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Aktueller Online-Flyer vom 24. August 2016  

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Globales
Thessaloniki: U-Bahn-Bau wühlt gerne vergessenes jüdisches Erbe auf
500.000 Leichen im Keller
Von Eberhard Rondholz

Wenn man eine U-Bahn baut, das weiß man auch in Köln, stößt man gelegentlich – zur Freude der Archäologen, zum Missvergnügen der Tiefbauunternehmer – auf Zeugnisse längst vergangener Epochen. Den Athenern hat der U-Bahnbau vor der Olympiade von 2004 so manchen antiken Schatz beschert. Auch in Kölns Partnerstadt Thessaloniki wird dieser Tage gebuddelt, für eine Metro, auf die die Einwohner sich freuen, denn die Stadt erstickt im Autoverkehr. Was einige Thessalonicher weniger freut: es kommen da Dinge wieder ans Licht und in Erinnerung, die lange erfolgreich verdrängt worden waren. Dabei sind sie noch gar nicht so lange her.

Ende 1942, Thessaloniki war von der Wehrmacht besetzt, bereitete die SS mit Hilfe der Truppe die Deportation der fast 50.000 Juden der Stadt nach Auschwitz vor. Und die Stadtverwaltung sah plötzlich eine willkommene Gelegenheit, sich eines wertvollen Grundstücks zu bemächtigen: Es ging um ein Areal von 350.000 Quadratmeter, Anfang des 20. Jahrhunderts noch extra muros gelegen, vier Jahrzehnte später, nach dem Zuzug von rund hunderttausend Kleinasienflüchtlingen und dem rasanten Wachstum der Stadt, ein potentielles Stück wertvollstes Bauland im Zentrum. Der uralte jüdische Friedhof war mit rund 500.000 Gräbern aus vier Jahrhunderten einer der größten der Welt.

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Das moderne Thessaloniki – rechts im Bild der Unicampus auf Grund des
alten jüdischen Friedhofs

Bis zum Einmarsch der Wehrmacht in Thessaloniki waren alle Versuche der Stadtverwaltung, sich der kostbaren Liegenschaft zu bemächtigen, anders als im Fall des Friedhofs der nach dem Vertrag von Lausanne 1923 in die Türkei umgesiedelten Muslime, erfolglos geblieben. Die Juden wollten einer Umbettung ihrer Toten aus religiösen Gründen nicht zustimmen. Bei christlichen Grabstätten gibt es solche Vorbehalte nicht, aber die dem jüdischen benachbarten alten christlichen Friedhöfe (ein griechisch- orthodoxer und ein armenischer) wurden ganz selbstverständlich von allen Enteignungsversuchen ausgenommen, sie liegen noch heute unversehrt am Rande der Stadtmauer.

Unter der deutschen Besatzung sah der Gouverneur von Mazedonien, Simeonidis, nun seine Stunde gekommen. Er ersuchte den für „Judenfragen“ zuständigen mächtigen Militärverwaltungsrat Max Merten um Übereignung des Friedhofs der ungeliebten Minderheit. Merten genehmigte zunächst die Konfiskation eines Teils des Geländes für Bauten der Universität, Gräber aus den letzten drei Jahrzehnten sollten aber unangetastet bleiben. Doch daran hielten sich die Griechen nicht, planierten das gesamte Areal, ohne der jüdischen Gemeinde auch nur die Gelegenheit zu geben, wenigsten die Gräber aus jüngerer Zeit umzubetten. Es folgte die Plünderung des Friedhofsgeländes durch Bauunternehmer, die sich der marmornen Grabplatten bemächtigten. Es waren so viele, dass die lokalen Marmorpreise ins Bodenlose fielen. Damit nicht genug, fielen Schatzsucher wie die Geier über die jüdischen Gräber her – in der Hoffnung, angeblich in den Gräbern versteckte Reichtümer zu finden. All das geschah noch vor der Deportation der Juden nach Auschwitz.


Alte Marmorgrabsteine, heute auf dem neuen jüdischen Friedhof
Foto: Eberhard Rondholz

Die wenigen Juden, die 1945 lebend aus Auschwitz heimkehrten, fanden Grabsteine ihrer Vorväter in Hauseingängen und auf Treppenstufen, auch auf Bürgersteigen wieder. Ein paar Dutzend davon konnten sie retten, sie sind heute auf dem neuen Judenfriedhof am Stadtrand zu sehen. Auf dem alten jüdischen Friedhofsgelände aber steht heute die Aristoteles-Universität. Die Stadt Thessaloniki, die sich mit deutscher Hilfe des Judenfriedhofs bemächtigt hatte, sie hat die noch verbliebene kleine jüdische Gemeinde bis heute nicht für das gestohlene riesige Grundstück entschädigt, nicht einmal für die 50.000 Quadratmeter, für die die Juden einen verbrieften Besitztitel aus osmanischer Zeit vorweisen können. Die Gemeinde hat ihren Anspruch darauf zwar nicht aufgegeben, erneuert ihn Jahr für Jahr durch Niederlegung eines entsprechenden Schriftstücks vor Gericht, viel Hoffnung auf Gerechtigkeit macht sie sich aber nicht.

Und die auf dem alten Friedhofsgelände errichtete Universität? Dort erinnert bis heute nichts an die früheren Grundstückseigner. Vorstöße des Dekans der Pädagogischen Fakultät, Jorgos Tsiakalos, wenigstens mit einer kleinen Gedenktafel die Geschichte des heutigen Universitätsgrundstücks zu dokumentieren, stießen bei seinen Professorenkollegen nicht auf das geringste Verständnis. Zu diesem Bild gehört auch, dass sich an dieser Universität weder die Historiker noch die Philologen mit der jüdischen Geschichte der Stadt oder der bis 1912 in Thessaloniki meistgesprochenen Sprache, dem Judenspanisch, befassen. Das überlassen die Professoren der Aristoteles-Universität ihren Kollegen anderer Hochschulen, von Basel bis Berkeley, wo es Lehrstühle für Kultur und Geschichte der sephardischen Juden gibt.

An dem Ort, wo das Judenspanisch der Sepharden über Jahrhunderte lingua franca war, wird dieser Teil der Stadtgeschichte systematisch totgeschwiegen. Und als sich vor zwei Jahren Wissenschaftler aus aller Welt auf Einladung der jüdischen Gemeinde zu einem Kongress über judenspanische Literaturgeschichte zusammenfanden, boykottierte die Universität die von der Historikerin Rena Molho organisierte Veranstaltung, die sich einen Tagungsort außerhalb der Universität suchen musste.

Pogrom salonika
Gedächtnisschwund mit Tradition: Sephardische Juden nach Pogrom ausgelöst durch kleinasiatische Flüchtlinge 1931 in Thessaloniki

Molho hatte über vier Jahre einen Lehrauftrag für Geschichte des Judentums in Griechenland, aber, und das passt ins Bild, nicht in ihrer Heimatstadt. Stattdessen lehrte sie an der Pantios-Universität in Athen. Die Wissenschaftlerin hat in diesem Zusammenhang das Wort von der Mnimoktonia, dem Mnemocid geprägt: Die Auslöschung der Erinnerung, die dem Genozid folgte. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass auch der verstorbene frühere Bundespräsident Rau sich auf seine Weise daran beteiligt hat. Bei einem Staatsbesuch in der Stadt der Thessalonicher im Jahr 2001 hat er um die jüdische Gemeinde einen großen Bogen gemacht, von deren mehr als zweitausendjähriger Geschichte der fromme Protestant zumindest aus den Briefen des Apostels Paulus und der Apostelgeschichte des Lukas Kenntnis haben musste. Von ihrer fast vollständigen Vernichtung im Jahr 1943 durch die Deutschen ebenfalls – sein politischer Ziehvater Gustav Heinemann war Rechtsbeistand des Kriegsverwaltungsrats Max Merten, als dieser wegen Beihilfe zum Mord an den Juden von Thessaloniki 1959 in Athen vor Gericht stand.

Und nun: der U-Bahn-Bau.

jüdischer friedhof thessaloniki grabstein
Teil jüdischen Grabsteins in Thessaloniki   
Foto: Eberhard Rondholz
Der Tunnel führt, darauf machte eine in den USA residierende Organisation zur Bewahrung und Pflege jüdischer Friedhöfe in aller Welt aufmerksam, ein Stück weit durch das ehemalige Friedhofsgelände. Auch die jüdische Gemeinde von Thessaloniki wurde aktiv. Nicht mit dem Ziel, den U-Bahn-Bau zu stoppen. Es geht ihr lediglich darum, gesetzt der Fall, die Metro-Bauer stießen auf Gebeine dort beerdigter Juden, eine würdige Bestattung auf dem neuen Judenfriedhof zu ermöglichen. Was den alten angeht, so ist eine griechische Wochenzeitung so weit gegangen, in einer wütenden Reaktion auf die jüdische Intervention, die Existenz des ehemaligen jüdischen Friedhofs sogar in Frage zu stellen.

Das U-Bahn-Unternehmen „Attiko Metro“ hat sich bislang den Juden gegenüber gesprächsbereit gezeigt. Die Leitung legt Wert darauf, dass die 250 Archäologen, die die Bauarbeiten begleiten, zuförderst natürlich auf der Suche nach antiken und byzantinischen Schätzen, auch auf eventuelle jüdische Gräber achten. Auch durften der Rabbiner und der Präsident der jüdischen Gemeinde die ansonsten für die Öffentlichkeit gesperrte Baustelle betreten. Etwa 20 Sarkophage kamen bislang ans Licht, wobei es sich allerdings, nach Auskunft des Ephorats für byzantinische Altertümer um spätrömische oder frühchristliche Grabstätten aus dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung handeln soll.

Umstritten ist ein anderer von jüdischer Seite geäußerter Wunsch: der bescheidene Vorschlag, der geplanten Metro-Station vor den Toren der Universität den Namen „Alter jüdischer Friedhof“ zu geben, zur Erinnerung an das Jahrhunderte alte, von der Stadt 1942 widerrechtlich enteignete und entweihte Gräberfeld. Dazu äußern sich Vertreter der „Attiko Metro“ hinhaltend, es sei noch viel zu früh, über die Namensgebung zu entscheiden. Eines weiß man natürlich bei dem U-Bahn-Betreiber: Die Universität wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, auf Dauer an die 500.000 Leichen im Keller erinnert zu werden.

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Gedenkstätte auf neuem jüdischen Friedhof | Foto: Eberhard Rondholz

Das Unternehmen „Attiko Metro“ hat seinerseits dem Gemeindepräsidenten David Saltiel vorgeschlagen, in den U-Bahnhof, nach dem Vorbild einiger Athener Metro-Stationen mit ihren ausgestellten antiken Funden, eine kleine Ausstellung zu integrieren, die an den Friedhof erinnert, Fotos und Grabstein-Repliken vielleicht. Daran wird die jüdische Gemeinde die „Attiko Metro“ beizeiten erinnern. (CH)


Online-Flyer Nr. 135  vom 27.02.2008

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