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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Imker fragen: Ausgerechnet die FDP will Bienen schützen?
Vorwurf der „Konzernprostitution“
Von Peter Kleinert

Imker und Umweltfreunde rieben sich in der vergangenen Woche verwundert die Augen, als ihnen ein Antrag der FDP-Bundestagsfraktion auf den Tisch flatterte. Formuliert war der von Guido Westerwelle unterzeichnete Antrag mit der Überschrift „Schutz der Bienenvölker sicherstellen!“ nämlich von der Bundestagsabgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, und deshalb schrillten bei aufmerksamen Imkern sämtliche Alarmglocken. Die Abgeordnete gilt bei ihnen als Gentechnik-Lobbyistin auf der Seite des Monsanto-Konzerns, über dessen Methoden die NRhZ in ihren Ausgaben 22, 34, 73, 90, 122, 144, 147 und 152 berichtete.


FDP-MdB und Monsanto-Lobbyistin
Dr. Christel Happach-Kasan
Quelle: www.bundestag.de
Klaus Maresch von der Imkerei Honighäuschen, der sich diesen Antrag an den Bundestag nach dem antiken Motto „Timeo Danaos et dona ferentes“ („Ich fürcht' die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen“) etwas genauer angeschaut hat, sagt als Pressesprecher des Imkerverbandes dazu: „Dr. Christel Happach-Kasan repräsentiert mit Peter Bleser (aus dem Wahlkreis Mosel/Rhein-Hunsrück, PK) den Monsanto-Flügel der Gentechnikbefürworter von CDU/CSU und FDP und lässt keine Gelegenheit aus, jedem der es hören will oder auch nicht, die angeblichen Vorzüge der Grünen Gentechnik als die allein selig machende Zukunft der agro-industriellen Landwirtschaft anzudienen.“ Genau dadurch sähen Imker nämlich nicht nur die Qualität des Honigs, sondern auch die Gesundheit ihrer Bienen gefährdet. Honig mit Anteilen von MON810-Maispollen sei unverkäuflich und müsse teuer als Sondermüll entsorgt werden.

Schutzpatronin der Imker?

Nun, so Imker Maresch, ändere die schleswig-holsteinische FDP-Abgeordnete ihre Strategie und versuche, „sich als vorgebliche Schutzpatronin der Imkerschaft in Position zu bringen. Auch bei der FDP merkt man wohl, dass in Bayern das Thema „Grüne Gentechnik" den Wähler von der CSU ferngehalten hat. Und bald stehen Europa- und Bundestagswahlen vor der Tür. Da will man sich wohl ein süßes Honigmäntelchen umhängen und von dem positiven Renommee des Honigs und der Biene zehren. Ein Ablenkungsmanöver also."  


Sauer auf die FDP – Imker Klaus
Maresch im Honighäuschen auf
dem Drachenfels
Quelle: www.honighaeuschen.de 
In ihrem Antrag an den Bundestag befasst sich die bienenfreundliche FDP-Fraktion z.B. mit der gefährlichen Varroamilbe, einem eingeschleppten Ekroparasiten, der die Bienenvölker dezimiert. Also fordert die FDP, dass alles getan werden müsse, um dieser Bedrohung zu begegnen, zum Beispiel durch innovative Impfverfahren. Klaus Maresch: „Dabei übersieht die ausgebildete Biologin Dr. Happach-Kasan, dass das Immunsystem der Insekten nicht das für Impfungen notwendige Erinnerungsvermögen aufweist. Damit können erst Wirbeltiere aufwarten, die man dann mit abgeschwächtem oder totem Infektionsmaterial gegen die Krankheit immunisieren kann. Es bleibt wohl das Geheimnis der FDP, wie das mit Varroamilben funktionieren soll. Es ist, als wolle man sich gegen Mückenstiche impfen lassen. Aber selbst wenn es ein solches Impfverfahren gäbe, bedeutete dies wieder die zusätzliche Einbringung eines Medikamentes mit der Gefahr von Rückständen in Honig und Bienenwachs.“
 
Außerdem verfügen die Imker über eine breite Palette an verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, die es dem versierten und aufmerksamen Imker (egal ob konventionell oder ökologisch wirtschaftend) ermöglichen, die Anzahl der Varroamilben unter die Schadschwelle zu drücken. Die Daten des Bienenmonitorings belegen dies auch,  wie Dr. Peter Rosenkranz von der Universität Hohenheim hervorhebt. An einem Befall mit Varroamilben, welcher in Europa flächendeckend ist, muss kein Bienenvolk sterben. Wenn Bienenvölker an der Varroamilbe sterben, liegt dies in der Verantwortung des Imkers.
 
Bienensterben am Oberrhein nicht mitbekommen?
 
Beruhigend heißt es in dem FDP-Antrag, in dem Happach-Kasan als Fachfrau an der Spitze der Unterzeichnerliste steht: Zwar gefährden Pflanzenschutzmittel „mit insektizider Wirkung potenziell auch Bienen. Denn Bienen sind Insekten.“ Doch sei die Anzahl der gemeldeten Bienenschäden „seit 1960 auf unter 80 pro Jahr zurückgegangen gegenüber über 350 im Schnitt der siebziger Jahre". Negative Einflüsse durch Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide auf die Gesundheit der Bienen habe man im „Bienen-Monitoring“ nicht festgestellt. Dass die Fachfrau nicht mitbekommen hat, dass es im April/Mai 2008 durch das BAYER-Insektizid Clothianidin, das zur Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide gehört, im Maisanbaugürtel des Oberrheintals zu einem furchtbaren Bienensterben gekommen ist, das rund 7.000 Imker betroffen hat, kann man ihr kaum glauben. „Ein Betriebsunfall in den Augen der FDP und kein Grund an sich, diese Wirkstoffgruppe zu verbieten“, kommentiert Imker Maresch deshalb ihre Behauptung. „Geht auch nicht, denn diese Saatgutbeizmittel spielen eine große Rolle beim Anbau von gentechnisch manipulierten Mais - und den fördert die FDP.“


Imker und Bauern demonstrieren gegen Gen-Mais | Quelle: www.bund-nrw.de
 
„Fehlende Glaubwürdigkeit der FDP und Konzernprostitution“ wirft Maresch der FDP vor. Genau deshalb stoße bei ihnen „die Dame auf totale Ablehnung“. In Bayern habe nun der erste Imker auf Anweisung des zuständigen Veterinärs seine Honigernte in einer Müllverbrennungsanlage entsorgen müssen, weil Pollen des Gen-Mais MON810 aus einem benachbarten kleinen Versuchsfeld im Honig nachgewiesen wurden. Und MON810 ist ein Produkt des US-Konzerns Monsanto, dessen „Grüne Gentechnik“ sie seiner Kenntnis nach „als die allein selig machende Zukunft der agro-industriellen Landwirtschaft“ andiene. Nächste Woche findet die Vertreterversammlung des Deutschen Imker Bundes im Wahlkreis der FDP-Abgeordneten statt und wählt dort den neuen DIB-Präsidenten. Aus gut informierten Kreisen verlautet, dass ein möglicher Rede-Auftritt der Monsanto-Lobbyistin dabei als ausgeschlossen gilt.
 
Die Bestäubung von Blüten durch (Honig-)Bienen sei nun einmal ein Naturgesetz, das man nicht einfach ignorieren könne und das sich mit keiner Bundestagsmehrheit ändern lasse. Also müsse das „Danaergeschenk“ Gentechnik endlich verboten werden. Erst kürzlich kam eine Studie französischer und deutscher Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass der Nutzen der Bienen als Bestäuber in der Landwirtschaft einen Gegenwert von 150 Mrd. EURO hat. Und das gilt nur für die Landwirtschaft, der Wert für den Erhalt der Umwelt lässt sich gar nicht ermessen. (PK)

Online-Flyer Nr. 167  vom 08.10.2008

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