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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Glossen
Petrus: "Die haben halt auf Tuff gebaut anstatt auf mich"
Rathausfiguren in Warteschleife
Von Georg Giesing

Im Rheinland gibt es die Redewendung: "Kötten gehen." Unter "kötte" versteht man "betteln oder unablässig bitten." Wenn das Hilfsbedürftige tun, zum Beispiel Arme oder Obdachlose, wird das von Kölner Stadtverwaltung und vielen Geschäftsleuten nicht gerne gesehen.
Für die Stadt Köln selbst gelten da andere Maßstäbe. Die Stadt Köln geht unablässig "kötten", sie hat eine spezielle Form dafür entwickelt.

Aus der (finanziellen) Not eine Tugend machend, fordert die Stadt Köln per Homepage ihre Bürger auf, so genannte Patenschaften zu übernehmen. Möglichst viele Bürger sollen Arbeit, Zeit und Geld für die Pflege von Parkbänken, Grünanlagen, Springbrunnen oder Pflanzen spenden. Oberbürgermeister Schramma hat mit dem "Kötten" in stadteigener Sache keine Probleme. Seine Vorgänger auch nicht.

Karl Marx - Darf nicht mehr öffentlich für die NRhZ werben
Karl Marx - Darf nicht mehr öffentlich für die NRhZ werben
Foto: NRhZ-Archiv



Seit dem Jahre 1988 bestückte die Stadt Köln ihren aus dem 15. Jahrhundert stammenden Rathausturm mit Geschenken. Es waren Spenden von Privatleuten, Vereinen oder Firmen, die bisher 124 Skulpturen für den gotischen Profanbau stifteten. Für eine Figur, es sind alles Persönlichkeiten die mehr oder weniger mit der 2000-jährigen Stadtgeschichte zu tun hatten, legten die Spender 10.000 Euro hin. Der materielle Gesamtwert der Rathausfiguren beträgt rund 2,5 Millionen.

Die Rathausfiguren fanden in Köln eine hohe Akzeptanz. Die Stadt hatte keine finanziellen Aufwendungen, dafür aber einen Image-Gewinn. Die Kölner hatten reichlich Möglichkeiten sich mit der bunten Truppe auf dem Turm zu identifizieren. Die Spender galten als engagiert. Ihre gesellschaftliche Anerkennung wird bei ihnen ein Wohlgefühl erzeugt haben.

So weit so gut! Doch die scheinbare Idylle entwickelte sich schnell zu einem schmerzhaften, kölschen Possenspiel. Die von Bildhauern aus Eifel-Tuffstein gestalteten Figuren bekamen Risse. Fast alle sind so marode, dass sie demontiert werden mussten. Die Sicherheit der Bürger war gefährdet. Bildhaft ausgedrückt: Kaspar, Melchior und Balthasar hätten nebst der Heiligen Ursula, Adolf Kolping, Karl Marx und Irmgard Keun den Rathausbesuchern auf den Kopf fallen können! Also wurde demontiert.

Das Gejammer und Gezeter in Köln ist derzeit groß. Gutachter marschierten auf. Es gab "Spitzengespräche" mit Experten, Amtsleitern und dem Oberbürgermeister. Die Ratsparteien positionierten sich. Die lokale Presse stellte zwar nicht immer die richtigen Fragen, wirbelt aber Staub auf. Der Verfahrensablauf, das Konzept des "Figurenprogramms", wurde vom Stadtkonservator Dr. Ulrich Krings erläutert, der neue Kulturdezernent Prof. Georg Quander äußerte seine Ansichten. Doch damit waren die Probleme nicht vom Tisch.

Die Mittel, mit denen die Figuren imprägniert wurden, hatten den Stein nicht geschützt, eher das Gegenteil bewirkt. Ob die Stadt Ersatzansprüche stellen kann, ist fraglich, denn die "stadteigenen Fachleute" hatten seinerzeit keine Einwände gegen das Material (Eifel-Tuff) und die Imprägnierung. Nun stehen die "engagierten Spender" dumm da, nicht wenige sehen ihr ideelles und finanzielles Engagement von der Stadt Köln nicht angemessen gewürdigt.
Die Fragen, wer hier geschlampt hat und wer dafür juristisch und politisch verantwortlich ist, verirren sich im Nebel der "offenen Kompetenz und Zuständigkeit."

Im Dezember 2005 stellten die Kölner GRÜNEN im Rat den Antrag, die Figuren zu ersetzen und dies aus dem Vermögenshaushalt zu finanzieren. Diesem Antrag schlossen sich die LINKSPATEI/PDS und die SPD an und damit war er mehrheitsfähig und angenommen. Die rechts gestrickte Gruppierung "pro Köln" sprach schon von einer Volksfront, die CDU war wieder einmal Hin und Her gerissen, die FDP bellte ein wenig.

Ebenfalls ziemlich marode: Friedrich Wilhelm III
Ebenfalls ziemlich marode: Friedrich Wilhelm III
Foto: Manfred Wegener



Nun tauchte ein neues Problem auf. Die beschlossene Finanzierung geht zu Lasten des ebenfalls maroden Reiterdenkmals des Preußenkaisers Friedrich Wilhelm III., der schon seit geraumer Zeit nur noch durch ein stählernes Stützkorsett auf seinem Sockel gehalten wird.
Für die Stadt Köln als Bewerberin um den Titel "Kulturhauptstadt Europas" eine glatte Blamage. Der Dilettantismus der in der Vergangenheit agierenden Personen, hier sind die vertrauensseligen Ratsdamen und Ratherren ausdrücklich eingeschlossen, wird immer offensichtlicher

Der Rathausturm ist nun ohne Figuren dem "Sauren Regen" ausgesetzt. Vielleicht finden sich ja wieder neue Spender. Doch die Figuren stehen augenblicklich dicht gedrängt auf dem Hof des Ratskellers. Versteinerte Gesichter, wie könnte es anders sein, und alle in Wartehaltung. Ein Zwischenlager der besonderen Art. Oder wird es ein Warten auf Godot?


Standpunkte der Betroffenen

Nach der Demontage im Januar 2006 gelang es unserem Sonderkorrespondenten Georg Giesing, einige der wartenden Rathausturmfiguren zu einem Statement zur bewegen.


Irmgard Keun ( 1905 - 1982):
"Das ist doch halbseiden gelaufen. Glauben Sie mir, halbseiden ist noch geschmeichelt."

Katharina Henot (gest. 1627):
"Da waren zu viele Finger im Spiel, meistens männliche. Wir Frauen hätten das sorgfältiger und besser gemacht."

Jacques Offenbach (1819 - 1880):
"Diesen Herrschaften müssten mal richtig die Flötentöne beigebracht werden, aber Fortissimo."

Petrus (gest. 64/67?):
"Ich bin Petrus der Fels, auf mich hätte man bauen können. Aber die haben halt auf Tuff gebaut. Die hören ja nicht auf mich."

Stefan Lochner (um 1400 - 1451):
"Kunstbanausen. Jetzt bin ich demontiert. Ich bin nur froh, dass die Post Anno 2005 zwei Briefmarken mit Motiven meiner Bilder verbreitet hat, so werde ich nicht ganz vergessen."

Karl Marx (1818 - 1883):
"Sie kennen ja meine These: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Bei diesem Kölner Possenspiel scheint das aber nicht zuzutreffen; hier scheint mir Bewusstsein nicht vorhanden oder getrübt."

Joseph Kardinal Frings (1887 - 1978):
"Vom Fringsen verstehen die Kölner was."

Josef Haubrich (1889 - 1961):
"Eine Schande. Eine Schande. Dazu kommt noch das Loch am Neumarkt. Eine Schande!"

Bruno der Kartäuser (um 1027/30 - 1101):
"Mir hat die ganze Show nicht gepasst. Der Ratsturm war noch nie mein Ding!"

Konrad Adenauer (1876 - 1967):
"Wenn ich könnt´, würd´ ich mich ja widder zur Wahl stellen. Ansonsten: Bei mir wär dat nich passiert!"


Online-Flyer Nr. 27  vom 17.01.2006

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