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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Inland
Verdienstorden: und das ist auch schlecht so!
Lieber Herr Diepgen
Initiative Berliner Bankenskandal

Berliner Bankenskandal – so nannte man die Vorgänge um die landeseigene Bankgesellschaft Berlin. Zahlreiche Politiker der damaligen CDU-SPD-Koalition waren in die dubiosen Geschäfte verwickelt, die dem Land Berlin und damit den Steuerzahlern viele Milliarden Euro Schulden aufbürdeten. Eberhard Diepgen, damals Berlins Regierender Bürgermeister, wurde 2001 in der Folge durch ein Misstrauensvotum aus dem Amt befördert. Jetzt hat ihn sein Nachfolger, Klaus Wowereit, für den Verdienstorden vorgeschlagen. 
Berliner Bankenskandal
 

Die „Initiative Berliner Bankenskandal"
hat dies zum Anlass genommen,
Herrn Diepgen persönlich in
einem Offenen Brief zu gratulieren
– die Red.


                                           


                                                                                     Berlin, 01.10.2007

Sehr geehrter Herr Diepgen,


nach Ihrem missglückten Antritt zur letzten Bundestagswahl hatten wir schon befürchtet, wir würden gar nichts mehr von Ihnen zu hören bekommen. Jetzt aber hat Ihr Nachfolger Wowereit Sie für die Auszeichnung mit dem Verdienstorden des Landes Berlin vorgeschlagen. Der Meldung des Landespressedienstes entnehmen wir, dass Sie unter anderem dafür ausgezeichnet werden, dass Sie der erste gebürtige Berliner im Amt des Regierenden Bürgermeisters waren, sowie es vermochten, nach einer Abwahl wieder in dieses Amt zurückzukehren.

Wir meinen jedoch, dass es noch viele weitere Gründe gibt, warum gerade Sie diese zweithöchste Auszeichnung des Landes Berlin verdienen.

Gerne erinnern wir uns an Ihre großen Reden. Eine überschrieben Sie mit „Stadt der Chancen“. Eine andere mit „Eine Stadt mit Zukunft“. Im Laufe ihrer Amtszeit ist es Ihnen auf unvergleichbare Weise gelungen, Berlin sowohl um seine Chancen als auch um seine Zukunft zu bringen. Dies wahrlich vermochte bislang kein Regierender Bürgermeister.

Und niemand anders als Sie, lieber Herr Diepgen, verkörperte auf höchst
Diepgen Berliner Bankenskandal
Geben ist seliger denn nehmen"
Foto: Ralf Roletscheck | wikimedia
  vorbildliche Weise christliches Wertedenken. Geben ist seliger denn Nehmen war – bis auf wenige Ausnahmen – ihre Devise. Sie gaben gerne. Besonders Steuergelder an Bauunternehmer. Und wenn Sie nahmen, dann nicht für sich, sondern uneigennützig für Ihre CDU.


Der Soziale Wohnungsbau unter Ihrer Regie ist die monumental gewordene Verkörperung Ihres Sozialverständnisses. Denn nicht nur Berliner Bauunternehmer machten Sie zu reichen Menschen, nein, Ihre Großzügigkeit beglückte darüber hinaus besser verdienende Anleger in ganz Deutschland. Nur Kommunisten und Antiberliner wollten Ihr soziales Engagement mit garstigen Verweisen auf zukünftige Schuldenberge schlecht reden. Dabei freuen wir uns doch heute alle gemeinsam über moderne Siedlungsprojekte wie die Wasserstadt Spandau.

Irgendwann werden die zwei Millionen neuen Einwohner schon noch kommen, die Sie uns nach der Wende versprochen haben. Schließlich, so beschworen Sie uns immer wieder, sind wir metropoliger als London, New York, Paris und Sydney zusammen.

Und so einzigartig wie Ihr Talent zur Metropolenbeschwörung war auch Ihr Vermögen, Berlin auf internationalem Parkett gut dastehen zu lassen. Beispielhaft hierfür möchten wir nur die Bewerbung zu den Olympischen Spielen 2000 anführen. Solch eine Darbietung hat die Welt noch nicht gesehen.

Und ihr krönendes Metropolen-Meisterstück war die Schaffung einer Bankgesellschaft, die – natürlich – Global Player sein sollte. Hier bewiesen Sie wieder einmal Mut und Zuversicht.

Denn niemand außer Ihnen und ihren Freunden hätte geglaubt, mit Plattenbauten, Bauruinen und leer stehenden Einkaufszentren einen weltweit agierenden schlagkräftigen Bankenkonzern etablieren zu können.

Berliner Landesbank Bankenskandal
Aktie der Bankgesellschaft
Foto: SpreeTom | wikipedia
Lieber Herr Diepgen, Ihre Hinterlassenschaft ist uns Mahnung und Auftrag zugleich. Noch in ferner Zukunft werden die Berliner von den Früchten Ihrer Regentschaft zehren. Wer außer Ihnen wäre in der Lage gewesen, in zehn Jahren – von 1991 bis 2001 – Berlins Schulden von 10 Milliarden Euro auf 42 Milliarden Euro mehr als zu vervierfachen, obwohl in der gleichen Zeit die wichtigsten Berliner Betriebe (GASAG, BEWAG, Wasserbetriebe) ganz oder teilweise verkauft wurden?


Im Namen Berlins wollen wir uns für Ihre Lebensleistung, für Ihre Verdienste um Filz, Korruption und Größenwahn bedanken.

Wir gratulieren Ihnen aus vollem Herzen zu Ihrer heutigen Auszeichnung.

Hochachtungsvoll
Ihre
Initiative Berliner Bankenskandal

i. A.

Peter Grottian                                 Benedict Ugarte Chacón                

(YH)


Online-Flyer Nr. 115  vom 03.10.2007

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