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Aktueller Online-Flyer vom 22. März 2017  

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Lokales
Nach der Pressekampagne zum Freispruch des Kölner „Koma-Schlägers“:
Jugendkriminalität - Wer ist hier verantwortlich?
Von Klaus Jünschke

Der Strafrechtsausschuss des Kölner Anwaltvereins hat in einer öffentlichen Erklärung der Presse „Kampagnenjournalismus“ vorgeworfen. Grund waren Berichte zu einem aktuellen Urteil des Jugendschöffengerichts Köln, das vom EXPRESS (Überschrift: „Koma-Schläger straffrei“) bis zur rechten Junge Freiheit wütend kommentiert wurde. Wir haben Klaus Jünschke vom Kölner Appell gebeten, sich aus diesem Anlass grundsätzlich mit dem Thema Jugendgerichte und Jugendkriminalität zu befassen. – Die Redaktion



EXPRESS-Artikel - am 9. Juni übernommen von der Jungen Freiheit
Quelle: Junge Freiheit


„Intensivtäter“ nicht eingeladen
 
Im Jahr 1908 fanden an den Amtsgerichten in Frankfurt/Main, Köln und Berlin die ersten Verhandlungen vor Jugendgerichten in Deutschland statt. Die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V. (DVJJ) hat vom 26. bis 28. Mai 2008 dieses Jubiläum zum Anlass genommen, in Köln zu einer Festveranstaltung in das Rathaus und zu einer Fachtagung in das Maternushaus einzuladen. Es wäre schön gewesen, wenn aus diesem Anlass alle in Köln als „Intensivtäter“ registrierten Jugendlichen auch ins Rathaus eingeladen worden wären, um mit ihnen zu diskutieren, woran es wohl liegen könnte, dass man heute, im hundertsten Jahr,  immer noch intensiv nach den Ursachen der Jugendkriminalität im allgemeinen und der Jugendgewalt im besonderen forscht.
 
Die Profis aus den Reihen der Jugendstaatsanwälte, Jugendrichter, der Anwaltschaft, von Politik und Wissenschaft hatten beschlossen, lieber unter sich zu bleiben und einmal mehr über die Jugendlichen zu debattieren, statt mit ihnen gemeinsam nach Lösungen für die Probleme zu suchen, die nicht nur der Polizei Arbeit machen, sondern bekanntermaßen auch für die Jugendlichen selbst nicht einfach zu bewältigen sind. Denn einige von ihnen landen trotz aller Bemühungen es anders zu versuchen, auf einem gleichsam vorgezeichneten Weg zuerst in den Jugendhaftanstalten und später in den Gefängnissen für Erwachsene. Und gerade dazu haben sie ganz schöne Fragen auf Lager, z.B. „Wie kann man denn die Idee haben, 300 oder 500 von unserem Kaliber an einer Stelle zusammenzupferchen, und dann noch zu glauben, das könne gut gehen?“
 
PolizistInnen oft die einzigen Gesprächspartner
 
Wenn es bei solch hochoffiziellen Terminen immer wieder auffällt, dass die Jugendlichen um die es geht, gar nicht persönlich präsent sind, so sollte mit dieser Feststellung nicht der Eindruck erweckt werden, dass mit ihnen gar nicht geredet würde. Jugendkriminalität ist Thema an den Universitäten, in den Medien, in der Politik. Bei Runden Tischen im Stadtteil und im Alltag finden unzählige Gespräche mit auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen statt – angefangen vom Kindergarten, über die Schule und die Jugendzentren bis hin zu den Jugendgefängnissen. An vielen Abenden, in den Nächten und an den Wochenenden sind aber oft Polizistinnen und Polizisten, die einzigen Gesprächspartner. Oder es sind die Pädosexuellen, die an den Bahnhöfen auf die warten, die ganz vereinzelt sind und keinen Anschluss an eine Clique gefunden haben. Selbst da, wo der Staat die vollständige Kontrolle auszuüben behauptet, in den Jugendgefängnissen zum Beispiel in Siegburg, ist jeder fünfte nach den offiziellen Angaben ohne jede Beschäftigung - 23 Stunden am Tag allein mit sich.
 
Die kriminalisierten Jugendlichen werden bei der Lösung ihrer Konflikte nicht wirklich und nicht richtig beteiligt. Das, obwohl Partizipation, also die Einbindung von Kindern und Jugendlichen bei allen sie betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen, zu den wichtigsten fachlichen Qualitätsstandards der Jugendhilfe gehört.
 
Behauptung der Massenmedien stimmt so nicht
 
Genau das war Thema im Abschlussvortrag von Joachim Kersten, Professor an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster (früher: Polizeiführungsakademie). Er trug den Titel : „Die Währung heißt Respekt – Der Code der Straße“. (vgl auch http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/)
Zu Beginn stellte er fest, die Behauptung der Massenmedien, die Jugendlichen würden immer gewalttätiger, immer brutaler, stimme so nicht. Um dann deutlich zu machen, warum es so wichtig ist genau hinzusehen und sich mit den festgestellten Unterschieden auseinanderzusetzen, z.B. mit der Frage, warum ist die Jugendkriminalität in Duisburg niedrig und in Schwäbisch Hall hoch? Und er lieferte gleich die Antwort: Wegen der gewachsenen Kiez-Struktur in Duisburg, in der soziale Kontrolle ausgeübt wird. In diese Kiez-Struktur ist die Polizei eingebunden, die Nachbarschaftsvereine, die Sportvereine und der Imam.
 
Weniger Jugendkriminalität ist machbar
 
Mit dieser Einleitung zeigte er, dass weniger Jugendkriminalität machbar ist. Und damit setzte er sich explizit von den Apokalyptikern ab, die als Vertreter der Desintegrationsthese wie Wilhelm Heitmeyer ständig behaupten, alles würde immer schlimmer. Deren Botschaft, man könne nichts machen, sei genauso falsch wie die Botschaft mancher Dunkelfeldforscher, die meinen, weil die wirkliche Kriminalität sogar sinke, müsse man nichts machen. Dennoch bestätigte Joachim Kersten, dass auch er davon ausgeht, dass der Anstieg von Gewaltdelikten bei Jugendlichen in der Kriminalstatistik zu einem ganz großen Teil durch die gestiegene Anzeigenbereitschaft erzeugt worden ist.

Joachim Kersten bei seinem Vortrag „Die Währung heißt Respekt – Der Code der Straße“
Joachim Kersten bei seinem Vortrag „Die Währung heißt Respekt – Der Code der Straße“ - Foto: Klaus Jünschke

Und damit war Professor Kersten bei seinem eigentlichen Thema: Es gibt in den Städten einige Jugendliche, darunter solche mit Migrationshintergrund, die Gewalttaten verüben, was für ihre Opfer, meist andere Gleichaltrige, gar nicht lustig ist. Wie entsteht diese Gewalt auf der Straße und was kann getan werden, dass sie weniger wird?
 
Zunächst betonte er, dass man sich vor monokausalen Erklärungen hüten muss, und dass es angesichts der Komplexität der Thematik viel mehr Zeit bedarf, als die 45 Minuten, die ihm für seinen Vortrag zur Verfügung stehen. Er verwies daher auf die wissenschaftlichen Kollegen, von denen er für dieses Thema besonders viel gelernt hat.
 
„Code of the streets“
 
Er nannte die Studie „Code of the streets“ des schwarzen US-amerikanischen Soziologen Elijah Anderson. Nach ihm gibt es in den Slums zwei Wertesysteme, das der Anständigen und das der street people. Die Anständigen sind in der Mehrheit, aber die street people bestimmen den öffentlichen Raum. Der Code der Straße entsteht dort, wo der Einflussbereich der Polizei endet. Wo sich das Gewaltmonopol zurückgezogen hat, geht Gewalt vor Recht. Die Kinder haben das schon im Alter von fünf, sechs Jahren verinnerlicht, weil sie selbst Opfer von Misshandlungen waren und weil sie die Gewalt zwischen den Eltern mit ansehen mussten.
 
Das ist leider immer wieder Journalisten wie Joachim Frank vom Kölner Stadt-Anzeiger zu sagen, der seinem gut gemeinten Kommentar die Überschrift  „Der Prozess gegen Erine S. wirkt wie ein Sprengsatz gegen den sozialen Frieden“ gab: In unserer Gesellschaft gibt es eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen, die kennen keinen „sozialen Frieden“.
 
Obwohl es in der Kriminologie Konsens ist, dass es bei allen wegen Gewaltdelikten verurteilten Jugendlichen in der Kindheit zu schweren und schwersten Misshandlungen kam, warnte Joachim Kersten auch hier vor monokausalen Kurzschlüssen. Es werden nicht alle geschlagenen und misshandelten Kinder Gewalttäter.

Die Beschämungstheorie
 
An dieser Stelle ging Kersten auf die Beschämungstheorie von John Braithwaite ein, der die Entstehung und den Abbruch von Kriminalität durch Scham oder Beschämung zu erklären versucht. Da sich nicht jede Beschämung positiv auf ein Fehlverhalten auswirkt, unterscheidet

Braithwaite zwischen  "zuschreibender Beschämung" und "wieder integrierender Beschämung". In der ersteren unterscheidet man nicht zwischen Täter und Tat. In der aktuellen Kölner Diskussion steht dafür das Etikett „Koma-Schläger“. In der "wieder integrierenden Beschämung" werden Täter und Tat unterschieden. Dabei wird nicht ausgeblendet, was z.B. Erdinc S. in den letzten Jahren getan hat. Wo sind die Unterschiede? Im ersten Fall lehnt man den Täter ab und grenzt ihn aus. Im zweiten Fall lehnt man die Gewalttaten ab und wünscht sich, dass er einen Weg zu einem Leben ohne gewaltsame Konfliktlösungen findet. Wobei er durch ein Antiaggressionstraining auch Hilfe erfährt. Darin wird er für seine Schlägereien beschämt, stärkt aber trotz allem seine Person.

Joachim Kersten
Joachim Kersten
Foto: Privat
Verkürzt meint also die „wiederintegrierende Beschämung“ den
Prozess, in dem die Gesellschaft dem Täter deutlich zeigt, dass sein Verhalten nicht duldbar ist. Dies wird als Beschämung bezeichnet. Da das Schamgefühl ein unangenehmes Gefühl ist, wird er versuchen sein Fehlverhalten einzustellen. Hätte er im Moment der Tatbegehung ein starkes Schamgefühl empfunden, wäre die Tat nicht geschehen.


Daher die These von Joachim Kersten: Die alltägliche Beschämung, die man als Minderheitenangehöriger erfährt, führt dazu, dass man als Jugendlicher Scham schwerer ertragen kann als Schuld.
 
Über den Täter-Opfer-Ausgleich hinausgehen
 
Kersten betonte, dass es ohne eine vermittelte, nicht erniedrigende, sondern nach Recht und Menschenrecht laufende Form der nachträglichen Aktualisierung des Geschehens, keine Wiedergutmachung gibt - wobei die Beschämung des Täters ein zentrales Merkmal ist.

Im Bereich von Schule, von Nachbarschaft empfiehlt er daher Mechanismen einzuführen, die über den Täter-Opfer-Ausgleich hinausgehen, und in denen die Zulassung eines Schamgefühls Bestandteil des organisatorischen Aufbaus ist. Damit meint er, dass nicht nur Täter und Opfer auf freiwilliger Basis zusammen gebracht werden sollen, sondern auch die Familien und die Peer-Groups, die Freunde von Täter und Opfer - und dafür muss es Mediatoren geben, die äußerst anständig, erfahren und professionell sind.
 
Wenn Kinder mit acht, neun, zehn Jahren auffallen, dann sollten wir auch ihnen die Chance nicht vorenthalten, im Bereich minderer Delinquenz dieses Schamgefühl zu erleben und dann wie schön es ist, wenn man danach wieder dazugehört.
 
Visitenkarte dieser Gesellschaft
 
Die Jugendrichter, die jetzt in Köln wegen ihrer angeblich zu milden Urteile angeprangert werden, haben kein Instrumentarium und keinerlei Recht, sich mit Erdinc S. und ähnlichen Kids zu befassen, bevor diese 14 geworden sind. Wer hätte im Sinne des von Kersten vorgestellten Konzepts einer aufbauenden, stärkenden Gerechtigkeit im Stadtteil, in der Nachbarschaft eingreifen können? Wer hatte damals zugelassen und wer lässt heute zu, dass es für Kinder mitten unter uns in dieser Stadt Räume gibt, in denen sie ihr Recht auf gewaltfreie Erziehung nicht geltend machen können? Wo es öffentliche Räume gibt, die von Angst, von Aggressionen und andauernden Problemen geprägt sind, können sich auch die anständigsten Leute, die ihre Kinder anständig erziehen wollen, dem nicht mehr entziehen.
 
Mit einer abschließenden kleinen Geschichte aus der Polizeiausbildung verwies Joachim Kersten noch mal auf das, worauf es ihm ankommt: „Ein Achtjähriger kommt zur Polizei und sagt dem Beamten, dass ihn sein Vater mit der Flasche ins Gesicht geschlagen habe. Was ist, wenn einer der Polizisten sagt, vielleicht hat er es verdient? Vielleicht weil er selbst so aufgewachsen ist. Der Junge hat auf die Frage, wieso er auf die Idee gekommen ist auf die Wache zu kommen, gesagt, dass er das vom Lehrer habe, der habe ihm geraten zur Polizei zu gehen, wenn er zuhause geschlagen wird. Für den Jungen ist jetzt das Polizeiverhalten der Lackmus-Test für unseren Rechtsstaat. Deswegen sage ich meinen Polizisten: Ihr seid mit eurem Verhalten die Repräsentanten, die Visitenkarte dieser Gesellschaft. Wie ihr euch verhaltet, welche Wortwahl ihr verwendet, wie ihr euch hinstellt, wie ihr mit den Kindern redet, daraus lernen die, was das für eine Gesellschaft ist, in der sie leben und was ihre Zivilisationsmaßstäbe sind.“
 
Graben verstärkt oder Hoffnung gemacht?

Joachim Frank lässt seinen Kommentar im Kölner Stadtanzeiger so enden: „So verstärken die Richter - hoffentlich unfreiwillig - den unerfreulichen Eindruck eines Grabens zwischen sich und dem Volk“.
 
Die Jugendlichen in Haft haben begriffen, dass in ihrer Sozialisation etwas schief gelaufen ist und sie das nicht mehr aufholen können. Viele sehen sich in einer Situation, wo ihnen niemand wirklich helfen will. Weil es Menschen gibt, wie den vom Kölner EXPRESS im Fall Erdinc an den Pranger gestellten Kölner Jugendrichter Hans-Werner Riehe und seine Schöffinnen können sie aber Hoffnung schöpfen. (PK)

Klaus Jünschke hat zusammen mit Christiane Ensslin und Jörg Hauenstein das Buch „Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ herausgegeben, das im konkret-Verlag erschien: 240 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos, 20 Euro, ISBN 978-3-89458-254-8

siehe auch: www.jugendliche-in-haft.de


Online-Flyer Nr. 150  vom 11.06.2008

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