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Aktueller Online-Flyer vom 03. Juli 2022  

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Kultur und Wissen
Gurus, Scharlatanereien und Betrug an der Uni Köln
Obskurer Ausverkauf der Uni?
Von Marc Faßbender

Im Zeitalter von Studiengebühren, Bachelorstudiengängen und weiteren verschärften sozialen Diskrepanzen halten zudem mehr und mehr pseudowissenschaftliche Vortragsreihen Einzug in die abendliche Nutzung der Uni Köln. Vor einigen Wochen fand ein Vortrag des Sektenführers der „Gemeinschaft Komaja“, „Guru Makaja“, mit dem Titel „Modell einer sexuell gesunden Gesellschaft“ in Hörsaal II im Uni Hauptgebäude statt – exklusiv beworben von dem Kölner Fachgeschäft für Esoterik „Licht und Schatten“.

Von Gurus und tanzenden „Putzfrauen“


Nun versuchen sich auf angebliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse berufende „Unternehmensberater“ aus Köln an der Uni mit ihren dubiosen Abendvorträgen zu etablieren. Sie verlangen genau wie der „Guru“ Eintritt und private Anmeldungen zu ihren Seminaren – fast so, als ob dies mittlerweile zum Alltagsgeschehen an der Uni gehören müsste. Verglichen mit den technischen und datenschutzrechtlich äußerst fragwürdigen Hilfsmitteln zur Anmeldung für sonstige Seminare, mögen manchen diese Vorgehensweise sogar noch als sinnvoll erscheinen.

Aus den Kreisen der kritischeren Studierendenschaft ist zudem schon seit langem zu hören, dass sich Mensch über solche Entwicklungen kaum mehr zu wundern braucht. Platz für Aushänge des Engagements der Studierenden gibt es zugunsten kommerzieller Werbeflächen ohnehin so gut wie nicht mehr, berichtet die Alternative Liste (AL). Beinahe jedes schwarze Brett ist übersäht mit profitorientierten Marketingangeboten oder gespickt mit sexistischer Partywerbung. Von den feinen Einladungs-Zettelchen der rechten Burschenschaften einmal ganz zu schweigen, die beinahe als einzige Hochschulgruppen beständig extravagante Schaukästen im Hauptgebäude halten dürfen.


Die Kölner Universität ist überfüllt mit unzähligen Werbeplakaten
Foto: Lena Buderath


Menschenverachtende Werbekonzepte bleiben den Studierenden auf dem Albertus-Magnus-Platz auch nicht erspart. So tanzten uns erst kürzlich ein paar als „Putzfrauen“ verkleidete junge Frauen etwas vor. Ein junger Mann bot den Studierenden an, eine „Putzfrau“ gegen das Ausfüllen irgendwelcher Werbeangebote zu gewinnen. Schade, dass wir daraufhin soviel Wut im Bauch hatten und uns so nicht mehr merken konnten, welche Firma uns diese Dreistigkeit an Unterdrückung mit ihren armen HandlangerInnen unterbreiten ließ.


An der Uni „wirkt eine Art Melodie der Schöpfung“

Ein Highlight an Qualität der entrückten Unsachlichkeit markiert jedoch die Vortragsreihe mit dem seltsamen Titel: „Global-Scaling“. Ein Auszug aus dem Veranstaltungstext der Firma, des Ingenieurbüros Bürger, mit Sitz in Köln sollte eigentlich genug sagen:

„Vortrag: ‚Global Scaling – Natürliche Eigenresonanzen in Wissenschaft und Technik' 17. November 2007, 16:00 Uhr – Universität Köln, Hauptgebäude, Hörsaal XVIIb:

Global Scaling zeigt auf, dass natürliche oder technische Abläufe und Entwicklungsprozesse natürlichen Eigenschwingungen unterliegen. Auf feinster, atomarer Ebene existiert eine harmonisches Schwingungsmuster, wie eine Melodie, welche den Rhythmus von Entwicklungsprozessen und die Formgebung von Materie bestimmt. Das fundamentale Schwingungsmuster stellt sich in seinem Frequenzspektrum als Fraktal dar und ist die Ursache für fraktale, in sich selbst ähnliche Muster in der Natur.

Die Reichweite dieser noch sehr jungen Erkenntnis ist enorm: Wir finden die Effekte der natürlichen Eigenschwingungen in allen Bereichen von Wissenschaft, Forschung und Technik: Elektrotechnik, Maschinenbau, Energietechnik, Chipdesign, Nanotechnologie, Medizin, Mathematik, Biologie, Physik und Chemie, wie auch in der Städteplanung.
Überall wirkt eine Art „Melodie der Schöpfung“.


Und weiter darf Mensch lesen: „Dieser Vortrag bietet Ihnen einen naturphysikalisch orientierten Einblick in die Geschichte, die physikalischen Hintergründe, die Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten von Global Scaling.“

Es geht um Macht, nicht um den Menschen


In Zeiten sozialer Unsicherheit und einer komplexer, vorgeblich individueller werdenden Lebenswelt im Kapitalismus, gewinnen platte Erklärungsmuster und angeblich höhere Weisheiten auf der Suche nach „Wahrheiten“ – wie beispielsweise nach „ehernen Naturgesetzen“, nach „Gottgewolltem“ – immer wieder an Zugkraft. Nicht nur institutionell geregelte Religionen und esoterische Denkschulen profitieren davon. Die Unterordnung unter aufgezwungene Werte, die außerhalb menschlicher Erfahrungshorizonte stehen, ist Bestandteil jeder religiösen Ideologie.


Stadtsparkasse wirbt an der Uni mit Krediten um die Studiengebühren zu bezahlen | Foto: Lena Buderath

Daher verwundert es auch nicht, dass religiöse Strukturen streng hierarchisch aufgebaut sind und einen enormen Anpassungsdruck auf einzelne Menschen ausüben, die sich in ihnen zurechtfinden sollen. Neben autoritären, als Grundsätze postulierten (Un-)Logiken, finden sich innerhalb religiöser, pseudowissenschaftlicher Gedankengebäude immer wieder auch verstärkt rechte Muster: Karma-Lehren oder sogenannter göttlicher Wille werden benutzt, um Ungleichbehandlung, Herabsetzung und Diskriminierung zu rechtfertigen und als unabänderlich hinzustellen – auf diese Weise werden beispielsweise Geschlechterrollen und rassische Vorstellungen als vorgegeben oder der Holocaust lediglich zur „Vollstreckung des Schicksals“ erklärt, denn relativieren lässt sich auch dabei nichts mehr.

Es ist gar nicht neu, dass mit esoterisch-religiösen Lehren oft weltliche Interessen von Einzelnen oder Eliten verknüpft sind, mehr noch als die als überirdisch dargestellten Botschaften vermuten lassen. Stets geht es um Macht und Ressourcen und in Wirklichkeit nicht mehr um das Eigentliche: die Menschen. (CH)


Online-Flyer Nr. 121  vom 14.11.2007

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