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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Globales
Ein amerikanischer Agrarriese stößt auf Widerstand in Südamerika
Soja-Riese Nimmersatt
Von Daniel Lingenhöhl

Riesige Äcker dominieren, wo sich noch vor wenigen Jahren von Horizont zu Horizont der Regenwald erstreckte – im paraguayanischen Chaco und Atlantikregenwald ebenso wie im brasilianischen Mato Grosso. Die Natur muss weichen, weil Europa, USA und zunehmend auch China immer mehr Hunger auf Fleisch haben, für dessen Erzeugung sie billiges Kraftfutter brauchen. Steigende Ölpreise und drohender Klimawandel lösen zudem einen Drang zum sogenannten Biodiesel aus. Für beide Zwecke scheint keine Nutzpflanze besser geeignet als die Sojabohne.

Kein Wunder also, dass der Anbau der Frucht boomt und immer mehr artenreicher Urwald den tristen Monokulturen weichen muss: Allein in Brasilien fallen jährlich zwischen zehn- und zwanzigtausend Quadratkilometer Regenwald Kettensägen und Feuern zum Opfer – allerdings nicht denen der armen landlosen Bauern, denn das ist eine mittlerweile überholte Mär.
 
Agrarunternehmen roden illegal
 
Blairo Maggi Matto Grosso
Blairo Maggi: Soja und Macht
Foto: Antônio Cruz/ABr
Das Gros geht stattdessen auf das Konto internationaler Agrarunternehmen. Die brasilianische Blairo-Maggi-Gruppe etwa gehört dazu: Sie ist weltgrößter Sojaproduzent, und ihr Besitzer Blairo Maggi steht gleichzeitig als Gouverneur dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso vor und wirkt in diesem Sinne an der Gesetzgebung und dem Ausbau der Infrastruktur für die Landwirtschaft mit.
 
Die Verfolgung von Waldfrevel oder Menschenrechtsverletzungen rangiert auf Maggis Agenda dagegen ganz weit hinten: Von den 12.500 Quadratkilometern Regenwald, die unter der Ägide des Polit-Unternehmers in den Jahren 2003 und 2004 gefällt wurden, seien etwa 8400 Quadratkilometer illegal abgeholzt worden, rechneten Ökologen von Greenpeace vor. Doch verfolgt, angeklagt oder gar verurteilt wird fast niemand, der sich nicht an die – auf dem Papier strengen – Gesetze zum Naturschutz hält. Selbst vor Schutzgebieten macht die Sojawirtschaft nicht Halt, deren Ernte über die Maggi-Gruppe unter anderem an McDonald’s vermarktet wurde. Erst als Greenpeace dies aufdeckte und die Abnehmer Druck ausübten, verpflichteten sich Maggi und andere Unternehmen zu einem zweijährigen Moratorium, während dessen sie kein Soja aus neu angelegten Feldern Amazoniens annehmen wollen. Diese Selbstverpflichtung läuft 2008 ab.
 
Wildwest in Amazonien
 
Es leidet aber nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen: Indianer etwa, die selbst in ihren Reservaten nicht vor Verfolgung und Vertreibung sicher sein können. Oder Kleinbauern, die ihr Land nicht verkaufen wollen und deshalb vielfach unter Druck gesetzt werden: Immer wieder dokumentieren Menschenrechtsgruppen Morddrohungen gegen Gewerkschafter, lokale Farmer oder Umweltschützer, werden Landarbeiter vertrieben oder versklavt – Wildwest in Amazonien. Und in Paraguay verjagte die Landspekulation um Soja während des letzten Jahrzehnts geschätzte 90.000 Menschen von ihrem Grund, und pro Jahr wurden durchschnittlich sechs Kleinbauernführer ermordet, weil sie Landreformen unterstützten. Laut Greenpeace landet auch die illegal produzierte Ware bei den großen Firmen.

Soja tötet Paraquay
SOJA – verantworlich für den Tod von 40 Bauern in vier Jahren
Quelle: Asamblea Ciudadana por la Vida y la Salud

Brasiliens Behörden schließen Hafen
 
Zu den Giganten auf dem Soja-Markt gehört auch die US-amerikanische Firma Cargill mit Sitz in Minnesota. Sie beugte bereits das Gesetz, um ihre Geschäfte in Amazonien ausbauen zu können – zumindest besagt dies ein rechtskräftiges brasilianisches Urteil. Demnach hat die Firma widerrechtlich einen Hafen in der Stadt Santarem am Rio Tapajos, einem Nebenfluss des Amazonas, errichtet und betrieben: Ein Gutachten zu den Auswirkungen des Hafens auf die Umwelt, das die Firma vorgelegt hatte, entsprach nicht den gesetzlichen Anforderungen. 2006 verfügte ein Gericht die Schließung des Hafens, die im März 2007 von den Behörden schließlich vollzogen wurde.
 
Von Santarem aus verschiffte Cargill derweil jährlich rund drei Millionen Tonnen Soja – das meiste davon nach Europa, wo es als Viehfutter in den Trögen von Rindern, Schweinen und Geflügel landete. Rund um den Hafen entstand eine Infrastruktur für die eiweißreiche Bohne mit Verarbeitungsbetrieben und Lagerhallen, die wiederum neue Farmer in das Herz Amazoniens lockte. Gleichzeitig stellte Cargill, wie die Maggi-Gruppe, Saatgut und Pestizide zur Verfügung, die von den Landwirten mit der Ernte beglichen werden mussten. Nach dem Betriebsstart im Jahr 2003 flammten rund um die Stadt riesige Rodungsfeuer auf, um Platz für Sojafelder zu schaffen.

Soja Horizont
Soja von Horizont zu Horizong
Quelle: la soja mata

 
Trinkwasser von Asuncion in Gefahr
 
Ebenfalls wegen der Missachtung von Umweltgesetzen wurde die Firma nach dem Bau eines Flusshafens im argentinischen Rosario angezeigt. Und weiteres Ungemach droht Cargill nun in Paraguay, einem Land, in dem es eines der führenden Agrar-Unternehmen ist und dreißig Prozent der nationalen Soja-, Mais- und Weizen-Erträge vermarktet. Wegen der Ausweitung der Sojafelder – geplant sind weitere 400.000 Hektar - und vor allem dem Drängen nach niedrigeren Transportkosten soll nun in der Nähe der Hauptstadt Asuncion ein neuer Großhafen gebaut werden: das „Öl-Extraktions- und Rohstoff-Terminal von Port Zeballos” mit einer Exportkapazität von einer Million Tonnen Sojabohnen jährlich.
 
Doch in der Region leben viele Fischer, die im flachen Wasser des Rio Paraguay ihrem Gewerbe nachgehen und deren Lebensgrundlage von den lokalen Fischbeständen abhängt. Der Hafen soll zudem nur 500 Meter flussaufwärts der öffentlichen Trinkwasserversorgung von 1,1 Millionen Menschen errichtet werden. Schiffsdiesel, aufgewirbelte Sedimente aus dem Flussbett und pestizidbelastete Stäube dürften in der Folge die Trinkwasservorräte der Metropole beeinträchtigen. Krankheiten wie Krebs, Allergien, Atemwegs- und Verdauungsprobleme, Fehlgeburten oder Missbildungen könnten die fatalen Folgen sein, wie die Organisation „Vereinigung für Leben und Gesundheit“ - ein Zusammenschluss verschiedener Sozial-, Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen Paraguays - fürchtet.

Asuncion Paraguay Hafen Soja
Hafenplanung in Asuncion, Paraguay
Quelle: ecoportal


Eigenwilliges Geschäftsgebaren
 
Wie schon in Brasilien mutet das Geschäftsgebaren von Cargill wie der einheimischen Behörden merkwürdig an: Die Lizenz für den Hafen wurde während der Ferien zugesprochen, ohne dass eine öffentliche Anhörung stattgefunden hätte. Und die Umweltverträglichkeitsprüfung trug den besonderen ökologischen und sozialen Bedingungen des Standorts keine Rechnung. Die „Vereinigung für Leben und Gesundheit“ hat deshalb öffentlich das Bauvorhaben abgelehnt sowie Beschwerde eingereicht und dafür internationale Unterstützung von Organisationen wie ,Rettet den Regenwald’ aus Hamburg oder dem Rainforest Action Network aus den USA erhalten. Doch die Behörden blocken ab und bieten den Betroffenen weder Antworten noch Lösungsvorschläge an. Ihrer Meinung nach schafft der Hafen Arbeitsplätze, und Paraguay könne derartig wichtige Investitionen nicht ablehnen – allen Nachteilen zum Trotz. (YH)

Die Initiative „Retten den Regenwald“ hat am 09. November 2007 eine Kampagne gegen die Praktiken und neuen Pläne von Cargill gestartet. Unter dem Titel „Stoppt Cargill und schützt den Regenwald“ organisiert sie eine Protestaktion, in deren Zuge Protestmails an paraguayanische Minister, Pressestellen und Umweltbeauftragte verschickt werden. Wer diese Initiative finanziell oder praktisch unterstützen möchte oder an weiteren Informationen zum Thema Regenwald interessiert ist, für den lohnt sich immer ein Blick auf die Website des Hamburger Vereins.


Online-Flyer Nr. 121  vom 14.11.2007

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