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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2016  

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Inland
Die Proteste gegen den Verkauf von Siedlungsprodukten gehen weiter
Heiße Diskussionen um kulinarische Israel-Wochen
Von Martina Schwarz

Gerade einmal zwanzig Männer und Frauen hatten sich am vergangenen Samstag auf dem Alexanderplatz in Berlin versammelt, um dagegen zu protestieren, dass die Kaufhof AG im Rahmen ihrer kulinarischen ‚Israel-Wochen’ die Grenzen des israelischen Staates überraschend ausgedehnt hatte. Die NRhZ berichtete. Gleichwohl hat die Initiative enorme Wellen geschlagen.
Mit ihrer Aktion forderten der Berliner ,Arbeitskreis Nahost’ und die ‚Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost’ die Kaufhof Warenhaus AG, auf: „Produkte aus den israelischen Siedlungen aus dem Sortiment zu nehmen und zu überprüfen, welche weiteren Waren mit den Siedlungen verwoben sind!“ Sie schlugen vor, die ‚Israel-Wochen’ auszusetzen, bis dies geklärt sei. Wie Martin Forberg, einer der Sprecher des Arbeitskreis Nahost gegenüber der NRhZ sagte, legen die beiden Gruppen großen Wert auf die Unterscheidung zwischen Produkten aus Israel und solchen aus den völkerrechtswidrigen Siedlungen, „gerade weil wir wissen, wie sensibel dieses Thema ist.“ Deshalb habe man bei der Protestaktion auch von vornherein darauf geachtet, den Zugang zum Kaufhaus nicht zu behindern, sondern habe sich an die Seite gestellt.


Verpackungsanlage von Agrexco im Jordantal
Quelle: stopthewall

 
351 Kommentare in 24 Stunden
 
Trotzdem fand die Aktion viel Beachtung; u.a. Inforadio Berlin-Brandenburg und rbb Kulturradio berichteten, die Junge Welt sowieso, und auch Assaf Uni, Korrespondent der renommierten israelischen Tageszeitung Ha’aretz, widmete ihr am 19. August 2007 einen Artikel „Germans protest sale of food from West Bank settlements“ – 351 Kommentare gingen allein am ersten Tag der Veröffentlichung im „Talkback“ ein. Eine wilde Diskussion entbrannte zwischen jenen, die hinter der Aktion auf der Stelle antisemitische Bestrebungen vermuteten und gleich „Kauft nicht bei Juden“ hörten, und denen, die der Uminterpretation des Protests entgegentraten und auf den Unterschied zwischen Antisemitismus und einer Kritik israelischer Siedlungspolitik verwiesen. Dass einige Diskutanten einen völligen Boykott israelischer Produkte vertraten, machte die Diskussion nicht einfacher. Wie so oft bei diesem Thema, gewannen die Emotionen die Oberhand. Auch die NRhZ hat einige aufgebrachte Zuschriften erhalten.
 
Da half es auch nichts, dass sich Martin Forberg sowie Ruth Fruchtman von der ‚Jüdischen Stimme’ im Talkback der Ha’aretz zu Wort meldeten und Forberg u.a. die im Artikel enthaltene Fehlinformation korrigierte, die Aktion richte sich gegen die israelische Firma Osem: „Ich bezog mich bei dem Gespräch mit Assaf auf Osem als auf ein Unternehmen, das offensichtlich INNERHALB des israelischen Territoriums und NICHT in der Westbank liegt und durch die Verbindung  israelischer Produkte mit solchen aus den Siedlungen Schaden erleiden könnte.
 
Adanim Tea kommt aus Haifa
 
Eine ganz andere Reaktion als die aufgebrachten Diskutanten zeigte die Fa. Adanim Tea. Ihr Manager und Miteigentümer, Ariel Alon, wandte sich am 17. August per E-Mail an den Arbeitskreis Nahost und teilte sachlich und unaufgeregt mit, bereits seit 1998 befinde sich kein Teil seines Unternehmens mehr in den Besetzten Gebieten. Alle Einrichtungen, Maschinen, Warenlager, Arbeitskräfte usw. befänden sich in Beit Lehem Hagelilit bei Haifa. Die Internetseite der Unternehmensgruppe Mavua, auf die sich die Gruppen bezögen, sei nicht von Adanim Tea, „daher trage ich keine Verantwortung für das, was dort irrtümlich behauptet wird. Mir war nicht bekannt, dass die alte Adresse dort noch genannt wird. Ich beabsichtige, Mavua nächste Woche aufzufordern, unsere falsche Adresse von ihrer Website zu entfernen.“
 
Kaufhof bezieht Stellung  

Derart konkret mochte sich die Presseabteilung der Kaufhof Warenhaus AG nicht äußern. Auf eine Anfrage des rbb antwortete diese: „In unseren Gourmetabteilungen offerieren wir unseren Kunden ein besonders breites Spektrum an qualitativ hochwertigen Produkten. Diese Produkte beziehen wir aus mehr als 80 Ländern. Die Auswahl dieser Artikel wird durch die Nachfrage unserer Kunden bestimmt. Die Vielfalt, Qualität und Internationalität unseres Angebots steht immer auch im Mittelpunkt unserer Galeria Gourmet Werbung. Das dokumentieren wir unter anderem, indem wir gezielt Waren aus einer bestimmten Region bewerben. Für die Gestaltung von Sortiment und Werbung bleibt die Nachfrage der Kunden auch in Zukunft das zentrale Kriterium."


Das zentrale Kriterium
Quelle: pixelio - Foto: Christiane Hergl


Arbeitskreis Nahost und ‚Jüdische Stimme’ jedenfalls finden eine solche Antwort durchaus unbefriedigend. Sie sind der Auffassung, damit beziehe das Unternehmen „durchaus politisch Stellung (…) in einem äußerst brisanten Konflikt – und zwar Stellung nicht für einen gerechten Frieden zwischen dem israelischen und palästinensischen Volk, sondern für die Vorstellungen einer radikalen Minderheit, der israelischen Siedlerbewegung. Die Siedlungspolitik ist zugleich ein wesentlicher Grund für die fortdauernde israelische Besatzung des Westjordanlandes, die vor allem die palästinensische Gesellschaft schwer trifft. Sie ist aber auch für die israelische Bevölkerung eine Last.“
 
Die beiden Gruppen wollen ihre Proteste gegen den Verkauf von Produkten aus den Siedlungen fortsetzen. Informationen und Anregungen für Interessenten und Unterstützerinnen sind auf ihren Websites zu finden. (PK)

Online-Flyer Nr. 109  vom 22.08.2007

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