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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Lokales
Bürgermeisterin Angela Spitzig zeichnet den Frauennotruf Köln aus
30 Jahre gegen Gewalt gegen Frauen
Von Hans-Dieter Hey

Am Sonntag beging Köln den „Tag des Ehrenamtes“. Während es sich zum Beispiel beim Deutschen Roten Kreuz oder den Johannitern eigentlich um bekannte, durch den Staat gut gefütterte Konzerne handelt, geht das Engagement der „Kleinen" oft unter. Dabei ist ihre Aufgabe für die Gesellschaft oft besonders wichtig. Kölns Bürgermeisterin Angela Spitzig verlieh an diesem Tag den Ehrenamtspreis 2008 an den Kölner Frauennotruf „Gewalt gegen Frauen", der seit 30 Jahren besteht. Hier ein Interview mit Irmgard Kopetzky. - Die Redaktion.



Überreichung des Ehrenamtspreises 2008: 2.v.r. Angela Spitzig

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Engagement gegen Gewalt gegen Frauen, zum Kölner Preis für das Ehrenamt 2008 und zu ihrem 30jährigen Bestehen. Können Sie sich an die Anfänge erinnern und wie schwierig die waren?
 
Ja, vielen Dank. Der Kölner Notruf ist 1978 von Rechtsanwältinnen und Studentinnen gegründet worden und ist heute der dienstälteste Frauennotruf in Deutschland. Ende der Siebziger war die Zeit, in der Frauenzentren, Frauenhäuser und Frauenbuchläden gegründet wurden. Aus dieser Bewegung heraus ist dann auch der Notruf entstanden, weil die engagierten, frauenbewegten Rechtsanwältinnen in ihren Kanzleien einen klaren Bedarf erkannt haben. Damals war die Rechtslage noch ganz anders als heute und das Thema war tabuisiert. Gewalt gegen Frauen wurde damals als übertriebene Einzelfälle heruntergespielt. Zuerst gab es unser Frauenzentrum in der Eifelstraße, danach im Frauenbuchladen, wo im Keller ein Notruftelefon installiert wurde. Das erste eigene Büro war dann auf der Glasstraße in Ehrenfeld.


Gegen Gewalt gemeinsam handeln, ...
 
In Ihrer Selbstdarstellung legen Sie Wert darauf, möglichst unabhängig zu sein. Aber ist die Frage der Gewalt nicht eine öffentliche Aufgabe? Gerade jetzt stellt die NRW-Regierung unter Jürgen Rüttgers die finanzielle Unterstützung für die Erwerbslosenzentren ein. Das könnte man auch als staatliche Gewalt bezeichnen, weil die Betroffenen hilflos gemacht werden. Leiden Sie auch unter Kürzungen?
 
Da haben Sie völlig Recht! Gewalt gegen Frauen ist definitiv kein individuelles Schicksal, sondern vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem. Inzwischen ist ja auch von offizieller Seite festgestellt worden, dass sehr viele Frauen oder Mädchen in irgendeiner Form von Gewalt betroffen sind. Die Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland", die im Auftrag der Bundesregierung von 2002 bis 2004 durchgeführt wurde, bietet erstmals ein umfassendes und repräsentatives Bild von Ausmaß, Hintergrund und Folgen der Gewalt gegen Frauen in Deutschland.
 
Daher auch die Forderung, dass u.a. die Beratung von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen nicht länger eine freiwillige Leistung des Staates bleiben darf, sondern endlich zur Pflichtaufgabe gemacht werden müsste. Solange die Finanzierung von Beratungseinrichtungen aber freiwillig geschieht, werden sie finanziell immer auf wackeligen Füßen stehen und von politischen Mehrheiten abhängen. Und nebenbei: öffentliche Gelder mit sinnlosen Auflagen zu bekommen, heißt ja noch lange nicht, dass das Angebot ausreichend finanziert ist – die Eigenbeiträge, die die Einrichtungen leisten müssen, sind oft so hoch (bis zu 50 Prozent des Gesamtetats und manchmal darüber hinaus), dass allein die Frage, wo man Jahr für Jahr die ganzen Spenden und Zuschüsse herbekommen soll, schlaflose Nächte bereitet.
 
Sie versuchen aber, möglichst unabhängig zu sein?
 

...gute Selbstvermarktung und ...
Ja, deshalb haben wir uns vom Kölner Notruf über die Jahre immer wieder dafür entschieden, von diesen Unwägbarkeiten unabhängig zu bleiben und keine öffentlichen Gelder zu beantragen. Natürlich gibt es auch Nachteile, wenn die Mitarbeiterinnen ihre Brötchen woanders verdienen müssen und sich bei uns nur in ihrer Freizeit engagieren können. Es ist aber auch eine Reihe von Vorteilen damit verbunden, die im Moment für uns noch überwiegen. Wir sehen unsere Arbeit nicht als karitativ, sondern die Motivation der Frauen ist eher als frauenpolitisch-solidarisch einzuordnen. Das heißt aber nicht, dass wir es ablehnen würden, uns zumindest für den Teil unserer Arbeit, der mit der Beratung und Begleitung gewaltbetroffener Frauen zu tun hat, bezahlen zu lassen. Nur eine ausreichende Finanzierung eröffnet sinnvolle Perspektiven.
 
Da wir vernetzt sind, treffen uns auch andere Kürzungen, wie die in Fraueninfrastruktur oder die jetzt bei den Erwerbslosenzentren: Wohin sollen wir Frauen in Not dann vermitteln?
 
Bisher arbeiten Sie zum Glück erfolgreich. Worin liegt dieser Erfolg Ihrer Arbeit?
 
Wenn Sie mit „Erfolg“ meinen, dass es uns nach 30 Jahren immer noch gibt und immer noch genügend Frauen Lust und Zeit haben, sich bei uns zu engagieren, dann denke ich, dass unsere Aktivitäten eine gute Mischung aus der Beratung und Begleitung gewaltbetroffener Frauen und gezielter Öffentlichkeitsarbeit mit peppigen Aktionen und interessanten Veranstaltungen sind. Zusätzlich achten wir auf unsere Psychohygiene und machen viel Gebrauch von kollegialer Supervision. Unsere Mitarbeiterinnen sind nicht existentiell von uns abhängig, sondern können sich nach persönlicher Kapazität einbringen. Das macht es leichter, wenn eine Frau merkt, dass es ihr zu viel wird.


...professionelle Beratung als Erfolgsrezept.
Fotos: gesichter zei(ch/g)en

 
Der „Erfolg“ in der Beratung liegt auch darin, dass sich Frauen bei uns gut aufgehoben fühlen und dass wir auf die Bedürfnisse eingehen können, ohne Rücksicht auf vorgegebene Strukturen wie zum Beispiel Geldgeber. Unsere Frauen bringen in ihre Beratung die unterschiedlichsten beruflichen Hintergründe und Kompetenzen und ihre Lebenserfahrungen ein. Unsere Arbeit ist in einigen Punkten vielleicht unkonventionell, auf alle Fälle sind wir sehr flexibel und können auf eine große Bandbreite von Anfragen zeitnah reagieren.
 
Gewalt hat in den letzten Jahren bei uns stark zugenommen und wir folgen damit den Entwicklungen in England und den USA. Vor allem junge Menschen sind immer weniger in der Lage, Gewalt gegen andere überhaupt zu erkennen. Können Sie ähnliche Entwicklungen feststellen? Hat die Gewalt zugenommen?
 
Zugenommen hat die Zahl der Betroffenen, die das Schweigen brechen und sich Hilfe suchen. Natürlich in bestimmten Bereichen auch die Zahl der Frauen und Mädchen, die Anzeige erstatten. Das liegt aber bei uns nicht unbedingt an einem Anstieg der Gewalttaten, sondern vielmehr daran, dass viele Übergriffe erst jetzt auch strafbar sind, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung in der Ehe. Zum anderen ist das Thema weitgehend enttabuisiert – das heißt, es wird z.B. in den Medien darüber berichtet, es gibt Literatur dazu und es gibt Informationen über Beratungsstellen und das Internet. Frauen fällt es immer öfter leichter, den Schritt zu tun und sich Hilfe zu holen.
 
Mit Ihren Aussagen über junge Leute haben Sie sicherlich nicht Unrecht. Die Abstumpfung, die durch den Dauer-Input von gewalttätigen oder sexistischen Situationen durch das Fernsehen, Musikvideos, Filme und Computerspiele erfolgt, darf nicht unterschätzt werden. Die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben, wird dadurch gesenkt. Diese Gewalt scheint inzwischen „normal“ und Frauenverachtung alltäglich geworden. Um überhaupt noch aufzufallen, muss alles immer schneller, schockierender, „krasser“ werden. Gerade Mädchen und junge Frauen berichten nach Übergriffen oft von verharmlosenden Bemerkungen der Täter: „War doch nur Spaß…!“
 
Welche Formen der Gewalt machen Ihnen Sorgen?
 
Natürlich alle. Besonders bedenklich finde ich es aber zum Beispiel, wenn Gewalt im öffentlichen Raum geschieht und alle wegschauen. Immer wieder habe ich Frauen in der Beratung, die in der Bahn oder auf einer belebten Straße Opfer eines Übergriffes wurden. Sie haben teilweise sogar die Umstehenden erfolglos um Hilfe gebeten, die in den meisten Fällen mit Schweigen, Wegsehen oder Weggehen reagieren. Dasselbe gilt natürlich auch für Fälle von Gewalt im häuslichen Bereich, wo eigentlich die Nachbarn aufmerksam werden und reagieren sollten, die sonst jedes Kinderquietschen registrieren. Perfide finde ich auch Übergriffe, die mit dem Einsatz von sogenannten K.O.-Tropfen verbunden sind. Die Frauen haben in der Regel keine oder nur eine sehr verschwommene Erinnerung an das Geschehen, ahnen aber sehr schnell, dass etwas passiert sein muss. Sie stellen dass entweder aufgrund körperlicher Verletzungen, Spermaspuren und so weiter oder durch Aussagen anderer fest. Sie fühlen sich so ohnmächtig und hilflos - nach einer Gewalttat sowieso, aber in diesen Fällen noch verstärkt -, weil ihnen die Erinnerung fehlt.
 
Ist nicht Gewalt auch eine Frage von gesellschaftlichen Bedingungen, wie der Verschlechterung der Lebensbedingungen und die Zunahme des Existenzkampfes der Menschen? Vielleicht ist ja dort ein Ansatzpunkt!
 
Das, was Sie ansprechen, ist auf alle Fälle ein Aspekt, den man nicht außer Acht lassen darf. Gewalt gegen Frauen kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor und in über zwei Dritteln aller Fälle im sozialen Nahbereich. Grundsätzlich denke ich, dass Gewalt ganz viele verschiedene Ursachen hat – patriarchale Strukturen und daraus folgendes Denken, Demonstration von Macht, erlernte Muster, eine Unfähigkeit zu kommunizieren usw. Allerdings kann es natürlich sein, dass diese Ursachen durch Existenzängste, Frustration und Ähnliches begünstigt werden. Macht und Ausübung von Gewalt hat ja auch viel mit Ohnmacht auf Seiten der Täter zu tun.
 
Herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg für die nächsten 30 Jahre!

Mehr über die Angebote des Frauennotrufs hier beim Frauennotruf. Von September 2008 bis Januar 2009 wird das Program „Aktion 30+“ zum 30jährigen Bestehen angeboten, wie zum Beispiel Benefizveranstaltungen, ein Konzert im Büze Ehrenfeld und eine Blutspendeaktion. Die regelmäßige Arbeit kann hier durch Spenden und als Fördermitglied unterstützt werden: Frauen gegen Gewalt e.V., Stadtsparkasse Köln, KTO 3242955, BLZ 37050198.(PK)

 
 

Online-Flyer Nr. 164  vom 17.09.2008

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