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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Sport
Wie Béla Réthy uns die Türken bei der EM näher brachte
TVolkserziehung
Von Hermann

Über den Bildausfall im Halbfinale der Europameisterschaft zwischen der Türkei und Deutschland ist bereits alles gesagt und geschrieben worden. Bald wird er wohl in Vergessenheit geraten, denn ein schnöder wetterbedingter Stromausfall birgt nicht annähernd so viel Kultpotenzial (Verzeihung, schlimmes Modewort) wie defekte Kabelmuffen oder Pfostenbrüche. Dennoch sollte sich Béla Réthy darüber freuen. Zwar konnte er die Zeit, in der die Bilder ihn verließen, weder dazu nutzen, mit etwaigen Radioreporterfähigkeiten zu glänzen, noch um sich für den Grimme-Preis zu empfehlen, aber immerhin lenkte der Ausfall die Gemüter derart ab, dass nach dem Spiel keinem mehr auffiel, dass Réthy an mancher Stelle seine offenbar eher überschaubare Wertschätzung unserer Freunde vom Bosporus durchscheinen ließ.

Bereits vor dem Spiel wurde er nicht müde zu betonen, dass „der Gegner“ natürlich bestens über Thorsten Frings’ Schwachstelle, die lädierte Rippe, Bescheid wisse und sicherlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit von diesem Wissen rücksichtslos Gebrauch machen würde. Während der Partie versuchte er zwar noch, sein gefälltes Urteil über die türkische Mannschaft zu untermauern, doch musste er mit hörbarer Enttäuschung einlenken, wenn sich in der Zeitlupe ein Foul an Frings dann wider Erwarten als ein ganz harmloses herausstellte und nicht als hinterlistiger Versuch, dem angeschlagenen Mittelfeldspieler die splitternde Bruchkante des Rippenbogens ins eigene Herz zu treiben.
 
Türkischer oder Dalai Lama-Flitzer?
 
Als sich Béla Réthy dann in ganz exklusiver Situation wähnte und uns, dem Fernsehpublikum, erklärte, dass grade ein Flitzer seinen Weg auf den Rasen gefunden hätte, wir das aber nicht sehen könnten, da die UEFA solche Bilder nicht mehr ausstrahlt, um möglichen Nachahmern den Anreiz zu nehmen, schob er noch die Information hinterher, dass besagter Flitzer türkischer Herkunft sei. Dummerweise genossen die Zuschauer zu Hause an den Empfangsgeräten aber die freundlicherweise vom eidgenössischen Fernsehen zur Verfügung gestellten Bilder, welche auch das grobe Zurstreckebringen des Störenfriedes durch die Ordner zeigten. Da drängte sich dem neutralen Betrachter allerdings die Frage auf, ob Réthy die Nationalität des Flitzers an seiner Tibet-Flagge auf dem Rücken oder aber an dem Schal und den Strümpfen mit weißem Kreuz auf rotem Grund erkennen konnte.


ZDF: „Béla Réthy gilt
als einer der besten
deutschen Fußball-Reporter“
Quelle: ZDF
Aber mehr noch als Béla Réthys grundlagenfreier Generalverdacht schockierte mich das Vorhaben des europäischen Fußballverbands, auf die zur lieben Tradition gereiften ungebetenen Besuche des Rasens durch Zuschauer durch strenge Zensur zu reagieren. Die übertragenden Fernsehstationen unterliegen schließlich einer Informationspflicht und genießen das Vertrauen des Zuschauers, dass dieser sich in vollem Unfang ein Bild von allem machen kann, was das gezeigte Fußballspiel beeinflussen könnte. Aber nein, der Verband entscheidet, was für den Zuschauer von Interesse zu sein hat und was nicht. Prominenz aus Sport und Politik, die den Weg ins Stadion gefunden hat, wird als sehr informativ erachtet, anders lässt sich nicht erklären, warum der Fernsehzuschauer bei der EM mit Massen von eben diesen Bildern geradezu überschüttet wurde. Von der Anwesenheit des UEFA-Präsidenten kann ich mit recht geringer Fantasie bei einem Endrundenspiel ausgehen, da brauche ich nicht alle fünf Minuten eine kurze Sequenz, die einen gelangweilt dreinschauenden Michel Platini zeigt.
 
Stadionordnung der UEFA
 
Wenn zeitgleich ein halber Block in bengalischem Licht erstrahlt, greift aber scheinbar wieder die Zensur, denn die Bilder von pyrotechnikzündelnden Fans unterschieden sich in TV und Presse schon sehr. Während im Fernsehen bestenfalls einzelne „Unverbesserliche“ gezeigt wurden, konnte man auf Fotos später in schillerndsten Farben erkennen, dass es sich hierbei selten um Einzeltäter handelte. Selbst der UEFA sollte bekannt sein, dass sich auch gemäßigtere Fernsehzuschauer gerne mit solchen Bildern konfrontiert sehen, da ja sogar in der Werbung der großen Sponsoren gerne auf das Abbrennen von Feuerwerkskörpern zur Suggerierung „südländischen Flairs“ zurückgegriffen wird. Aber was nicht der Stadionordnung entspricht, wird auch nicht gezeigt. Um von Nachahmungstaten abzuhalten. Volkserziehung durchs Fernsehen.


Foto: Hermann
 
Natürlich ist Pyrotechnik, grade in vollbesetzten Stadionblöcken, nicht unbedenklich, denn „Sie gefährden damit sich und andere“. Aber blinde Zerstörungswut oder gar gewalttätige Eskalationen gehören wohl doch in eine ganz andere Schublade. Dabei möchte ich hier keine Lanze für das zündelnde Stadionklientel brechen, lieber würde ich daran erinnern, wie vergleichsweise entspannt diesem Phänomen noch vor einem Jahrzehnt in den Stadien begegnet wurde. Natürlich tun die Verbände alles Erdenkliche gegen eine Rückkehr zur damaligen Zeit, aber ab und zu sollte man die Kirche doch im Dorf lassen und beim Ausmalen möglicher Szenarien nicht maßlos übertreiben, denn das schadet der Glaubwürdigkeit. Nie habe ich gesehen, dass ein Flitzer ein Messer zieht, um so aktiv ins Spielgeschehen einzugreifen, nie erlebt, dass ein Zuschauer neben mir in Flammen aufging, und sollte ich irgendwann einmal an einer Atemwegserkrankung leiden, werde ich dafür eher meinen eigenen Tabakkonsum als das in meiner Anwesenheit abgebrannte Rachpulver während meiner Jugendtage verantwortlich machen.
 
Es gibt sicherlich größere Bedrohungen für den Sport. Diffamierende Reporterkommentare, um nur eine zu nennen. (PK)
 
 

Online-Flyer Nr. 156  vom 23.07.2008

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