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Aktueller Online-Flyer vom 26. April 2017  

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Lokales
Muslime in Haft
Wer isst schon freiwillig im Klo?
Von Klaus Jünschke

Die Auseinandersetzung mit der besonderen Situation von Muslimen in Haft hat in der Bundesrepublik gerade angefangen. Die dazu vorliegenden schriftlichen Arbeiten lassen sich noch an den Fingern einer Hand abzählen. Unser Autor hat eine erste Annäherung an das Thema aus der Perspektive der Betroffenen gewählt. – Die Redaktion
Am 31. Juli nahm ich an der wöchentlich stattfindenden Sitzung der Gefangenenmitverantwortung (GMV) in der JVA Köln teil. In jedem der sechzehn Hafthäuser der JVA Köln werden jeweils zwei Sprecherinnen und Sprecher der Inhaftierten gewählt, von denen jeweils eine Person an den wöchentlich stattfindenden GMV-Sitzungen teilnimmt.

Die zwölf Sprecherinnen und Sprecher der Inhaftierten kamen aus der Frauen- und Männerabteilung und waren in der Woche davor vom GMV-Koordinator Dr. Helmut Geiter –  Mitarbeiter des Maßstab e.V. und in der JVA beruflich für Haftvermeidung und Haftverkürzung zuständig – gefragt worden, ob sie Interesse hätten, mit mir über das Thema Muslime in Haft zu sprechen.
 
Vier Männer der anwesenden GMV-Vertreterinnen und Vertreter waren Muslime. Zwei sagten unumwunden, dass sie zwar Muslime seien, jedoch nicht sonderlich religiös. Die beiden anderen gaben zu verstehen, dass sie auch in der Haft bemüht seien, entsprechend ihres Glaubens zu leben.

Kein muslimischer Geistlicher in der JVA


Foto: Steffen Hellwig/pixelio.de
Auf die Eingangsfrage, ob sie als Muslime bestimmte Probleme hätten, kam zu allererst die Feststellung, dass es keinen Hodscha bzw. Imam in der JVA gebe. Die katholische und die evangelische Kirche sind in der JVA mit jeweils drei Geistlichen bzw. Pastoralreferentinnen vertreten. Außerdem gibt es rund fünf hauptamtliche Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die über ihre christlichen Wohlfahrtsverbände, die Diakonie, den Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) und den Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) in die JVA kommen. Von den rund 1.100 Inhaftierten in der JVA Köln-Ossendorf sind ca. 300 Muslime, also fast ein Drittel.
 
Die religiöse Betreuung der inhaftierten Muslime findet durch einen Geistlichen der DITIB statt, der Anstalt für religiöse Angelegenheiten des türkischen Staats. Sein Kommen wird den Gefangenen durch einen Aushang am Schwarzen Brett in den jeweiligen Hafthäusern bekannt gegeben. Von Seiten der Bediensteten wird gesagt, dass das Interesse an diesem Hodscha sehr gering sei. Die Gefangenenvertreter bemängelten, dass die Bekanntgabe durch die Aushänge an den Schwarzen Brettern nicht genüge und dass sich wesentlich mehr Gefangene melden würden, wenn der Hodscha Deutsch sprechen würde. Die GMV-Sprecher gehen davon aus, dass ca. 200 der muslimischen Gefangenen aus der Türkei kommen und die restlichen 100 aus Albanien, Nordafrika, anderen arabischen Ländern und dem Iran.
 
Sozialarbeiterinnen muslimischen Glaubens, die von außerhalb in die JVA kommen, gibt es gar nicht. Die Leitung der JVA hat sich damit beholfen, dass sie den einzigen Bediensteten türkischer Herkunft für die soziale Betreuung der türkisch sprechenden Gefangenen freistellte.
 
Neben muslimischen Geistlichen wurde auch ein eigener Gebetsraum für die gläubigen Muslime gefordert.

Muslime arbeiten in der Kirchen-Gruppe mit
 
Eine Pfarrerin hat mir erklärt, dass alle Geistlichen der beiden christlichen Kirchen sich auch für die inhaftierten Muslime zuständig fühlen. Diese nehmen auch an den christlichen Gottesdiensten teil, und einige Muslime arbeiten in der Kirchen-Gruppe mit, die die Gottesdienste mit vorbereitet und gestaltet. Geistliche und Gefangene sind sich einig darin, dass die meisten nur zum Gottesdienst kommen, weil es zu diesen Zeiten keine andere Möglichkeit gibt, um aus den Zellen zu kommen.

Die muslimischen GMV-Sprecher haben die Geistlichen der evangelischen und katholischen Kirche sehr gelobt. Einer meinte, dass durch deren Anwesenheit in der Haft und deren Engagement viele Selbstmorde aus Verzweiflung verhindert würden. Meine Frage, ob es da nicht sinnvoll sei, noch mehr Psychologinnen und Psychologen einzustellen, wurde fast vorwurfsvoll beantwortet: Das sei nicht dasselbe, wie wenn Seelsorgerinnen und Seelsorger Ermutigung und Trost spendeten.
 
Einer der Gefangenen sagte, im Gefängnis fände jeder zu Gott zurück, weil er denke und hoffe, dass Gott ihm aus seiner Misere heraushelfen könne. Ein Mitgefangener prangerte an, dass im Gefängnis Leute plötzlich so täten, als seien sie gläubige Muslime, während ihnen draußen die Religion völlig gleichgültig gewesen sei.

Als ich fragte, ob die Konflikte zwischen verschiedenen Richtungen des Islam, die in manchen Ländern bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen, in der JVA eine Rolle spielten, haben das alle verneint. Um das zu unterstreichen, berichtete einer von einer Gemeinschaftszelle, auf der ein Bosnier, ein Serbe und ein Kroate friedlich zusammenleben würden. Woraufhin ein anderer unter allgemeinem Gelächter einwarf, dass man dazu noch einen Albaner oder einen Zigeuner legen sollte, dann sei es mit dem Frieden aus.
 
Mir gegenüber hat mal ein Gefangener mit türkischem Pass erklärt, er sei Christ ist und gehöre der armenischen Minderheit in der Türkei an. Und er hat mir das Versprechen abgenommen, es niemanden weiterzusagen. Für seine Angst spricht, dass es unter den Gefangenen türkischer Herkunft Anhänger der Grauen Wölfe gibt, für die es unakzeptabel ist, dass ein Türke Christ oder Jude ist.
 
Entwürdigende Unterbringung

Im weiteren Gespräch mit den inhaftierten Muslimen kamen noch eine Reihe anderer Punkte zur Sprache: Die Unterbringung in einem Raum mit Klo finden Muslime entwürdigend, durchaus mit dem Bewusstsein, dass dies auch für christliche Mitgefangene gilt. Sie haben gefragt, wer in Freiheit auf dem Klo seine Mahlzeiten zu sich nähme. Zwei jugendliche Muslime, die zu zweit auf einer Zelle waren und fünfmal am Tag gemeinsam gebetet haben, haben mir gesagt, sie legten vor den Gebeten immer eine Decke über das Klo.


Fotos: meaning media
Da Muslimen die rituelle Reinigung vor den Gebeten mit reinem Wasser vorgeschrieben ist, haben sich die Gefangenen auch darüber beschwert, dass sie nur zweimal in der Woche duschen dürfen, wenn sie keine Arbeit haben. Nur diejenigen, die zur Arbeit gingen, dürften täglich duschen.
 
In Bezug auf das Essen sagte ein Inhaftierter tunesischer Herkunft, dass sie wie die Juden, die koscher essen und Fleisch von geschächteten Tieren essen möchten. Weil die sogenannte Mohammedaner-Kost zwar schweinfleischfrei sei, aber das Rindfleisch nicht von geschächteten Tieren stamme, würden einige ganz auf den Verzehr von Fleisch verzichten.

SKM: „Sonderkost für Mohammedaner“?
 
Gelacht wurde an dem Abend in der GMV-Sitzung, weil ein Inhaftierter meinte, dass das Essen vom Sozialdienst Katholischer Männer gespendet werde – er hätte beim Essenholen bemerkt, dass auf den Behältern mit dem Hähnchenfleisch „SKM“ stünde. Er musste sich dann sagen lassen, dass diese Abkürzung für „Sonderkost für Mohammedaner“ steht. In einer Gesprächsgruppe mit jugendlichen Gefangenen habe ich beim Thema Essen öfter gehört, dass die Deutschen meinten, das Mohammedaner-Essen sei würziger – so gebe es statt fader Würstchen pikante Frikadellen.
 
In der Fastenzeit dürfen die Gläubigen, die im Fastenmonat Ramadan ihrer religiösen Pflicht folgen, tagsüber nicht essen, sondern nur vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang. Deshalb haben die Gefangenen beklagt, dass es ihnen in der JVA Köln nicht erlaubt ist, über Nacht einen Kocher auf der Zelle zu haben. Außerdem haben sie den Eindruck, dass es nicht ausreichend Ramadankalender für alle Muslime gibt. Dies sind Kalender mit den Zeitangaben für Sonnenauf- und -untergang.

Mit dem Koran und anderen religiösen Gegenständen, wie einem Gebetsteppich und einer Gebetskette, kann sich nach Angaben der Gefangenen jeder über die christlichen Geistlichen und die eigenen Angehörigen versorgen.

Inzwischen bemüht sich der Kaufmann, auf die Wünsche der Gefangenen muslimischen Glaubens einzugehen, zum Beispiel dadurch, dass er ihnen verschiedene Sorten Sucuk (türkische Wurst) zum Probieren gebracht hat, aus denen sie die auswählen durften, die dann auf den Einkaufszettel für den Einkauf kam.


Knast Ossendorf
Foto: H.-D. Hey, arbeiterfotografie


Abschließend wurde in dieser GMV-Runde allgemein über die Bedeutung der Religion gesprochen. Einer der religiösen Gefangenen sagte, die Religion sei für ihn ein Wegweiser und für ihn sei es wichtig, Reue für das zu zeigen, was er getan habe. Der Eindruck der deutschen christlichen und religionslosen Gefangenen ist, dass den Muslimen die Religion wichtiger ist als ihnen. (PK)
  Klaus Jünschke hat zusammen mit Christiane Ensslin und Jörg Hauenstein das Buch „Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ herausgegeben, das im konkret-Verlag erschien: 240 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos, 16 Euro, 28 SFr., ISBN 978-3-89458-254-8 

Online-Flyer Nr. 110  vom 29.08.2007

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