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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Globales
Scheinbar „saubere Energie“ auf Kosten der Ureinwohner
Lasst das Uran im Boden!
Von Norbert Suchanek

„Niemand will unsere Töchter heiraten. Und wenn eine Frau schwanger wird, ist es in unserer Gemeinschaft kein glückliches Ereignis mehr, sondern ein Fall der Angst und der Trauer. Denn niemand weiß, ob das Kind gesund zur Welt kommt.“ So beschreibt Ghanshyam Birulee vom Volk der Adivasi die Situation in seiner Heimatregion Jharkhandi im Osten Indiens, wo die indische Regierung Uran seit rund 40 Jahren abbauen lässt. Die Einheimischen verloren ihr Land und bekamen dafür Jobs in den Uranminen – Arbeit, die sie zu radioaktiven Opfern der Nuklearindustrie machte.

Indigener Kongress Uran Umwelt
 Window Rock, Navajo Nation, USA. Nov/Dez. 2006

Viele der Ureinwohner starben bereits an Krebs, und die Frauen gebären häufig genetisch geschädigte Kinder. Ghanshyam Birulee ist einer von Tausenden Ureinwohnern Indiens, Australiens, Kanadas, Afrikas oder Südamerikas, die nicht verstehen können, weshalb bis heute Politiker und Techniker von der Kernkraft als „saubere Energie“ sprechen dürfen. „Lasst das Uran im Boden“, forderten Hunderte von ihnen beim jüngsten Gipfeltreffen betroffener indigener Völker im gleichfalls von radioaktivem Minenabraum bedrohten Reservat der Navajo Nation. Doch statt die bestehenden Uranminen zu schließen, forcieren Regierungen derzeit – mit dem Argument des Klimaschutzes – global den Ausbau des Uranbergbaus: In Australien genauso wie in Angola, Namibia oder in Südamerika.
 
Brasilien auf dem Weg zur Uranexportnation
 
Besonders ehrgeizige Pläne zur Uranausbeutung hat die brasilianische Regierung, seit sie jüngst den Bau des dritten Atomkraftwerks, Angra 3, im Süden Rio de Janeiros, beschlossen hat. Dabei geht es nicht nur um die Deckung des eigenen Kernbrennstoffbedarfs, sondern auch um den Export. Schon in den kommenden drei Jahren könnte Brasilien Uran in Form von Yellowcake exportieren, so Samuel Fayad Filho, Direktor der Kernbrennstoffabteilung des staatlichen Nuklearenergie-Unternehmens Indústrias Nucleares do Brasileiras (INB). Ein wichtiger Grund des Uranbooms: der Anstieg des Weltmarktpreises von rund dreißig auf heute rund 130 US-Dollar für das knappe halbe Kilogramm des radioaktiven, gelben Erzes.

Brasilien Uranabbau Umwelt
Brasilien: Angra 1 und 2 sind schon in Betrieb

Mit Investitionen von umgerechnet etwa 160 Millionen Euro plane INB deshalb den Uranabbau und die Aufkonzentration zum so genannten Yellowcake in seinem Uranerz-Abbaugebiet Lagoa Real von Caetité im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia von derzeit vierhundert Tonnen pro Jahr bis 2009 auf achthundert zu verdoppeln. Langfristiges Exportziel: 4.000 Tonnen Yellowcake jährlich. Beschlossene Sache sei deshalb auch die Ausbeutung anderer bekannter Uranerz-Lagerstätten.
 
In der Planung bereits weit fortgeschritten ist das Uranprojekt von Santa Quitéria, im nördlich von Bahia gelegenen Bundesstaat Ceará mit einer Gesamtkapazität von rund 1.600 Tonnen Yellowcake pro Jahr, so INB-Präsident Alfredo Tranjan Filho. INB verhandele deshalb schon mit wenigsten vier Minenbetreibern und internationalen Konzernen über die Abbaurechte. Laut Tageszeitung Folha do Sao Paulo stehen die Firmen Vale do Rio Doce, MMX Mineração und Galvani Mineração sowie der Agrar- und Düngemittelkonzern Bunge Gewehr bei Fuß, um die Mine von Santa Quitéria auszubeuten. Diese Mine ist derzeit besonders interessant für Investoren, weil das Uran dort zusammen mit Phosphat vorkommt – ein wichtiger, im Preis steigender Kunstdünger für die Monokulturen der boomenden Ethanol- und Biodieselbranche.
 
Hoher Wasserverbrauch der Uranminen
 
Während die meisten brasilianischen Medien und Politiker lediglich positive Berichte über die Atomenergie in die Welt setzen, spielt die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung von Minenarbeitern oder der lokalen Bevölkerung in der Regel kein Rolle oder wird heruntergespielt. So auch auf der offiziellen Website der Gemeinde Santa Quitéria, in der für die Phosphat-Uran-Mine unter anderem mit dem Argument geworben wird, sie werde das Familieneinkommen der lokalen Bevölkerung erhöhen und die Trinkwasser- und Gesundheitsversorgung in der Region verbessern.

Uran Nukleartechnik Umwelt
„Opfert nicht unser Land, unsere Kultur und Umwelt Eurer Gier und nuklearem Hochmut" | alle Fotos: Norbert Suchanek

Doch bereits im bestehenden Uranabbaugebiet Lagoa Real in Bahia kam es nachweislich zu zumindest einem offiziell bestätigten Verstrahlungsunfall im Jahr 2000. Kein Wort wird in den offiziellen Pressemitteilungen und Präsentationen auch darüber verloren, dass der Uranabbau und die Aufkonzentration zum Zwischenprodukt Yellowcake extreme Mengen an Wasser verbrauchen, während in derselben Nordostregion Brasiliens gleichzeitig – laut brasilianischer Regierung – Hunderttausende von Menschen unter Wassermangel leiden. Die australische Uranmine Roxby Downs/Olympic Dam beispielsweise verbraucht aktuell 33 Millionen Liter Wasser täglich. Ein Wasserverbrauch, der mit der geplanten Ausweitung der Mine auf 150 Millionen Liter täglich steigen werde, so die Befürchtungen der lokalen Umweltschutzorganisation Friends of the Earth Adelaide. Außerdem drohe durch den Uranabbau generell eine radioaktive Verseuchung von Grundwasserquellen.
 
Dies sieht in Bahia kaum anders aus. Laut einer Umweltstudie des brasilianischen Ministeriums für Technologie und Wissenschaft Brasilia aus dem Jahr 2003 liegt der Wasserbedarf allein für die Uran-Aufkonzentration bei 90.000 Litern pro Stunde. Ein Wasserverbrauch, der bei Erhöhung der Produktionskapazität entsprechend steigt und auch in der geplanten Mine des semi-ariden Ceará ein wichtiger Faktor ist. Nach Meinung von Ökologen, Umweltschützern und betroffenen Ureinwohnern ist der Uranbergbau deshalb nicht nur eine radioaktive Bedrohung, sondern auch eine Wasserverschwendung, die sich im Zuge des Klimawandels und bereits bestehender Wasserknappheiten keine Region der Welt leisten kann – schon gar nicht der semi-aride Nordosten Brasiliens.

Indigener Kongress 2006 Uran

Uran auf ehemaliger VW-Rinderfarm in Amazonien
 
Aber nicht nur der Nordosten, auch das Amazonasgebiet steht im Visier der Atomindustrie. Denn in Pitinga im Bundesstaat Amazonas sowie auf der ehemaligen Fazenda des Volkswagen-Konzerns, Rio Cristalino, in Pará befinden sich weitere bekannte große Uranvorkommen. Und die Nuklear-Lobby der Regierung Lula da Silva hat bereits angekündigt, die Suche nach neuen Uranerz-Lagerstätten auf dem brasilianischen Territorium wieder aufzunehmen. Brasilien besitzt derzeit das sechstgrößte bekannte Uranvorkommen der Erde, obwohl erst dreißig Prozent des brasilianischen Territoriums dafür erkundet wurden.

Doch Ökologen warnen auch davor: Denn bereits die Uransuche und das Anlegen von Probebohrungen führe in vielen Fällen zur Abholzung Fußballfeld großer Flächen und zur radioaktiven Verseuchung von Trinkwasservorkommen. (YH)

Online-Flyer Nr. 115  vom 03.10.2007

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Von Kostas Koufogiorgos
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