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Aktueller Online-Flyer vom 27. Februar 2017  

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Glossen
Kornelimünster – die Ausstellung „Kunst aus NRW“:
Abstrakte Putten
Von Norman Liebold

Bekanntlich wird vieles erst durch die Gegenüberstellung des Gegensatzes erst richtig deutlich, ja, gelangt erst zu tatsächlichem Bewusstsein. Oft genug ist es auch einfach lange Gewusstes, das auf diese Weise schlicht noch einmal bestätigt wird. Wie dem auch sei – einem schon ans unfreiwillig komische reichenden Sonderfall dieser Art fand ich in der Ausstellung „Kunst aus NRW“, die seit 50 Jahren in der ehemaligen Reichsabtei zu Kornelimünster zu... nun, betrachten ist. Wobei nicht unbedingt von einem echten „Gegensatz“ gesprochen werden kann, wenn schlechte Kunst auf schlechte Kunst stößt.


Abstrakte Putten Norman Liebold über Kunst aus NRW (Austellung Kornelimünster)
Brüste für den Herrn Abt – Fresko in den Räumen der ehemaligen Wohnung des Klostervorstehers

Das Gebäude – verspielte Renaissance – ist inwendig mit unzähligen überaus barocken Fresken sagen wir „verziert“: Von überall starren pausbäckig-verfettete Putten herunter, knutschen einander süßlich grinsend ab, äugeln zusammen mit schnäbelnden Täubchen hinter rosigen oder zuweilen auch babyblauen Wolken und Wölkchen herfür oder flattern enthauptet beziehungsweise entleibt als geflügelte Köpfe durch allerlei Bildlichkeiten properer Juncfrouwen mit seligem Dauergrinsen, anatomisch falschen Gliedmaßen und schwellenden, zuweilen auch gut einzusehenden Brüsten.

Eine – ich komme nicht umhin, sie in den Beitrag einzustellen, da hier sowohl schnäbelnde Täubchen wie entleibt-geflügelt knutschende Babyköpfe zu sehen sind – hält sogar, sozusagen als I-Tüpfelchen, ein Herz in ihrer Hand, das putzig vor sich hin lodert. Erschreckend hierbei immer wieder perspektivische und anatomische Patzer, die den ein oder anderen goldumrahmten putten Puttus zum Dämon mutieren und auch manche holde, mehr oder minder bekleidete Mädchenschönheit zur weiblichen Variante Quasimodos werden lässt.


Abstrakte Putten Norman Liebold über Kunst aus NRW (Austellung Kornelimünster)
Knutschend-entleibte Flügelputtenköpfe, gurrend schnäbelnde Tauben und brennende Herzen

Aber das ist nur eine Seite des Gegensatzpaares, die allein für sich genommen ein gewisses Amüsement und allein ob der handwerklich gekonnten Mühe, diese ganzen Wände und Decken zu bemalen, eine gewisse Hochachtung vor der Anstrengung erregt – und ob der einen oder anderen gelungenen Darstellung auch, ja durchaus – Gefallen.

Aber wirklich interessant sind vielmehr die... nennen wir sie „Objekte“, die in den Räumen ihrer interessierten Betrachter harren – deren ich allerdings in den weiten Hallen trotz touristisch überlaufener Innenstadt, aus den Nähten platzender Cafés und obendrein freiem Eintritt der einzige war. Dass dies auch seit längerem der Fall zu sein schien, zeigte das überaus beflissene, sich geradezu überschlagende, ja schon ob der Erlösung aus der Langeweile unterwürfig dankbare Entgegenkommen der Betreiber der Ausstellung.

Denn dass dies daran gelegen haben mochte, dass ich mein Zeichenbuch unter dem Arm und diverse Zeichenfedern aus der Hemdtasche ragen hatte, möchte ich doch bezweifeln – selbst wenn man mich fälschlicherweise für jemanden gehalten hätte, der sich selbst „Künstler“ nennen würde und damit zumindest theoretisch nicht nur in physischer Leiblichkeit in die Räume Einzug halten könnte. Denn ja, hier werden lebendige Künstler ausgestellt. Und nicht nur das, hier werden jene Künstler ausgestellt, die in den Nutznieß von nicht zu überschätzenden Geldsummen seitens der Regierung gelangen – für ihren Beitrag zur aktuellen, sagen wir, „Kunst“.

Ich muss an dieser Stelle durchaus zugeben, dass mir „moderne Kunst“ in den meisten Fällen verschlossen bleibt. Ich würde fast sagen, dass mich – natürlich rein subjektiv – zuweilen der Verdacht ankömmt, dass man eventuell versucht, mich zu veräppeln, mir einen Bären aufzubinden oder, vulgär formuliert, zu verarschen, wenn ich vor „Ohne Titel #346“ oder „Metamorphose #56“ stehe, um auf eine schlecht bespannte Leinwand zu schauen, auf der mehr oder minder versuchsweise harmonisch Farbkleckse und -spritzer verteilt sind, denen weder gefühlsmäßig noch intellektuell irgendeine Form von Regung, Berührung oder gar Aussage abzugewinnen ist – noch nicht einmal ein ansatzweise ästhetisches Empfinden ob besonders stimmig oder besonders unstimmig verteilter... nun, Flächen.

Abstrakte Putten Norman Liebold über Kunst aus NRW (Austellung Kornelimünster)
Das befellte Irgendwas                             
Immerhin, einen Raum weiter erregt ein Objekt zumindest irgendein Gefühl: Da lungern befellte Irgendwasse in zwei Müslischalen auf einem betont verschmodderten Tisch und blähen und schrumpfen unter dem deutlich hörbaren Arbeiten eines Kompressors – hier könnte man zumindest so etwas wie eine Aussage hinein interpretieren – vielleicht ein Plädoyer für Veganismus, denn in der Tat – Appetit anregend sind die befellten Irgendwasse nicht, sie sind sogar nahe daran, neben einer kuriosen Empfindung einen Hauch von Ekel zu erregen – allerdings gegen sie selbst, nicht gegen Befellete-Irgendwasse-Verspeiser, im dem Sinne, dass sie vielleicht, wenn man ihnen der Rücken zuwendet, zahnbewehrt aus den Müslischalen kriechen und sich wie ekle Blutegel an die Wade heften.

Ja, das muss gesagt werden: Die Skulpturen sind durchaus noch verkraftbar, zumindest bieten sie eine gewisse Sensation durch Material und Form. Und auch bei den Gemälden finden sich – wenn man mit Ausdauer sucht – ein paar, die durchaus einen zweiten Blick wert sind. Kubistisch aufgefasste Industrielandschaften, ein Bild versucht, das Gefühl der Straßenbahn einzufangen, ebenfalls mit kubistisch anmutender Entfremdung. Allerdings gewinnen sie dieses positive Urteil schlicht durch ihre wunderhässlichen Genossen, so wie unter stockhässlichen alten Vetteln die zumindest nicht allzu sehr verwachsene Frau einigen Reiz zu entfalten beginnt.


Abstrakte Putten Norman Liebold über Kunst aus NRW (Austellung Kornelimünster)
„Straßenbahn" (1947)

Objektiv betrachtet sind die Arbeiten – allesamt zwischen ’47 und Mitte 50er – schlecht ausgeführt, wobei ich nicht das Dargestellte, sondern nur das Handwerkliche meine: Keine lichtechte Farben, mager auf fett gearbeitet, so dass die Ölfarbe gerissen ist oder kurz vor dem Abbröckeln steht. Stümperhaftigkeiten also, denen auch bei bestem Willen keine andere Aussagekraft beizulegen als vielleicht die, dass der Künstler sich der mangelnden Qualität des Werkes bewusst ist und seiner Einsicht dadurch Gestalt verliehen hat, dass sich das ganze in ein paar Jahrzehnten von selbst der Vergänglichkeit anheim gibt.

Abstrakte Putten Norman Liebold über Kunst aus NRW (Austellung Kornelimünster)
Putten-Dämon – Es gibt Babys, denen      
will man lieber nicht begegnen möchte
Aber – vielleicht haben Sie das bei all den Worten schon vergessen – da gibt es ja noch die über allem thronenden, sowohl hinter diversen Säulen wie auch aus goldenen Rahmen und Rähmchen hervor schauenden, äugelnden und schnäbelnden rosagüldenen Putten, die apfelwangigen Barockschönchen mit anatomischen Unaussprechlichkeiten und brennenden Herzchen. Denn so grauenhaft dilettantisch die Freskenmaler all diese maskenhaft selig lächelnden – respektive infantil-lüstern grinsenden – Wesenheiten da pausbäckig samt Gurr-Täubchen und im Fliegen herumknutschenden entleibten Puttenköpfen hingeworfen haben mögen – im Kontext zu ihnen zeigt sich die ganze preisgekrönte Cremé de la Cremé nordrhein-westfälischer bildender Kunst als – Entschuldigung – doppelt hässlicher Schrott. Über Putten kann man sich zumindest amüsieren oder wenigstens noch streiten – und ein nicht ganz missratener Akt hat zumindest irgendwelche Reize – und immerhin verstanden die Freskenmaler wenigstens ihr Handwerk, ich meine die Kunst, dass nicht der Putz von der Decke bröckelt.

Es ist in der Tat ein durchaus verbreitetes Vorurteil gegen weite Bereiche der modernen Kunst, dass sie im Grunde nur ein wirklich groß angelegter Betrug ist, um Geldwäscherei und Spekulation zu erlauben oder etwas ins Büro hängen zu können, an dessen Aussage beim besten Willen niemand Anstoß erregen kann, weil selbige schlechtweg nicht existiert. Weil ja bei einem Werk, das weder nach handwerklichen noch nach inhaltlichen Maßstäben zu messen ist, jeder beliebige Preis oder künstlerische Wert mit hohlen und schwülstigen Worten zu erklären ist – und zweifelnde Münder schnell mit dem „Sie haben ja keine Ahnung von Kunst“-Argument verschlossen. Unter den – wie wir aufgrund gewisser anatomischer Gesetzmäßigkeiten durchaus einzuschätzen wissen – schief gemalten Augen der putten Putten zeigt sich: Es ist kein Vorurteil. Es ist schlicht und ergreifend gänzlich sinnfreier Schrott, der noch nicht einmal mehr raumgestalterisch irgendwelche Vorzüge aufweist.

Abstrakte Putten Norman Liebold über Kunst aus NRW (Austellung Kornelimünster)
„Moderne Skulptur (natürlich mit „Ohne Titel" betitelt wie die meisten der Exponate) vor Deckengemälde" | Alle Fotos: Norman Liebold

Nun ja, vielleicht ist das nur folgerichtig – wenn der Kultusminister höchst selbst da Geldsummen hinein buttert, muss natürlich vor allem eines gegeben sein: Kunst ohne Aussage. Leeres Gebrabbel ohne Bedeutung, gänzlich ohne Sinn beschmierte Leinwände, willkürlich, bestenfalls grob geometrische Metallformen. Denn wenn dergleichen honoriert wird, macht es die Kunstszene nach, um gegebenenfalls auch in den Nutznieß von Belohnungen – sprich Förderungen – zu kommen. Leitkultur nennt man dergleichen. Das funktioniert wohl ähnlich wie in der Musikindustrie oder in den Beststellerlisten.

Man stelle sich nur vor, wenn die Kunst tatsächlich täte, wozu sie imstande, ja, wofür sie da ist: Augen öffnen, wichtige Inhalte kommunizieren oder gar neue Sichtweisen und Erkenntnisse eröffnen! Unvorstellbar! Und gefährlich.

Immerhin: Eines muss man der Ausstellung „Kunst aus NRW“ lassen. Sie ist ein Gesamtkunstwerk – mit allen Putten und barbusig Entrückten, ja gerade wegen ihnen. Ja, es öffnet Augen, lenkt den Blick auf neue Sichtweisen, ermöglicht Erkenntnisse und weckt Empfindungen. Amüsement, vor allem. (CH)


Norman Liebold Foto: Vera Walterscheid
Foto: V. Walterscheid   
 



Norman Liebold ist Schriftsteller, Schauspieler, Graphiker und vielleicht im mehrfachen Wortsinn Universalkünstler. Besuchen Sie seine aufwendig gestaltete Webseite, und entdecken Sie neue Horizonte.



Online-Flyer Nr. 155  vom 16.07.2008

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