Zielen gelangen. „Was man unter Medien als Akteuren versteht, wie man diese Akteursrollen greifbar machen kann, welche Mechanismen diese Rollen beeinflussen und welche Konsequenzen sie zeitigen“ (24), sind die Fragen, denen nachgegangen wird. Drei übersichtliche Kapitel fassen die Forschungs-schwerpunkte, in denen Medien als politische Akteure betrachtet werden, zusammen und regen zum Weiterlesen an und – noch wichtiger – zum Mit- und Nachdenken. Als Lehr- und Sachbuch ist es nicht nur für die Zielgruppe Studierender und Lehrender der Kommunikations-, Medien- und Politik-wissenschaft eine echte Bereicherung. Weil es ein bisher weitgehend unbeachtetes und verdrängtes Thema anpackt, dürfte es auch für manche Zeitungsleser- und FernseherInnen von großem Interesse sein.
 
Konstruierte Realität
 
Ziel des 286 Seiten umfassenden Buches ist, die Rolle der Massenmedien als politische Akteure zu analysieren und Ursachen und Folgen dieses Selbstverständnisses zu hinterfragen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Massenmedien vermitteln nicht nur Interessen und Meinungen politischer und gesellschaftlicher Akteure, sondern sie selbst können zu politischen Akteuren werden und dadurch entscheiden „welche Akteure mit ihren Positionen Gehör finden, welche Themen prominent werden und damit, welche Normen und Weltbilder die öffentliche Debatte prägen“ (11). Das heißt also: Medien
konstruieren Realität, und deshalb muss hinterfragt werden, „wie man die politische Rolle von Medien als Akteuren greifbar machen kann und welche Faktoren dabei relevant sind.“ (11) Anregungen zur Bezeichnung „Akteur“ holten sich die Autorinnen aus dem Aufsatz „Die Massenmedien als politische Akteure“ von Benjamin Page, der in dem Heft „Medien und Politik“ zum Symposium in „PS Political Science and Politics“ 1996 erschien.
 
Politische Ökonomie
 
Drei Paradigmen der Forschung werden in dem Buch aufgegriffen. Als Erstes die politische Ökonomie, die die „Besitzverhältnisse und Konzentrations-tendenzen von Medien“ (12) beobachtet und die „politischen Folgen des Verhaltens von Medienunternehmen in liberalen Marktwirtschaften“ (12) analysiert. Die Studie von A. Kabalak, B. P. Priddat und M. Rhomberg kommt dabei zu dem Ergebnis, dass „der politische Einfluss der Medien ein Neben-produkt ökonomischer Interessen und Konkurrenz“ (12) ist. C. Eilder nennt in ihrem Aufsatz als die wesentliche Einflussgröße im politischen Prozess die Struktur öffentlicher Meinung. Am offensichtlichsten kommt „der Akteurs-status von Medien im Genre des Kommentars zum Ausdruck“ (12), denn Kommentare, so schlussfolgert sie, haben ein „beträchtliches Einfluss-potential, weil ihre Sichtweisen und Meinungen von einem großen Publikum wahrgenommen werden und damit Resonanz auslösen können.“ (12)
 
Politisches Verhalten
 
Der Sprung zum zweiten Paradigma der handlungstheoretischen Fallstudien ist nicht weit. Sie dienen Analysen, die „das politische Verhalten individueller Medienakteure in Entscheidungssituationen“ zum Schwerpunkt machen, indem sie ihr „strategisches Verhalten bei politischen Thematisierungen, in spezifischen politischen Situationen der Mobilisierung oder des Konfliktes“ (13) beschreiben. Das ist nach Darstellung der Autorinnen die Stärke des handlungstheoretischen Ansatzes, doch wird hier nicht selten die Einordnung in eine höhere Ebene und den Kontext versäumt. Handlungstheoretische Ansätze hinterfragen, „wie sich Medien als Akteure im Verhältnis zu anderen etablierten“ und als politische Akteure funktionieren. A. Waldherr beschreibt am Beispiel der Gen- und Biotechnologiedebatte, wie sich das Medien-handeln in unterschiedliche Rollen gliedern und in bestimmten Ebenen charakterisieren lässt und kommt zu dem Fazit, „dass Medien gerade in Innovationsprozessen wichtige Rollen als „Frame-Sponsoren“ (…) einneh-men.“(14) Zwei weitere Studien weisen nach, dass Massenmedien allein durch die Formulierung von Schlagzeilen und der Kontextthematisierung profilieren und speziell in Wahlkampfphasen Einfluss nehmen. Dazu zählt zum einen die Studie „Guter Boulevard ist immer auch außerparlamentarische Opposition“ von C. Reinemann in Bezug auf „die BILD-Zeitung bei der Thema-tisierung von Hartz IV“ (13), und zum anderen „And the winner should be…“ von F. Brettschneider / B. Wagner bei der „Boulevardpresse im Wahlkampf“ (13).


Karrikatur: www.koufogiorgos.de
Am Beispiel wie Printmedien mit den Protesten illegaler Ein-
wanderer in Spanien umgehen, beweist B. Laubenthal, „dass Medien Agenten der politischen Mobilisierung und schließlich selbst Teil einer Bewegung werden können.“ (13) In B.Berkels Aufsatz wird an die internationale Diskussion angeknüpft, indem im Zusammenhang mit dem Kärntener Rechtspopulisten Jörg Haider auf die „Parallelisierungen von Medien und politischen Parteien“ (14) hingewiesen wird. Kritisch sehen die Autoren bei solchen handlungstheoretischen Studien durchaus die Einseitigkeit ihrer eigenen Aussagen und Erklärungsversuche, da sie selten „nach dem Zustandekommen und den makroanalytischen Folgen“ in ihren Hypothesen fragen.
 
Neo-Institutionalismus
 
Das dritte Paradigma unterstellt den Medien im Gegensatz zur
handlungstheoretischen Analyse keine politische Beeinflussung. Im Neo-Institutionalis-mus [1] sind sie fern von „politische(n) Interessen, Motive(n), Manipulationsabsichten und Strategiefähigkeit(en)“ (15). Medien stehen im politischen System und werden zu politischen Akteuren einerseits durch ihre eigene inhaltliche Thematisierung und andererseits durch ihre Mitgestaltung der politischen Prozesse, indem sie Politikern und Parteien zu einer gesellschaftlich anerkannten Stellung verhelfen, weil diese „die Medienöffentlichkeit zur Verwirklichung ihrer Interessen zu nutzen versuchen.“ (15 f.) Autonomie und gleichzeitige Abhängigkeit werden hier in vier Studien thematisiert.


Karrikatur: www.koufogiorgos.de
 
Die Wissenschaftlergruppe, T. Maurer, J. Vogelgesang, M. Weiß, H.-J. Weiß, untersucht zunächst die Fernsehberichterstattung im Irak-Krieg 2003, die eine starke Fokussierung „auf die diplomatischen und politischen Auseinander-setzungen und ganz besonders auf die gesellschaftlichen Proteste“ (153) brachte. Des Weiteren werden die Berichterstattungen über den Kosovo-Krieg 1999, den Afghanistan-Krieg 2001 und den Irak-Krieg 2003 im deutschen Fernsehen verglichen und auch da „der marginale Stellenwert der expliziten journalistischen Kommentierung“ (158) festgestellt. Zwischen Kommentar und Berichterstattung zu differenzieren, erweise sich hier als größte Schwierigkeit. Fazit der Gruppe ist, dass „die Berichterstattung von Massen-medien über internationale Krisen und Kriege stets die Positionen der jeweiligen nationalen Regierungspolitik“ (161) widerspiegeln und demnach von Parteikonstellationen und dem allgemeinen Wertewandel beeinflusst werden.
 
„Eher Agenturen als Herausforderer“
 
Auf die provokante Frage „Massenmedien als Herausforderer oder Agenturen nationaler Eliten?“ kommt S. Adam in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die von ihr untersuchten Medien im Zeitraum der deutschen und französischen EU-Erweiterungsdebatte „eher Agenturen als Herausforderer“ waren, weil sie auf das „Agendasetting [2] und dem Framing [3] der nationalen Eliten“ (138) hören. P. Maurer untersucht an westlichen Demokratien „die Einflussfaktoren, welche die Autonomiepotenziale der Medien erweitern oder begrenzen“ (16). Er kommt zu der Aussage, dass die politische Verwendung von Medien „durch das Zusammenspiel eines Sets von Faktoren bestimmt wird, deren relativer Einfluss nur mit einem quantitativ-vergleichenden Forschungsdesign untersucht werden kann“.(89) Zu einer ebenso nicht besonders ergiebigen Schlussfolgerung kommt K. Voltmer in ihrer Studie, die sich auf die politische Medienrolle bei Demokratisierungsprozessen in Transformationsländern konzentriert. Ihr Fazit lautet, „dass in neuen Demokratien (…) die spezifischen Schwächen und Mängel des politischen Systems verstärkt bzw. dessen demokratische Konsolidierung erschwert werden.“ (111)
 
Schlussfolgerungen
 
Die mit Hilfe der aus den drei Paradigmen gezogenen Schlüsse, sind für die Wissenschaft eine Herausforderung, neue Forschungsprogramme zu entwickeln, die die Medien als politischen Akteur verstehen helfen. Dafür schlagen die Autorinnen vor, zunächst die Untersuchungsebene, auf der sich die Akteure befinden, zu beschreiben und welche Rollen sie dabei einnehmen. Letzteres kann durch die fortschreitende Ökonomisierung des Mediensystems durch Konkurrenz- und Quotendruck und wachsende finanzielle Schwierigkeiten erklärt werden und damit auf das zunehmende Defizit an Gemeinwohlorientierung aufmerksam machen. Anknüpfend an die aktuelle Forschungsdiskussion weisen Pfetsch und Adam darauf hin, dass ein neues Forschungsprogramm die auf die Medien einwirkenden Umstände darstellen und erklären soll, wann und warum sie welche politische Rolle annehmen.
 
Die Grenzen des Buches liegen darin, dass es „nur“ eine Analyse von vergangenen Ereignissen bzw. bestehenden Verhältnissen und deren medialen Eigenschaften anbietet. Was hier statistisch und wissenschaftlich aufgezeigt wird, ist für aufmerksame Medienbeobachter nichts Neues. Doch dem breiten Publikum, dem die betriebene Manipulation durch Massenmedien bisher verborgen blieb, wird diese nun nachvollziehbar veranschaulicht. Ob es – und wenn ja – welche gesetzlichen Änderungen aus diesen Erkenntnissen folgenden könnten, um aus den gruseligen Ergebnissen der Studien Schlüsse zu ziehen, bleibt zunächst ungeklärt, und es wäre die Aufgabe eines neuen Buches, dafür konkrete Handlungsanweisungen zu erarbeiten.
 
Parteilichkeit statt ausgewogener Distanz
 
Wünschenswert wäre es gewesen, am Ende diejenigen, die den herrschenden Medien die hier beschriebene Macht zuteil werden lassen, aufzufordern, ihnen endlich Grenzen zu setzen – also die Politiker, die dies aber im Interesse des nach immer mehr Macht strebenden Kapitals tunlichst vermeiden. Doch was nicht ist, kann noch kommen, wenn die davon betroffenen Zeitungsleser, Fernseher und die in den Medien arbeitenden gewerkschaftlich Organisierten damit endlich beginnen. Dafür liefert das Buch genügend Diskussionsvorlagen und könnte so ein Sprungbrett zu einer selbstbewussten Öffentlichkeit und zu verantwortungsvollem Medienhandeln werden. Die ausgewählten Studien haben eines gemeinsam: Sie zeigen das Fehlverhalten derer auf, die heute Öffentlichkeit herstellen und Meinung beeinflussen.
 
Das Buch hat sein Ziel, auf die Frage, unter welchen Faktoren und Einflüssen Selektionsentscheidungen getroffen werden, zu beantworten, erreicht! Medien haben eine duale Rolle: „als Gatekeeper und Selektionsinstanzen für Botschaften anderer politischer und gesellschaftlicher Akteure.“ (10) Das Buch verdeutlicht, dass Parteilichkeit statt ausgewogener Distanz zum Mediengenre dazugehört. Die Meinungsproduzenten stellen eine vierte Gewalt dar, der das Volk Glauben schenkt. Doch die Leser dieses Bandes werden angeregt, die Akteursrollen der Medien im politischen Prozess zu hinterfragen und damit „einen wesentlichen Aspekt des politischen und sozialen Wandels der Gesellschaft zu erfassen.“ (24)
 
Das scheinbar unerschütterliche Image, Medien verkünden immer die Wahrheit und vermitteln möglichst objektive Informationen, wird durch die erstaunlichen bis entsetzlichen inhaltlichen Aussagen angekratzt. Es wird klar ersichtlich, dass die üblichen Medien ihrem Verfassungsauftrag, zu informieren, nicht gerecht werden. Bis auf die wenigen Ausnahmen, die aber nicht Thema dieses Buches waren. (PK)

„Massenmedien als politische Akteure – Konzepte und Analysen“
Hrsg.: Dr. Barbara Pfetsch, Professorin für Kommu-nikationswissenschaft, insbesondere Medienpolitik an der Universität Hohenheim, und Dr. Silke Adam, akademische Rätin im Fachgebiet Kommunika-tionswissenschaft/Medienpolitik der Universität Hohenheim
Wiesbaden: VS Verlag für Sozial-wissenschaften 2008, 286 Seiten.
Mit 32 Abb. u. 15 Tab. Broschur. EUR 29,90, ISBN 978-3-531-15473-2

[1] Der Neo-Institutionalismus betrachtet Medien als politische Institution, die ununterbrochen die politischen Prozesse beeinflussen. Politisch werden Medien, wenn sie bestimmte Themen für Politiker publik machen und im Gegenzug sozusagen von den Politikern für ihre Interessen benutzt werden.
 
[2] Agenda Building ist als Thematisierung oder Dethematisierung durch externe Akteure zu verstehen, während Agenda Setting eine Thematisierung und Untersuchung durch die Medien meint.
 
[3] Der mit dem Medienwirkungsansatz des Agenda Settings verknüpfte Begriff Framing (engl.) bzw. Einrahmen beschreibt den Prozess einer Einbettung von (politischen) Ereignissen und Themen in subjektive Interpretationsrahmen durch massenmediale Akteure und politische Pressearbeit

Franziska Schneider ist Studentin des Studiengangs Kultur und Technik in der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus und hat vor kurzem ein Praktikum bei der NRhZ gemacht.

Online-Flyer Nr. 170  vom 29.10.2008

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