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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Leben neu Denken!
Die neue Elite
Von REINIGUNGSGESELLSCHAFT und anderen

Von Mai bis Juni 2008 ist im Institut für Bildung, Medien und Kunst (IMK) der Gewerkschaft ver.di eine Wanderausstellung zu sehen, die den Begriffen der Arbeit und Freizeit neu beleuchtet und ihnen  neues und sinnstiftendes Leben einhaucht. Wir dürfen nicht in konservierten Gedanken verharren, sondern dürfen neu denken und die Welt anders gestalten, sagen uns die Texte zur Ausstellung. Ein gelungenes Projekt!

1. Elite
Elite beinhaltet die Fähigkeit einer kulturellen und sozialen Kompetenz. Warum würden Sie sich als neue Elite bezeichnen?
Der Arbeitsbegriff wird oft auf das vorherrschende Prinzip der Erwerbsarbeit reduziert. Ein umfassender Arbeitsbegriff enthält aber weitere Tätigkeitsbereiche und unterschiedliche Arbeitsfelder. Wie kann das Arbeit-Lohn Verhältnis neu bewertet werden? Wie kann z.B. ehrenamtliches Engagement von Arbeitslosen in das finanzielle Wertschema übertragen werden? Der Diskurs richtet sich nicht ausschließlich an Erwerbslose. Es geht nicht um Mitgefühl mit einer sozial benachteiligten Gruppe, sondern um die Veränderung der Erwerbs- in eine aktive Tätigkeitsgesellschaft.


2. Fauler Kapitalismus
„Wenn Arbeit etwas schönes und erfreuliches wäre. hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen." Paul Lafarque, um 1860

Die Vision von einst, in einer Gesellschaft zu leben, die den Menschen von der Last seiner Arbeitskraft befreit (Marx), gilt heute als Fluch. Und dennoch liegt in einer immateriellen Produktionsform jenes kommunikative und gesellschaftsbildende Potential, dass zur gesellschaftlichen Veränderung führt. Die soziale Legitimation und damit verbunden die gesellschaftliche Stellung definiert sich weitgehend über Arbeit. Die traditionell verankerten Erwerbsfelder bieten schon seit einiger Zeit nicht allen die gewünschte Lohnarbeit. Das Wertsystem der Erwerbsarbeit kann der Konfrontation mit der Realität nicht standhalten. „Die vom Kapitalismus in seinem Endstadium massenweise abgeschaffte 'Arbeit' ist eine gesellschaftliche Konstruktion. Gerade darum kann sie auch abgeschafft werden." (Andre Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt a.M. 2000) Ist der Kapitalismus dabei, sich selbst abzuschaffen? Der Diskurs über Arbeit ist zur instrumentalisierten Machtprobe linker und konservativer Interessengruppen geworden. Wir brauchen die Fähigkeit, einen Handlungsraum zu entwerfen, der Arbeit als soziales und kulturelles Ganzes begreift. Ein gesellschaftlicher Umbau in dieser Richtung birgt die Chance des Neuanfangs.


3. Überproduktion
„Der Kapitalismus hat durch die Überproduktion und Konsum­tion einen Sättigungsgrad erreicht, der ihn vor eine neue Heraus­forderung stellt neue Werte zu definieren um sie anschließend zu ökonomisieren." Jeremy Rifkin, Access. Wenn das Wesen der Industrialisierung geprägt war von Massenproduktion und hierarchisch geregelter Arbeitsorganisation in den Fabriken, so äußert sich die gegenwärtige Entwicklung durch informelle Tätigkeiten, die bestimmt sind von einem dicht verwobenen Dienstleistungsgeflecht. Der Arbeitsbegriff wird in seiner sozialen und gesellschaftlichen Einbindung neu definiert. In den westlichen Industriegesellschaften bestimmt nicht mehr die vorindustrielle Einheit von Arbeit und Leben die Inhalte und Formen des zeitlichen Handelns, sondern für die auseinanderfallenden Sphären der Arbeit und des Lebens werden spezifische Zeitverwendungsmuster und Zeitinhalte typisch. Durch die Materialisierung von Zeit zu Beginn der Industrialisierung („Zeit ist Geld", Benjamin Franklin) wurde Zeit zu einer kalkulierbaren Größe; die Unterteilung in entlohnte Arbeitszeit steht der von Arbeit und Lohn freien Zeit, der sogenannten Freizeit gegenüber.


4. Arbeitszeit - Freizeit - Lebenszeit
„Der Gegensatz zu Arbeit ist nicht Muße, sondern freie, selbstbestimmte Tätigkeit." Ulrich Beck, Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Die hochentwickelte Industriegesellschaft setzt durch Automatisierung der Produktion immer mehr Zeit frei. Freizeit darf nicht als passives Produkt im Sinne eines Freizeitparks verstanden werden. Erst jenseits der Freizeit, die nur als Regeneration für erneute Arbeit verstanden wird, öffnet sich der Raum, in dem Zeit sich in Tätigkeiten entfalten kann. Schon der Ökonom John Maynard Keynes erkannte, dass die Arbeitszeit auf den Schultern aller verteilt werden muss. Er schrieb in seinem 1929 verfassten Aufsatz über die „wirtschaftlichen Chancen unserer Enkel": „die Butter muss dünn auf das Brot verteilt werden, um die übriggebliebene Arbeit auf allen Schultern zu verteilen. Drei Stunden Schichten oder die 15-Stunden- Woche werden das Problem hinausschieben. Denn drei Stunden sollten genügen, um den alten Adam in uns zu beruhigen." Die Auflösung der Trennung von Arbeitszeit und Freizeit wird durch die Gesamtbetrachtung und dem Verbrauchen von Lebenszeit durch den Kultursoziologen Hermann Glaser deutlich: „Wir brauchen nicht mehr von getrennten Begriffen auszugehen. Wir brauchen Arbeit; Tätigkeit und Freizeit. Das würde also anthropologisch bedeuten, dass der Mensch ein Wesen ist, das sich erholen und entspannen will, das in der Produktion der Gesellschaft Arbeit leistet und dafür Verdienst hat. Und dann kommt da noch der für die Zukunft so wichtige Bereich, aber manchmal noch nicht finanzierte Bereich der Tätigkeit. Heute ist ein ganz großer Prozentsatz der Tagesabläufe bestimmt durch Tätigkeiten, ob das in der Familie ist, ob das ein Hobby oder Gartenarbeit ist. Das sind im klassischen Sinne keine Arbeiten, sondern Tätigkeiten. Diese drei Begriffe grenzen sich nicht voneinander ab, sondern fließen ineinander über." Der Wandel von der Industriegesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft vollzieht sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen.


5. Flexibilität und Mobilität
Die Begriffe Flexibilität und Mobilität umfassen den gesamten Lebensraum. Wir sind darauf angewiesen, uns in ein Netz von Dienstleistungen zu integrieren, um mit der Beschleunigung unserer Lebenswelt mithalten zu können. Den entstehenden Freiheiten und Möglichkeiten stehen Risiken und Nebenwirkungen gegenüber. Gesellschaftsverträge, von Renten über Soziales bis hin zur emotionalen Risikoabfederung, werden immer mehr Aufgabe jedes Einzelnen. Richard Senett geht auf die prekären Veränderungen ein: „Es ist nur natürlich, dass Flexibilität Angst erzeugt. Niemand ist sich sicher, wie man mit dieser Flexibilität umgehen soll, welche Risiken vertretbar sind, welchen Pfad man verfolgen soll. Um den Fluch vom Begriff „Kapitalismus" zu nehmen, wurden im letzten Jahrzehnt viele Umschreibungen kreiert, „wir", „Freies Unternehmertum" oder „marktwirtschaftliches System". Heute wird der Begriff der Flexibilität in diesem Sinne gebraucht. Mit Angriff auf starre Bürokratien und mit der Betonung des Risikos beansprucht der flexible Kapitalismus. den Menschen, die kurzfristige Arbeitsverhältnisse eingehen, statt der geraden Linie auf einer Laufbahn im alten Sinne zu folgen. mehr Freiheit zu geben, ihr Leben zu gestalten. In Wirklichkeit schafft das neue Regime neue Kontrollen, statt die alten Regeln einfach zu beseitigen - aber diese neuen Kontrollen sind schwerer zu durchschauen." Richard Senett, Der flexible Mensch.



 6. Gibt es ein System, das mit der Erwerbsarbeit konkurrieren kann?
Wenn es gelingt, diejenigen gesellschaftlichen Gruppen in ein Erwerbssystem zu setzen, die sich sozial, ehrenamtlich für öffentliche Aufgaben engagieren, ohne sie in ein Kontrollsystem zu setzen, dann wird es eine solche Wirkung haben, dass dieses entstehende Vergütungssystem zum konkurrierenden Modell der Erwerbsarbeit entstehen zu lassen. Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe sind die Almosen einer entwürdigenden Lebens. Sie untergraben jede auch nur denkbare kreative Entfaltung. Perspektivlosigkeit und Resignation machen sich nicht nur durch die fast aussichtslosen Chancen im Berufsleben breit. Fehlende Zugänge zum öffentlichen Leben bedeuten einen persönlichen Rückzug. Man kann jenen Menschen nicht den Vorwurf machen, unflexibel zu sein, und sich den neuen Anforderungen nicht zu stellen. Die tiefgreifenden Einschnitte durch geplante Zusammenlegung und Reduzierung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe und die damit erzielten öffentlichen Einsparungen werden nicht das erwünschte wirtschaftliche Wachstum erzielen. Vielmehr wird sich der Grat der Unzufriedenheit durch die Abhängigkeit und Ausbeutung im BiIIiglohnsektor weiter verschärfen. „Viele Menschen werden sich die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Vereinsamung nicht gefallen lassen. In dem Augenblick, wo Menschen mit Schwierigkeiten, Zugänge zum Arbeitsmarkt zu finden, wieder ihre Milieu bildenden Energien entdecken, entsteht das, wovon seit dem 19.Jh die Gesellschaft geträumt hat, nämlich, dass Gesellschaft selber Gegengesellschaft bilden kann, und dass aus der Gegengesellschaft vielleicht auch die Utopien für die Mehrheitsgesellschaft geschöpft werden." Peter Sloterdijk


7. Druck erzeugt Gegendruck
Das Entstehen einer gesellschaftlichen Gruppe die primär auf Werte jenseits der Arbeit ausgerichtet ist, kann ein konkurrierendes System zur Erwerbsarbeit darstellen. Durch die Umsetzung individueller Wertvorstellungen gelingt es gerade denjenigen, die über eine eigene Zeitökonomie verfügen sich aktiv gesellschaftlich zu engagieren. So etwa im Feld ehrenamtlicher Tätigkeiten, Initiativen oder unabhängigen Organisationen, NGO's. An dieser Basis entsteht jenes politische Bewusstsein, dass zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wertewandel führen kann.


8. Non-lineare Freiheit
Die Perspektive weist auf Selbstbestimmung und Eigenverantwortung hin. Staatlich subventionierte und regulierte „Wellness-Programme" tragen langfristig nicht zur individuellen, auf Selbstbestimmung ausgerichteten Entwicklung bei. Das Hauptinteresse muss in der Entstehung ganzheitlicher Produktions- und Arbeitssysteme liegen. In diesen werden neben Wissen und Fachkompetenz kulturelle und soziale Eigenschaften integriert sein, die zur individuellen und schöpferischen Entfaltung beitragen. Die Veränderung von einer ehemaligen Vollerwerbsgesellschaft zu einer flexiblen Tätigkeitsgesellschaft ist nicht nur das Resultat einer sich verändernden globalen Weltwirtschaft, sondern vor allem einer weltweiten emanzipatorischen Entwicklung von Selbstbestimmter Lebensführung. Individuelle Lebensmuster behaupten sich in einem beschleunigten Wettbewerbsprinzip. Durch ausdifferenzierende Freiheitsformen mit non-linearen Lebensmustern lösen sich traditionelle Sozialbindungen zu Gunsten von Zweck- und Interessengemeinschaften. (HDH)

Projekt und Ausstellung wurden erarbeitet von REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Anne Eberle (aktiv in der Erwerbslosenbewegung) und Holger Menze (ehemaliger Leiter des IMK und ehemaliges Mitglied im ver.di-Bundesvorstand)


Online-Flyer Nr. 148  vom 28.05.2008

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