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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Zum Zustand der kapitalistischen Weltwirtschaft
Das Wachstum der Oligarchen
Von Stefan Hirsch

Platzende Immobilienblasen in den USA und Spanien, kollabierende Hedge-Fonds, Kursverluste an den Börsen, eine Kredit- und möglicherweise Bankenkrise, die über verschärfte Kreditvergaberichtlinien und gestiegene Risikoprämien die Unternehmensfinanzierung belastet. Anfang August hat sich ein Gewitter zu entladen begonnen, das sich einige Jahre aufgetürmt hatte. Der erste Teil einer Analyse aus der linken Wiener Zeitschrift „bruchlinien“.
Eine Finanzkrise zur Einleitung


Die US-Immobilienpreise waren in schwindelerregende Höhen gelaufen, steigende Hauspreise dienten als hypothekarische Sicherheiten für die Schulden des amerikanischen Konsumenten (vor allem der Mittelklasse). Als die steigenden Zinsen mit einiger Verspätung auch die Hypothekenzinsen in die Höhe trieben, und weil gleichzeitig die überzogenen Haus-Preise seit zwei Jahren sinken, kommt es zum Ausfall von immer mehr Schuldnern: Einige gehen tatsächlich pleite, andere bemerken, dass die immer teurer werdenden Schulden jetzt über dem Wert des als Sicherheit dienenden Eigenheims liegen – da ist es vernünftig, wenn man sich einfach verabschiedet und der Bank das Haus überlässt. Haufenweise Leute verlieren Geld (meist solche, die ohnehin zu viel davon haben), aber bis zu zwei Millionen US-amerikanische Familien – meist aus der Unterschicht - werden ihr Haus verlieren.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Die Gier hat blind gemacht

Bis hierher ist das eine ganz normale kapitalistische Kriminalgeschichte gescheiterten Betrugs: Wenig informierten Kunden wurden über Lockzinsen Hypothekarverträge angedreht, um sie wenig später mit ständig höheren Zinsen auspressen zu können, und schließlich bei eingetretener Zahlungsunfähigkeit das mittlerweile im Wert gestiegene Haus zu enteignen und jemandem anderen zu verkaufen. Ein deppeneinfaches Geschäftsmodell, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die Gier blind gegenüber der Möglichkeit fallender Hauspreise gemacht hat.

Jetzt geht die Geschichte aber weiter: Investmentbanken haben im Anschluss die Hypothekarkredite in handelbare Anleihen (Asset Backed Securities, bzw Collateralised Debt Obligations) verwandelt und dann in der ganzen Welt verkauft, meist an Banken, Hedge-Fonds oder Lebensversicherer. Die US-Kreditwirtschaft hat es also verstanden das Risiko des Schuldnerausfalls etwa an Deutsche Mittelstandsbanken abzugeben. Unterschiedliche Forderungstitel wurden dabei so kompliziert miteinander verschnürt, dass eine tatsächliche Risikobewertung nicht mehr möglich ist – das Auftauchen dieses Problems hat Anfang August schließlich zu einem weitgehenden Zusammenbruch des Handels mit solchen Kreditderivaten geführt. Allerdings: Das allein macht noch keine größere Finanzkrise, dafür ist das betroffene „sub-prime“ Kreditvolumen zu gering.

Gewaltige Risikobereitschaft der Finanzanleger

Der Hintergrund der platzenden Blase sind dabei nicht nur fallende Immobilienpreise, oder die oft erwähnten „zu laxen Vergaberichtlinien bei Hypothekarkrediten“, sondern die extrem hohe Konsumneigung des amerikanischen Konsumenten, sowie die gewaltige Risikobereitschaft der Finanzanleger. Beides, Konsum und Finanzinvestitionen, wurden teilweise über Kredit finanziert. Das US-Kreditvolumen hat heute 340 Prozent des BIP erreicht, 2001 waren es noch 270 Prozent. (Allerdings muss gesagt werden, dass dem Vermögenswerte in mehrfacher Höhe gegenüberstehen) Diese Schulden müssen über kurz oder lang zurückkommen, weil sie langsam zu hoch werden und immer größere Teile der Haushaltseinkommen für die Schuldentilgung verwendet werden müssen: Dieser Punkt ist nicht vorhersehbar, er tritt ein, wenn die Zinsen zu steigen beginnen.

Dazu trägt jetzt der seit zwei Jahren deutlich erhöhte Leitzinssatz der US-Notenbank bei. Außerdem muss die Risikobereitschaft der Spieler auf den Kapitalmärkten drehen (sinken, nachdem sie lange Zeit sehr hoch war), die dann niemandem mehr Kredit geben wollen, oder nur mehr zu deutlich höheren Risikoaufschlägen, sprich Zinsen. Verläuft diese Anpassung sehr schnell, dann kommt es zum Reihenausfall von Schuldnern. Kann sein, dass dieser Punkt mit der Finanzkrise Anfang August erreicht wurde. Kann auch nicht sein. Die US-Notenbank hat gewaltigen Spielraum zum Leitzinsen senken, und tatsächlich sind die Risikoaufschläge für riskantere Anlagen immer noch ziemlich gering.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Eine Rezession scheint unvermeidlich

Aber ob jetzt, oder 2008: irgendwann muss aus der gesamten Kreditblase die Luft heraus und die Auswirkungen werden sicher nicht auf den Preis von Einfamilienhäusern beschränkt bleiben. Eine Rezession, oder eine längere Phase sehr geringen Wachstums, scheint vor diesem Hintergrund (zumindest in den USA) unvermeidlich. Theoretisch ist auch eine ordentliche Bankenkrise möglich, falls die Refinanzierung der großen Investmentbanken nicht mehr funktioniert. Allerdings ist es quasi unvorstellbar, dass Regierung und Notenbank Goldman-Sachs zusammenbrechen lassen, im Ernstfall wird der Steuerzahler für die Verbindlichkeiten der Spekulanten aufkommen. Wie dem auch sei: Rezession, schön und gut, hatte man schon, aber darf´s auch ein bisschen mehr sein?

Steht die Weltwirtschaft vor dem Zusammenbruch? Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg des Zerfalls der Mehrwertproduktion? Armageddon? Die Reste des Orthodoxen Marxismus vermuten wie immer die baldige und totale Zuspitzung aller Widersprüche. Robert Kurz, aber auch Jürgen Elsässer (in seinem neuen Buch, das im Übrigen ausgezeichnet ist) sehen ohnehin seit langem die Selbstzerstörung der Mehrwertproduktion durch die die restliche Wirtschaft zerfressenden Finanzmärkte. Die bürgerlichen Volkswirte sind gespalten. Die Chefanalysten der Banken versuchen zu beruhigen - wer kauft sonst ihre Aktienfonds, wenn alles den Bach runter geht. Auf universitärer Ebene fällt der österreichische Volkswirt Streissler auf, der schon vor fünf Jahren die USA im wirtschaftlichen Zusammenbruch gesehen hat (der ist dann ausgeblieben). Steissler sieht den Euro „in zehn Jahren“ bei 2.50 Dollar – ein Wertverfall der US-Währung um praktisch die Hälfte. Streissler muss keine Aktienfonds verkaufen, sondern nur sich selbst, da kann es nicht schaden dick aufzutragen.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikaturen: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Geht’s bergab? Vorweg: die „bruchlinien“ verfügen über kein ökonometrisches Modell, das sich mit Konjunkturdaten füttern lässt, um sichere Prognosen zu erstellen. (Tatsächlich kann das niemand, die meisten ökonometrischen Modelle prognostizieren irgendwas, was man später revidieren kann). Wir können auch keine Börsenkurse vorhersehen. Unser ziemlich ausgeprägter Hass auf die Oligarchie lässt auf ein Sinken hoffen, und so ein zusammengebrochener Hedge-Fonds ist eine feine Sache – aber auch emotionale Betroffenheit bringt keine sicheren Aussagen über die kurze Frist. Was wir können, das ist eine Analyse der Architektur der imperialen und globalisierten Weltwirtschaft und der darin sich widerspiegelnden Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen.

Um es kurz zu machen: Wir sehen nicht, dass sich die Mehrwertproduktion selbst zerstört, oder der Kapitalismus in eine Endkrise eintreten würde. Im Gegenteil. Wir sehen eine fortgesetzte Prosperität der imperialistischen Oligarchie – während auf der anderen Seite Armut und Ausbeutung überhand nehmen. Armut und Ausbeutung werden zum Problem der kapitalistischen Weltwirtschaft, aber erst, wenn die Armen und Ausgebeuteten beschließen nicht länger arm und ausgebeutet sein zu wollen. In Ermangelung dieses Willens sind platzende spekulative Blasen die Begleiterscheinung kapitalistischer und vor allem finanzmarktgesteuerter Expansion, nicht Zeichen eines nahenden Untergangs. Wir werden das im Folgenden ausführen. (PK)

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift „bruchlinien“. Redaktionsadresse: bruchlinien, Postfach 53, A-1014 Wien
E-Mail: info@bruchlinien.at

 

Online-Flyer Nr. 125  vom 12.12.2007

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