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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Globales
Franzosen sehen Presse- und Rundfunkfreiheit gefährdet
Die „Amis“ von Nicolas Sarkozy
Von Uwe Karsten Petersen

Am liebsten wäre er Programmboss einer Fernsehanstalt geworden, versicherte kürzlich der französische Präsident Nicolas Sarkozy Journalisten. Er macht auch kein Geheimnis aus der Tatsache, dass er bezüglich der Besetzung von Spitzenpositionen bei den Fernsehsendern mit Personalvorschlägen nicht geizt. Dies gilt besonders für den Privatsender    TF 1. Dessen Chef, Martin Bouygues, ist ein persönlicher Freund („Ami“) des Präsidenten.

Schon vor zwei Jahren riet der damalige Innenminister Sarkozy seinen „Ami“, den auf den französischen Antillen geborenen Harry Roselmack für die Nachrichtensendung von 20 Uhr – die französische „Tagesschau“ – als Ersatzmann für Ferien und Wochenende zu engagieren. Ein „Schwarzer“ in dieser begehrten Position stelle für Frankreich eine Premiere dar, freute sich nicht nur Sarkozy.  
 
Peinlichen Interviews folgt die Entlassung

Am 9. Juni erfuhr das französische Fernsehvolk, dass der „Star“ dieser Nachrichtensendung, Patrick Poivre d'Arvor, seinen Posten nach 21 Jahren verliert. Als Nachfolgerin hat Präsident Sarkozy seinem Freund Martin Bouygues die 41jährige blonde und attraktive TV-Journalistin Laurence Ferrari empfohlen. Der Präsident „rächt“ sich so für die Feststellung von Poivre d'Arvor, dass sich Sarkozy anlässlich seiner ersten Teilnahme an einem G8–Gipfeltreffen wie ein kleiner Junge aufgeführt habe, der endlich in den Kreis der Grossen aufgenommen wurde. Ihm verübelt Sarkozy auch ein Interview, dass der TV-Journalist während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahlen mit der sozialistischen Konkurrentin, Ségolène Royal, geführt habe. Von einem derartigen Entgegenkommen habe er nicht profitiert, erzürnte sich damals der Kandidat Sarkozy.

Patrick Poivre d'Arvor Foto: Olivier Roller
Patrick Poivre d'Arvor | Foto: Olivier Roller

Der Präsident ist mit den wichtigsten Bossen der französischen Medien auffallend eng befreundet. Das gilt neben Martin Bouygues auch für den Yacht-Besitzer Vincent Bolloré, der zwei kostenlose Zeitungen herausgibt und unter anderen beim privaten TV-Sender Direkt 8 das Sagen hat. Auch Serge Dassault, Herausgeber der Pariser Tageszeitung Le Figaro und ihrer beiden Magazin-Beilagen sowie des Wirtschaftsblattes Valeurs actuelles, ist ein langjähriger „Ami“ des Staatschefs. Das findet seinen Niederschlag in der positiven Berichterstattung in Sachen Nicolas Sarkozy.

Bernard Arnault vom Luxus-Konzern LVMH gönnt sich zwei Wirtschaftsblätter (Les Echos und Investir), die den Präsidenten nicht in Bedrängnis bringen. Mit der Entlassung des Chefredakteurs der Illustrierten Paris Match hat auch deren Eigentümer Arnauld Lagardère seine Freundschaft mit Sarkozy spektakulär bewiesen. Am 25. August 2005 veröffentlichte Paris Match auf der Titelseite ein Photo, das die damalige Sarkozy-Gattin, Cécilia, mit ihrem Geliebten, Richard Attias, zeigte. Die Aufdeckung dieses „Verhältnisses“ hatte für Chefredakteur Alain Genestar die Entlassung zur Folge. Lagardère gehört auch der Rundfunksender Europe 1 und das Sonntagsblatt Le Journal du dimanche.    
 
„Freundschaftsdienste“ werden belohnt

Sarkozy Toulouse 2007 preselection Guillaume Paumier CC
Kommt er doch ins Schwitzen?! Sarkozy          
2007 | Foto: Guillaume Paumier CC
Böse Zungen behaupten, dass die „Freundschaftsdienste“ der „Amis“ aus dem Medienbereich nicht unbelohnt bleiben. So können sich beispielsweise die Eigentümer privater TV-Sender über die Entscheidung des Präsidenten freuen, die Werbung aus den Programmen der öffentlichen TV-Anstalten zu verbannen. Von dieser Maßnahme wird ganz besonders der „Ami“ Martin (Bouygues) in Millionenhöhe profitieren. Ist es ein Zufall, dass er den Hinauswurf von Poivre d'Arvor mit Personalveränderungen auf Spitzenpositionen bei TF 1 ergänzte, die ganz im Sinne von Präsident Sarkozy sind? Martin Bouygues rechtfertigt diese mit sinkenden Einschaltquoten und Werbeerträgen.

Die Unabhängigkeit der Presse von Geldgebern und Präsidenten ist somit in Frankreich weiterhin nicht garantiert. Wie seine Amtsvorgänger benutzt auch Nicolas Sarkozy die Medien für seine Interessen. Der Karriere wegen übe so mancher Journalist eine gewisse Selbstzensur aus, die das Bestreben des Präsidenten erleichtert, ärgern sich die um die Pressefreiheit besorgten Franzosen und Französinnen. (CH)


Online-Flyer Nr. 151  vom 18.06.2008

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