NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 23. Januar 2017  

zurück  
Druckversion

Medien
Bundeszentrale für politische Bildung reagiert auf offenen Brief
Iran und die „seriösen“ Medien
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Bundesinnenminister Schäuble liegt seit dem 19. Februar eine Dienstauf- sichtsbeschwerde gegen seine Ministerialrätin Dagmar Hesse und den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) Thomas Krüger vor. Begründet wird diese mit „Untätigkeit in Sachen Falschzitierung des iranischen Ministerpräsidenten Mahmud Ahmadinedschad“ in einem Dossier der BPB über Antisemitismus. Ausgelöst haben die Beschwerde die beiden Kölner Arbeiterfotografen Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann am 17. Januar durch einen offenen Brief an die BPB. Die hat jetzt reagiert, un die Verfasser des offenen Briefes haben darauf geantwortet. – Die Redaktion.


Palästina – wird von der Landkarte getilgt | Bild: Arbeiterfotografie


Brief der Arbeiterfotografen vom 17. Januar
 
Sehr geehrter Herr Schilling, sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion und der Pressestelle,
 
durch Herrn Thomas Immanuel Steinberg sind wir darauf aufmerksam geworden, daß sich auf Ihrer website ein Dossier zum Thema Antisemitismus befindet (http://www.bpb.de/themen/GX51KQ,0,0,Antisemitismus.html), das mit den Worten eingeleitet wird: „Mit seiner Äußerung, Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, sorgte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Oktober 2005 weltweit für Empörung. Sein offener Hass gegen Israel und die Juden entlädt sich regelmäßig: in Drohungen, Anfeindungen, in einer konsequenten Leugnung und Relativierung des Holocaust. Auch jenseits des Gottesstaates wächst die Zahl der Geschichts-Revisionisten...“

Quellen zu Ahmadinedschad benennen!

 
Sie schreiben in Ihrem Text dem iranischen Präsidenten das Zitat zu, das besagt, der Iran wolle Israel von der Landkarte tilgen. Wir haben uns intensiv mit der Quellenlage auseinandergesetzt und sind zu dem (vorläufigen) Ergebnis gekommen, daß diese Formulierung nicht dem entspricht, was er tatsächlich gesagt hat. Aber wir wollen nicht ausschließen, daß wir etwas übersehen haben. Deshalb möchten wir Sie herzlich bitten, uns die Ihren Ausführungen zugrunde liegende Quelle zu benennen. Es ist unseres Ermessens der Wichtigkeit angemessen, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei möchten wir Sie bitten, die Artikel von Jonathan Steele im Guardian zu berücksichtigen, der sich auch sehr eingehend mit dem besagten Zitat auseinandergesetzt hat (eine Zusammenfassung seiner Argumentation und die Links auf seine Artikel im Guardian finden Sie unter http://www.arbeiterfotografie.com/iran/index-iran-0025.html)

Wir mögen in der Beurteilung übereinstimmen, daß der iranische Präsident seine Abscheu gegenüber Israel und dessen Politik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zum Ausdruck bringt. Was uns aber eindeutig falsch zu sein scheint, ist die Behauptung, er sei ein Judenhasser. Aber trotzdem: auch hier wollen wir nicht ausschließen, daß wir etwas übersehen. Deshalb auch in diesem Zusammenhang die Bitte, uns die Originalquellen zu benennen. Das gleiche gilt für den Themenkomplex Holocaustleugnung.

…auf der anderen Seite bittere Realität

 
In diesem Zusammenhang möchten wir auf einen Sachverhalt hinweisen, der unserer Meinung sehr zu denken gibt. Das, was dem iranischen Präsidenten vorgeworfen wird, womit er angeblich droht, ist auf der anderen Seite bittere Realität. Es ist ganz objektiv betrachtet Palästina, das nach und nach von der Landkarte getilgt wird:

Es sieht also ganz danach aus: Israel praktiziert genau das, was es dem Iran unterstellt zu beabsichten. Israel (und seine Verbündeten) erheben den Vorwurf, der Iran wolle Israel von der Landkarte tilgen. Tatsächlich aber wird Palästina durch Israel von der Landkarte getilgt. Israel (und seine Verbündeten) werfen dem Iran vor, nach Atomwaffen zu streben, verfügen selber aber längst über derartige Waffen. Israel (und seine Verbündeten) führen unentwegt das Wort vom Existenzrecht Israels im Munde. Doch es ist bittere Realität, daß Israel das Existenzrecht Palästinas nicht nur in Frage stellt, sondern die Politik Israels de fakto auf Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung abzielt (ethnische Säuberung, wie der israelische Historiker Ilan Pappe es nennt).

Wenn wir tatsächlich ein Interesse an einem friedlichen Miteinander der Menschen in Palästina bzw. Israel haben und tatsächlich aus unserer Geschichte gelernt haben, dann dürfen wir die Realtität nicht verzerrt darstellen. Und wir müssen immer damit rechnen, daß diejenigen, die ihre Interessen verfolgen, dies mit unlauteren Mitteln tun. Dafür gibt es in der Geschichte zahllose Beispiel. Und unseres Erachtens müßte es zentrale Aufgabe einer Organisation wie der Ihren, die politische Bildung und Aufklärung betreiben will, sein, hinter die Kulissen zu blicken, vor denen vielfach Theater gespielt wird, das mit der Realität recht wenig zu tun hat.

Mit freundlichen Grüßen
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann


 
Antwort der Bundeszentrale  vom 26. Februar
Sehr geehrte Frau Fikentscher, sehr geehrter Herr Neumann,

bei der von Ihnen bemängelten Formulierung auf der Website der bpb handelt es sich nicht um ein Zitat, sondern um die Paraphrase (= „Umschreibung, verdeutlichende Übertragung“, die Redaktion) von Äußerungen des iranischen Präsidenten, die weltweit für Empörung gesorgt haben. Die Formulierung steht im Einklang mit Darstellungen diverser seriöser Medien.

Die über die nachfolgend angefügten Links (Zugriff 25.2.2008) zugänglichen, beispielhaften Texte und Darstellungen zu diversen Äußerungen Ahmadinedschads dürften hinreichend deutlich machen, welche Haltungen er Israel gegenüber eingenommen hat.

Deutsche Welle – World
Der Spiegel
Die Tagesschau
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Netzeitung

Die bpb hält daher an der gewählten Formulierung fest.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bernd Hübinger



Bernd Hübinger von der BPB: Paraphrase
Quelle: www.stiftung-aufarbeitung.de


Antwort der Arbeiterfotografen vom 3. März


Sehr geehrter Herr Dr. Hübinger,

haben Sie vielen Dank für Ihre Reaktion auf unser Anliegen. Sie argumentieren, Ihre Formulierung bzgl. der Wiedergabe von Äußerungen des iranischen Präsidenten stehe im Einklang mit Darstellungen diverser seriöser Medien. Daher halte die bpb an der gewählten Formulierung fest.

Es tut uns leid, feststellen zu müssen, daß diese Argumentation an der Sache vorbei geht. Das Problem besteht ja gerade darin, daß die so genannten seriösen Medien keine Garantie für die wahrheitsgemäße Verbreitung von Informationen bieten.

Entstellende Wiedergabe

 
Wir haben um die Originalquellen gebeten, und nicht um Beispiele für die mit hoher Gewissheit entstellende Wiedergabe der Äußerungen in den Senken der Informationsverbreitungssysteme. Derartige Beispiele könnten wir Ihnen sehr wahrscheinlich noch zu hunderten liefern. Entscheidend für den Wahrheitsgehalt einer Information kann doch nicht sein, wie oft eine Meldung wiederholt wird und welcher Ruf Medienunternehmungen nachgesagt wird, die diese Meldungen zu den Informationskonsumenten transportieren.

Sehr geehrter Herr Dr. Hübinger, ihre biographischen Angaben weisen aus, wie weit Ihr Horizont der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Zusammenhänge dieser Welt reicht – Neuere und Mittlere Geschichte, Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Rechtswissenschaften. Bei dem Wissen, das sich damit verbindet, kann es doch nicht angehen, daß Sie die in den Medienapparaten herrschenden Mechanismen übersehen. Ihnen wird doch mit Sicherheit bewußt sein, wie einfach es ist, über die Schaltstellen der Informationsverbreitungssysteme, insbesondere über die Nachrichtenagenturen, Meldungen breit zu streuen – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt.

Wahrheit entsteht nicht durch Wiederholen

 
Es ist doch undenkbar, daß sich die Politik in weltpolitisch entscheidenden Fragen von Medien abhängig macht. Einer Institution wie der Bundeszentrale für politische Bildung und erst recht der Bundesregierung müssen doch direktere Informationskanäle zur Verfügung stehen. Wäre dem nicht so, hieße das ja, daß Medien und diejenigen, die sich ihrer zu bedienen wissen, die Politik bestimmen könnten. Um es nochmal zu betonen: Es kann ja wohl nicht angehen, daß Medien durch das Wiederholen von Behauptungen bestimmen, was Wahrheit ist.

Wir hatten Sie gebeten, die Recherchen von Jonathan Steele im Guardian bei Ihrer Suche nach Wahrheit zu berücksichtigen. Dem haben Sie in keiner Weise entsprochen. Nach seinen und unseren Recherchen müßte die Äußerung des iranischen Präsidenten etwa wie folgt wiedergegeben werden: „Das Besatzungsregime muß von den Seiten der Geschichte verschwinden.“ Oder weniger blumig ausgedrückt: „Das Besatzungsregime muß Geschichte werden.“

 
Das ist etwas deutlich anderes als das, was Sie behaupten, und beschreibt ein politisches Ziel, um das es allen am Frieden im Nahen Osten Interessieren gehen müßte. Auch wenn Sie Ihre Behauptung tausendfach in den Medien wiedergegeben finden, ist sie deshalb nicht richtiger. Auch die Übersetzung von Memri ist ein Hinweis darauf, daß die Formulierung ‚wipe off the map’ (was ‚dem Erdboden gleichmachen’ oder ‚ausradieren’ bzw. wörtlich übersetzt 'von der Landkarte tilgen' bedeutet) falsch ist. Memri übersetzt folgendermaßen: „This regime that is occupying Qods must be eliminated from the pages of history.“ Die Memri-Übersetzung enthält zwar den Fehler, daß das aktive Wort 'eliminieren' statt des passiven Wortes 'verschwinden' verwendet wird, ist aber ansonsten ein weiterer Beleg für die eindeutig falsche Wiedergabe des Zitats im überwiegenden Teil der Medien und bei Ihnen.

Falschübersetzungen der Agenturen

 
Besonders infam wird es, wenn dieses falsche Zitat zu der Behauptung ‚weiterentwickelt' wird, der iranische Präsident spreche „von der völligen Zerstörung und Vernichtung des jüdischen Volkes“, wie der israelische Premierminister Olmert es tut, um damit den Bogen zu schlagen zur angeblichen atomaren Bedrohung Israels durch den Iran.

Auch in vielen anderen Fällen haben unsere Recherchen ergeben, daß Zitate des iranischen Präsidenten verfälschend wiedergegeben werden. Das gilt auch für seine Äußerungen, aus denen angeblich hervorgeht, er sei ein Holocaust-Leugner und Judenhasser. Nur ein Beispiel: wenn er davon spricht, daß in Zusammenhang mit dem Holocaust ein Mythos geschaffen worden sei, ist das nicht gleichbedeutend mit der Aussage, der Holocaust sei ein Märchen.

Es läßt sich zeigen, daß es im Wesentlichen die Nachrichtenagenturen sind, die die Falschübersetzungen in Umlauf gebracht haben, die seitdem bedenkenlos oder interessengeleitet repetiert werden. Am 26.10.2005 werden in deutschsprachigen Meldungen folgende Formulierungen verwendet: Israel von der Landkarte radieren (AFP), Israel von der Landkarte tilgen (AP, Reuters), Israel ausrotten (DPA). Es ist bekannt, welche Formulierung sich durchgesetzt hat.

Feindbildern entgegenwirken

 
Auch als Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Bereich 'Aktuelle Politik' möchten wir Sie ansprechen. Als christlich und demokratisch geprägtem Menschen sollten Sie doch auch ein persönliches Interesse daran haben, Feindbildern entgegenzuwirken und kritisches Denken zu fördern. Insofern möchten wir Sie bitten, sich über evt. Zwänge hinwegzusetzen und Fehler einzugestehen.

Die Bundeszentrale verfehlt mit ihrem Verhalten ihre Funktion als politische Bildungseinrichtung, a) weil sie selbst ungeprüft Behauptungen in die Welt setzt; b) die LehrerInnen und SchülerInnen lehrt, ebenso wenig gewissenhaft mit den Tatsachen umzugehen; c) ihre Fehler (es ist durchaus menschlich, Fehler zu machen) nicht korrigiert, wenn sie offensichtlich sind, sondern sie abstreitet. Die Bundeszentrale trägt mit ihrem Vorgehen auf diese Weise dazu bei, daß die LehrerInnen und SchülerInnen sich von der Beschäftigung mit Politik abwenden. Sie wirken entpolitisierend, und bewirken damit das Gegenteil dessen, was Ihr Auftrag ist.

Das darf so nicht sein. Deshalb möchten wir Sie dringend bitten – wenn Sie keine anderen Quellen vorweisen können – sich öffentlich für die Fehldarstellungen zu entschuldigen und sodann die Behauptungen über die Äußerungen und Auffassungen des iranischen Präsidenten zu unterlassen – und zwar, wie wir zwischenzeitlich beispielsweise über die Google-Abfrage „ahmadinedschad landkarte site:bpb.de“ gesehen haben, an zahlreichen weiteren Stellen Ihres Angebots im Netz.

Wir erwarten eine inhaltliche Stellungnahme, die auf die Argumentation in unserem Schreiben vom 17.1.2008 und in diesem Schreiben Bezug nimmt.

Ihrer Antwort entgegensehend verbleiben wir mit freundlichen Grüßen
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann


Kopien an


Präsident der Bundeszentrale: Thomas Krüger
Stabsstelle Kommunikation: Raul Gerson
Fachbereich Multimedia/Medien und Kommunikationszentrum Berlin: Thorsten Schilling
Vorsitzende und Mitglieder des Kuratoriums der Bundeszentrale (PK)


 
Dr. Bernd Hübinger ist stellvertretender Präsident der Bundeszentrale. Unter http://www.arbeiterfotografie.com/iran/iran-0034.shtml ist eine umfangreiche Resonanz auf den Offenen Brief der Arbeiterfotografen nachzulesen.

 

Wolfgang Schäuble – erhielt Dienstaufsichtsbe-
schwerde | Foto: NRhZ-Archiv


Online-Flyer Nr. 137  vom 12.03.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE