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Aktueller Online-Flyer vom 27. September 2016  

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Lokales
Eine Mahnwache vor der Kölner "Villa Schröder" nach 75 Jahren
Kapitalismus führte zum Faschismus
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

Angeblich mochte Adolf Hitler die Kölner nicht, ihrer Leichtlebigkeit und mangelnden teutonischen Ernsthaftigkeit wegen. Die Kölner Selbstentlastung nach 1945 wollte denn auch immer gern den Eindruck erwecken, als wäre die Domstadt, Hochburg des rheinischen Karnevals, eine Art exterritorialer Sonderzone gewesen, in der es gar keine Nazis gab oder doch zumindest die meisten von Anfang an "dagegen" gewesen seien. Vergessen wird dabei auch, dass die hier führende Kölnische Zeitung aus dem Hause DuMont schon in ihrer Neujahrsausgabe 1933 unter dem Appell "Auf Hitler kommt es an!" eine Machtübergabe an die Nazis forderte.


Villa Schröder – anstatt Gedenkstätte Spekulationsobjekt

Doch war weit folgenschwerer, dass das vielleicht "ungeliebte" Köln eine wichtige, vielleicht die entscheidende Zwischenetappe auf dem Weg Hitlers an die Macht darstellte. Präziser formuliert: In der Villa des Kölner Privatbankiers Baron Kurt von Schröder wurde am 4. Januar 1933 das Bündnis von Kapital und klerikalem Konservatismus mit dem NS-Faschismus letztendlich besiegelt und die Machtübergabe an die Faschisten vorbereitet. Dies jedenfalls war Ziel und schließlicher Erfolg des Treffens, das - vermittelt vom einflußreichen Bankier von Schröder, in dessen bescheidener Behausung am Stadtwaldgürtel - zwischen dem Ex-Reichskanzler Franz von Papen (Zentrumspartei) und dem Nazi-Führer Adolf Hitler stattfand. Einen Monat später war Hitler Reichskanzler und Papen, übrigens mit päpstlichem Segen, sein Stellvertreter.

Ein bewußt vergessenes Datum

Den 4. Januar 1933 möchte denn auch nicht nur die Kölner Stadtgeschichtsschreibung, sondern die staatsoffizielle "Gedenkkultur" der BRD insgesamt am liebsten ausblenden, systematisch vergessen machen. Am 20. Juli wird alljährlich der deutsch-nationale "Widerstands"-Mythos abgefeiert - wobei natürlich allzumeist der kommunistische Blutzoll und der Arbeiterwiderstand ignoriert, wenn nicht diffamiert wird. Der 30. Januar wird als schicksalhafter Beginn eines plötzlich hereingebrochenen "deutschen Verhängnisses" mystifiziert, die BRD hingegen als "freiester Staat der deutschen Geschichte" gefeiert. Der 4. Januar hingegen findet bestenfalls in einigen Zeitungsartikeln statt. Staatstragende Geschichtsdeutung hat aber auch allen Grund, dieses Datum aus dem Gedenkkalender zu streichen. Denn an das Treffen zwischen dem "päpstlichen Kammerherrn" Franz von Papen und Adolf Hitler in der Kölner Bankiersvilla zu erinnern, erfordert unvermeidlich, die Kräfte zu benennen, die ein Interesse an der Entfesselung des offenen faschistischen Terrors hatten.



Hier erhielt Hitler am 4. Januar 1933 die Unterstützung der deutschen Wirtschaft


Signifikant dafür scheint das folgende Zitat Kurt von Schröders im Nürnberger Prozeß: "Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend."

Der 4. Januar und bundesdeutsche Geschichtsmythen

Es war eben nicht "die Straße", die Hitler an die Macht schwemmte, wie es eine beliebte elitäre Geschichtsumdeutung in der Bundesrepublik gern suggerieren wollte, und die sogenannte "Demokratie von Weimar" brach auch keineswegs unter einem militanten Angriff vom Rand der Gesellschaft zusammen. Die Geburtshelfer von Faschismus, Diktatur, Vernichtungskrieg, Holocaust gehörten vielmehr zur "besten Gesellschaft", bildeten zentrale Machtzirkel der verlorenen Weimarer Republik: Einflussreiche Kreise aus Großkapital, Schwerindustrie und Banken, flankiert von spätfeudalistischen Grundherren, zu denen ja auch der monarchistische Reichspräsident von Hindenburg gehörte, flankiert von ungeduldig hufescharrendem kriegslüsternem Militär und im Hintergrund unterstützt vom Vatikan. Auch als dessen Gewährsmann fungierte in der Phase der Faschisierung Franz von Papen, der intrigante Vertraute des mindestens ebenso intriganten Papstes Pius XI. und seines Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli. Hitlers erster außenpolitischer Coup war denn auch der Abschluß des Konkordates mit dem Vatikan. (Siehe hierzu die zwölfteilige Serie von Karlheinz Deschner „Mit Gott und den Faschisten“ in den jüngsten NRhZ-Ausgaben)



Fotos: arbeiterfotografie

Mahnung der Vergangenheit - Warnung für die Zukunft

Die kleine Mahnwache, die sich am 4. Januar vor der mittlerweile renovierungsbedürftig erscheinenden Schröder-Villa versammelte, fast unbeachtet im fließenden Durchgangsverkehr an einer der heute meistbefahrenen Verkehrsstraßen Kölns, mochte von ihrem bescheidenen Umfang her der historischen Bedeutung dieses Ortes kaum gerecht werden. Doch die "plakativen" Plakatparolen der antifaschistischen Kundgebung benannten, im Gegensatz zum vorherrschenden Verschweigen, eben diese historische Bedeutung in aller Kürze unübertreffbar präzise, etwa so: "Millionäre standen hinter ihm" - in Anlehnung an Heartfields berühmtes Anti-Hitler-Plakat "Millionen stehen hinter mir" - oder mit der Erkenntnis Horkheimers: "Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen."

Derlei Aufklärung begriffen die Kölner AntifaschistInnen nicht nur als rein historische Erinnerung. Sie wollten auch bewußt machen, daß die Kreise, die für Faschismus und Krieg verantwortlich waren, weitgehend auch in der BRD wieder die zentralen Machthebel bedienen konnten. Und heute? Im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit, sozialer Entrechtung, Einrichtung von "Erziehungslagern", angesichts eines semidiktatorischen Überwachungsstaates, neo-imperialistischer Kriegspolitik, von unverhülltem Ministergerede über Folter, präventive Tötung, und nicht zuletzt der aktuellen völkischen Wahlkampfhetze mit dem demagogischen Schlagwort "Ausländerkriminalität" könnte sich bald zeigen, wozu die kapitalistische Ordnung, jenseits von "Demokratie" und "Grundrechten" wieder fähig ist. Das Datum 4. Januar sollte mithin nicht nur an die Katastrophen und Verbrechen der Vergangenheit erinnern, sondern auch vor den Gefährdungen der Zukunft warnen, namentlich in Köln, von wo das vielbeschworene "deutsche Unheil" eben auch seinen Ausgang nahm.





Historisches Symbol - Spekulationsobjekt-Gedenkstätte

Die Villa Schröder steht nun zum Verkauf - als luxuriöse „Residenz zum Wohnen und Arbeiten“, wie es in der Makler-Anpreisung heißt. Was angesichts des unfeinen Verkehrslärms von heute, welcher die freiherrlichen Ohren derer von Schröder und von Papen noch nicht beleidigte, vielleicht ein bißchen zu viel versprochen ist. Für die Kölner AntifaschistInnen war es aber ein geradezu beleidigender Gedanke, dass an diesem Objekt auch noch private Profiteure ein einträgliches Geschäft machen könnten. Eigentlich, so meinte einer der Kundgebungsteilnehmer, sollte das Gebäude als Gedenkstätte genutzt werden, insbesondere mit dem Schwerpunkt, als Arbeitstitel formuliert: "Faschistische Verbrechen des Kapitals" und "Wirtschaftsverbrechen der Nazis". Dieser Gedanke scheint immerhin plausibel. Hätte der "antifaschistische Auftrag", wie er etwa im Schwur von Buchenwald beschworen, aber auch im Potsdamer Abkommen festgelegt wurde, in dieser BRD noch irgendeine Bedeutung, so hätte die Villa Schröder kurzerhand entschädigungslos enteignet und eben zu einem solchen historischen Forschungs- und antifaschistischen Gedenkort umgewandelt werden müssen. Doch leider lag die Macht spätestens seit 1949 wieder in den Händen jener, für deren Verbrechen die Villa Schröder zu Köln ein sprichwörtliches Symbol geworden ist. Denn: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen. (PK)

Literaturhinweise:

Emil Carlebach: Hitler war kein Betriebsunfall, Pahl-Rugenstein Verlag

Eberhard Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der Zerstörung der Weimarer Republik, Köln, Pahl-Rugenstein, 1967

Kuhn, A.: Die Unterredung zwischen Hitler und Papen im Hause des Baron von Schröder, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), Jg. 24, 1973, S. 709-22.

Diese Quellen sind leider überwiegend nur noch in Antiquariaten, Universitätsbüchereien, öffentlichen Bibliotheken und mit Glück im Internet verfügbar.

Eindeutig apologetisch natürlich: Die Legende von Hitler und der Industrie, hg. vom BDI, Köln 1962.

Kennzeichnend dafür aber auch (u.v.a.): Lochner, Louis P.: Die Mächtigen und der Tyrann. Die deutsche Industrie von Hitler bis Adenauer, Darmstadt 1955; maßgeblich für „neo-revisionistische“ und neo-apologetische Literatur: Turner, H. A.: Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Studien zum Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Wirtschaft, Göttingen 1972, und mit differenzierteren „totalitarismustheoretischen Ansätzen“ z.B. Heinrich August Winkler: „Revolution, Staat, Faschismus. Zur Revision des Historischen Materialismus“, Göttingen 1978.

Online-Flyer Nr. 128  vom 09.01.2008

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