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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Lokales
Unheilige Symbiose von Wirtschaftsunternehmen und Forschung
Electronic Arts
Von Paula Keller

Electronic Arts, nach eignem Bekunden der „globale Marktführer im Bereich Unterhaltungssoftware“, produziert jährlich hundert interaktive Computerspiele, verbreitet sie per Video und Internet in 75 Ländern, hat einen Jahresumsatz von drei Millarden Dollar und dabei trotzdem ein gutes Gewissen.
Ein großer Teil der angebotenen Produkte sind Ego-Shooter-Spiele, in denen auf „unterhaltsame und spannende Weise" das Zerstören menschlicher Werke der verschiedensten Art einschließlich ihrer Erbauer trainiert wird. Es sei natürlich Unsinn, verkündete kürzlich der Chef der Firma Electronic Arts, John Riccitiello, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass mit diesen Spielen das Töten geübt wird. In den USA regten sich im Gegensatz zu den Europäern die Zuschauer viel mehr über Nackte auf statt über Gewaltdarstellungen. Es gehe dem Unternehmen nur darum, die verschiedenen Vorlieben der Spieler zu bedienen. Es wäre eine Schande, so Riccitiello wörtlich, „wenn Shooter-Spiele durch ein Verbot nicht mehr erscheinen dürften. Das wäre Zensur und würde dem Ansehen Deutschlands schaden.“ Der brave Redakteur der Süddeutschen hinterfragte diese nassforsche Aussage des Firmenchefs nicht weiter.

Fragwürdige Zusammenarbeit mit amerikanischem Militär


Prof. Dr. J. Fritz: Zusammen-
prall der Wirklichkeiten
Quelle: FH Köln
In Köln, an der nach eigner Auskunft größten Fachhochschule Deutschlands, gibt es seit zwanzig Jahren ein „Institut für Medienforschung und Medienpädagogik“ mit dem Forschungsschwerpunkt „Nutzungsformen und Wirkungen digitaler Spiele“ unter Leitung der Prof. Dr. Jürgen Fritz und Prof. Dr. Winfred Kaminski. Bereits im März 2006 wurde hier in Zusammenarbeit mit Electronic Arts eine internationale Konferenz mit dem Titel „Clash of Realities“ (Zusammenprall der Wirklichkeiten) zum Thema Computerspiele abgehalten. Am Institut werden zum Beispiel die Marketingstrategien der Hersteller von Gewaltspielen, und dabei vor allem der Ego-Shooter, untersucht. Insbesondere – man höre und staune – das „Zusammenwirken von Spielproduzenten, Computerspielzeitschriften und Kreisen des amerikanischen Militärs“.


Prof. Dr. W Kaminski: Be-
schäftigt sich mit
Medienpädagogik
Quelle: FH Köln
Eine Dozentin der Hochschule, Frau Ostbomk-Fischer, beklagt in einem Protestbrief an Rektor und Dozentenkollegen „Electronic Arts ist ein weltweit operierender Konzern und einer der größten Hersteller von extrem gewaltorientierten Computerspielen, in denen Menschen vergast und Spieler für gezielte Tötungen mit Erfolg belohnt werden...Eine Allianz zwischen einem Konzern, der seinen Erfolg aus Menschenverachtung zieht und einer Fakultät für soziale Arbeit verbietet sich eigentlich von selbst. Dringend notwendig ist für unsere Fakultät ein offener, kritischer Dialog über die Inhalte, Ziele und Methoden des Instituts für Medienpädagogik.“



OB Fritz Schramma lobt die Games-Branche


Weiter erfährt man aus den Pressemitteilungen dieses Instituts für Medienpädagogik: „Aktuell arbeitet eine Forschungsgruppe eng mit den Firmen Electronic Arts und Nintendo zusammen, um den Bedarf an Elterninformationen mit Blick auf digitale Spiele zu untersuchen“. Prof. Dr. Maria Mies, Soziologin und emeritierte Dozentin dieser Hochschule, schreibt zu der unheiligen Symbiose von Game-Produuzenten und Forschung: „Das heißt doch nichts anderes, als dass hier die Verantwortung für das, was Electronic Arts mit ihren Spielen in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen anrichtet, auf die Eltern abgeschoben wird. Sie sollen also diejenigen sein, die den Krieg in den Köpfen ihrer Kinder wieder humanisieren sollen“. Mit anderen Worten: Die „Drogenbosse der Spielsucht" bezahlen die Arbeit der Sozialarbeiter, die nun raus"kriegen" sollen, wie man die Auswirkungen ihrer Opiate bei den Jugendlichen wieder neutralisieren kann!


Das „Spiel" Battle Field von Electronic Arts: Virtuelle Vorbereitung auf
spätere Realitäten?

Der fromme Wunsch verhallte, denn inzwischen fand etwas ganz anderes statt. Die Pressestelle der Fachhochschule verkündete kürzlich, dass man jetzt das „Cologne Game Lab’ aus der Taufe gehoben hat“. Die selbsternannte „Instanz für Computerspiele und soziale Wirklichkeit" weiter stolz: „In Kooperation mit Unternehmen und Organisationen soll ein intensiver Austausch mit der Industrie stattfinden“. Da ist selbstverständlich, dass auch Kölns Oberbürgermeister Schramma – selbst früher Gymnasiallehrer – jubelte: „Dies ist ein weiteres Signal für das Engagement Kölns gegenüber der Games-Branche.“ Und er hätte hinzufügen können: „...wenn Electronic Arts nun als weltweit führender Anbieter von Computerspielen im Kölner Rheinauhafen und in Rufweite der besagten Fachhochschule seine Deutschlandzentrale erbauen wird."


Schafft Electronic Arts ein
neues Feindbild nach
altem Muster?
Prof. Dr. Jürgen Fritz, der den neuen Master-Studiengang für Computerkompetenz und Softwareentwicklung für Computerspiele leitet, erklärte am 22. August im ZDF, er halte Shooter-Spiele für eine Art von Gehirnjogging, deren gewalterregende Wirkung „wissenschaftlich nicht nachgewiesen“ sei. Zweifellos wird er nach dem knapp verhinderten Amoklauf am Kölner Büchner-Gymnasium mit seinen Studierenden diese Wirkungen nunmehr erforschen und den Gesetzgeber auffordern, unter Hinweis auf bereits verbotene Waffen, Opiate und Hakenkreuze solche menschenfeindlichen Kulturprodukte zu verbieten und das neue Gebäude für Electronic Arts mit Rheinblick alsbald besser in die dringend notwendigen Sozialwohnungen mit Rheinblick umzuwidmen. (HDH)

Unsere virtuellen Bilder stammen von Electronic Arts


Online-Flyer Nr. 126  vom 19.12.2007

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