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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Kultur und Wissen
Das Wort am Sonntag: „Mit Gott und den Faschisten“ Folge XII
Jugoslawien damals wie heute
Von Karlheinz Deschner

Im Kölner Dom wurde unter großem öffentlichem Beifall ein Kirchenfenster eingeweiht, das nicht – wie ursprünglich geplant – sechs WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis ehrt, sondern stattdessen 11.263 quadratische Glasstücke in 72 verschiedenen Farbtönen zeigt. Warum die katholische Kirche – deren Kardinal Meisner wenig später mit dem Hinweis, dass „die Kultur entartet“, Schlagzeilen machte – solche Probleme mit dem Aufarbeiten ihrer jüngeren Vergangenheit hat, wird durch Karlheinz Deschners Serie zur Politik der Päpste im 20. Jahrhundert deutlich. – Die Redaktion.
Das römische Papsttum – durch Krieg und Betrug groß geworden, durch Krieg und Betrug groß geblieben – hat im 20. Jahrhundert entscheidend die Heraufkunft aller faschistischen Staaten gefördert, am meisten begünstigt aber gerade das schlimmste Verbrecherregime, das des Ante Pavelic in Jugoslawien. 

Ante Pavelic
Ante_Pavelic                
Dieser ehemalige Rechtsanwalt aus Zagreb, der in den dreißiger Jahren meist in Italien seine Banden drillte, ließ 1934 in Marseille König Alexander von Jugoslawien ermorden, wobei auch der französische Außenminister fiel; feierte zwei Jahre später in einer Denkschrift Hitler als Deutschlands „größten und besten Sohn“ und kehrte 1941, von Mussolini mit Waffen und Geld ausgerüstet, beim deutschen Einmarsch in Jugoslawien dorthin zurück.

Als absoluter Despot beherrschte Pavelic im sogenannten unabhängigen Kroatien drei Millionen katholische Kroaten, zwei Millionen orthodoxe Serben, eine halbe Million bosnische Moslems sowie zahlreiche kleinere Volksgruppen. Im Mai trat er fast die Hälfte des Landes in aller Form an seine Angrenzer, besonders an Italien, ab und wurde dort (wiewohl wegen des Doppelmordes von Marseille zweimal, von Frankreich und Jugoslawien, in Abwesenheit zum Tod verurteilt) in besonders feierlicher Privataudienz von Pius XII. empfangen und gesegnet. Der große Faschistenkomplize entließ ihn und seine Suite in freundschaftlichster Weise mit den besten Wünschen, so wörtlich, für die „weitere Arbeit“.
Darauf begann ein katholischer Kreuzzug, der den schlimmsten mittelalterlichen Massakern nicht nachsteht, sie eher übertrifft. 299 serbisch-orthodoxe Kirchen wurden nun im „Unabhängigen Kroatien“ ausgeraubt, vernichtet, viele auch zu Warenhäusern, öffentlichen Toiletten, zu Ställen gemacht. 240.000 orthodoxe Serben hat man zum Katholizismus zwangsbekehrt und ungefähr eine dreiviertel Million ermordet. Man erschoß sie massenweise, erschlug sie mit Äxten, warf sie in Flüsse, in Abgründe, ins Meer. Man massakrierte sie in sogenannten Gotteshäusern, zweitausend Menschen in der Kirche von Glina. Man stach ihnen lebend die Augen aus, schnitt ihnen lebend die Ohren und Nasen ab, man begrub sie lebendig, man erwürgte, köpfte oder kreuzigte sie. Die Italiener fotografierten einen Mordbuben des Pavelic, der um seinen Hals zwei Ketten aus menschlichen Zungen und Augen trug.
Auch fünf Bischöfe und mindestens 300 Priester der Serben hat man geschlachtet, zum Teil auf fürchterliche Weise, wie den Popen Branko Dobrosavljevic, dem man Haar und Bart ausriß, die Haut abzog, die Augen heraussäbelte, während man seinen kleinen Sohn vor ihm buchstäblich in Stücke schnitt. Der achtzigjährige Metropolit von Sarajevo, Petar Simonic, wurde erwürgt. Indes der katholische Erzbischof der Stadt Oden zu Ehren des Pavelic, „des angebeteten Führers“, schrieb und in seinem Diözesenblatt die revolutionären Methoden, wörtlich „zum Dienst der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Ehre“ pries.
Die katholischen Schlachtfeste in „Groß-Kroatien“ waren so grauenhaft, daß sie selbst die italienischen Faschisten schockierten, daß sogar hohe deutsche Stellen protestierten, Diplomaten, Generäle, noch der Sicherheitsdienst der SS und Naziaußenminister von Ribbentrop. Ja, wiederholt griffen, provoziert durch die „Abschlachtung“ der Serben, deutsche Truppen gegen die eigenen kroatischen Verbündeten ein.
Und dieses Regime – Wahrzeichen und Kampfmittel „Bibel und Bombe nebeneinander“ – war von seiner ersten bis zu seiner letzten Stunde ein durch und durch katholisches Regime und engstens mit der römisch-katholischen Kirche verbunden. Sein Diktator Ante Pavelic, ebenso ins Führerhauptquartier und auf Hitlers Berghof reisend wie in den Vatikan, wurde vom kroatischen Primas Stepinac „ein ergebener Katholik“, von Papst Pius XII. (noch 1943!) „ein praktizierender (!) Katholik“ genannt. Auf Hunderten von Fotos erscheint er zwischen Bischöfen, Priestern, Nonnen, Mönchen. Ein Geistlicher erzog seine Kinder; er hatte einen eigenen Beichtvater und in seinem Palast eine eigene Kapelle.

Ante Pavelic besucht Hitler auf dem Berghof
Ante Pavelic besucht Hitler auf dem Berghof

Zahlreiche Kleriker gehörten seiner Partei an, den Ustaschen, die ständig die Worte Gott, Religion, Papst, Kirche im Mund führten. Bischöfe und Priester saßen im Sabor, im Ustascha-Parlament. Geistliche dienten als Offiziere in Pavelics Leibwache. Die Ustascha-Kapläne schworen gehorsam vor zwei Kerzen, dem Kruzifix, einem Dolch und Revolver. Jesuiten, mehr noch Franziskaner, führten bewaffnete Mordbanden an, organisierten Massaker: „Nieder mit den Serben!“ Sie erklärten „die Zeit gekommen für den Revolver und das Gewehr“; erklärten, es sei „keine Sünde mehr, ein siebenjähriges Kind zu töten, wenn es gegen die Gesetzgebung der Ustaschen verstößt“.


„Alle Serben in möglichst kurzer Zeit zu töten“, das nannte der Franziskaner Simic, ein Militärvikar der Ustaschen, wiederholt „unser Programm“. Franziskaner waren auch Henker in Konzentrationslagern. Sie schossen im „Unabhängigen Kroatien“ nur so aus dem Boden, in diesem „christlichen und katholischen Staat“, dem „Kroatien Gottes und Marias“, dem „Königtum Christi“, wie die katholische Presse des Landes jubelte, die auch Adolf Hitler als „Kreuzfahrer Gottes“ pries. Das Konzentrationslager Jasenovac hatte zeitweise den Franziskaner Filipovic-Majstorovic zum Kommandanten, der dort in vier Monaten 40.000 Menschen liquidieren ließ. Der Franziskaner-Stipendiat Brzien hat hier in einer Nacht, am 29. August 1942, 1.360 Menschen mit einem Spezialmesser geköpft. 


Ustascha Soldat posiert vor Ermordeten Kriegsgefangenen
Ustascha Soldat posiert vor in KZ ermordeten Kriegsgefangenen
in Massengrab


Nicht zufällig dankte der Primas des katholischen Gangsterparadieses, Erzbischof Stepinac, als er im Mai 1943 im Vatikan die Verdienste der Ustascha betonte, dem kroatischen Klerus, „vor allem den Franziskanern“. Und natürlich wußte der Primas, der Ustascha-Verherrlicher, der Ustascha-Militärvikar, das Ustascha-Parlamentsmitglied, ebenso über alles in diesem hochkriminellen Pfaffendorado Bescheid, wie Seine Heiligkeit Papst Pius XII. selbst, der seinerzeit den Kroaten eine Audienz nach der anderen gab, Ustascha-Ministern, Ustascha-Diplomaten, und der Ende 1942 der Ustascha-Jugend zurief, an deren Uniformen das große „U“ mit der darin explodierenden Bombe prangte: „Es leben die Kroaten!“


Die Serben starben damals, etwa 750.000, um es zu wiederholen, oft nach gräßlichen Torturen, 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung Groß-Kroatiens – das Ganze von mir in dem Rowohlt-Titel „Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert“ ausführlich dokumentiert und belegt. Und ohne Kenntnis dieses alptraumhaften Blutbades kann man die Vorgänge dort heute überhaupt nicht verstehen, Vorgänge, an denen sogar der Außenminister der uns befreundeten USA den Deutschen, das heißt der Regierung Kohl/Genscher, eine besondere Schuld beimaß. Mehr involviert ist nur der Vatikan, der schon seinerzeit durch Papst Pius XII. nicht bloß darin, sondern in die ungeheuersten Greuel der faschistischen Ära insgesamt derart verstrickt war, daß es, so schrieb ich vor nun bereits 30 Jahren, „bei der Taktik der römischen Kirche nicht verwunderlich wäre, spräche man ihn heilig“. 

Wie auch immer: Der Vatikan hat sämtliche faschistischen Regime der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre maßgeblich mit etabliert. Er hat samt seinen Bischöfen alle faschistischen Staaten von ihren Anfängen an systematisch unterstützt. Er war der entschiedene Förderer von Mussolini, Hitler, Franco, Pavelic, und somit wurde die römisch-katholische Kirche auch entscheidend mitschuldig am Tod von etwa sechzig Millionen Menschen, nicht zuletzt auch am Tod von Millionen Katholiken. Nicht irgendein mittelalterliches, sondern das 20. Jahrhundert ist, zumindest quantitativ gesehen, das kriminellste der Kirchengeschichte. (CH)

 
Einen Kurzfilm von KAOS Film- und Video-Team Köln zu Karlheinz Deschners Vortrag mit Archivbildern finden Sie in dieser NRhZ-Ausgabe. NRhZ-Leser können die komplette Serie für 19,95 Euro beim KAOS Kunst- und Video-Archiv für den privaten Gebrauch bestellen: info@kaos-Archiv.de


Online-Flyer Nr. 127  vom 02.01.2008

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