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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2018  

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Kultur und Wissen
Fotografischer Aufklärer und Menschenfreund
Zintstoff
Von Günter Wallraff

Günter Zint ist nicht nur einer meiner zuverlässigsten Freunde, sondern auch einer der „letzten Menschen“, die ich kenne. Er ist trotz seiner Professio- nalität und sei­nes fotografischen Könnens nicht nur Augenzeuge der Vorgänge, sondern meist auch Betroffener. Nur schein­bar agiert er als Beobachter und Reporter, fast immer ist er Teil des Geschehens. Er fotografierte noch den auf ihn niedersausenden Gummiknüppel. Angriffen stellt er seine Kamera entgegen.


Außerparlamentarische Opposition 1968 ...
 
Bevor Zint fotografiert, sich auf die Technik seiner Ausrüstung verlässt, nimmt er selbst am politischen Geschehen teil, ob das nun in ei­ner Kinderladen-, Stadtteil- oder Mieterinitiative ist oder wenn er sein Engagement im Kampf der Atomkraftgeg­ner durch seine Arbeit dokumentiert. Er riskierte auch die Konsequenz, dass er von einem gro­ßen Magazin (SPIEGEL) auf die Straße gesetzt wurde, weil er bei den 68er-Studentendemonstrationen nicht nur abfotografierte, sondern gleich mit demonstrierte.



... und ihre Verfolgung – damals wie heute

Der Verlagsdirektor konfrontierte ihn daraufhin mit Re­cherchen des Verfassungsschutzes („Gründe für Ihre Entlassung sehen wir nur in Ihrer Person und nicht in der Qualität Ihrer Fotos“) und entließ ihn aus einem festen Vertragsverhältnis. In dieser Zeit, als es Zint wirtschaftlich noch gut ging – er war der bestbezahlte Fotograf bei diesem Magazin – nutzte er seinen Status und Standard, um politische Gruppen organisatorisch, aber auch finanziell zu unter­stützen. So stellte er seinen Zweitwagen einer Organi­sation zur Verfügung, die Gls, die nicht am Vietnam­krieg teilnehmen wollten, die Flucht nach Schweden ermöglichte.


Erdachte Täter in der Bildzeitung Ende der 60er Jahre –
1977 entstand Günter Wallraffs Buch „Der Aufmacher" über
die Berichterstattung der „Bild-Zeitung"

Durch Teilnahme am Geschehen bringt Günter Zint andere Fotos in die Redaktionen als seine Kollegen, die ihre Professionalität darin sehen, immer den coolen Überblick zu behalten. Diese teilnehmende Beobachtung nimmt seinen Fotos den voyeuristischen Aspekt, was besonders bei seinen „Kiez-Fotos“ auffällt. Mit allen dargestellten Personen im Buch „DIE WEISSE TAUBE FLOG FÜR IMMER DAVON...“ hat Günter Zint noch heute freundschaftliche Kontakte, ich selbst habe während meiner Zeit in Hamburg einen Teil dieser Leu­te kennengelernt. Diese Menschen sind Opfer, aber nicht Zints Opfer. Domenica, Ruth, Dieter, Myriam, Hei­di sind Opfer einer Gesellschaft, die sich ihrer schämt, von der sie ausgeschlossen wurden. Wenn nun die Revolverblätter eben dieser Gesellschaft vorführen wollen, wie anständig und nett sie doch im Gegensatz zu diesem „Abschaum“ ist, schicken sie ih­re Fotografen auf den „Kiez“, um Jagd auf diese Aus­gestoßenen zu machen. Günter Zint hat sich an dieser Jagd nie beteiligt, obwohl dies für seine wirtschaftliche Situation eine Lösung gewesen wäre.



Wallraff 1985 "Ganz unten"

Es spricht für Zint, dass diese Boulevardblätter mit seinen Fotos in den we­nigsten Fällen etwas anzufangen wissen. Er zeigt Aus­beutung, Elend, Verzweiflung und Prostitution auf St. Pauli, so dass diese Fotos Voyeuren keinerlei Lustgewinn bieten können, und er zeigt das Menschliche, wo immer es ihm möglich ist. Günter Zint arbeitet in den meisten Fällen ohne Auftrag, und er braucht keinen Auftrag, um sich zu engagieren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er den Prozess des Älterwerdens nicht bemerkt und ihm dabei entgeht, dass er immer weniger Möglichkei­ten hat, bei den sogenannten „etablierten“ Medien zu veröffentlichen. Seine Fotos sind breit veröffentlicht, doch meist durch Bürgerinitiativpublikationen, Stadt-Zeitungen, idealistisch zusammengestellte Dokumen­tationen und auf Flugblättern. Kostendeckende Hono­rare springen dabei allzu selten heraus.


Hamburger Kiez | Alle Fotos: Günter Zint – panfoto

Von wirtschaft­lich potenten Zeitungen bekommt er zur Zeit kaum noch Aufträge, was wohl daran liegt, dass er mit seinen Fotos die Reklame einer immer schamloseren und sich selbst feiernden Scheinwelt Lügen straft. In einer fer­nen Zeit, die wir wohl nicht erleben werden, wird das alles, was er heute dokumentiert und mit erschrecken­der Deutlichkeit fixiert, als Kunstdokument vergange­ner Zeiten an die Unterdrückungen und Ausbeutungen dieser Epoche erinnern. Aber erst wenn das, was heu­te in Wackersdorf, Gorleben, Brokdorf, Duisburg, Pas­sau, Hoyerswerda, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Mügeln geschah und geschieht, nur noch dunkle Flecken in unserer Geschichte sein werden, erst dann werden solche Fotos wie Kunstwerke in Museen zu besichtigen sein. (CH)

Das Startbild zeigt Günter Zint in Aktion.

Günter Wallraffs Text stammt mit freundlicher Genehmigung Günter Zints aus dem unlängst erschienen Buch:

buch günter zint
Günter Zint: „Zintstoff
– 50 Jahre Deutsche Geschichte“

Petersberg 2007, 24,90 Euro,
portofrei beim Verlag zu beziehen:
Imhof Verlag, Petersberg
ISBN 978-3-86568-317-S

Aktuell ist auch die Ausstellung:
’68 Brennpunkt Berlin
von Günter Zint in Berlin zu sehen:
Vom 31.01. bis zum 30.05.2008
Durchführung:Bundeszentrale für Politische Bildung, Berlin
Ausstellung: Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin


Online-Flyer Nr. 127  vom 02.01.2008

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