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Aktueller Online-Flyer vom 24. April 2014  

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Literatur
Werk und Leben der iranischen Lyrikerin Forough Farrochsad
„Der Vogel ist sterblich“
Von Gerrit Wustmann

Forough Farrochsad starb vor 40 Jahren bei einem Autounfall in Teheran. Die zierliche Frau, die kaum 32 Jahre alt wurde, gilt als bedeutendste Lyrikerin Irans. Ihre Gedichte waren sowohl unter dem pro-westlichen Schah-Regime verboten, als auch heute unter der islamisch-fundamentalistischen Regierung. Ihr Stellenwert lässt sich mit Sadeq Hedayat vergleichen. Was er für die moderne persische Prosa leistete, leistete sie für die moderne persische Lyrik.

Im Gegensatz zum europäischen Raum, wo die Lyrik kaum mehr als ein literarisches Nischendasein fristet, steht sie im Iran, wie auch in vielen Ländern des arabischen Raums, bis heute als die vollkommenste Form geistigen Ausdrucks. Nicht zuletzt diese Tatsache dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Forough Farrochsads Texte trotz staatlichen Verbots bis in die Gegenwart hinein munter gelesen, auswendig gelernt und weitererzählt werden. „Behalte den Flug im Gedächtnis! / Der Vogel ist sterblich.“ Diese zwei Verse, die Übersetzer Kurt Scharf als Motto voranstellt, geben die Grundhaltung der Autorin klar wieder. Scharf übersetzte den Band „Jene Tage“, der in der Bibliothek Suhrkamp erschien.


    „Der Vogel ist sterblich“
    Mein Herz ist bedrückt
    Mein Herz ist bedrückt,
    ich trete auf den Balkon
    und meine Finger streichen über die
    gespannte Haut der Nacht.
    Die Lampen der Beziehung sind erloschen.
    Die Lampen der Beziehung sind erloschen.
    Niemand wird mich der sonne vorstellen
    Niemand wird mich
    zu dem Gastmählern der Spatzen mitnehmen.
    Behalte den Flug im Gedächtnis
    der Vogel ist sterblich.


Forugh Farrokhzad 50er
Forugh Farrokhzad als junge Frau                    
Foto: privat
Im Januar 1935 geboren, wuchs sie in einer Familie der oberen Mittelschicht auf, die durch den Offiziersberuf des Vaters unter dem Schutz der Militärdiktatur stand. Und obwohl der Vater das autoritäre Gehabe der Militärakademie in die Familie trug, war er andererseits ein gebildeter Mann, der den Kindern – Forough, ihrer Schwester und ihren vier Brüdern – schon vor der Einschulung Lesen und Schreiben beibrachte. Bereits auf der Mädchenoberschule schrieb Forough Farrochsad, orientiert an der klassischen persischen Literatur, erste Ghaselen. Ebenso wie Hedayat war sie ihr Leben lang nicht nur Autorin, sondern auch Malerin. Und bevor sie sich immer mehr der Literatur hingab, studierte sie Modedesign. Im Alter von 16 Jahren heiratete sie ihren fast doppelt so alten Vetter Parwis Shahpur. Ihr Mann, der selbst kleine Satiren schrieb, ermutigte sie, ihre ersten kleinen Veröffentlichungen in Zeitungen zu publizieren.

Nach nur vier Jahren zerbrach die Ehe; Farrochsad ließ ihren Mann und den gemeinsamen Sohn zurück und zog nach Teheran. Bezeichnend ist dieser radikale Ausbruch aus den gesellschaftlichen Normen und Traditionen, der sich einheitlich durch ihr Leben wie ihre Kunst zog. Zwar litt sie bis zu ihrem Tod unter der Trennung von ihrem Sohn, doch hatte sie die Entscheidung bewusst getroffen, sich gegen die Gesellschaft und für die Kunst entschieden:

    „Ich aber hab verwirrt und tief bedrückt
    Den Weg der Sehnsucht eingeschlagen
    Der Vers ist mein Gefährte, mein Geliebter
    Um seinetwillen muss ich alles wagen.“


Forugh Farrokhzad Stilleben
                                                                                   
Die staatliche Presse versuchte, ihren Lebenswandel mit einer Klatschkampagne in den Schmutz zu ziehen. Ihre Europareise 1957 und die anschließend häufig wechselnden Liebschaften trugen massiv zur öffentlichen Verurteilung ihres Lebensstils bei. In einem Nachwort zu einer Neuauflage ihres ersten Gedichtbandes „Gefangen“ forderte sie für sich als Frau das Recht ein, ebenso offen über ihre Gefühle und Moralvorstellungen schreiben zu dürfen wie ein Mann.

Stilleben von Forugh Farrokhzad    

  
Die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit dem Schriftsteller Ebrahim Golestan Dieser war aber verheiratet und hatte zwei Kinder. In dieser Zeit litt Forough immer wieder unter Depressionen, da sie stets nur die zweite Frau in seinem Leben blieb – eine Beziehung, die sie in ihrem Gedichtband „Wiedergeburt“ thematisierte. „Kein Fischer wird je in einem kläglichen Rinnsal, /das in eine Sickergrube fließt, eine Perle finden“ heißt es dort, und: „Mein ganzes Sein ist wie ein dunkler Spruch / Der dich in sich wiederholend / Zum Morgengrauen ewigen Erblühens und Gedeihens tragen wird“.

Forugh Farrokhzad
                                                                              
Durch Golestan erweiterte sie aber auch ihre Arbeit in Richtung Film. Als Cutterin und gelegentlich auch als Darstellerin beteiligte sie sich an seinen Werken; Anfang 1960 studierte sie in England Film und drehte 1964 den Streifen „Das Haus ist schwarz“, der mit dem Oberhausener Kurzfilmpreis ausgezeichneten wurde. Forough Farrochsad war ein Multitalent, die erste persische Lyrikerin, die national und international Bedeutung erlangte. Ihr Leben aber blieb unstet und relativ ungebunden, was für eine in der Öffentlichkeit stehende Frau in Iran als skandalös galt.


Forough Farrochsad starb im Februar 1967 in Teheran bei einem Autounfall. Ihre literarische Wirkung und Bedeutung hat bis heute Bestand. Diese Bedeutung besteht nicht nur aufgrund ihres modernen Stils, sondern auch aufgrund ihrer Versuche, in einer konservativ geprägten Gesellschaft zumindest in der Kunst eine Gleichstellung von Mann und Frau zu erwirken. (CH)

Online-Flyer Nr. 128  vom 09.01.2008

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