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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Glossen
Weil bekanntlich die Kassen leer sind
Mein Monopoly
Von Wolfgang Bittner

Kürzlich wurde bekannt, dass demnächst auf deutschen Autobahnen Maut auch für PKWs erhoben werden soll. Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, ist ferner geplant, diese Regelung in absehbarer Zeit auf sämtliche Straßen sowie auf Fußgänger auszudehnen. Aber das wird lediglich der Anfang einer erheblich weitergehenden Privatisierungskampagne in Bund und Ländern sein, denn bekanntlich sind die Kassen leer - warum auch immer.

Schon jetzt werden von einzelnen Stadtverwaltungen unter der Hand ganze Straßenzüge zum Kauf angeboten, nachdem bereits Wasserwerke, Müllentsorgung und Kanalisation in private Hand gegeben wurden.

Ich muss gestehen, dass ich die Chance, durch Eigeninitiative Nutzen aus dem öffentlichen Verkehr zu ziehen, außerordentlich attraktiv finde. Schon seit längerem spiele ich mit dem Gedanken, eine Ich-AG zu gründen. Deswegen habe ich mich entschlossen, der Stadt die Straße in der ich wohne, den Gotenring, abzukaufen. Über den Preis ist noch zu verhandeln.

Also: Ich stelle mir vor, dass ich an beiden Straßenenden Kassenhäuschen und Schranken installieren lasse - selbstverständlich so dezent wie möglich und so effektiv wie nötig. Dort wird dann die Maut kassiert, und zwar je nach Umfang der Benutzung meiner Straße. Finden diese Maßnahmen demnächst in tausenden von Straßen statt - wovon auszugehen ist -, wäre das ein durchschlagender Erfolg auch für die Arbeitsbeschaffung und damit für eine rapide Senkung der Arbeitslosenzahlen. Es geht doch nichts über Politiker mit Visionen.

Am liebsten hätte ich ja eine Straße in der City gekauft: Die Schildergasse oder die Hohe Straße oder wenigstens den Stadtwaldgürtel. Leider waren sämtliche Einkaufsmeilen, Durchgangs- und Schnellstraßen vorab schon für andere Interessenten reserviert worden, die offenbar viel früher als ich von den zu erwartenden Privatisierungsmaßnahmen erfahren haben. Immerhin blieb mir noch der Gotenring, der schließlich auch nicht zu verachten ist. Allerdings gibt es da ein Problem, weil nämlich Straßenbahnschienen durch meine Straße verlaufen und die städtischen Verkehrsbetriebe, die sich leider noch in öffentlicher Hand befinden, von vornherein eine Zahlung von Lizenzabgaben für die Erteilung der Durchfahrtberechtigung rigoros ablehnen.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos


Ich beabsichtige daher, den Verkehrsbetrieben die Durchfahrt ihrer Bahnen zu untersagen, bis eine einvernehmliche Regelung gefunden ist. Bedauerlicherweise kann das Jahre dauern, falls es zu einem Prozess kommt, was wahrscheinlich ist. Aber die mir dadurch entstehenden Kosten - so habe ich ausgerechnet - würden in kürzester Zeit durch die Einnahmen ausgeglichen, zumal noch weitere Abgaben und Gebühren zu erwarten wären.

Zum Beispiel würden sämtliche an meine Straße angrenzenden Parkplätze ebenfalls in meinen Besitz übergehen - eine nicht unerhebliche Einnahmequelle. Und auch die Post wird für ihre Zusteller zu zahlen haben, die tagaus tagein die Straße in Anspruch nehmen. Da die Post inzwischen ein gewinnorientiertes Börsenunternehmen ist, werden diese Gebühren natürlich ein wenig höher ausfallen als bei meinen zukünftigen Privatkunden.

Außerdem habe ich vor, ganz in der Nähe einen Kinderspielplatz zu kaufen, der allerdings für die Öffentlichkeit gesperrt und eingezäunt werden soll. Ich möchte ihn meinen eigenen Kindern vorbehalten. Wenn alles erwartungsgemäß verläuft, werden wir uns das ohne weiteres leisten können. Sie merken schon: Alles ist von mir bestens durchdacht und die Planungen laufen bereits zu meiner vollen Zufriedenheit. Ich warte nur noch auf den gesetzlichen Startschuss.


Online-Flyer Nr. 25  vom 04.01.2006

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