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Aktueller Online-Flyer vom 29. März 2020  

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Globales
Afrikas Obama heißt Alexis Sinduhjie
„Korruption ist ganz einfach zu bekämpfen“
Von Iris Anna Kötter

„In meinen ganzen Leben waren mir immer Menschen und die Durchsetzung ihrer Rechte wichtig“, erklärt Alexis Sinduhjie, als er mir in seinem Haus in Burjumbura gegenüber sitzt. Die untergehende Sonne sorgt für ein angenehmes, warmes Licht und ich beobachte die Schwärme von Moskitos, die über der üppigen Gartenvegetation tanzen. Pflanzen, die in europäischen Wohnzimmern auf Topfgröße reduziert sind, erreichen hier im tropischen Klima Manneshöhe.

Es ist Regenzeit in Burundi, und ich bin froh, dass die Veranda verglast ist, sonst würden die Plagegeister über mich herfallen. Im Wohnzimmer mit der roten Ledercouchgarnitur und dem flimmernden Bildschirm, auf Stühlen vor der hohen Mauer, die das Haus umgibt, überall relaxen junge Männer, von denen ich zunächst glaube, sie gehören der „Sinduhjieschen“ Großfamilie an – alle Security, erfahre ich später.

Burundi Lake Tanganyika Francesca Ansaloni
Blick auf den Tanganjikasee | Foto: Francesca Ansaloni

Sinduhjie ist immer viel unterwegs, um Unterstützung für seinen Wahlkampf zu bekommen, damit er im Jahre 2010 Präsident werden kann: „80 Prozent der Bevölkerung in Burundi ist unter 40 Jahren, und wenn ich die Jugend gewinnen kann, habe ich schon den Sieg in der Tasche!“ Das klingt überzeugend. Sinduhjies politisches Engagement hat ihm bereits jetzt einen Platz auf „Time 100“, der berühmten Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt, eingebracht. Alexis Sinduhjie ist seit Mai mit Oprah Winfrey, Sheik Mohammed al-Maktoum und Peter Gabriel unter der Rubrik „Helden und Pioniere“ gelistet. Sein Vorbild Barack Obama hat man unter „Revolutionäre“ eingereiht.

International Press Freedom Award

„Wenn Alexis etwas will, dann bekommt er es auch“, so hatte der Journalist und Freund Sinduhjies, Olivier Yulu, mich auf dem Weg zu dem Präsidentschaftskandidaten auf das Interview vorbereitet. Olivier gab mir ein Beispiel: „Alexis wollte vor ein paar Jahren allen jungen Musiktalenten in Burundi eine Chance geben. Mit finanziellen Mitteln der schwedischen Regierung hatte Sinduhjie ein gut funktionierendes Produktionsstudio, das Tanganyika-Studio aufgebaut, das in ganz Ostafrika seinesgleichen sucht“.

alexis Sinduhjie
Alexis Sinduhjie | Foto: Harerimana          
Das Gesicht des Anfangvierzigjährigen wirkt konzentriert, aber auch sichtlich angespannt, als wir beim Interview ins Diskutieren kommen. Kein Wunder, denn seitdem Sinduhjie im Dezember letzten Jahres die Partei für Demokratie und Sicherheit (MSD) mitgegründet hat, vergeht kaum eine Woche, in der er nicht in den Schlagzeilen der Medien ist und keine Drohungen erhält. Für Sinduhjie sind Schläge, Haft und sogar Anschläge auf sein Leben durch seine politischen Gegner keine neue Erfahrung.

Im Jahre 2001 hatte der Journalist und Menschenrechtler das private Radio Publique Africaine (RPA) in Burundi gegründet, um ein Zeichen für den Frieden in der Region zu setzen. Sinduhije bildete ein einmaliges Team aus Hutus und Tutsis, manche ehemalige Rebellen beider Seiten, um die Beziehungen untereinander, wie er es nennt, zu „humanisieren“ und einen tragenden Frieden im Land auf zu bauen. Acht lange Jahr hatte der Bürgerkrieg in Burundi zwischen den verfeindeten Gruppen gedauert, der dreihundertausend Menschen das Leben kostete und über eine Million Menschen zwang, ihre Heimat zu verlassen.

„In Ruanda und in Burundi war Radio de Mille Collines (Radio der tausend Hügel) maßgeblich am Völkermord beteiligt. Ich wollte mit der Macht der Wörter in den Nachkriegsjahren eine gewaltfreie und echte Demokratie aufbauen“, erklärte Sinduhjie seinen politischen Standpunkt. Schnell wurde RPA eines der beliebtesten Radiosender im Land, und die vielen Fans nannten es liebevoll „Das Volksradio“. Doch die Idylle der Pressefreiheit im Machtvakuum der Nachkriegssituation währte nicht lang, als „Das Volksradio“ in Konflikt mit der Interims-Regierung geriet. Zuviele unbequeme Fragen zu Menschenrechten und Korruption, Themen, die laut Sinduhije, „die Menschen in Burundi wirklich interessieren“.

Pierre Nkurunziza Burundis Präsident  Foto: Marit Nygard
Präsident  Pierre Nkurunziza                  
Foto: Marit Nygard
Schon im Jahre 2003 wurde das „lästige“ RPA von der damaligen Übergangsregierung vorübergehend abgeschaltet. Bewaffnete Männer drangen in Alexis Sinduhjie Haus ein und ermordeten seine Leibwache, als er nicht da war. Sinduhjie lies sich nicht einschüchtern und machte weiter. 2004 bekam der mutige Journalist und sein Team den „International Press Freedom Award“ verliehen. 2005 fanden die ersten Wahlen nach dem Krieg statt, die dem Modell Südafrikas folgten, so dass die Hutu-Mehrheit als sicherer Wahlsieger die Tutsi-Minderheit schützten sollte. Präsident Pierre Nkurunziza übernahm die Macht und regiert bis heute. Der ehemalige Huturebell versprach viel und hielt wenig – auch in Sachen Pressefreiheit. Im Jahre 2006 verhängte er eine Welle von Sanktionen gegen regierungskritische Journalisten, die verhaftet wurden oder das Land verlassen mussten.

Wo oder was ist Burundi 

„Burundi?“ hatte mich die Apothekerin mich kopfschüttelnd gefragt, als sie in Deutschland mit mir die Länder-Liste der Malariamedikamente durchgegangen war. „Brunai? Nein? Wo oder was ist Burundi?“ So wie ihr geht es wahrscheinlich vielen Deutschen, dabei war Burundi einstmals deutsche Kolonie. Burundi ist, anders als die meisten schwarzafrikanischen Staaten, kein willkürliches Konstrukt der Kolonialmächte. Burundi war jahrhundertelang ein selbstständiges Königreich, das 1899 gemeinsam mit dem Königreich Ruanda als Ruanda-Urundi Teil Deutsch-Ostafrikas wurde.

deutsche "schutztruppe" afrika kolonialismus
Die sogenannte deutsche „Schutztruppe"     
Es waren Deutsche, die die Hauptstadt Burjumbura auf dem Reißbrett entwarfen, das Bildungssystem einführten und wahrscheinlich waren es auch gerade diese deutsche Kolonialherren, die aus den Bevölkerungsgruppen Hutu und Tutsi erst „Ethnien“ konstruierten, die die Grundlage für die spätere Genozide auf beiden Seiten lieferte.
(Weitere Informationen auf  www.deutschland-postkolonial.de)

Über die Ethnogenese der beiden Bevölkerungsgruppen gibt es viele unterschiedliche Theorien. Eine davon besagt, dass Hutu, die Bezeichnung für Bauer war, Tutsi, die Bezeichung für Viehzüchter. Weitgehende Einigkeit herrscht bei den Wissenschaftlern aber darüber, dass die sogenannten Ethnien vor den Einmarsch der Kolonialmächte sozial durchlässig waren, das heißt ein geborener Hutu konnte über den sozialen Aufstieg, beispielsweise mit dem Erwerb einer Herde, zum Tutsi werden. Erst der koloniale Rassismus hatte die Tutsis zur überlegenen biologischen „Rasse“ erklärt, um es für die dementsprechenden Machtinteressen auszunutzen.

Freedom and Food

„Egal ob Hutu oder Tutsi, in Burundi sehnen sich alle nach Frieden und Wohlstand, eben nach einem ganz normalen Leben“, hatte mir Olivier Yulu im Auto erklärt. Seine Freundin Aline hatte zustimmend genickt: „Bis zum Beginn des Krieges wusste ich noch nicht einmal, ob ich Tutsi oder Hutu bin!“ Kaum jemand im Land kann verstehen, warum die jetzige Regierung immer noch keinen Frieden mit der Palipehutu-FLN zustande gebracht hat, sogar sich schlichtweg weigert, sich mit den Rebellen an einen Tisch zu setzten.

Die meisten Einwohner Burundis sind müde vom Krieg und von den leeren Versprechungen der Parteimächtigen und den Nutznießern des afrikanischen Patronagesystems, das immer nur einigen wenigen Reichtum, aber allen Kriege gebracht hat. Dabei sei selbst Korruption ganz leicht zu beseitigen, meint Sinduhjie: „Man muss immer von ganz oben, vom Kopf, anfangen. Wenn es dort keine Fehlverhalten gibt, gibt es sie auch unten nicht. Das ist ganz einfach“.

Karuzi Burundi goats J. Bariyanga
Viehhüter in Burundi | Foto: J. Bariyanga

Wegen des „Kriegszustands im Frieden“ gibt es immer wieder Lebensmittelengpässe in der Hauptstadt. Bis heute fliehen die Bauern vom Land nach Burjumbura, weil es dort sicherer ist. „Wenn es Sicherheit und ausreichende Ernährung gegeben hätte, wäre es in Burundi nie zum Genozid gekommen! Es muss sich endlich grundlegend etwas ändern!“ bringt Alexis Sinduhjie die Situation auf den Punkt.

Dann lässt er vor meinem Augen ein Bild entstehen, wie er sich die Zukunft seines Landes vorstellt. Frieden und Sicherheit bildeten vor allem die Grundlage. Sicherheit, das heißt für ihn, dass der Staat die Menschenrechte des Einzelnen zu schützen weiß. Eine prosperierende Landwirtschaft müsse der nächste Schritt sein, die das, was die Menschen ernten, auch weiterverarbeitet: „Was kostet heutzutage Technologie – fast gar nichts mehr. Die Lebensmittelproduktion wird den Hunger in meinem Land beseitigen und Arbeitsplätze schaffen.“

Finanzieren will er die Investitionen durch Steuern, erklärt er mir, die von der jetzigen Regierung nur sehr nachlässig eingezogen und in der Hauptsache für Militärausgaben verwendet werden. „Welche Garantien haben denn Ihre Wähler, dass Sie nicht erneut betrogen werden ?“ frage ich zum Ende meines Interviews. „Eine gute Frage...Hmm, da muss ich wohl selbst erst einmal darüber nachdenken...“, antwortet mir Alexis Sinduhjie. Das ist nicht die einzige Frage, die offen bleibt, bevor er sich schnell zum Flughafen aufmachen muss. Der Wahlkampf geht für ihn weiter. (CH)

www.time.com
www.tanganyikastudio.com

Online-Flyer Nr. 146  vom 14.05.2008

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