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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Sport
Springerblätter BILD und „Fakt“ generalstabsmäßig einig:
Seit fünf Uhr fünfundvierzig...
Von Hermann

Der 21. November vergangenen Jahres kann wohl aus deutscher Sicht als der schwärzeste Tag der EM-Qualifikation angesehen werden. Nicht wegen des schwachen Unentschiedens gegen Wales, sondern weil an diesem Tag das englische Team, mit einer 2:3-Niederlange gegen Kroatien in Wembley, seinen Fans ganz neue Planungsmöglichkeiten für die Sommerferien eröffnete. Nicht nur ein Elfmeterschießen mit Beteiligung der englischen Nationalmannschaft darf eigentlich bei keinem großen Fußballturnier fehlen, auch die Berichterstattung der Boulevardpresse auf der Insel, die nur zu gerne die Parallelen zwischen sportlichen Ereignissen und historischen Kriegshandlungen aufzeigt, ist eigentlich unentbehrlich für die kurzweilige Überbrückung der spielfreien Zeit vor wichtigen Partien. 


Titelseite von Springers
„Fakt"
Zwar versuchte das Satiremagazin Titanic mit seinem Titelbild vom ‚Inzest-Monster Fritzl’ (BILD) als EM-Maskottchen an die Tradition der reißerischen Fotomontagen auf englischen Boulevardgazetten - allen voran meist die mit dem sonnigen Namen - anzuknüpfen, aber hier fehlte eindeutig der Bezug zu Kriegshandlungen in der Geschichte, der zugegebenermaßen aus deutscher Sicht auf Österreich schwer zu konstruieren ist. Die oben kurz zitierte hiesige Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben fand übrigens, dass sich die Titanic mit ihrem Titelbild „mal wieder scharf am Rande zwischen Heiter- und Geschmacklosigkeit“ bewegte. Dabei sollten die Damen und Herren vom Axel Springer-Verlag vielleicht erst einmal vor ihrer eigenen Türe kehren. Denn ein polnisches Erzeugnis aus eben diesem Hause schloss diese Woche die Lücke in der Presselandschaft, welche die verpasste Qualifikation der englischen Mannschaft auf dem Boulevard hinterließ.

Aus historischen Gründen konnte das polnische Springerblatt „Fakt“ nicht so unbeschwert wie das englische Original tief in der Wortschatzkiste der Weltkriege graben, hier musste etwas weiter in der Geschichte zurückgegriffen werden, genauer gesagt ins Jahr 1410, um mit einem erfolgreichen Militärschlag auf ein bevorstehendes Fußballspiel hinzuweisen. Das Ergebnis „Leo powtórz Grunwald“ („Leo wiederhole Grunwald“) reiht sich aber geschmeidig in die Tradition der angelsächsischen Vorbilder ein. Die dazugehörige Fotomontage zeigt Michael Ballack mit Pickelhaube, der grade auf seine Enthauptung durch den polnischen Nationaltrainer Leo Beenhakker wartet. Das ist vielleicht nicht lustig, schlimm ist aber anders. Die BILD erkennt hier allerdings eine klare Erklärung und titelt „EM-Krieg gegen uns“.


Empörte Reaktion von
Springers BILD
BILD-Ausrisse: www.bildblog.de/
Aha.Seit 5.45 Uhr wird also wieder zurück geschossen. „Kriegsschuld“soll auf die andere Seite der Oder-Neiße-Grenze geschoben werden. Kennt man schon. In bester englischer Boulevard-Manier hieße das „Fakt, mach uns den Sender Gleiwitz!“. Die Kollegen vom Springer-Verlag mit verkleideten SS-Männern zu vergleichen, ginge dann aber doch zu weit. Der generalstabsmäßige Plan scheint allerdings voll aufzugehen. Nachdem „Fakt“ mit der Überschrift „Leo, schlag die Trabbifahrer“ noch einmal alle Truppen mobilisiert hatte, scheint die Kriegsmüdigkeit auch andere Waffenbrüder verlassen zu haben und so konnte man gestern die große Mobilmachung starten und der polnische „Super Express“ (diesmal nicht aus dem Hause Axel Springer Polska) mit „Leo, bring uns ihre Köpfe“ titeln. Um Klarheit zu schaffen, welche Köpfe gemeint waren, wurde zur Überschrift eine Fotomontage gereicht, die Leo Beenhakker mit den abgetrennten Köpfen von Löw und Ballack zeigt.

Während in Polen im „schmutzigen Fußball-Krieg“ (BILD) das Säbelrasseln größere Kreise zieht, sieht sich Deutschland an einer zweiten Front bedroht: Hans Krankl soll irgendwo in Österreich das Wort „Cordoba“ in den Mund genommen haben. Laut BILD ein weiterer Giftpfeil. Als ein solcher wurde das Grunwald-Titelblatt auch anfangs gehandelt. Man sieht ja, wie schnell daraus ein Krieg entbrennen kann.

Apropos Österreich und Krieg: das besagte Fußballspiel (ja, es geht tatsächlich nur um ein Spiel) zwischen Polen und Deutschland findet übrigens in Klagenfurt statt. Für den Fall, dass es dort rein zufällig zu Ausschreitungen kommen sollte, sind zur Unterstützung deutsche Polizisten angereist. An den befürchteten körperlichen Auseinandersetzungen des erlebnisorientierten Fußballanhangs beider Lager träfe den Springer-Verlag natürlich keine Schuld, denn „die 'Fakt' ist eine journalistisch völlig unabhängige Zeitung, wie die 'Bild' auch“ – so Alfred Draxler, stellvertretender Chefredakteur und Sportchef bei BILD. Erstmals werden daher nach 1945 wieder deutsche Uniformen ein Stadtbild in Österreich prägen dürfen. Die würden sich sicherlich auf dem Titelblatt einer englischen Boulevardzeitung gut machen mit der Überschrift „Wir sind wieder einmarschiert“. Nur so als Anregung. (PK)

 


Online-Flyer Nr. 149  vom 06.06.2008

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