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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Globales
Hedge-Fonds: Wie die Heuschrecken Island kahl fraßen
Der Kanarienvogel in der Goldmine
Von Jens Berger

Die Finanz-Wikinger befinden sich in Seenot. Jahrelang schien es so, als hätte Island das finanzielle Perpetuum Mobile erfunden. Die 300.000-Seelen-Insel hatte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre einen beispielslosen wirtschaftsliberalen Kurs eingeschlagen, staatliche Banken privatisiert und Reglementierungen gelockert. Dies brachte Island Spitzenplätze in den wirtschaftsliberalen Rankings der World Heritage-Foundation und der IMD ein.

Die drei größten Banken des Landes expandierten in abenteuerlicher Art und Weise und hielten jüngst Werte in Höhe von 888 Prozent des nationalen BIPs – natürlich alles auf Pump, denn Geld war ja überall billig zu haben. Dieses Kartenhaus ohne jegliches Fundament brach nun im Sog der Finanzkrise jäh zusammen, und Island steht vor dem Staatsbankrott. Nur noch die weißen Ritter aus Russland und vom IWF können nun ein Desaster verhindern. Die Wikinger-Party war kurz und heftig, der darauf folgende Kater wird lange anhalten.

Isländer müsste man sein – so hätte man es noch vor drei Jahren schreiben können. Die Löhne auf der Insel lagen rund ein Drittel über denen in der EU und die Lohnsteigerungen waren konstant höher als die Inflation. Wenn ein Isländer ein neues Auto haben wollte, ging er zu einem Händler und bekam einen Schnellkredit über die gesamte Kaufsumme. Der Kredit war zu zwei Drittel in Yen oder Schweizer Franken ausgewiesen und die Zinsen lagen weit unter der Inflation und den Lohnsteigerungen. Wer da nicht zugriff, war dumm – oder aber clever, wie die Entwicklung des letzten Jahres zeigte.

Nichts außer heißer Luft?

Islands schneller Wohlstand, der in Europa nur von der Schweiz getoppt wurde, war mit der heißen Nadel gestrickt. Island brachte es in einem rasanten Aufstieg zur viertreichsten Nation, gemessen am BIP pro Kopf. Die Arbeitslosigkeit lag unter einem Prozent, und Island importierte Niedriglöhner für einfache Tätigkeiten aus Polen und Litauen, die dort immerhin den gesetzlichen Mindestlohn von 1.200 Euro im Monat verdienten.

Kraftwerk in Nesjavellir PowerPlant Foto: GretarIvarsson
Die Kunst aus heißer Luft Geld zu machen (funktioniert auch umgekehrt):
Geothermisches Kraftwerk in Nesjavellir | Foto: Gretar Ívarsson

Durch Wasserkraft und Geothermie ist Energie in Island beinahe kostenlos – sogar die Straßen Islands konnten so beheizt werden. Dies erinnert alles eher an arabische Fürstentümer als an einen europäischen Staat. Die Araber können sich diesen hohen Lebensstandard aufgrund von Ölexporten leisten, aber was hatte Island zu bieten, um seinen Bewohnern ein Eldorado zu ermöglichen? Nichts, außer der sprichwörtlich heißen Luft.

Der Islandexperte der Ratingagentur Fitch bezeichnete die Insel einmal als Hedge-Fond im Gewand eines Staates. Die Nettoauslandsverschuldung Islands wuchs im letzten Jahrzehnt fünfmal so stark wie das BIP und liegt momentan bei 312 Prozent des BIPs – 80 Prozent davon entfallen auf die isländischen Banken. Die USA haben zum Vergleich nur eine Nettoauslandsverschuldung von 25 Prozent des BIPs.

Island hat sich über die Jahre zu einer gigantischen Schuldenblase entwickelt, von der die Bewohner der Insel freilich profitierten. Das Zauberwort der Wikinger-Blase hieß „Carry Trade“. Man leiht sich in einem Land Geld, in dem es Kredite zu sehr günstigen Zinsen gibt – sehr beliebt sind da Japan und die Schweiz. Diese Kredite werden dann von der Zentralbank in die Landeswährung umgetauscht, und man bietet ausländischen und inländischen Kunden hochverzinste Anlagen in der einheimischen Währung an, die mit den günstigen Krediten wieder zurückgezahlt werden, während die Einlagen der Kunden investiert werden.

Geysir Eruption Foto: AndreasTille
Explosiver Aufschwung mit viel heißer Luft: Geysir auf Island
Foto: AndreasTille

In Deutschland, Dänemark und vor allem Großbritannien waren diese „Kabeljau-Bonds“ sehr beliebt. Wenn man eine kleine, frei konvertierbare Währung wie die isländische Krone hat, kann man bei einem geschickten Währungsmanagement dieses Spiel so lange treiben, bis kein frisches Kapital mehr nachfließt oder große Fische auf dem Finanzmarkt die Chance erkennen und mit größeren Summen gegen die isländische Blase wetten. Im März dieses Jahres ist beides geschehen.

Als das Geld im Interbankenmarkt knapp wurde, bekamen die isländischen Bankhäuser plötzlich nicht mehr die Gelder, die sie brauchten, um auslaufende Anleihen und Schulden zurückzuzahlen. Gleichzeitig nutzten einige Hedge-Fonds die offensichtliche Schieflage des isländischen Systems aus und wetteten gegen die isländische Zentralbank, die mit Währungsreserven von gerade einmal vier Milliarden US-Dollar im internationalen Vergleich ein Zwerg ist.

Verzieht sich das „Islandtief“ oder das Kapital?

Da selbst bei 15 Prozent Zinsen aufgrund der Währungsrisiken kaum mehr frisches Kapital in die isländischen Banken floss, die isländische Zentralbank mangels liquider Mittel keine Devisenkredite vergeben konnte und der internationale Geldmarkt ebenfalls austrocknete, kollabierte das Schneeballsystem. Die isländische Krone verlor in wenigen Tagen fast 30 Prozent an Wert, was die Inflation auf der Insel kräftig anheizte. Die isländische Zentralbank musste den Leitzins auf 15 Prozent anheben, und damit brach das Geschäftsmodell der isländischen Banken zusammen. Bis vor wenigen Tagen konnten die Banken ihre Verpflichtungen noch über die Veräußerung von ausländischen Aktiva erfüllen, aber die Hoffnungen, dass sich das Islandtief schnell wieder verziehen würde, erwiesen sich als vergebens.

Gothafoss Winter Foto: Andreas Tille
Andauerndes Tief auf Island oder doch schon der „Weltenuntergang“?
Foto: Andreas Tille

Um einen Bankrott des Staates abzuwenden, beschloss die isländische Regierung Notstandsgesetze, mit denen sie die drei großen Banken quasi verstaatlichte. Da daraufhin große Geldmengen von der Insel abgezogen wurden, brach der Kurs der isländischen Krone zusammen, was die Zentralbank nicht verhindern konnte. In den letzten zwei Monaten verlor die isländische Krone gegenüber dem wegen des „Carry Trades“ wichtigen Yen 54 Prozent an Wert. Wenn Island nicht schnellstens an frische Gelder kommt, müsste es den Staatsbankrott anmelden, da es säumige Schulden nicht mehr bedienen kann. Als Retter in der Not bot sich der russische Botschafter an, der Island einen 4 Mrd. Euro Kredit in Aussicht stellte.

Die isländische Zentralbank meldete umgehend, dass dieser Kredit bereits erteilt sei, was den dramatischen Absturz der isländischen Krone erst einmal stoppte. Die Verhandlungen über diesen Kredit sollen allerdings erst in den nächsten Tagen aufgenommen werden – dies musste im Laufe des Tages auch die isländische Zentralbank eingestehen. Daraufhin kündigte man an, man wolle den Kurs der Krone zum Euro bei 131 zu 1 einfrieren. Dieses Vorhaben ist wohl aber der Zentralbank vorerst nicht geglückt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels am 6.10. betrug der Wechselkurs zum Euro stolze 220 zu 1. Dies ist fast dreimal so viel wie vor einem Jahr.

Es riecht nach Ragnarök

Der Kater für die isländische Bevölkerung wird bitter ausfallen. Jahrelang wurde auf Kosten billiger Kredite konsumiert. Diese Kredite werden nun unbezahlbar. Wenn ein Isländer ein Auto gekauft hat, dass zum Zeitpunkt des Kaufs 6 Mio. Kronen gekostet hat und es zu 66 Prozent über Devisenkredite finanziert wurde, so sind diese Kredite nun bei einer Verdreifachung des Umtauschkurses 14 Mio. Kronen wert – wie soll man diese Kredite zurückzahlen, da die Gehälter ja nicht in Euro, sondern in Kronen ausgezahlt werden?! Selbst wenn der IWF oder Russland in die Bresche springen und Island mit frischem Geld versorgen, so ist die „Überlebensfähigkeit“ Islands ungewiss.

Der Lebensstandard wird auf jeden Fall massiv sinken – anstatt Sushi aus japanischen roten Thun, wird der Isländer wohl wieder Lammeintopf aus heimischen Schafen essen müssen, und die Inseljugend wird wohl wieder im Fischfang und der Landwirtschaft auf Jobsuche gehen und nicht bei den Banken des Landes. Der Traum ist aus – es riecht nach Ragnarök in Island. Wahrscheinlich wird die Insel bald unter den schützenden Schirm der EU und des Eurosystems schlüpfen müssen, was für die Fischereiindustrie allerdings eine Katastrophe wäre. Zum Glück aber ist Island von Mutter Natur verwöhnt und energieintensive Betriebe, wie beispielsweise Aluminiumhütten, stehen bereits Schlange, um sich in Island niederzulassen. Und auch im Niedriglohnsektor sind viele Arbeitsplätze frei geworden – die Polen und Litauer haben bereits das Land verlassen, da es sich nicht mehr lohnt, isländische Kronen in die Heimat zu schicken.

Grassodenhäuser auf Island Foto: Stefan Schafft
Gehts bald wieder zurück in die Grassodenhäuser?! | Foto: Stefan Schafft

Island wird nicht das letzte Opfer der Finanzkrise sein. Analysten sehen die nächsten Kandidaten bereits in Neuseeland, Australien, Südafrika und Rumänien – interessanterweise sind dies die Staaten, deren Währungen in den letzten Wochen gegenüber dem Yen am stärksten an Wert verloren. Das „Carry Trade“ Spiel scheint vorbei zu sein. Ob diese Länder wirklich unter die Walze der Finanzkrise kommen, ist ungewiss. Die Grundprobleme sind ähnlich, wenn auch längst nicht so exzessiv. Auch Irland zählt zu den Kandidaten, die aufgrund von überdimensionierten Bankgeschäften vor einem Scherbenhaufen stehen. Aber Irland hat das große Glück, mit dem Euro eine Währung zu haben, die zu den stabilsten der Welt gehört und die damit vor Spekulanten sicher ist.

Es sollte langsam an der Zeit sein, eine internationale Lösung des Finanzkrisenproblems anzugehen. Nur all zu schnell könnten diese gefallenen Staaten einen Domino-Effekt auslösen. Der IWF sucht eh nach einer neuen Aufgabe, nachdem ihm sein ursprüngliches Geschäftsmodell, Länder über die Schuldenfalle zu einer Freihandelspolitik zu zwingen, abhanden gekommen ist.
Island 1000-kronen-schein Foto: James Cridland
Er hat seine Lektion schon erhalten: Bischof,
Dichter und Edda-Sammler Brynjólfur
Sveinsson auf dem 1000-Kronen-Schein
Foto: James Cridland
Bei den neuen Problemfällen könnte der IWF allerdings in eine Sinnkrise kommen – zu liberalisieren gibt es in diesen Ländern nichts mehr.

Es hat sich vielmehr gezeigt, dass die Staaten, die die wirtschaftsliberalen Rankings anführen, diejenigen sind, die beim Crash des Systems als erste unter die Räder kommen. Auch dies könnte eine wertvolle Lektion sein, wird aber sicher von wirtschaftsliberalen Vordenkern anders interpretiert. Die Welt hat noch nie aus Fehlern gelernt. (CH)




spiegelfechter
 

Der Artikel erschien im Original auf Spiegelfechter.

Jens Berger betreibt den beliebten Blog, auf dem Sie zuweilen ernste, kritische, zuweilen witzig hintergründige Kommentare über die Welt und das Mediengeschehen lesen können.



Online-Flyer Nr. 168  vom 15.10.2008

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